Esoterik zum Abgewöhnen Drucken E-Mail
10.06.2006 (GWUP) - Einen kritischen Umgang mit Esoterik und Grenzwissenschaften fordert die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Ende Mai trafen sich die Mitglieder zu ihrer Jahreskonferenz. GWUP-Mitglieder nennen sich auch Skeptiker. Skeptisch sind sie beispielsweise, wenn es um Astrologie, Jenseitskontakte, Wahrsagerei, Kornkreise und UFOs geht. Als Schwerpunkt der Jahreskonferenz, die in Essen stattfand, hatten die Veranstalter ein anderes heiß umstrittenes Thema gewählt: Alternativmedizin. Aber auch andere brisante Themen wurden in Vorträgen und einer Ausstellung kritisch hinterfragt.

Kennen Sie die „Agentur für Reinkarnations-Adaptierung“? Es handelt sich dabei um ein Unternehmen, das dem Kunden gegen üppige Bezahlung eine berühmte Persönlichkeit im Jenseits vermittelt, die ihn als Wiedergeburt akzeptiert. Auf diese Weise kann jeder in den Vorteil gelangen, schon einmal als Napoleon oder Julius Cäsar gelebt zu haben. Für Zweifler gibt die Agentur für Reinkarnations-Adaptierung eine einzigartige Garantie: „Wenn Sie in diesem Leben nicht zufrieden sind, erhalten Sie im nächsten ihr Geld zurück.“

Sie meinen, so ein Angebot könne unmöglich ernst gemeint sein? Dann haben Sie Recht, denn die angebliche Agentur mit den guten Kontakten ins Jenseits ist nichts weiter als eine Parodie, die sich Mitglieder der GWUP ausgedacht haben. Vorgestellt wurde der fiktive Reinkarnations-Dienstleister auf der Jahreskonferenz der Skeptiker-Organisation, die vom 25. bis 27. Mai 2006 in Essen stattfand. Natürlich wurden auf dieser Veranstaltung auch ernsthaftere Fragen behandelt. Zum Beispiel folgende: Kann man sich mit einem homöopathischen Medikament vergiften? Der Medizin-Journalistin Krista Federspiel gelang es jedenfalls nicht. Vor Publikum schluckte die Österreicherin drei unterschiedliche Homöopathika und wartete auf die in den Homöopathielehrbüchern angegebenen Nebenwirkungen. Diese blieben jedoch aus, und so musste auch der anwesende Arzt nicht eingreifen.

Der glimpfliche Ausgang des homöopathischen Experiments verwunderte die anwesenden Mitglieder der GWUP nicht im Geringsten. Die Skeptiker-Organisation mit über 750 Mitgliedern weist seit Jahren unermüdlich darauf hin, dass die Homöopathie nach den bekannten Gesetzten der Physik gar keine Wirkung haben kann (abgesehen natürlich vom Placebo-Effekt). „Könnte jemand beweisen, dass die Homöopathie funktioniert, dann könnte er sich sofort den nächsten Physik-Nobel-Preis abholen“, sagt GWUP-Vorstand Amardeo Sarma. „Unabhängig davon können auch die zahlreichen Studien, die es zum Thema Homöopathie gibt, bisher nicht beweisen, dass diese Methode funktioniert.“ Für die GWUP steht die Homöopathie damit in einer Reihe mit der Astrologie, der Wahrsagerei und den Wünschelruten – weit verbreitet, aber dennoch fragwürdig.

Neben dem Homöopathie-Versuch stand die Alternativmedizin allgemein im Mittelpunkt der Konferenz. Diese oft als „sanft“ und „ganzheitlich“ gepriesene Medizinsparte erlebt derzeit einen wahren Boom. Nach Ansicht der GWUP sind jedoch viele alternative Methoden weder sanft noch ganzheitlich, sonder schlichtweg gefährlich oder zumindest wirkungslos. Daran ändert sich nach GWUP-Einschätzung auch nichts, wenn – wie derzeit in Mode – manche Alternativmediziner ihre Therapien mit Begriffen aus der Quantenphysik zu erklären versuchen. Für Martin Lambeck, GWUP-Mitglied und Professor für Physik an der TU Berlin, war dieser Umstand ein Anlass für einen Appell in der Zeitschrift ZEIT-Wissen. In der Februar-Ausgabe rief Lambeck die Verfechter der physikalisch-alternativmedizinischen Verfahren dazu auf, ihre Behauptungen zu beweisen.

