Mythos sanfte Krebstherapien Drucken E-Mail

17.06.2006 (GWUP) - An Krebs erkranken pro Jahr knapp 400 000 Menschen in Deutschland. Trotz der Errungenschaften der modernen Medizin sterben rund 200 000 Menschen davon an ihrem Krebsleiden. Da ist es wenig überraschend, dass sich neben der modernen Medizin zahlreiche Angebote etabliert haben, die Heilung auch in offenbar aussichtslosen Fällen und vorbeugenden Schutz versprechen. Nun ist ein Buch erschienen, das zahlreiche „alternative Krebstherapien“ unter die Lupe nimmt und zu dem Ergebnis kommt, dass bei keiner dieser Behandlungsformen die geweckten Hoffnungen erfüllt werden.

Wie bereits in der jüngst von der Stiftung Warentest herausgegebenen Schrift „Die Andere Medizin – ‚Alternative’ Heilmethoden für Sie bewertet“ kommt der Autor zu einem vernichtenden Urteil über die von ihm untersuchten alternativen Methoden. Er versucht die Attraktivität der „Alternativmedizin“ zu erklären und die Schwachpunkte der alternativen Anbieter aufzuzeigen. Die Erfolgsquoten der Vertreter einen „sanften Medizin“ sprechen klar gegen sie. Die von ihnen geweckten Hoffnungen sind in der Regel vergeblich. Mit Autor Michael Spöttel sprachen wir über die diversen Verfahren und ihre ideologischen Grundlagen.

 Herr Spöttel, Sie haben sich intensiv mit „alternativen Krebstherapien“ auseinandergesetzt. Was genau ist darunter zu verstehen?
Michael Spöttel: ‘Alternativ’ ist grundsätzlich jede Therapie, die nicht in den Kanon der ‘Schulmedizin’ aufgenommen wurde. Dies bedeutet, dass bisher entweder keine aussagekräftigen klinischen Studien stattfanden oder dass die Ergebnisse von Studien keine Evidenz für die unterstellte Wirkung ‘alternativer’ Maßnahmen erkennen ließen. Manche Methoden werden von ihren Befürwortern als ‘komplementäre’ Strategien deklariert, d.h. sie sollen zusätzlich zu wissenschaftlich begründeten Maßnahmen durchgeführt werden – z.B. um die negativen Folgen einer Chemotherapie zu minimieren oder etwa um das Immunsystem zu stärken. Mitunter wird auch der Begriff ‘Unkonventionelle Therapien’ verwendet

Wenn ich Sie richtig verstehe, verfolgen diese Behandlungsverfahren also keinen gemeinsamen medizinischen Ansatz...
Michael Spöttel: Richtig, es handelt sich um gänzlich unterschiedliche Verfahren. Manche stellen die menschliche Psyche in den Vordergrund, andere rekurrieren auf ‘Selbstheilkräfte’. Der Vertreter einer massiven Vitamintherapie wie Matthias Rath behauptet einen grundsätzlichen, in der Konstitution des Menschen verankerten Mangel an entsprechenden Stoffen. Befürworter von radikalen Diäten glauben daran, dass die Tumoren ‘ausgehungert’ werden können usw. usf.

Nun lässt es sich nicht bestreiten, dass die wissenschaftlich orientierte Medizin bei manchen Krebsarten nur geringe Erfolge vorweisen kann. Sollte zum Wohle der Patientinnen und Patienten nicht die Maxime gelten: „Wer heilt, hat Recht“?
Michael Spöttel: Klar, wer heilt, hat Recht. Nur werden Heilungen innerhalb der alternativen Krebsheiler-Szene mehr behauptet denn bewerkstelligt. Im Zuge meiner Recherchen hat es mich erstaunt, wie viele Personen angeblich tödliche Erkrankungen heilen können. Meistens sind dies glatte Lügen! Tendenziell neigen Patienten, die eine Krebskrankheit überstanden haben, den Wert von zusätzlich zur medizinischen Therapie eingesetzten Mittelchen (z.B. Vitamine und Mistelspritzen) zu überschätzen. Sie glauben, dass sie überlebt haben, weil sie diese Mittel verwendet haben – und nicht aufgrund einer von onkologischer Kompetenz getragenen Strategie. Ich möchte in diesem Zusammenhang an den Fall Dominik Feld erinnern. Dominik, der an Knochenkrebs litt, ist im Herbst 2004 verstorben. Eineinhalb Jahre zuvor hatten sich seine Eltern entschieden, die aussichtsreiche medizinische Therapie abzubrechen und stattdessen auf Präparate von Dr. Matthias Rath zu bauen, die unter anderen aus hochdosierten Vitaminen bestehen und der gängigen wissenschaftlichen Position zufolge nicht hilfreich sind. Matthias Rath hat im Rahmen einer mit öffentlichen Reden, Flugblättern und Presseartikeln geführten Kampagne behauptet, den kleinen Dominik geheilt zu haben – und hat sich dann mit üblen Verleumdungen aus der Affäre gezogen.  Manchmal sind Heilungen rational nicht nachvollziehbar – Mediziner sprechen dann von ’Spontanheilungen’. Doch diese Fälle sind sehr selten – und in der Regel nicht reproduzierbar.

