GWUP-Konferenz 2010 - Warum Menschen Unfug glauben - Kurzfassungen der Vorträge Drucken E-Mail

Das vollständige Programm finden Sie auf der offiziellen Konferenzseite

Freitag, 14. Mai 2010

 

Peter Brugger: Das gläubige Gehirn

Menschliche Versuchspersonen vermuten hinter zufälligen Ereignissen generell „mehr als Zufall“ – Gläubige an paranormale Phänomene tun dies in erhöhtem Maße. Das „Vermuten versteckter Bezüge“ ist eine höhere Assoziationsleistung, die vorwiegend von rechtshemisphärischen Komponenten des Sprachsystems unterstützt wird. Tatsächlich zeigen neuere Experimente, dass der Glaube ans Paranormale mit einer erhöhten Beteiligung der rechten Hirnhälfte an Sprachprozessen einhergeht. Der funktionellen Asymmetrie der Hirnhälften kommt damit eine zentrale Rolle für die Genese paranormaler Ideen zu – ähnlich wie dies bereits im Falle von schizotyper Persönlichkeitsstörung und Schizophrenie bekannt ist. Ein einseitiges Pathologisieren paranormalen Denkens ist aber unangebracht, sind doch weite und ungewöhnliche Assoziationen auch für höchste Kreativitätsleistungen erforderlich. Dem Studium des „paranormalen Gehirns“ kommt somit eine wichtige Vermittlerrolle zu; es hilft, die neuropsychologischen Prozesse zu erhellen, die Kreativität und Wahn miteinander verbinden.

PD Dr. Peter Brugger leitet die Abteilung Neuropsychologie der Neurologischen Klinik der Universität Zürich.

Literatur: Brugger, P. (2007) Das gläubige Gehirn. In: S. Matthiesen, R. Rosenzweig (Hg.) Von Sinnen. Traum und Trance, Rausch und Rage aus Sicht der Hirnforschung. Mentis-Verlag, Paderborn, S. 113-133.


 

Jan Cwik, Mario Iskenius, Günter Molz: Aberglaube, magisches Denken und paranormale Überzeugungen

Die wissenschaftliche Erforschung des Aberglaubens und paranormaler Überzeugungen steckt noch in den Kinderschuhen. Gerade in der psychologischen Forschung steht die Basis theoretischer Annahmen sowie experimenteller Forschung in diesem Bereich menschlichen Erlebens und Verhaltens noch am Beginn ihrer Entwicklung. Einen Teil wissenschaftlicher Überlegungen steuerten die Psychologinnen Marjaana Lindeman und Kia Aarnio bei, als sie ein theoretisches Modell zur Erklärung von Aberglauben, magischem Denken und paranormalen Überzeugungen vorstellten und dieses empirisch überprüften.

Ziel unserer Untersuchung war zum einen eine teilweise Wiederholung der Untersuchung von Lindeman und Aarnio. Zum anderen aber auch die experimentelle Überprüfung, inwieweit diese Befunde unabhängig vom einem bestimmten Kontext sind, in dem sich eine Person befindet, und somit, ob es sich bei Aberglaube und paranormalen Überzeugungen tatsächlich um eine zeitlich stabile Persönlichkeitseigenschaft von Menschen handelt oder ob dies vom Umfeld beeinflusst wird. Hierzu wurde der Zusammenhang zwischen Lebensinhalten und dem Grad der paranormalen Überzeugung mit Fragebögen erhoben.

Die Ergebnisse zeigten, dass die von Lindeman und Aarnio postulierten Persönlichkeitseigenschaften des Aberglaubens und der paranormalen Überzeugungen nicht so eindeutig anzunehmen sind, wie von ihnen beschrieben wurde. Unsere Untersuchung zeigte aber auch, dass dies durch den Kontext, in dem sich eine Person befindet, kaum beeinflusst wird. Diese Ergebnisse ermöglichen eine Diskussion über eine Weiterentwicklung des ursprünglichen Persönlichkeitsmodells.

Jan Cwik: Diplompsychologe am St. Vinzenz Hospital in Dinslaken, ist Psychologischer Psychotherapeut in Ausbildung und Promotionsstudent der Psychologie.

Mario Iskenius: Diplompsychologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeitsmedizin und Ergonomie, an der Bergischen Universität Wuppertal und Promotionsstudent der Sicherheitstechnik.

Dr. Günter Molz: Diplompsychologe, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologische Methodenlehre und Diagnostik, an der Bergischen Universität Wuppertal.


 

Sebastian J. Bartoschek: Wer glaubt an Verschwörungstheorien?

