e-Skeptiker - Newsletter für
Wissenschaft und kritisches Denken
herausgegeben
vom "Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken" der
"Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von
Parawissenschaften e.V." (GWUP)
Nr.
08/2005 (04.05.2005)
Wissenschaftler kritisieren politische Unterstützung der Homöopathie
Trotz ihrer 200-jährigen Geschichte entbehrt die Homöopathie jeglicher
wissenschaftlicher Grundlage. Sie basiert auf Vorstellungen, die durch
medizinische Erkenntnisse längst überholt sind, und die Bilanz ihrer
wissenschaftlichen Überprüfung ist niederschmetternd.
02.05.2005
- Anlässlich des Homöopathischen Welt-Ärztekongresses vom 4. bis 7. Mai
2005 in Berlin bedauert es die GWUP - unterstützt von Wissenschaftlern
aus aller Welt - um so mehr, dass der 250. Geburtstag des
Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann nicht zu kritischer Wertung
genutzt wird. Stattdessen setzen homöopathische Ärzte und Verbände auf
Marketing und Verkaufsförderung. Die GWUP weist auf ihren Kongress in
Regensburg hin, der das Thema Homöopathie zur gleichen Zeit behandelt -
allerdings auf wissenschaftlicher Basis: Im Mittelpunkt stehen konkrete
Inhalte und nicht unreflektierte Akzeptanz.
Die GWUP kritisiert vor allem die gedankenlose und willfährige
Unterstützung dieser pseudowissenschaftlichen Theorie durch Prominente.
Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer "hat gerne die Schirmherrschaft
übernommen" zum Hahnemann-Geburtstags-Kongress vom 1. - 3. April in
Leipzig, Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf übernimmt diese Funktion bei
dem Berliner Kongress. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt
schickte ein Grußwort, in dem sie von den "globalen Erfolgen" der
Homöopathie spricht.
Damit wird die deprimierende Bilanz der Förderung von
Pseudowissenschaften durch verschiedene Bundesregierungen fortgesetzt.
"Statt um Wissenschaftlichkeit geht es bei Befürwortern der Homöopathie
um politisches Lobbying", sagt GWUP-Geschäftsführer Amardeo Sarma. "Da
die Homöopathen langsam die Hoffnung auf den wissenschaftlichen
Nachweis aufgeben, setzen sie auf die Unterstützung der Politik und
finden dabei ahnungslose Zustimmung."
Die Homöopathie sieht Krankheiten als "geistartige Verstimmungen".
Homöopathie-Erfinder Hahnemann lehnte die Existenz von
Krankheitserregern, von denen wir heute wissen, grundsätzlich ab. Die
Biowissenschaften haben aber die Idee einer geistartigen Lebenskraft -
den Vitalismus - schon seit über 150 Jahren aufgegeben. Damit stehen
die Vorstellungen der Homöopathie in krassem Widerspruch zu unseren
heutigen biomedizinischen Kenntnissen. Auch die Lehre von der
Potenzierung, wonach der Ausgangsstoff so lange verdünnt wird, bis ein
Präparat entsteht, das nicht einmal einen Rest
Wirkstoff enthalten kann, widerspricht allem, was uns Physik und
Chemie lehren. Die Homöopathie ist nichts als eine
magisch-abergläubische Form der "Heilkunst".
Auch wenn Homöopathen auf den Slogan "Wer heilt, hat Recht"
zurückgreifen: Unter kontrollierten wissenschaftlichen Bedingungen
entsprechen die "Heilerfolge" nur dem wohlbekannten Placebo-Effekt.
Unter dem Placebo-Effekt ist zu verstehen, dass Zuwendung und die
Verabreichung von Scheinmedikamenten ohne Wirkstoff sich auf den
Krankheitsverlauf günstig auswirken können. Dieser wirkt selbst bei
Tieren - auch wenn Homöopathen das nicht wissen und so behaupten,
homöopathische "Heilerfolge" in der Tiermedizin könnten nicht auf dem
Placebo-Effekt beruhen. Gleichzeitig sollte daran erinnert werden, dass
nicht alle homöopathischen Präparate hochverdünnt sind und daher
durchaus pharmakologische - auch schädliche - Wirkungen haben können,
wie z.B. Arsen- und Quecksilberpräparate.
Der frühere Präsident der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin
und Mitglied des GWUP-Wissenschaftsrates, Professor Johannes
Köbberling, kritisiert die widerspruchslose Hinnahme des
Unwissenschaftlichen im alltäglichen Urteilen und die Gleichgültigkeit
gegenüber Täuschung und Unwahrheit als Teil des medizinischen Alltags.
