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e-Skeptiker - Newsletter für
Wissenschaft und kritisches Denken
herausgegeben
vom "Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken" der
"Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von
Parawissenschaften e.V." (GWUP)
Nr. 07/2005 (29.04.2005)
Moderne Legende: Ötzis Fluch rafft Forscher dahin Über die Medien, "Frozen Fritz" und seine eisige Rache aus dem Gletschergrab Der erste Tote aus Ötzis Umfeld war der
Gerichtsmediziner
Rainer Henn (64). Er war an der Bergung der Leiche maßgeblich
beteiligt. Im
Jahr 1992 verunglückte er tödlich bei einem Autounfall - auf
der Fahrt zu einem
Vortrag über den Gletschermann, den er just ein dreiviertel Jahr
zuvor aus dem
ewigen Eis gestemmt hatte. Schon im nächsten Jahr starb der
Bergführer Kurt
Fritz beim Sturz in eine Gletscherspalte. Er hatte Reinhold Messner zum
Fundort
begleitet und den Abtransport der Mumie mit dem Hubschrauber
organisiert. Der
dritte Tote war der ORF-Reporter Rainer Hölzl (41), der die
Ötzi- Bergung
gefilmt hatte: Er erlag 2004 einem Gehirntumor. Ein großes
Medienecho rief die
Suche nach dem zunächst vermissten Mumien- Entdecker Helmut Simon
(67) hervor,
der im Oktober desselben Jahres von einer Bergtour auf den Gamskarkogel
bei Salzburg
nicht zurückgekommen war. Zwei Wochen später fand man seine
Leiche in einer
Schlucht. Er hatte sich scheinbar abseits der Routen bewegt, war auf
einem
unmarkierten Jägersteig ausgerutscht und etwa 100 Meter tief
abgestürzt,
meldete damals der ORF. Bergretter Dieter Warnecke (65), der sich an
der Suche
nach dem Vermissten beteiligt hatte, starb nur wenige Stunden nach
dessen
Beerdigung an einem Infarkt - laut einer Meldung auf "Bild.de". Die "Zeit" dagegen behauptet
schulmeisterlich, der
Mann erfreue sich bester Gesundheit. Hier schrillt die Alarmglocke des
Skeptikers. Stellt "Bild" etwa Totenscheine aus, um Ötzi als
fluchende Eis-Bestie zu diskreditieren? Die "Zeit" mag zwar im
Allgemeinen gegenüber der Boulevard-Zeitung einen gewissen
Vertrauensvorsprung
genießen, doch in diesem konkreten Fall haben ihre Rechercheure
kläglich versagt:
Zu stark war wohl der - nicht ganz unverständliche - Drang, den
Schreibern von
"Bild" Pfusch im Blatt nachzuweisen. Wie Andrea Hinterseer von der
Bergrettung Salzburg der GWUP auf Nachfrage mitteilte, ist Dieter
Warnecke
senior sowohl bei der Suche nach Helmut Simon dabei gewesen als auch
kurz nach
dessen Beerdigung verstorben. Dass die "Zeit" ihm dennoch beste
Gesundheit
bescheinige, so Hinterseer weiter, liege wohl daran, dass Dieter
Warnecke einen
gleichnamigen, lebendigen Sohn hat. "Bild" zählt sechs Todesfälle auf.
Zum letzten
"Opfer" erkürt das Blatt den erst vor wenigen Tagen am 17. April
2005
einer schweren Krankheit erlegenen Konrad Spindler (66). Spindler war
Professor
am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität
Innsbruck und stand als
Ötzi-Forscher an vorderster Mumien-Front. Als besonders makaber
gilt hierbei,
dass er die Legende um Ötzis Fluch zu Lebzeiten als "Medienhype"
eingestuft hat und - so "Bild.de" - scherzhaft fragte: "Werde
ich der Nächste sein?" Dabei verschweigt das Blatt einen weiteren
Toten,
der die Zahl der Ötzi-Opfer auf sogar inzwischen sieben anwachsen
ließe: Im
Januar dieses Jahres starb der Innsbrucker Professor Friedrich
Tiefenbrunner
(63) während einer Herzoperation. Sein Tod sei völlig
unerwartet gekommen,
zitiert "Sagen.at" einen Kliniksprecher. Tiefenbrunner war Leiter des
Instituts für Mikrobiologie und Hygiene an der Universität
Innsbruck. Er hatte
eine Methode entwickelt, Ötzi vor Bakterien und Pilzbefall zu
schützen. Und er
war im Team von Spindler. Sieben Tote in dreizehn Jahren. Alle hatten
mehr oder
weniger direkt den eisigen Dunstkreis von "Frozen Fritz" (etwa 47)
tangiert. Fielen sie Ötzis Fluch zum Opfer, hervorgestoßen
von kalten Lippen in
den Sekunden seines Todes, als er, von einem Pfeil durchbohrt, sterbend
all
jene verdammte, die jetzt und in Zukunft Hand an ihn legten? Lehrt
nicht die
Geschichte der Archäologie, die Mumien dieser Welt besser dort auf
Ewigkeit
ruhen zu lassen, wo sie liegen und gammeln? Raffte nicht schon
Tutanchamun, die
fluchende Erz- Mumie par excellence, all jene ungläubigen Frevler
