Das Sirius-Rätsel Drucken E-Mail

Was wissen die Dogon über Sirius A und B ?

Von Dr. Klaus Richter

Inhalt:

Einleitung
"Un Système Soudanais de Sirius"
Sirius A und B
Weitere Objekte im Sirius-System
Kritik
Anmerkungen

 

Einleitung

Mitte der siebziger Jahre machte das Buch "Das Sirius-Rätsel" von Robert Temple Furore - behauptete Temple doch, daß er aufgrund einer Arbeit der französischen Ethnologen Griaule und Dieterlen herausgefunden hat, daß der in Mali/Westafrika beheimatete Stamm der Dogon uraltes Wissen über das Sirius-System besitzt, das vor langer Zeit von außerirdischen Besuchern auf die Erde gebracht wurde. (1) Die Reaktionen waren vielfältig. Erich von Däniken berichtete bereits 1974 in seinem Buch "Beweise" von Temples Entdeckung. Für ihn war das, was die Dogon anscheinend über das Sirius-System wußten, einmal mehr der Beweis dafür, daß Mythen eigentlich nur Reportagen, Erinnerungen an längst vergangene, aber dennoch reale Besuche Außerirdischer auf der Erde waren. (2) Seitdem haben sich verschiedene Autoren aus dem Bereich der Paläo-SETI-Forschung dieser Thematik angenommen. (3) Aber auch Kritik blieb nicht aus - was nicht anders zu erwarten war, denn die Theorie, die Temple aufstellte, rüttelte doch zu sehr an dem traditionellen Weltbild. Die verschiedensten Argumente wurden vorgebracht, darunter die von Dieter Herrmann vorgetragene Annahme, es handele sich um Wissen, das christliche Missionare den Dogon aus Europa mitgebracht hätten.(4) Aber um was geht es eigentlich? Was löste derart unterschiedliche Reaktionen aus?

1. "Un Système Soudanais de Sirius"

1950 berichteten die Ethnologen Marcel Griaule und Germaine Dieterlen in einem kurzen Aufsatz über rätselhaftes astronomisches Wissen der Dogon und benachbarter Stämme im Hinblick auf den Stern Sirius.(1) Die beiden Wissenschaftler waren von ihrer Entdeckung so verblüfft, daß sie die Informationen, die ihnen von verschiedenen Stammesangehörigen zugespielt wurden, unkommentiert wiedergaben, ohne daran herumzudeuten:

"For our part, the documents gathered together have not given rise to any original hypothesis or research. They have been simply pieced together in such a way that the accounts of the four principal informants are merged into one and the same statement. The problem of knowing how, with no instruments at their disposal, men could know the movements and certain characteristics of virtually invisible stars has not been settled, nor even posed. It has seemed more to the point, under these special circumstances, to present the documents in raw."

Die Dogon wissen von dem Stern "po tolo", dem "Stern des Sigui". Sigui ist identisch mit Sirius und po steht für das kleinste den Dogon bekannte Getreidekorn, dessen botanischer Name "digitaria exilis" lautet. Unter der Bezeichnung "Digitaria" ging denn auch der Stern des Sigui in die einschlägige Literatur ein. Digitaria umkreist einmal alle 50 Jahre den Sigui, er ist unsichtbar und er ist der schwerste Stern. Er bestimmt die Position des Sigui, indem er ihn auf seiner Flugbahn umkreist. Das ist aber noch nicht alles: die Dogon berichteten Griaule und Dieterlen von einem komplexen System, das noch weitere Komponenten enthält: neben Sigui und DigitariaEmme Ya, der größer als Digitaria und viermal leichter als dieser ist. In fünfzig Jahren würde er, ebenso wie Digitaria, in der gleiche Richtung Sigui umkreisen, aber eine größere Umlaufbahn haben. Emme Ya wiederum wird von einem als "Stern der Frauen" bezeichneten Satelliten umkreist. Ein dritter Begleiter, der "Schusterstern", ist sehr viel weiter entfernt und bewegt sich in entgegengesetzter Richtung um Sigui. Diese in der Tat erstaunlichen Erkenntnisse sollen im Hinblick auf neuere astronomische und ethnologische Erkenntnisse auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden. gibt es den Stern

