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18.04.2005 (GWUP) - Nach über 20 Jahren kommt eine neue Verfilmung des spektakulärsten Spukfalles der letzten Jahrzehnte in die Kinos. GWUP-Pressesprecher Bernd Harder wollte wissen, was damals wirklich im Haus der Familie Lutz geschah - und kam zu erstaunlichen Erkenntnissen.
Ab 21. April geistert ein Remake des Grusel-Klassikers „Amityville Horror“ über die Kino-Leinwände. „Alte Flüche rosten nicht“ schreibt die Filmpresse. Doch alle Hollywood-Effekte können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die angeblich wahre Geschichte um ein Spukhaus bei New York frei erfunden ist. Spuk, Gespenster, Poltergeister, Dämonen … Das gesamte Höllen-Personal schien zum Jahreswechsel 1975/76 einen Betriebsausflug zu machen und kehrte geschlossen in Amityville auf Long Island ein, und zwar in einem schmucken Haus in der Ocean Avenue Nr. 112. Dort war am 18. Dezember das Ehepaar George und Kathy Lutz mit drei kleinen Kindern eingezogen. Das Gebäude im niederländischen Kolonialstil verfügte über sechs Schlafzimmer, einen Swimmingpool und ein Bootshaus – und kostete nur 80 000 Dollar. Denn ein Jahr zuvor hatte ein 24 Jahre alter New Yorker namens Ronald DeFoe dort seine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern erschossen. DeFoe wurde zu sechsmal lebenslänglich verurteilt und das Haus verkauft. Soweit die Tatsachen. Faktum ist auch, dass Familie Lutz genau 28 Tage nach ihrem Einzug das Anwesen Ocean Avenue Nr. 112 fluchtartig wieder verließ. Der Grund dafür führt indes direkt ins Reich der Mythen und Legenden: „Ihrem Bericht zufolge begann der Ärger mit einem fauligen Gestank, der das Haus durchzog, schwarzem Schleim im Badezimmer und Myriaden von Fliegen in einem der Schlafzimmer“, munkelt etwa der Autor des Nachschlagewerks „Das große Buch der Geistererscheinungen“. Mehr noch: „Die schwere Haustür war ausgehebelt worden und hing nur noch in einer Angel. Im Schnee draußen sah man Spuren von gespaltenen Hufen und die Garagentür war fast abgerissen, mit einer Kraft, die die eines Menschen weit übersteigt. Kathy Lutz sagte, sie habe sich von unsichtbaren Armen umfasst gefühlt, aus denen sie sich nicht befreien konnte, und auf ihrem Körper seien rote Striemen erschienen. George berichtete, er habe ein unsichtbares Blasorchester im schweren Marschtritt durchs Haus marschieren hören. Später habe er Kathy mehrmals in der Luft über dem Bett schweben sehen und auch eine Erscheinung beobachtet, die er mal als gigantische weiße Gestalt mit Kapuze beschrieb, dann wieder als gehörnten Dämon mit halb weggeschossenem Gesicht. Und als die kleine Tochter eines Nachts zum Fenster zeigte, sahen George und Kathy zwei feurige rote Augen. Kein Gesicht, nur die kleinen bösen Augen eines Schweins …“ Halb klassische Spuk-Geschichte, halb Poltergeist-Phänomen Gar horrible Ereignisse, die mühelos Stoff für eine ganze TV-Staffel à la „Buffy – Im Bann der Dämonen“ abgegeben hätten und für eine Folge „Musikantenstadl“ noch dazu – wegen des Blasorchesters. Kein Wunder, dass sich nach einigen Zeitungs-Interviews der Lutzes schnell ein Autor fand, der aus dem Vorstadt-Grusical einen Bestseller strickte: „The Amityville Horror – A True Story“. 1979 wurde das Buch von Jay Anson zum ersten Mal verfilmt. Der Streifen zog sage und schreibe acht Sequels nach sich (darunter Teil 7 mit dem vieldeutigen Titel „Das Grauen nimmt kein Ende“), und im April 2005 geisterte das aufgemotzte Remake des Originals von 1979 über die Leinwand – wieder als „true story“. Doch was im Kino als modisches Effekt-Feuerwerk ganz nett anzuschauen ist, brachte schon frühzeitig kundige Experten gegen den angeblichen Geisterkram auf: halb klassische Spuk-Geschichte, halb Poltergeist-Phänomen, halb dämonische Besessenheit und der Rest aus „Der Exorzist“ geklaut – so mäkelten schon 1978 die beiden amerikanischen Grenzwissenschaftler Rick Moran und Peter Jordan an Ansons literarischen Ergüssen herum. Und folgerten daraus, dass der Fall völlig untypisch sei für ein echtes übersinnliches Geschehen. Im Vorwort hatte Jay Anson sich dahingehend ausgelassen: „To the extent that I can verify them, all the events in this book are true.