Skurrile Exponate

Neben der Alternativmedizin standen für die über hundert Besucher der GWUP-Konferenz auch andere grenzwissenschaftliche Disziplinen auf dem Programm. Während Vorträge mit fachlichem Charakter in einem Kino in der Essener Innenstadt stattfanden, gab es im benachbarten Unperfekthaus (dies ist ein privates Kulturzentrum) unter dem Namen Skeptorama ein Angebot für die breite Öffentlichkeit. Unter dem Motto „Esoterik zum Abgewöhnen“ bot das Skeptorama Exponate wie einen Prospekt der besagten Reinkarnations-Agentur sowie zahlreiche andere Parodien. So gab es beispielsweise die Bibel in Pulverform zur oralen Einnahme („die Weisheit mit Löffeln gefressen“) oder eine ominöse Urschlamm-Genetik zu bewundern. Ernst gemeint waren dagegen Ausstellungsstücke wie das überdimensionale Energie-Ei oder verschiedene Heilsteine. „Manchmal ist es gar nicht so einfach, Original und Parodie auseinander zu halten“, kommentierte GWUP-Vorstand Amardeo Sarma die teilweise recht seltsamen Exponate.

Neben einer Ausstellung bot das Skeptorama auch einige Vorträge mit populärwissenschaftlichem Charakter. So präsentierte der Kriminalbiologe Mark Benecke seine Erfahrungen mit dem Blutwunder von Neapel, die er auch schon in der Telepolis vorgestellt hat [www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21613/1.html]. Als weiterer Referent trat Wolfgang Hund auf, der seit Jahrzehnten die Wahrsager-Szene beobachtet. Sogar im Urlaub auf Gran Canaria ist Hund aktiv und testet regelmäßig den dortigen Handlese-Automaten. Für zehn Euro liefert das Gerät eine Charakteranalyse, manchmal allerdings mit überraschendem Ergebnis: 1998 wurde Hund wegen seiner „doppelten Lebenslinie“ des Fremdgehens verdächtigt, „und der Haussegen hing schief“, wie sich der langjährige Skeptiker schmunzelnd erinnert. Ein Glück, dass derselbe Automat ihm im folgenden Jahr einen treuen Charakter bescheinigte. Hund nimmt’s mit Humor: „Die zehn Euro haben sich gelohnt.“ Den meisten Wahrsager-Kunden aber ist gar nicht zum Lachen zumute, weiß der erfahrene Wahrsage-Kritiker. Oft sind es existenzielle Probleme, die Menschen zu „paranormalen Dienstleistern“ treiben, und allzu oft werden sie mit trügerischen Hoffnungen abgespeist. Die Skeptiker sehen daher noch eine Menge Aufklärungsarbeit, die es zu leisten gilt.

Fachvorträge

Nicht anders sieht es auf dem Fachgebiet von Dittmar Graf aus, der nicht im Skeptorama, sondern im Rahmen der Fachvorträge referierte. Der Inhaber des Lehrstuhls für Biologie und ihre Didaktik ist gleich in mehreren zugelassenen Schulbüchern auf unkritische Wertungen von Parawissenschaften gestoßen. Da wird etwa die Homöopathie der wissenschaftlichen Medizin als gleichberechtigt gegenübergestellt oder gar als „ganzheitlich“ gelobt, während der wissenschaftlichen Position die undankbare „Dogmatiker“-Rolle zugewiesen wird. Dabei hat der deutsche Bildungsrat schon 1970 die wissenschaftliche Orientierung des Schulunterrichts als Ziel festgeschrieben. Nach Grafs Ansicht gehören Parawissenschaften durchaus in den Unterricht, weil die Schüler im Alltag damit konfrontiert werden. Nur soll die Behandlung explizit kritisch erfolgen. Noch gibt es aber zum Bedauern des Biologie-Didaktikers zu wenig Lehrmaterial zur Schulung des kritischen Denkens.