2. Sirius A und B

Das mutmaßliche Wissen der Dogon über den Stern Digitaria, der Sigui (Sirius) auf einer ovalen Umlaufbahn umkreist, scheint sich sich in vieler Hinsicht mit den Erkenntnissen, die die Astronomie in den letzten 130 Jahren über das Sirius-System gewinnen konnte, zu decken. Bereits 1834 fand der Königsberger Astronom Friedrich Wilhelm Bessel Unregelmäßigkeiten in der Eigenbewegung des 8.6 Lichtjahre entfernten Sterns Sirius und vermutete einen Begleiter, der an Sirius zerre, den man aber nicht sehen könne. Basierend auf der Arbeit Bessels machte sich 1862 der Amerikaner Clark auf die Suche nach Sirius und fand den Begleiter dort, wo Bessel ihn vermutet hatte. Es war der erste Weiße Zwerg, der jemals entdeckt wurde, und diese Entdeckung leitete die Erforschung des Lebens der Sterne ein. Heute kennt man zahllose Weiße Zwerge in unserer Galaxie und man weiß, daß sie alles sind, was einmal von einem Stern wie der Sonne übrig bleiben wird.(5) Sirius B konnte 1970 von dem Astronomen I. Lindenblad vom US Naval Observatory sogar fotografiert werden. Sirius B umkreist Sirius A, der zum Spektraltyp A0V gehört und der etwa 2.31 Sonnenmassen in sich vereint, auf einer annährend ovalen Umlaufbahn in etwa 50.12 Jahren. Obwohl er nur etwa so groß wie die Erde ist (exakt: 90%), beträgt seine Masse dennoch ungefähr eine Sonnenmasse - ein Teelöffel der Sirius-B Masse würde auf der Erde ein enormes Gewicht haben. Insofern ist die Übereinstimmung mit dem Wissen der Dogon erstaunlich (6).

3. Weitere Objekte im Sirius-System

Das Wissen der Dogon, wie es Griaule und Dieterlen 1951 beschrieben, beschränkt sich jedoch nicht nur auf Sirius A und B, sondern umfaßt noch weitere Objekte. Sensationell wäre es natürlich, wenn man diese Objekte nachweisen könnte. In dem Beitrag „Neues aus dem Sirius-System“ schrieb ich, daß ich über den CCDM-Katalog auf zwei weitere Komponenten des Sirius-Systems gestoßen bin - Sirius BC und Sirius D.(7) Die Daten, die der Katalog zu diesen Objekten anbietet, gelten jedoch keinesfalls als gesichert, und sie sind auch nicht durch die Hipparcos-Mission der ESA übermittelt worden. Vielmehr wurde der CCDM-Katalog vor dem Start der Hipparcos-Sonde angefertigt, man bezweckte, eine Datensammlung zu schaffen, die man dann später mit den Daten, die Hipparcos zur Erde senden sollte, vergleichen konnte. Leider ist es Hipparcos nicht gelungen, sämtliche Sterne, die im CCDM verzeichnet sind, zu untersuchen (auch Sirius nicht !), so daß der CCDM auch heute noch gebräuchlich ist. Nach dem CCDM-Katalog enthält das Sirius-System jedenfalls 4 Objekte: neben Sirius A und B sind dies noch Sirius BC und D. Sirius BC steht im Zusammenhang mit Sirius B, allerdings ist weder etwas über sein Spektrum noch etwas über seine Natur bekannt. Es könnte sich um einen Roten Zwerg, aber auch um einen Braunen Zwerg handeln.(8)

Braune Zwerge lassen sich als Zwitter zwischen Sternen und Planeten bezeichnen. Einerseits entstehen sie, wie Sterne, aus interstellaren Gas- und Staubwolken und umkreisen in Mehrfachsternsystemen das Zentralgestirn auf sehr exzentrischen Bahnen, andererseits reicht aber die Masse dieser Objekte nicht aus, die Kernfusion zu entfachen, die einen echten Stern ausmacht. Nachdem diese Objekte lange Zeit nur theoretisch vermutet wurden, hat man in den letzten Jahren zahlreiche Braune Zwerge entdeckt. Prominentestes Beispiel ist Gliese 229 B.

