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19.06.2009 (GWUP) - Der Rechtsstreit um Simon Singhs Meinungsäußerung zur Chiropraktik zeigt Folgen: In Großbritannien entfernen nun Chiropraktiker heikle Informationen von ihren Webseiten. Bei den Bloggern von Quackometer wurde ein Brief eines Chiropraktiker-Verbandes veröffentlicht, in dem die Mitglieder aufgefordert werden, ihre Webseiten aus dem Netz zu entfernen und in Praxen ausliegende Info-Blätter der Organisation, die Schleudertraumata, Koliken oder Kinderkrankheiten betreffen, zu entfernen.
Wäre es nicht ein so ernstes Thema, könnte man schmunzeln, wie eilig es die „Praktiker“ haben, genau die Aussagen, die der Wissenschaftsautor Simon Singh kritisiert, nun nicht mehr öffentlich zu präsentieren. Zur Erinnerung: Singh hatte in einem Interview im Guardian kritisiert, dass die manuellen Anwendungen nicht nur bei Rückenbeschwerden Anwendung fänden, sondern auch bei Krankheiten, die mit Fehlhaltungen nicht das Geringste zu tun haben. Dies sei auch bekannt, daher sei die Verwendung dieser Methoden in solchen Fällen seiner Meinung nach "bogus“, d.h. Quacksalberei. Folgen waren eine Klage der British Chiropractic Association (BCA) und eine bis heute anhaltende Debatte, ob hier eine Tatsachenbehauptung oder eine Meinungsäußerung verlautbart wurde. Die wissenschaftlichen Daten sprechen allerdings eindeutig für Singh. Mittlerweile haben sich viele Organisationen mit dem Wissenschaftsautor solidarisiert und ihm im Internet Unterstützung angeboten.
Der Infobrief des Chiropraktiker-Verbandes spricht allerdings eine andere Sprache. Darin wird die Unterstützung von Singh als Hexenjagd bezeichnet. Neben dem Entfernen von Flugblättern und Internetpräsentationen rät die Vereinigung ihren Mitgliedern, ihre eigenen Namen im Internet zusammen mit dem Wort „Chiropraktik“ zu suchen, um sicherzustellen, dass keine belastenden Informationen mehr zu finden seien. Unter anderem wird - allen Ernstes - geraten, nur dann einen Doktortitel anzugeben, wenn man diesen auch wirklich führen dürfe - was eigentlich selbstverständlich sein sollte. Dies macht aber auch deutlich, wie es um die Chiropraktik bestellt ist. Vorsicht sei auch geboten bei Anrufern oder Patienten, die plötzlich zu den Themen Kinderheilkunde oder Halswirbelsyndrom Auskünfte verlangten - also genau solche Gebiete, für die ein Teil der Chiropraktiker oft jahrelang geworben hat. Auch die Frage nach wissenschaftlichen Belegen für die Methode sei mit Vorsicht zu genießen - schließlich planten die Gegner angeblich eine Klage gegen jeden Chiropraktiker in Großbritannien, der gegen erlaubte Behandlungsstandards verstoße.
Wer die Anleitungen nicht befolge, mache sich selbst zum Opfer. Wenn man auf die Website klickt, erscheint außer einer E-Mail-Adresse im Augenblick - nichts. Vielleicht haben die eifrigen Chiropraktiker auch übersehen, dass Simon Singh sich keinesfalls gegen die gesamte Chiropraktik ausgesprochen hatte, sondern nur gegen deren Anwendung bei Krankheiten, wo diese - nicht ungefährliche - Methode sinnlos ist. Möglicherweise hat die Debatte aber auch zur Folge, dass stärkerer Wert auf die Evaluierung medizinischer Behandlungen nach deren Wirksamkeit gelegt wird, eines der Kernanliegen von Singh.
Simon Singh muss noch immer fürchten, an seine Kläger ein Vermögen zu zahlen, sollte er für seine Meinungsäußerung verurteilt werden. Bleibt für ihn zu hoffen, dass diese plötzliche und organisierte Informationslöschung durch die britischen Chiropraktiker der nächsten gerichtlichen Instanz die Augen öffnet.
Holger von Rybinski
Quellen:
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