Einem ganz anderen Thema hat sich der Journalist und GWUP-Pressesprecher Bernd Harder gewidmet. Medjugorje, ein Dorf in den Bergen der Herzegowina, ist der wohl bedeutendste Ort von Marienerscheinungen in der Gegenwart (siehe auch [www.heise.de/tp/r4/artikel/21/21614/1.html]). Was vor 25 Jahren mit den Visionen von sechs Jugendlichen begann, dauert bis heute an. Die „Seher“ leben nicht weltabgewandt hinter Klostermauern, sondern sind ständig vor Ort präsent und zelebrieren ihre „Erscheinungen“ zum Teil öffentlich. Längst ist das 3000-Seelen-Dorf zum Ziel einer gigantischen Wallfahrtsbewegung geworden, die bis heute etwa 25 Millionen Pilger mobilisiert hat. Die Amtskirche beziehungsweise die Bischofskonferenz des ehemaligen Jugoslawien hat sich bislang nur einmal offiziell zu Medjugorje geäußert. Die so genannte Erklärung von Zadar aus dem Jahr 1991 erkennt die "Erscheinungen" weder als übernatürlich an noch verwirft sie sie. Damit ist Medjugorje als "Ort des Gebetes und des Gottesdienstes" anerkannt - nicht aber als Erscheinungsort wie etwa Lourdes oder Fatima.

Inzwischen haben sich auch Parapsychologen wie Giorgio Gagliardi der „Seher“ von Medjugorje angenommen. Sie konnten weder Schwindel noch pathologische Symptome nachweisen, also müssen die Erscheinungen eine paranormale Ursache haben, glauben sie. Bernd Harder ist da allerdings skeptisch: „Die Untersuchungen haben methodische Mängel, es wurden untaugliche Testverfahren angewandt, und die Ergebnisse werden überinterpretiert.“ Zwar schließt Harder nach mehreren Medjugorje-Besuchen einen kompletten Schwindel ebenfalls aus. Aber anders als etwa der Parapsychologe sieht er ein schwer zu entwirrendes Bündel von soziologischen und kirchenpolitischen Faktoren am Werk. Die erste „Erscheinung“ mag auf eine eidetische Begabung der „Seher“ zurückzuführen sein, also auf die Fähigkeit, sich ein Objekt derart anschaulich vorzustellen, als wäre es real in der Außenwelt vorhanden, vermutet Harder. Es liege zumindest der Verdacht nahe, dass die örtlichen Franziskaner, die anstelle von so genannten Weltpriestern (vom Vatikan bzw. Ortsbistum eingesetzte Geistliche) die Pfarrei Medjugorje seit Jahrhunderten betreuen, die Erscheinungen instrumentalisieren, um ihre Position gegenüber dem zuständigen Bischof von Mostar zu stärken. Und nicht zuletzt verstärkte der Pilgerstrom den Erwartungsdruck auf die Kinder enorm, sagt Harder, „Heute ist kaum noch zu unterscheiden, wer was glaubt.“

Bibel-Code und Schulmedizin

Rückgriffe auf religiöse Elemente kommen in den modernen Parawissenschaften immer wieder vor, werden manchmal allerdings bis zur Unkenntlichkeit verformt. Ein solches Beispiel, den „Bibel-Code“, stellte der Kryptografie-Experte Klaus Schmeh (Mitautor dieses Artikels) vor. 1997 erschienen, wurde das gleichnamige Buch des US-Journalisten Michael Drosnin zum Bestseller: Mit über 20 Millionen verkauften Exemplaren hielt es sich 39 Wochen lang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Die Behauptung: In der Bibel sind Ereignisse der nachbiblischen Weltgeschichte, etwa der Zweite Weltkrieg und der Mord an John F. Kennedy in kodierter Form angekündigt. Drosnin „entdeckte“ sie, indem er alle Wortzwischenräume und Satzzeichen des Bibeltextes tilgte und den verbleibenden Text mit beliebiger Zeilenlänge fortlaufend in Großbuchstaben schrieb. Diese Buchstabenliste durchsuchte er kreuz und quer nach Wörtern – und wurde natürlich auch fündig. Allerdings ohne jegliche wissenschaftliche Methode.