Das vierte Objekt, Sirius D, hat eine Magnitude von 14 und das Spektrum A0. Da der Stern sehr dunkel ist, scheint es sich bei diesem Spektrum um einen weißen Zwerg zu handeln. Wie gesagt: die Existenz dieser Objekte ist zur Zeit nicht bewiesen.

Je größer die Magnitude eines Sterns im positiven Bereich ist, desto schwieriger ist der Stern von der Erde aus zu sehen. Je mehr sich die Magnitude dem Nullwert nähert bzw. unterschreitet, desto heller ist ein Stern von der Erde aus gesehen. Sirius BC hat im CCDM die Katalognummer 06451-1643 BC; Sirius D hat im CCDM die Katalognummer 06451-1643 D.

Gedanken über einen weiteren oder sogar mehrere Begleiter von Sirius A machten sich 1991 die französischen Astronomen Bonnet-Bidaud und Gry.(9) Sie gingen der Frage nach, warum Sirius in der Vergangenheit rötlich erschien und stellen unter anderem die Theorie auf, daß mehrere bislang nicht bekannte Begleiter des Sirius dafür verantwortlich sein könnten.(10) Sie nehmen an, daß ein massearmer Begleitstern Sirius A und B auf einer sehr weiten, exzentrischen Umlaufbahn umkreist, und es dann, wenn er A und B am nächsten ist, zu einem Materieaustausch kommen kann, der eine solche Rötung hervorruft. Bonnet-Bidaud und Gry schätzen die Masse zwischen 0.08 und 0.1 Sonnenmassen. Eine weitere Hypothese für die Rötung des Sirius ist eine "Bok Globule", eine kleine, sehr dunkle kosmische Staubwolke, die Sirius über mehrere Jahrtausende hinweg passierte. (11) Mittels einer neuartigen Fototechnik gelang es den Astronomen, neun ansonsten nicht sichtbare Sterne zu erkennen. Davon könnten zumindest zwei in Zusammenhang mit Sirius A stehen. Bei beiden handelt es sich um ausgesprochen massearme Rote Zwerge, beide mit einer Magnitude über 18, die 205 bzw. 165 AU von Sirius A entfernt sein könnten. Diese Daten sind jedoch, so gestehen es die Autoren selbst zu, mit großer Vorsicht zu genießen, da es sich bei den scheinbaren Begleitern des Sirius auch durchaus um entferntere Sterne handeln könnte.

Konkretere, wenn auch immer noch hypothetische Angaben machten 1995 die französischen Astronomen Benest und Duvent.(12) Sie gingen Unstimmigkeiten in den Bewegungen von Sirius A und B nach, die alle 6 Jahre auftreten, und stellten sich die Frage, wie denn ein Begleitstern beschaffen sein muß, der solche Störungen verursachen kann. Sie stützten sich dabei auch auf umstrittene Beobachtungen eines weiteren Sternes, den sie „Sirius C“ nannten - solche Beobachtungen sind mehrfach zwischen 1920 und 1930 gemacht worden. Wichtige Voraussetzung war die Stabilität des Systems - keine leichte Aufgabe, doch Benest ist Fachmann auf diesem Gebiet, hat er sich doch in mehreren Arbeiten ausführlich mit Planetenbahnen bei Doppelsternen befaßt.(13) Instabil war auf jeden Fall ein sechs Jahres-Orbit um Sirius B - die größtmögliche Zahl wäre hier 4 Jahre gewesen.(14) Aber bei Sirius A sah es anders aus. Benest und Duvent entwarfen ein Modell, in dem ein Roter Zwerg des Spektraltyps M5, mit einer Magnitude zwischen 15 und 20 und von maximal 0.05 Sonnenmassen, Sirius A in etwa 6 Jahren umkreist. Ein solches System halten sie theoretisch für möglich und regen die Suche nach Sirius C an, um den endgültigen Beweis für seine Existenz zu erbringen. Robert Temple schrieb in der neuesten Auflage seines Buches „The Sirius Mystery“, daß die Entdeckung von Sirius C von Benest und Duvent bestätigt worden sei.(15) Das ist natürlich nicht zutreffend, denn alles, was Benest und Duvent getan haben, ist die Aufstellung einer sehr plausiblen Theorie zur Erklärung von Bahnstörungen im System Sirius A-B. Man darf gespannt sein, ob weitere Entdeckungen im Sirius-System mit den Kenntnissen der Dogon identisch sind. Das dürfte allerdings schwierig werden, da die Dogon Emme Ya zwar als größer, aber auch viermal leichter als Digitaria beschreiben. Rote Zwerge sind zwar größer als Weiße Zwerge, aber höchstwahrscheinlich sind die im Sirius System vermuteten Sterne noch sehr viel leichter als die Dogon vermuten. Somit geben die bislang bekannten Daten wenig Anlaß zur Hoffnung, daß das Sirius-System, wie Griaule und Dieterlen es 1951 vorstellten, tatsächlich existiert.