Reptilien-Aliens unter uns Menschen? Jesus und Maria Magdalena ein Ehepaar? Die Apollo-Landung ein Hoax? Paul McCartney seit 40 Jahren tot? So und so ähnlich lauten kursie¬rende Ver¬schwö¬rungs¬theorien. Oft fragt man sich: Wer glaubt denn sowas? Und die Antwort verweist all zu gern auf Randgruppen, Unverbesserliche, Esoteriker und Ewig-Gestrige. Empirische Daten hierzu sind jedoch zumeist Mangelware oder betrachten isoliert eine einzelne spezielle Theorie.

Grundlage des Vortrags ist eine laufende Dissertation, in deren Rahmen eine Große Anzahl von Personen (n > 1000) zur Bekanntheit und Zustimmung von 95 Verschwörungstheorien online befragt wurden. Das Kernergebnis: Verschwörungstheorien sind kein Randgruppenphänomen, sondern stabil in der Mitte der Gesellschaft verortet. Bekanntheit und Zustimmung korrelieren dabei und einige soziodemographische Faktoren haben signifikanten Einfluss.

Dipl.-Psych. Sebastian Bartoschek, Jahrgang 1979, beschäftigt sich im Rahmen seiner Dissertation an der WWU Münster mit „Verschwörungstheorien & Transliminalität“.

 

 

Samstag, 15. Mai 2010

 

Martin Lambeck: Die Komplementärmedizin an der Universität Frankfurt(Oder) – Eine Revolution der Wissenschaften?

In Frankfurt/Oder gibt es die Europa-Universität „Viadrina“ (lat: „An der Oder gelegen“). Unter der Präsidentschaft von Prof. Dr. Gesine Schwan wurde im Jahre 2008 das „Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften“ (IntraG) gegründet und unter der Präsidentschaft des Nachfolgers, Dr. Gunter Pleuger, erweitert. Dieses bietet einen 4-semestrigen Masterstudiengang „Komplementäre Medizin – Kulturwissenschaften – Heilkunde“ zur Erlangung des Grades „Master of Arts (M.A.)“ an. Eine anschließende Promotion zum Dr. phil. ist möglich.

Die Viadrina hat keine medizinische Fakultät. Für den medizinischen Teil des IntraG ist die Internationale Gesellschaft für biologische Medizin verantwortlich. Das Pflichtmodul „Biologische Medizin“ wurde vom Partnerinstitut, dem WHO – Zentrum für traditionelle Medizin an der Universität Mailand, zertifziert. Geschäftsführender Leiter des IntraG ist ab dem 1. Januar 2010 Prof. Dr. Dr. Harald Walach, Professur für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Viadrina. Die Aussagen leitender Personen des IntraG werden vorgestellt.

Martin Lambeck: 1959 Dipl.-Ing., 1964 Dr.-Ing., 1969 Habilitation für Physik. Seit 1970 Professor für Physik TU Berlin. Optik, Magnetismus, Werkstoffprüfung, Physikdidaktik. Mitglied im Wissenschaftsrat der GWUP. Grenzgebiete von Physik, Philosophie und Medizin. Buch: Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik. C.H.Beck, München, 2. Auflage 2005. www.gwup.org/lambeck


 

Benedikt Matenaer: Bruno Gröning – Kurzschluss im Heilstrom

In den Wirren der Nachkriegszeit wanderten Kranke und Heilungssuchende in Scharen zu dem Geistheiler Bruno Gröning (1906-1959). In Zeiten eines daniederliegenden Gesundheitssystems versprach er Linderung und Heilung und verstand sich dabei als Mittler zwischen Gott und den Menschen. Auch heute noch soll der Heilstrom nach Bruno Gröning helfen. War er ein Scharlatan oder Psychopath? Was will der „Bruno-Gröning-Freundeskreis“ heute?

Dr. med. Benedikt Matenaer, Jg 1964, Anästhesist, mit den Schwerpunkten Palliativmedizin und Spezielle Schmerztherapie in eigener Praxis am St.-Agnes-Hospital in Bocholt tätig.

 


Philippe Leick, Malte Ruhnke: Hifi-Tuning: Physik oder Esoterik?