Drosnin beruft sich auf den israelischen Mathematiker Eliyahu Rips, der die Namen von bekannten jüdischen Persönlichkeiten der letzten tausend Jahre öfter in der Bibel kodiert fand als statistisch zu erwarten (p = 0,00002). Rips’ Arbeit über „äquidistante Buchstabenfolgen“ wurde 1994 in der anerkannten Fachzeitschrift Journal of Statistical Science veröffentlicht und wird bis heute von Fachleuten diskutiert. Methodisch nachvollziehbar hat sie trotz des überraschenden Ergebnisses mit Drosnins Kreuz-und-quer-Suche nichts zu tun, obwohl der Erfolgsautor dies bis heute behauptet. Inzwischen hat sich Rips ausdrücklich von Drosnin distanziert. Er habe niemals mit Drosnin zusammengearbeitet, noch teile er dessen Schlussfolgerungen. Drosnin versucht inzwischen, mit neuen Büchern an den Erfolg des „Bibel-Code“ anzuknüpfen. 2002 erschien „Der Bibel-Code II“. Klaus Schmeh rät augenzwinkernd: „Wenn Sie das Buch kaufen wollen, tun Sie es schnell, ehe der von Drosnin für 2006 vorhergesagte atomare Holocaust eintritt!“ Ein dritter Band ist bereits angekündigt.

Doch zurück zur Medizin. Neben der alternativen stand auch die Schulmedizin in der Kritik der Skeptiker. Denn sie ist am Boom der „sanften“ Heiler nicht ganz unschuldig, erklärte die Ärztin Gabi Hoffbauer. Trotz großartiger Erfolge weise sie doch etliche Defizite auf. Unter anderem beklagte Hoffbauer den Technisierungs-Trend der Medizin, der zu Lasten des menschlichen Einfühlungsvermögens gehe. Ethisches Denken trete zunehmend hinter einem Machbarkeits-Mythos zurück. Für eigenständige Entscheidungen fehlten den Patienten oft die nötigen Informationen, stattdessen schürten manche Ärzte gezielt die Angst. So ist oft zu hören, dass die Mammografie die Zahl der Brustkrebs-Toten um 25 Prozent senkt. Das Beispiel verschweigt aber, dass es sich um einen relativen Prozentsatz handelt. Die absoluten Zahlen sind weit weniger eindrucksvoll: Von tausend Frauen, die sich regelmäßig einer Mammografie unterziehen, sterben im Laufe von zehn Jahren drei an Brustkrebs, ohne Mammografie sind es vier, der echte Prozentsatz beträgt also nur 0,1. Und es gebe keinen Beleg, dass die Früherkennung von Tumoren das Leben verlängert.

Deshalb wünscht sich Hoffbauer mündige Patienten, die Empathie einfordern und sich einen Arzt suchen, mit dem sie partnerschaftlich zusammenarbeiten können. Ein anderer Referent, der Mediziner Dr. Werner Hessel, pflichtet ihr bei: „Wir brauchen keine Alternativmedizin, wir brauchen eine bessere Schulmedizin.“

Inge Hüsgen

 

Inge Hüsgen ist Mitglied der GWUP und Redaktionsleiterin der Zeitschrift „Skeptiker“.

Klaus Schmeh ist Mitglied der GWUP und Leiter der GWUP-Regionalgruppe Rhein-Ruhr (Rhein-Ruhr-Skeptiker). Und Autor mehrerer Bücher, zuletzt ein wahrsagerkritisches Buch („Planeten und Propheten“), veröffentlicht. Web-Seite: www.schmeh.org.

Weitere Infos: GWUP Konferenz 2006 in Essen



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