Ein Brauner Zwerg im Sirius-System ?

Wie gezeigt, lassen manche indirekte Beobachtungen des Sirius die Existenz von mindestens einem weiteren Begleiter neben Sirius B vermuten. Ein solcher Stern, der sehr schwach leuchten müßte, könnte die Farbänderungen des Sirius erklären, wie sie in alten Texten erwähnt wird. Jetzt haben Astronomen des CEA (Service of Astrophysics) und des Observatoire de Paris zwei Bilder des Himmels in der Umgebung von Sirius ausgewertet. Bei beiden Aufnahmen, die im Abstand von 13 Jahren aufgenommen wurden, wurde das grelle Licht des Sterns ausgeblendet - mit dieser künstlichen Sonnenfinsternis lassen sich auch lichtschwache Objekte in der Nachbarschaft des Sterns entdecken. Das erlaubt den Astronomen, die Positionsveränderungen von Sternen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Sirius genau zu messen. Das Ergebnis: Keiner der Sterne zeigt eine ausreichende Eigenbewegung, die einen weiteren stellaren Begleiter vermuten lassen. Wenn es also weitere Begleiter gibt, dann, so folgern die Astronomen, kann es sich nur um einen oder mehrere Braune Zwerge handeln (15b).

4. Kritik

Die von Temple augestellte von in der Paläo-SETI vertretene Hypothese, die Dogon hätten ihre detaillierten Kenntnisse über Sirius von außerirdischen Besuchern erhalten, ist in der letzten Zeit erneut unter Beschuß geraten. Dafür gibt es mehrere Gründe.

a. Mythologie

Die Kritik stützt sich vor allem darauf, daß Griaule und Dieterlen allein in dem Aufsatz "Un Système Soudanais de Sirius" von Sirius sprechen, während davon in den für die Afrikanistik sehr wichtigen Buch "Conversations with Ogotemmeli" überhaupt keine Rede mehr ist. Manch einer meint sogar angesichts der Tatsache, daß das Sirius-Wissen der Dogon nur in "Un Système .. " auftaucht, es gäbe gar kein Sirius-Wissen bei den Dogon. Auch andere Werke, die sich mit der Kultur der Dogon befassen, erwähnen nichts von Sirius und seinen Begleitern. (16) In "Ogotemmeli" wird Digitaria als Getreide beschrieben, und zwar als das kleinste, härteste und kompakteste unter allen, nicht jedoch in Beziehung zu einem bestimmten Stern gebracht; die Sterne als solche sind nur verspritzte Tonreste des Schöpfers und spielen keine Rolle:

'He (Ogotemmeli) was only prepared to speak of the serviceable solar system; he agreed to consider the stars, though they only played a secondary part...The stars came from pellets of earth flung out into space by the God Amma, the one God.' (17)

