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e-Skeptiker - Newsletter für Wissenschaft und kritisches Denken
herausgegeben vom "Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken" der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V." (GWUP)

Nr. 4/2003 (24.09.2003)

Verschwörungstheorien zum 11. September 2001 haben Konjunktur - Oder wie
abstruse Thesen die Bestsellerlisten stürmen


Zum 2. Jahrestag des Attentats auf das World Trade Center am 11. September 2001 sprießen wieder allseits Verschwörungstheorien, die anstelle eines terroristischen Netzwerkes die US-Regierung selbst als die Attentäter sehen. Insbesondere die deutschen Autoren Mathias Bröckers, ehemaliger "taz"-Redakteur (sein erstes Werk "Die CIA und der 11. September" aus dem Zweitausendeins Verlag verkaufte sich über 100.000 Mal), Gerhard Wisnewski, der als freier Journalist für WDR und ZDF arbeitet, sowie der ehemalige Bundesminister Andreas von Bülow erzielen mit konspirativem Gedankengut Verkaufserfolge. In ihren Büchern behaupten die Verschwörungstheoretiker die abstrusesten Thesen. Eine kleine Auswahl möchten wir Ihnen vorstellen:

  • Bis zu 40.000 Menschen könnten sich im World Trade Center aufhalten, umgekommen sind jedoch "nur" knapp 3.000. Es müsse also viele Menschen gegeben haben, die vorher gewarnt worden waren; auch hätten jüdische Kreise von dem Anschlag gewusst, weshalb es so gut wie keine jüdischen Opfer gegeben habe [was nachweislich nicht stimmt, GWUP];
  • Die Flugzeuge, die ins World Trade Center geflogen sind, waren leer und wurden ferngesteuert und die Türme wurden von innen gesprengt;
  • Das Pentagon sei nicht von einem Flugzeug attackiert worden, sondern von US-Raketen;
  • Der bei dem Anschlag auf das WTC ums Leben gekommene Mohammed Atta soll sich noch am 12. September bei seinem Vater gemeldet haben, was beweise, dass die Flugzeuge von anderen Piloten gesteuert worden seien;
  • Gerade das Fehlen von Spuren von den Attentätern sei ein Beleg dafür, dass sie untergetaucht und nicht tot seien;
  • usw. 

Diverse Medien haben nun untersucht, was es mit diesen Thesen auf sich hat. Dabei ist der Grundtenor gegenüber den Verschwörungstheoretikern recht kritisch. Der "Spiegel" beispielsweise widmete seiner Ausgabe vom 8. September 2003 gleich den Titel und versuchte, ein wenig Ordnung in das Durcheinander von Verschwörungstheorien und Halbwahrheiten zu bringen. Mit vernichtendem Ergebnis: Schlampige Recherchen, Vorurteile und ein Hang zum Verfolgungswahn sind die Essenz der einschlägigen Titel. Von den Autoren als "Briefkastenfirmen" bezeichnete Unternehmen existieren und sind für
jedermann erreichbar, vermeintliche Doppelgänger der Terroristen sind Namensvettern. So wurde beispielsweise die Tatsache, dass auf Bildern der Absturzstelle eines der entführten Flugzeuge in Pennsylvania kein Flugzeug zu sehen war, der Schluss gezogen, dass es auch keinen Flugzeugabsturz gegeben habe. Vom Hohn, der aus diesen Worten den Angehörigen der Absturzopfer entgegenschlägt, mal abgesehen: Laut "Spiegel" waren Mitarbeiter der Unfalluntersuchungsbehörde NTSC 13 Tage lang mit dem Aufräumen von Trümmern beschäftigt. Diese wurden dann als Beweisstücke dem Flugversicherer, der United States Aircraft Insurance Group, überstellt.

Wie die Verschwörungstheoretiker teilweise argumentieren, davon konnten sich deutsche Fernsehzuschauer letzte Woche in der Sendung "Menschen bei Maischberger" überzeugen. Dort war Andreas von Bülow zu Gast bei der Journalistin Sandra Maischberger und gab gleich eine Kostprobe seiner Ansichten zum besten. Die von der US-Regierung als Attentäter ermittelten Hauptverdächtigten seien "aus dem Hut gezaubert worden", er sehe ein legitimes Interesse der amerikanischen Regierungskreise daran, ein zweites Pearl Harbor zu haben, damit die Amerikaner ihre schon längst vorher geplanten militärischen Interventionen rechtfertigen könnten. Den Vorwurf der Moderatorin, die ihm diverse sachliche Fehler in seinem Buch "Die CIA und der 11. September" vorhielt, rechtfertigte er mit den Worten:" Ich bin ja nicht das FBI". Er habe nicht die Kapazitäten hier zu recherchieren - was ihn allerdings nicht daran hindert, seine Theorien in besagtem Buch zu verbreiten und somit ein Paradebeispiel für schlechten Journalismus zu präsentieren. 

Offenbar trifft er damit einen Nerv: Wie "Die Zeit" in einer repräsentativen Umfrage ermittelte, halten es 31 Prozent der unter 30jährigen in Deutschland für möglich, dass die Anschläge auf das World Trade Center von der US-Administration in Auftrag gegeben wurden. Die ganze Wahrheit über die Anschläge glauben nur 27 Prozent aus den großen Medien erfahren zu haben. Wobei zwischen den abstrusen Thesen der Verschwörungstheoretiker und noch "offenen" Fragen unterschieden werden muss. Selbstverständlich gibt es noch Ungereimtheiten und Fragen der Öffentlichkeit, auf die die US-Regierung nicht adäquat reagiert hat und die so den Spekulanten das Feld überlässt. Leider vermischen die Verschwörungstheoretiker Fakten und Fiktion dermaßen, dass die teils interessanten Fragen, die gestellt wurden, in der Masse des "Unsinns" untergehen.

Übrigens: die Verschwörungstheoretiker werden in den Medien leider öfter als "Skeptiker" bezeichnet (bspw. die "taz" vom 12.9.2003), diese Skepsis ist jedoch nicht an wissenschaftlichen Methoden oder dem kritischen Denken orientiert, wie es von den Skeptikern im Umfeld der GWUP verstanden wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Öffentlichkeit aufgrund der großen Resonanz des Themas, zukünftig nicht "Skeptiker" mit Verschwörungstheoretikern gleichgesetzt.

Allgemeine Infos zum Thema Verschwörungstheorien finden Sie auch im Skeptiker Heft 3/2000, das Sie bei der GWUP bestellen oder auszugsweise online lesen können.

Quellen:


Die Meldung in dieser Ausgabe wurde erstmals am 15.9.2003 auf den Seiten der GWUP veröffentlicht:
http://gwup.org/aktuell/news.php?aktion=detail&id=147. Weitere aktuelle Meldung immer direkt auf der Startseite der GWUP.


Impressum: Herausgeber und Redaktionsanschrift: Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken, GWUP e.V., Arheilger Weg 11, 64380 Roßdorf. E-mail an die Redaktion bitte über unser KontaktformularRedaktion: Jochen Bergmann, Dr. Martin Mahner (V.i.S.d.P.), Rouven Schäfer, Holger von Rybinksi

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