Die Anhänger „unkonventioneller“ Methoden verweisen aber auf zahlreiche Fälle, die ihren Erfolg belegen sollen. Auf welches Datenmaterial stützen Sie Ihre Einschätzung?
Michael Spöttel: Ich konnte mich bei den gängigsten alternativen Verfahren auf die Ergebnisse von umfangreichen Studien berufen, die vorliegen. So hat sich etwa die These der berühmten Chemikers und Friedensnobelpreisträgers Linus Pauling, dass kontinuierliche Vitamin-C-Gaben sowohl vorbeugende als auch heilende Wirkung haben, bei mehreren Testreihen nicht bestätigt. Einige der alternativen Ansätze sind freilich derart bizarr, dass sie gar nicht empirisch überprüft werden können, so die ‘Germanische Neue Medizin’ des Ryke Geerd Hamer, aber auch die vermeintliche schädliche Wirkung von ‘Erd- bzw. Wasserstrahlen’.
Wie sollte die Wirkung nicht existierender oder zumindest mit den Mitteln der Physik nicht nachweisbarer Strahlen auf den menschlichen Körper untersucht werden? Im Zusammenhang der psychologisierenden Ansätze möchte ich darauf hinweisen, dass in Studien keine Korrelation zwischen seelischen Stresszuständen und Tumorerkrankungen nachgewiesen werden konnte. Auch die populäre Vorstellung einer ‘Krebspersönlichkeit’ ist mittlerweile ad acta gelegt worden.
Die in den dreißiger Jahren berühmte Hypothese von Warburg, dass die krankhaften Zellen übersäuert seien, gilt wissenschaftlich seit mehreren Jahrzehnten als überholt – alternative Milieus schert das nicht!

Gilt Ihre Kritik an Außenseiter wie Hamer und Rath auch für ein so häufig selbst von wissenschaftlich orientierten Ärzten eingesetztes Verfahren wie die Misteltherapie?
Michael Spöttel: Die Misteltherapie stammt aus der von Rudolf Steiner geprägten anthroposophischen Medizin. Die Überlegungen Steiners sind rational nicht nachvollziehbar. Während der von Steiner in die Welt gesetzte Gedanke, dass Mistelpräparate tumorauflösend wirken, ohnehin vor längerer Zeit aufgegeben wurde, vertreten manche Therapeuten die Ansicht, dass Mistelsaft das Immunsystem stärke und leiten daraus eine indirekte Wirkung ab. Grossarth-Maticek et al. haben dies 2001 nach einer Auswertung von Krebsfällen behauptet. Mittlerweile hat eine Überprüfung ergeben, dass das Design der Studie gängigen wissenschaftlichen Maßstäben nicht gerecht wurde. Solide Studien – die freilich nur im Zusammenhang mit einigen wenigen Krebsarten durchgeführt wurden – kamen zu dem Ergebnis, dass Mistelgaben die Heilungschancen nicht verbessern. In meinen Augen ist die Popularität der Misteltherapie ein schlagendes Beispiel dafür, dass Gerüchte im Zusammenhang mit Krankheiten große und langandauernde Wirkungen entfalten können. Auch Ärzte können sich mitunter diesen Gerüchten nicht entziehen. Die Wirkung der Mistel auf Tumoren ist eine soziale Konstruktion, die weder empirisch noch rational fundiert ist!