Halten wir zunächst fest: Griaule und Dieterlen hatten, als "Un système ..." erschien, bereits sehr lange Kontakt mit den Dogon, wurden jedoch zunächst nicht in das eigentliche Wissen der Dogon eingeweiht. Eine Abkehr von dem Artikel "Un système ..." nahm Griaule bereits 1952 in "Le Savoir Des Dogon" vor.(18) Mitten in diesem Artikel hat Griaule die Richtung gewechselt. Auf Seite 27, Anm. 7, scheint das Sirius-Wissen noch der höchsten Wissenstufe der Dogon anzugehören; auf S. 33, Anm. 3 stellt Griaule dann fest, daß es Differenzen zu dem Wissensystem der Priesterin Innekouzou gibt, die für das Siriuswissen verantwortlich war. Weiter schreibt er, daß diese Priesterin 1951 verstorben ist und daß sie 1949 damit beginnen wollte, die Basis dieses Wissens zu verraten, aber nur durch zwei Frauen ihrer Generation im Amt vertreten wurde. Das ist das letzte Mal, daß Griaule das Wort "Sirius" zu Papier brachte.
Griaule hatte sich im übrigen in dem auf den Gesprächen mit dem alten Jäger Ogotemmeli aufbauenden Buch "Conversations with Ogotemmeli" ausdrücklich von den bisherigen Publikationen distanziert. In "Conversations with Ogotemmeli" wird jedoch nicht gesagt, daß die bisherigen Publikationen nichts mehr wert seien. G. Dieterlen differenziert im Vorwort zwischen "deep knowledge" und "simple knowledge." Griaule und Dieterlen weilten seit 1931 unter den Dogon, aber erst 1947/48 wurde Griaule von Ogotemmeli das "deep knowledge" der Dogon mitgeteilt. Alles, was sie bisher erfuhren, war "simple knowledge" ("la parole de face"). Dieterlen schreibt ausdrücklich:

"Publications of information obtained before the studies in 1948 relate to this first level of interpretation."

Das Problem ist insgesamt, daß sich das, was Griaule für die wichtigsten Aussagen des Dogon-Weltbildes hielt, mehrmals geändert hat: Drei Phasen seiner Forschung lassen sich unterscheiden: 1931 bis 1948 dokumentierte er vor allem die materiellen Aspekte des Lebens der Dogon. Die zweite Phase begann, als Ogotemmeli, ein alter Jäger, Griaule im Einvernehmen mit den Stammesältesten in das tiefere Dogon-Wissen einführte. Ogotemmeli, der gewiß nicht der letzte Eingeweihte der Dogon war, eröffnete Griaule in 33 Tagen ein hochentwickeltes Weltbild, nach dem sich die Schöpfungsprozesse und eine komplizierte Zahlensymbolik in allen täglichen Handlungen der Dogon wiederspiegeln. Seine Annahme, damit sei nun das Wesentliche über die Lehre der Dogon bekannt, stellte sich als verfrüht heraus, denn anschließend entdeckte Griaule ein noch weitaus komplexeres Weltbild, das sich von dem Ogotemmelis in wesentlichen Punkten unterschied. Hier kommt den Sternen, die bei Ogotemmeli nur eine zweitrangige Rolle spielten, eine wesentliche Bedeutung zu, insbesondere auch dem Siriussystem. Veröffentlicht wurde dieses Weltbild von Dieterlen nach dem Tode Griaules in dem Buch "Le renard pâle." Dieses Buch ist, wenn es um quellenkritische Analyse der Dogonmythen geht, das wichtigste aller Bücher Griaules und Dieterlens zu diesem Thema. Die Astronomie steht hier jedoch nicht im Vordergrund, sondern um eine außerordentlich komplexe Schöpfungsgeschichte. Ergänzend dazu ist der Artikel "Un Système Soudanais de Sirius" zu sehen.(27) Haben Griaule und Dieterlen die Beziehung zu Sirius B mehr oder weniger ex kathedra hergestellt? Sie selbst schreiben dazu in "Un Système ...":

"For our part, the documents gathered together have not given rise to any original hypothesis or research. They have been simply pieced together in such a way that the accounts of the four principal informants are merged into one and the same statement. The problem of knowing how, with no instruments at their disposal, men could know the movements and certain characteristics of virtually invisible stars has not been settled, nor even posed. It has seemed more to the point, under these special circumstances, to present the documents in raw."

Das spricht eindeutig gegen eine eigenmächtige Unterstellung seitens Griaule und Dieterlen.
Bleibt natürlich die Frage, woher die Dogon, die in den vierziger Jahren Griaule und Dieterlen etwas über Sirius und seine Begleiter erzählten, dieses Wissen her hatten. Etwa von europäischen Reisenden?