Köbberling: "So kann die widerstandslose Gewöhnung an das
Unwissenschaftliche zur Trübung des Blicks im eigenen Bereich der
wissenschaftlichen Medizin führen." Er befürchtet, dass es damit zu
"einer schleichenden Verbreitung pseudowissenschaftlicher
Denkstrukturen auch bei solchen Ärzten und Ärztinnen" kommt, "die nicht
zu den Anhängern der Paramedizin zählen."
Nach dem heutigen Wissensstand der Physik ist
Hochpotenz-Homöopathie unmöglich. Wie der Berliner Physiker Professor
Dr. Martin Lambeck, Mitglied des GWUP-Wissenschaftsrates, sagt: "Sollte
jedoch die´Homöopathie, die von Ulla Schmidt begrüßt und von Antje
Vollmer sowie Doris Schröder-Köpf beschirmt wird, tatsächlich
funktionieren, würde dies eine radikale Erweiterung der Physik
erfordern." Wenn Edelgard Bulmahn mit Hilfe der ihr unterstehenden
Forschungsorganisationen diese Erweiterung findet, kann sie Nobelpreise
nach Deutschland bringen. Weitere Infos von
Professor Lambeck zur Homöopathie bei der GWUP und dem "Laborjournal".
Prof. Dr. Wallace Sampson (USA), Herausgeber der Zeitschrift
"Scientific Review of Alternative Medicine": "Für rational denkende
Menschen und Wissenschaftler ist es erstaunlich zu sehen, dass eine 200
Jahre alte medizinische Philosophie, die bereits vor 170 Jahren
verworfen wurde, immer noch geglaubt wird und so viele Unterstützer
hat. Bereits 1842 hatte Oliver Wendell Holmes Sr. - einer der damals
bekanntesten Ärtzte und Medizinpprofessoren in den USA - "Homöopathie
und verwandte Selbsttäuschungen" scharf und eloquent kritisiert. Die
Auswertung der vorliegenden wissenschaftlichen Informationen zeigt laut
Sampson: "Homöopathie funktioniert einfach nicht." Er verwirft
Behauptungen über angeblich positive Resultate: "Alle 'positiven'
Berichte, die wir untersucht haben, zeigen zu viele Defekte und
Fehlinterpretationen." Sampson findet Homöopathie-Berichte jedoch
lehrreich: "Sie zeigen, wie man Wissenschaft nicht macht."
Prof. Dr. Willem Betz (Belgien), Europäischer Experte zur
Belegsituation in der Alternativmedizin: "Bislang wurde kein
überzeugender Beleg dafür beigebracht, dass Homöopathie bei der
Behandlung irgendeiner Krankheit oder eines Symptoms wirksam ist. Diese
Aussage wurde nicht nur vom EU COST B4-Programm und den Universitäten
York und Exeter (Großbritannien) getroffen, sondern auch in einem
gemeinsamen Kommuniqué sieben belgischer Universitäten sowie von K.
Linde, dessen Studien Homöopathen am häufigsten als Beleg für die
Wirksamkeit der Homöopathie zitieren."
Zur Homöopathie sagte die französische Académie de Médicine vor
etwa einem halben Jahr, Homöopathie "basiere auf Vorurteilen und habe
keine Grundlage".
Die GWUP fordert angesichts der klaren Faktenlage dazu auf: - bei
der Beurteilung der Homöopathie auf den weltweit akzeptierten
wissenschaftlichen Standards zu bestehen; - die Sonderregelung für die
Homöopathie, durch die eine Wirksamkeitsprüfung vor der Zulassung
homöopathischer Medikamente umgangen wird, abzuschaffen.
Die GWUP sieht mit großer Sorge, dass sich Behörden und Politik dem
Druck von Interessengruppen und Kommerz beugen. Die Homöopathie-Lobby
will die bestehenden wissenschaftlichen Standards zur
Wirksamkeitsprüfung aushöhlen und so die Homöopathie von dieser Form
der objektiven Qualitätssicherung ausnehmen. Dies gilt in besonderem
Maße für Deutschland. Die GWUP fordert die Gesetzgeber in Deutschland,
Europa und in aller Welt dazu auf, dem Druck der Lobbyisten nicht
nachzugeben. Die genannten Politiker und Prominente könnten jetzt ein
erstes Zeichen für Wissenschaftlichkeit in der Medizin setzen, so
Sarma: "Ziehen Sie Ihre Grußworte und Schirmherrschaften zurück!"
Diese Meldung der GWUP wurde erstmals am 02.05.2005 auf den
Seiten
der GWUP veröffentlicht. Weitere
aktuelle Meldungen immer direkt auf der Startseite der GWUP unter http://www.gwup.org.