“ Allzu viel Zeit und Mühe schien der Bestseller-Autor jedoch nicht auf die Verifizierung von George und Kathy Lutz’ Schilderungen verwendet zu haben; denn alle Aussagen des Ehepaars ließen sich vor Ort mühelos widerlegen. Nach der Familie Lutz bewohnten James und Barbara Cromarty das umspukte Anwesen in der Ocean Avenue Nr. 112 von Amityville/Long Island. Dem Falluntersucher der Skeptikerorganisation CSICOP, Joe Nickell, erklärten sie, zu keinem Zeitpunkt etwas Ungewöhnliches in dem Haus bemerkt zu haben. Und nicht nur das: Die Türen und Fenster, die laut „The Amityville Horror – A True Story“ unter den massiven dämonischen Attacken zusammengebrochen waren, wiesen beim Einzug der Familie Cromarty nicht die Spur einer Beschädigung oder Reparatur auf. Kein Handwerker in der Gemeinde erinnerte sich auch nur an einen Schadensfall auf dem Grundstück. Einige Jahre danach bewohnte ein gewisser Frank Burch das Haus, der ebenfalls zu Protokoll gab: „Das einzige unheimliche Geräusch, das ich in dem Haus jemals gehört habe, ist das dumpfe Poltern, wenn ich nachts aus dem Bett falle.“ Am Ende war’s der Wein-Geist … Und genau so gingen die Ermittlungen der Skeptiker weiter. Klauenartige Abdrücke im Schnee vor dem Haus? Zwischen dem 18. Dezember 1975 und dem Auszug der Lutzes 28 Tage später gab es keinen Schneefall auf Long Island. Ein orkanartiger Sturm, der in der Nacht zum 13. Februar das Anwesen umtoste? Der Wetterdienst verzeichnete für das dieses Datum „mild conditions“. Ein einheimischer Priester, der von diversen jenseitigen Manifestationen in dem Haus fast zu Tode erschreckt wurde? In Wahrheit hatte kein Priester das Haus betreten, während Familie Lutz darin wohnte. Der örtliche Polizeibeamte Detektive Sergeant Lou Zammataro, der in Ansons Buch ebenfalls als Gewährsmann für den Teufelsspuk zitiert wird? Wusste auf Nachfrage von nichts. Und so weiter, und so fort. Der einzig echte „Amityville Horror“ brach erst nach der Flucht von Georges und Kathy Lutz aus dem „Spukhaus“ über das Ehepaar herein – und zwar in Form von gerichtlichen Klagen, die sowohl ihre Nachmieter James und Barbara Cromarty als auch der Anwalt des Mörders Ronald DeFoe, William Weber, gegen sie anstrengten. Wieso dieses? Weber sagte aus, die Lutzes hätten ihn aufgesucht und ihm zunächst vage von seltsamen Erlebnissen in dem Haus Ocean Avenue Nr. 112 erzählt – in der Absicht, dem Rechtsanwalt damit Material für ein Wiederaufnahmeverfahren in Sachen Ronald DeFoe zu liefern. Denn DeFoe hatte behauptet, „Stimmen“ hätten ihn zu dem Mord an seiner Familie getrieben. Vor diesem Hintergrund kam Weber die Spuk-Geschichte der Familie Lutz wie gerufen. Also spann er die Gruselstory gemeinsam mit dem finanziell völlig abgebrannten Lutz-Ehepaar immer weiter. So informierte Weber Kathy Lutz beispielsweise darüber, dass sein Mandant Ronald DeFoe die Morde gegen drei Uhr morgens verübt habe. Prompt behauptete Kathy, sie sei regelmäßig um diese Zeit von einem mysteriösen Lärm im Haus wach geworden und habe danach von einem halben Dutzend toter Menschen geträumt. „Wir haben uns diese Horrorgeschichte bei vielen Flaschen Wein ausgedacht“, gab Weber später zu. Der Fluch der schlechten Filme Schließlich kam noch der Schriftsteller Jay Anson ins Spiel, der aus der Sache ein großes Geschäft zu machen wusste – von dem am Ende nur er und Weber profitierten, denn Weber und George Lutz zerstritten sich bald und der Anwalt verklagte die Lutzes auf zwei Millionen Dollar Schadenersatz wegen Betrugs und Vertragsbruchs. Familie Cromarty wiederum wurde nach der Buchveröffentlichung und der ersten Verfilmung von „The Amityville Horror – A True Story“ von Schaulustigen und ungebetenen Gästen derart genervt, dass sie George und Kathy Lutz ebenfalls vor Gericht zitierte, weil diese mit ihrem unverschämten Schwindel die Lebensqualität in Amityville, Ocean Avenue Nr. 112, dauerhaft schwer beeinträchtigt hätten. Der „Amityville Horror“ war also bloß ein Amityville-Hoax. Und da dies mittlerweile recht bekannt ist, musste Hollywoods PR-Maschinerie einen anderen Ansatzpunkt wählen, um für das Remake 2005 zugkräftige Reklame zu machen. Dabei verfiel man ausgerechnet auf eine Strategie, die ebenso ausgelutscht ist wie die Handlung des Films: „Rätselhafte Zwischenfälle“ habe es bei den Dreharbeiten in Illinois und Wisconsin gegeben, verbreitete der Pressesprecher der Produktionsfirma MGM, John Pisani, beflissen. Zudem sei die echte Kathy Lutz während der Produktion gestorben. Anscheinend spekulieren die Macher von „The Amityville Horror“ auf eine ähnliche Legendenbildung wie um den Steven-Spielberg-Gruselfilm „Poltergeist“, auf dem angeblich ein Fluch lasten soll. So erklärte der Darsteller des George Lutz, Ryan Reynolds, bei der Premiere des Remakes: „They say you should only do one horror film in your career, and this is it.”
Bernd Harder
Quellen:
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