Neben Sirius kennen die Dogon Jupiter und vier seiner Monde, kennen Saturn und seine Ringe, bezeichnen ihn als Grenze zur Milchsraße, die sie wiederum, sehr zutreffend, als eine Vielzahl von Sternen und Welten interpretieren. Kritiker weisen oft darauf hin, daß man mit bloßem Auge so manches, was die Dogon (angeblich) wissen, sehen kann: die vier Monde des Jupiter, die Ringe des Saturn und Sirius B. Hinsichtlich der vier galileischen Jupitermonde mag dies zutreffen, allerdings nur bei einem geübten Auge, dessen Besitzer weiß, wonach man zu suchen hat. Die Saturnringe sind mit bloßem Auge schwerlich zu erkennen, sie wurden erst im 17. Jahrhundert durch Huygens und Cassini mittels eines Teleskops nachgewiesen. Und Sirius B? Sirius B soll nach Adams (26) mit einer Magnitude von 8.7 für die Dogon aufgrund ihrer dunklen Augen ohne Hilfsmittel sichtbar gewesen sein. Nun, zunächst hat Sirius B eine Magnitude von etwa 11, zum anderen steht er, von der Erde aus gesehen, so dicht bei Sirius A, daß man ihn kaum sehen könnte, wenn er heller wäre. Dankenswerterweise räumt Ortiz de Montellano (19) mit dieser Vorstellung auf.

Dagegen sprechen zumindest keine vernünftigen Gründe, und man löst das Problem nicht, indem man es polemisch beiseite wischt. Das astronomische Wissen der Dogon könnte sehr wohl von einem durchreisenden Europäer stammen, der mit den Dogon eine Art "Legendenaustausch" vornahm und so dazu beitrug, daß astronomisches Wissen in die Mythologie der Dogon Einzug fand. Verwirrend dabei ist allerdings, daß die Dogon einerseits Sirius B kennen, andererseits aber Saturn für die Grenze zur Milchstraße halten. Als 1844 Sirius B erstmals indirekt nachgewiesen wurde, war die Grenze zum Sonnensystem der Planet Uranus. Ein Besucher des späten 19. Jahrhunderts hätte sogar Neptun gekannt. So verwirrend und unerklärlich das auch sein mag - ein Indiz für einen Besuch durch Außerirdische ist es nicht. Diese hätten den Dogon nämlich erklärt, daß nicht weiße Zwerge, sondern Neutronensterne als dichteste existierende Sterne gelten, daß Jupiter statt vier insgesamt sechzehn Monde hat und der Außenposten des Sonnensystems ein kleiner Eisbrocken namens Pluto ist. Der Physiker Markus Pössel bietet verschiedene, allerdings ebenso spekulative Erklärungsmöglichkeiten für die Frage nach den mysteriösen Besuchern der Dogon an (27) :