Vielen Menschen ist Musik extrem wichtig. Bei ambitionierten Hifi-Freunden kommt es aber nicht nur auf die Musik an, sondern auch auf die Art ihrer Wiedergabe: Eine Anlage, die jeden Ton möglichst originalgetreu nachbildet, perfekt zur Akustik des Raumes passt und dazu noch die individuelle Haltung ihres Besitzers reflektiert, gehört in der Szene zum guten Ton. Ein Paar Lautsprecher für 10.000 Euro, einen Verstärker für 5000, ein Kabel für 1000 Euro – solche Anschaffungen gelten unter denen, die sich selbst als „High Ender“ bezeich¬nen, als normal. Und tatsächlich gibt es gerade bei den Audio-Komponenten, bei denen eine elektroakustische Wandlung stattfindet, etwa Lautsprecher, Tonabnehmer und Mikrofon, große Klangunterschiede, die auch aus Sicht professioneller Anwender solche Investitionen rechtfertigen. Tatsache ist auch, dass bei diesen Gerätschaften geringe Änderungen an der Aufstellung und Einstellung für den geübten Hörer bedeutende Klangunterschiede hervor¬rufen können.

Die Hifi-Hobbyisten bezeichnen das als „Tuning“, als Feineinstellung. Doch liest man unter ebenjenem Stichwort auch immer wieder von Tipps und Tricks, die auf den technisch vorgebildeten Menschen wie Esoterik wirken und nicht selten Anlass zu Spott über die gesamte Hifi-Szene geben: CDs sollten vor dem Hören entmagnetisiert und am Rande bemalt wer¬den, die Kabel einer Hifi-Anlage werde mit speziellen Füßchen vom Boden entkoppelt, ja sogar die Aufstellung einer der Komponenten nach Feng-Shui-Regeln wurde schon empfohlen. Doch wo ist die Grenze zwischen physikalisch nachvollziehbarer Optimierung und Hokuspokus?

Das menschliche Gehör ist dabei keine verlässliche Hilfe, denn das Musikhören ist ein subjektives Erlebnis, und manche der proklamierten Fortschritte bewegen sich im Grenzbereich der Wahrnehmung. Oder sind schlicht nicht vorhanden, und der Hörer glaubt aufgrund der Erwartungshaltung dennoch, einen deutlichen Unterschied vernommen zu haben. Eine Haltung, die in aufwändig durchgeführten Blindtests meist zu großer Ernüchterung führt, denn der Mensch, auch der skeptisch denkende, kann im Hörtest meist weniger klar zuordnen, als er zu hören glaubt. Dieses Spannungsfeld aus realen Verbesserungsmöglichkeiten und subjektiver Fixierung auf allerkleinste Klangunterschiede hat zu einer Szene geführt, in der neben sinnvollem Zubehör auch nutzlose Accessoires zu horrenden Preisen ver- und gekauft werden. Das Spektrum reicht dabei von technisch nachvollziehbarer, lediglich überdimensionierter Technologie über Gerätschaften zur Lösung nicht vorhandener technischer Probleme bis hin zu echter Esoterik.

In diesem Beitrag sollen anhand einiger Beispiele illustriert werden, wie schwer es Hifi-Freunden mitunter gemacht wird, zwischen Physik und Esoterik zu unterscheiden, und wie fließend die Grenzen dabei sind. Ein Extremfall – „informierte“ Linsen aus schwarzem Glas, die an strategischer Stelle im Raum platziert werden müssen, um das Hörerlebnis von allerlei Störungen zu befreien – wird einerseits zeigen, wie wenig manche Tuning-Maßnahmen noch mit funktionierender Technik zu tun haben, wie vielmehr ein eigenes Überzeugungssystem sich auch bei einem scheinbar so technisch-nüchternen Hobby ausbreiten kann. Anderer¬seits wird er aber auch Einblicke in das „Funktionieren“ der Szene geben und zeigen, wie aufwändig es ist, anhand eines objektiven, doppelblinden Hörtests zweifelsfrei zu zeigen, ob eine bestimmte Maßnahme tatsächlich zu wahrnehmbaren Klangunterschieden führt.

Dr.-Ing. Philippe Leick studierte Physik und Maschinenbau, arbeitet in der industriellen Forschung und befasst sich dabei vor allem mit Strömungsmechanik und optischer Messtechnik. Schwerpunkte innerhalb der GWUP sind pseudowissenschaftliche Theorien, die sich auf die moderne Physik, insbesondere die Quantenmechanik, berufen.

 

Malte Ruhnke studierte Betriebswirtschaftslehre und Medientechnik. Er arbeitet als Fachredakteur bei einem Verlag für Technik-Zeitschriften und betreut vor allem die Ressorts Lautsprechertechnik und Raumakustik. Dabei hat er sich auch insbesondere mit Hörtests und deren Methodik beschäftigt.