Würden Sie so weit gehen zu behaupten, dass die alternativen Therapien den Patienten schaden können?
Michael Spöttel: Schädlich sind alternative Therapien dann, wenn auf erprobte konventionelle Verfahren verzichtet wird. Der Schaden, den unkonventionelle Prozeduren und Mittel anrichten, kann weiter darin liegen, dass Patienten sich unter den Druck setzen, sich selbst heilen zu können und ihr ganzer Tagesablauf folglich darum kreist, vermutlich sinnlose Strategien anzuwenden.
Mistelpräparate führen mitunter zu allergischen Reaktionen, bei Krebsvarianten wie Leukämie und Lymphdrüsenkrebs können diese Mittel die Krankheit, da sie in das Immunsystem eingreifen, möglicherweise fördern. Hochdosierte Vitaminpräparate sind nicht so unschädlich wie das ihre Befürworter unterstellen. Im Falle von Lungenkrebs ist nach der Gabe von Vitamin A-Präparaten sogar eine kontraproduktive Wirkung beobachtet worden.

Aber ist es nicht ein Ausdruck für den „mündigen Patienten“, wenn Erkrankte sich daran beteiligen, die passende Behandlungsmöglichkeit auszusuchen?
Michael Spöttel: Ich halte die Figur des ‘mündigen Patienten’ für eine populäre Fiktion. Persönlich unterstelle ich, dass ein Arzt, in dessen Hände ich mich begebe, kompetenter ist als ich es bin. Selbstverständlich möchte ich über meine Erkrankung und eine entsprechende Therapie informiert werden. Es ist allgemein bekannt, dass die moderne Medizin ein Kommunikationsproblem hat. Es gibt strukturelle Probleme (vergleichsweise wenige Ärzte für viele Patienten), aber auch generelle Konstellationen: wo Ärzte eine vage Prognose verlautbaren lassen, leisten sich charismatische Heiler vollmundige Versprechen.
Hilfreich sind Selbsthilfeorganisationen wie die ‘Deutsche Krebshilfe’, die Patienten mit zusätzlichen Informationen versorgen und zugleich ein Diskussionsforum bereit stellen, sich aber im Rahmen der wissenschaftlich fundierten Medizin bewegen. Grundsätzlich brauchen Menschen, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden, intensive menschliche Zuwendung.

In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, dass den Alternativtherapien ein falsches Naturverständnis zugrunde liegt. Der Mensch ist unbestreitbar Teil der Natur – inwiefern kann es da falsch sein, wenn Programme zur Heilung von Krankheiten im Rahmen der Natur aufgestellt werden?
Michael Spöttel: Die alternativen Konzeptionen sind von dem Dogma – ich möchte sagen – kontaminiert, dass die Natur perfekt ist und schwere Erkrankungen auf
Störungen einer ursprünglichen und insofern ‘natürlichen’ Harmonie zurückzuführen sind. Es gilt: ‘natürlich’ gleich ‘gut’. Insofern ist der Einzelne, bzw. ist die Gesellschaft ‘schuld’ an einer Krebserkrankung, die als eine Folge ‘unnatürlicher’ Lebensweise angesehen wird. Vermeintlich ‘natürliche’ Medikamente sind mit einem positiven Vorurteil behaftet. Aus meiner Perspektive wirkt diese Ideologie zynisch, denn Krankheiten sind alles andere als ‘unnatürlich’. Leiden und Tod sind von jeher Bestandteil jeden Lebens.

Hat unsere Lebensweise also überhaupt keinen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu erkranken?
Michael Spöttel: Aber sicher doch. Die Problematik des Rauchens ist ebenso bekannt wie der prekäre Einfluss von radioaktiven Strahlen. Soldaten der Bundeswehr wie auch der NVA der DDR beispielsweise, die in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts an Radargeräten gearbeitet haben, mussten ihren Dienst in nicht wenigen Fällen mit Krebserkrankungen bezahlen. Die Problematik von Asbest ist mittlerweile hinlänglich ebenso bekannt wie die möglichen Nachwirkungen intensiver Sonnenbäder. Sorgfältige Studien sind bei verdächtigen Substanzen und Techniken (z.B. Handys) generell angesagt. Dass unsere moderne, an die Industriezivilisation geknüpfte Lebensweise Krebserkrankungen generell fördert, ist allerdings eine Unterstellung. In erster Linie besorgt die höhere Lebenserwartung einen Anstieg der Erkrankungsraten – in den meisten Fällen ist Krebs eine im höheren Alter auftretende Krankheit. Typische ‘Zivilisationskrankheiten’ scheinen mir eher Herz-Kreislauferkrankungen und Diabetes zu sein. Ich plädiere hier aber nicht für ‘Couch Potatoes’ oder ‘Workaholics'.

Wir danken für das Gespräch.

Die Fragen stellte Martin Bauer.

Quellen:

 




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