dahin, die
sich plündernd an seinem Grab vergingen? Wird nicht jede
anständige Mumie nur
mit einem dazugehörigen Fluch ausgeliefert - auch solche aus
Südtirol? Ein Stoff, aus dem Legenden sind. Mehr
nicht. Tatsächlich
nämlich recherchierte das amerikanische Skeptiker-Urgestein James
Randi, dass
die 22 Ausländer, die unmittelbar mit der Öffnung des Grabes
von Tutanchamun zu
tun hatten, dessen "Fluch" um durchschnittlich mehr als 23 Jahre
überlebten: Die Beteiligten starben im Schnitt mit 73 Jahren,
womit sie
ungefähr ein Jahr älter wurden als andere Personen ihres
Standes und ihrer
Jahrgänge, zitiert GWUP- Pressesprecher Bernd Harder im
"Skeptiker"
aus Randis Ergebnissen. Ähnlich unmystisch - wenngleich tragisch
für alle Beteiligten
und Angehörigen - verhält es sich mit den "Opfern" der
Ötztaler
Gletscherleiche. "Ausnahmslos jeder, der Napoleon je die Hand gereicht
hat, ist tot", bringt "Sagen.at" die Sache auf den Punkt. Soll
heißen: Mit jedem Tag, der ins Land zieht, steigen für jeden
Beteiligten die
Chancen auf ein baldiges Ableben. Und: Es ist zwar bedauernswert, aber
keinesfalls ungewöhnlich, wenn passionierte Bergsteiger und
berufliche
Bergretter in eisiger Höhe bei Unfällen sterben. Denn ganz
natürlich tragen sie
ein viel höheres Risiko, in einer Lawine oder Gletscherspalte den
Tod zu
finden, als beispielsweise ein ostfriesischer Leuchtturmwärter,
der nie seine Hallig
verlässt. Sehr viele Menschen haben sich in der Vergangenheit mit dem "Mann vom Hauslabjoch" wissenschaftlich, publizistisch und organisatorisch beschäftigt. Allein in den sechs Jahren von 1998 bis 2004 haben rund 1,5 Millionen Mumien-Touristen aus aller Welt die Ötzi-Ausstellung im Archäologie-Museum Bozen heimgesucht. Haben sie alle den magischen Todesfluch auf sich gezogen? Droht jetzt ein globales Massensterben unter den sensationsgeilen Ötzi- Gaffern? Wie differenziert funktioniert so ein Fluch? Verenden demnächst jämmerlich alle Leser dieser Zeilen oder - was noch schlimmer wäre - ihr skeptischer, ja spöttelnder Autor? Mumien, Flüche, Leichen und ähnliches Kroppzeug faszinieren Mensch und Medien gleichermaßen. Lieber ein paar schlechte Geschichten erzählt, als ein paar gute Käufer verloren, scheint die Devise mancher Blattmacher. "Sagen.at"
sucht die Erklärung für den Ötzi-Mythos derweilen
in der Volkskunde. Demnach entspreche es schlicht der allgemeinen
Moral, dass
man Tote nicht stören darf: "Die im Jahre 2001 im Rücken des
Eismannes
gefundene Pfeilspitze könnte zusätzlich die Phantasie
nähren, dass dieser
sterbend einen Fluch ausgesprochen haben könnte", vermutet man auf
"Sagen.at" nicht ganz zu Unrecht. Stephan Bachter, GWUP-Mitglied und
Mitarbeiter am Institut für Volkskunde / Europäische
Ethnologie an der
Ludwig-Maximilians- Universität München, findet es gar
"unverantwortlich,
solche Flüche zu konstruieren, da sie Betroffene einem gewissen
Druck aussetzen".
Bachter hat eher den Eindruck, dass nicht alle Ötzi- Finder
erfahrene
Alpinisten gewesen und folglich in dem anspruchsvollen Gelände des
Ötztals bei
unzureichender Ausrüstung bzw. Kondition gescheitert seien. Wenn
zudem manche
mit dem Ötzi in Verbindung stehende Professoren auf Grund einer
schweren Krankheit
das Zeitliche segneten, biete das auch keinen Anlass, irgendwelche
"Ötzi-Flüche" zu konstruieren. "Wissen wir eigentlich, ob es
in
der Kultur des Ötzi überhaupt üblich war, jemanden zu
verfluchen? Warum sollte
Ötzi - oder der Pharao - jemanden verfluchen, der ihm solchen
Nachruhm
bescherte? Hier schreiben so genannte Journalisten etwas herbei, was
keine
reale, empirische Grundlage hat", so Bachter. Rächende Mumien,
denen zu
Lebzeiten fürchterliches Unrecht geschah, werden von Hollywoods
Filmschaffenden
trotzdem immer wieder in Heerscharen ausgesendet, um die Popcorn
kauenden
Massen unterhaltsam das Fürchten zu lehren. Death sells. Quellen:
Diese Meldung der GWUP wurde erstmals am 28.04.2005 auf den Seiten der GWUP veröffentlicht. Weitere aktuelle Meldungen immer direkt auf der Startseite der GWUP unter http://www.gwup.org. Impressum:
Herausgeber und Redaktionsanschrift: Zentrum für Wissenschaft und
kritisches Denken, GWUP e.V., Arheilger Weg 11, 64380 Roßdorf.
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