 


Uwe Peter Kanning: Schädeldeutung & Co. : Absurde Methoden der Psychodiagnostik

Die Annahme, man könne in der Schädelform und den Geschichtszügen eines Menschen etwas über dessen Persönlichkeit, seine unverfälschte Natur oder gar die individuelle Bestimmung ablesen, ist Jahrhunderte alt. Seit dem zweiten Weltkrieg spielte sie jedoch – zumindest in Deutschland – keine nennenswerte Rolle mehr. In den letzten Jahren hat sich dies völlig verändert. Mehrere Buchpublikationen preisen den angeblichen Erkenntnisgewinn der Schädeldeutung. Unternehmensberatungen vertreiben sie zum Zwecke der Personalauswahl. Weiterbildungsangebote schießen wie Pilze aus dem Boden und immer häufiger wird in den Medien völlig kritiklos berichtet.

Der Vortrag beleuchtet zunächst die zentralen Aussagen der Psycho-Physiognomik und ihre fehlende empirische Bewährung. Anschießende geht es um die Analyse der Vermarktungsstrategien und schließlich um die psychologischen Prozesse, die dafür sorgen, dass sich völlig absurde Methoden wider alle Vernunft behaupten.

Prof. Dr. Uwe Peter Kanning, Jahrgang 1966, Dipl.-Psych., Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Osnabrück. Autor von mehr als einem Dutzend Fachbüchern, darunter: „Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen – Unseriöse Methoden der Psychodiagnostik“ 2010, Lengerich.

 

Klaus Schmeh: Von Kryptos bis zum Da-Vinci-Code. Fiktion und Wahrheit in den Romanen von Dan Brown

Sind im Gemälde "Das Abendmahl" von Leonardo da Vinci geheime Nachrichten versteckt? Könnten diese sogar die Katholische Kirche in ihren Grundfesten erschüttern? Kunsthistoriker winken bei diesem so genannten Da-Vinci-Code ab, denn er beruht mehr auf Spekulationen als auf Fakten. Der Bestsellerautor Dan Brown verwertete diese Theorie jedoch literarisch und feierte mit seinem Roman "The Da Vinci Code" einen Welterfolg.

Auch sonst kann Dan Brown eine Vorliebe für das Parawissenschaftliche nicht verleugnen. Seine Protagonisten wiegen die menschliche Seele, beschäftigen sich mit dem angeblichen Weltuntergangstag im Maya-Kalender und wühlen in wilden Verschwörungstheorien. Organisationen wie die Freimaurer, die Templer, die Bruderschaft vom Berg Zion oder Opus Dei sorgen für allerlei Rätsel und Geheimnisse, deren Wahrheitsgehalt nicht allzu hoch sein dürfte.

Nun kann man natürlich einwenden, es gehe hier nur um die Inhalte von Romanen, und diese dürfen auch erfunden sein. Allerdings behauptete Dan Brown mehrfach öffentlich, dass seine Themen keinen Hirngespinste sind, sondern größtenteils der Realität entsprechen. Nicht zuletzt auf Grund dieser Aussagen führten die Bücher von Dan Brown schon mehrfach dazu, dass parawissenschaftliche Theorien (beispielsweise der Da-Vinci-Code) einen großen Popularitätsschub erfuhren, obwohl es keine neuen Erkenntnisse gibt, die dies rechtfertigen.

Es lohnt sich also, die wichtigsten parawissenschaftlichen Inhalte der Romane Dan Browns unter die Lupe zu nehmen und auf die jeweiligen Schwachstellen der diversen Theorien hinzuweisen. Dabei zeigt sich: Es spricht zwar nichts dagegen, die Bücher von Dan Brown zu lesen, doch ein gesundes Maß an Skepsis im Hinterkopf kann sicherlich nicht schaden.

Klaus Schmeh (Jahrgang 1970) ist Diplom-Informatiker und arbeitet als Verschlüsselungsexperte für einen Software-Hersteller in Gelsenkirchen. Er ist Autor mehrerer populärwissenschaftlicher Bücher. Sein Buch "Versteckte Botschaften" (Dpunkt-Verlag 2008) behandelt die Geschichte der Steganografie, wobei auch der Da-Vinci-Code eine Rolle spielt. Seit 2003 leitet Klaus Schmeh die GWUP-Regionalgruppe Rhein-Ruhr. Seine Schwerpunkte innerhalb der GWUP sind das Voynich-Manuskript sowie parawissenschaftliche Codes.

 


Amardeo Sarma: Das Turiner Grabtuch: Der aktuelle Stand 2010

[Kurzfassung steht noch aus]

Kurzfassungen der Vorträge zur GWUP-Konferenz 2010 vom 13. Mai bis 15. Mai. 2010 in Essen


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