  • Der Leutnant der französischen kolonialen Infanterie, Louis Deplanges, der die Dogon zwischen 1903 und 1906 besuchte und erste Forschungen vornahm, allerdings im wesentlichen hinsichtlich der Dogon-Masken.
  • Die französische Kolonialverwaltung, die nicht nur Schulen einrichtete, sondern auch 1907 eine Telegrafenleitung errichtete.
  • Teilnahme der Dogon als französische Soldaten am 1. Weltkrieg 1914 bis 1918 (ob man aber in den Schützengräben Flanderns gerade über Sirius philosophiert hat, darf bezweifelt werden).
  • Der Völkerkundler Robert Arnaud, der die Dogon 1921 besuchte, sowie Kolonialbeamte, die eigene ethnologische Forschungen durchführten.
  • Unregelmäßiger Kontakt der Dogon mit christlichen Missionaren seit den 20er Jahren (was nicht bewiesen ist).
  • Der ungarische Astronom István Guman vermutet sogar eine astronomische Expedition, die 1893 zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis nach Mali kam, als Urheber des Sirius-Wissens. Die Asronomen waren nicht im Land der Dogon, doch das Sirius-Wissen hätte über das Volk der Bambara, einem Nachbarvolk der Dogon, zu den Dogon gelangen können. Dann allerdings muß man sich über die sonst rudimenträren astronomischen Kenntnisse der Dogon wundern.(28) Im übrigen verwundert es schon, warum ausgerechnet die Dogon Kenntnisse über den Sirius erlangt haben sollen, nicht aber andere Stämme, insbesondere die, in deren Gebiet sich die Astronomen aufhielten.
  • Wenn man sich mit den Dogon und ihrem Siriuswissen befaßt, stößt man sehr bald auf zwei wichtige Arbeiten: Ortiz de Montellano: The Dogon People Revistited (19) und Walter van Beek: Dogon Restudies. A Field Evaluation of the Work of Marcel Griaule (20). Van Beek ist ein belgischer Ethnologe und hat von 1979-1990 bei den Dogon gelebt und gearbeitet, und hat schließlich seine Ergebnisse in Aufsätzen veröffentlicht. Van Beek war in all den Jahren ebenfalls aufgefallen, daß sich die Sirius-Thesen von Griaule und Dieterlen bei den Dogon beim besten Willen nicht finden lassen wollen. Besonders die Darstellungen in 'Le Renard Pale' haben eine neue und ernsthafte Überprüfung dieser Aussagen notwendig gemacht. Van Beek hat zunächst feststellen müssen, daß die Sterne keine besondere Rolle in der Mythologie der Dogon spielen. Exakt das steht schon in "Conversations with Ogotemmeli," aber auch in "Le Renard Pâle." Van Beek machte nicht nur Griaules Gewährsmänner ausfindig, sondern auch den Übersetzer, der zwischen Griaule und den Einheimischen agierte. Diesen hat er die Frage nach Sirius und Sirius B gestellt, wofür er nur mit fragenden Blicken belohnt wurde. Keiner von ihnen konnte damit etwas anfangen. Sie kannten nicht einmal die Begriffe sigi tolo oder po tolo. Die Dogon kennen natürlich Sirius und haben auch den anderen Sternen im Sternbild des Hundes Namen gegeben,(21) und auf genau diese Sterne hätten sie damals gezeigt, als sie Griaule über dieses Sternbild berichteten! Das berichtet der Übersetzer von Ambara van Beek immerhin höchstpersönlich. Van Beek fragt nochmal nach, ob ihnen nicht ein unsichtbarer Begleiter des Sirius bekannt sei, erntet aber erneut nur Blicke aus großen Augen. Er folgert daraus, daß Griaule hier etwas hineininterpretiert hat, was es bei den Dogon nicht gibt, nämlich Kenntnisse über ein Doppelsternsystem in unserer kosmischen Nachbarschaft.
    Van Beek fand nicht nur nichts über Sirius, er konnte sogar die gesamten komplexen Weltbilder, die Griaule und Dieterlen durch Ogotemmeli und die anderen Gewährsleute der Dogon offenbart wurden, nicht wiederfinden. Statt dessen fand er eine Religion mit Opferritualen, Zauberern und Schamanen sowie Maskenritualen und Totenverehrung, die durchaus nicht ungewöhnlich im afrikanischen Kontext sind. Griaule und van Beek widersprechen sich entschieden. Wie läßt sich der Konflikt lösen? Hat man van Beek mit dem einfachen Wissen abgespeist, ihm keinen Zugang zu dem "Deep Knowledge" verschafft? (29) Das Problem war aber, das van Beek selbst hier keine Bestätigung für Griaules Forschungsergebnisse vorfand. Statt dessen zeichnet sich ab, daß es sich bei den "Conversations" und bei "Le Renard Pâle" um eine komplexe Schöpfungsgeschichte handelt, an deren Entstehung Griaule und Dieterlen nicht unmaßgeblich beteiligt waren. Tatsächlich schien Griaule nicht als ein Schüler, der von den Dogon lernen wollte, aufzutreten, sondern als Detektiv, der, je nach Situation, mit List oder Strenge an die wirkliche Information herankommen wollte. Er war überzeugt von einem einheitlichen Weltbild der Dogon und richtete danach seine Befragung aus, anscheinend im Ungewissen darüber, daß es bei ethnologischen Forschungen zu einer Wechselwirkung zwischen den Befragten und den Fragenden kommen kann. Griaule genoß hohes Ansehen bei den Dogon, und er scheint dieses Ansehen sogar ausgespielt zu haben, um an wichtige Informationen zu gelangen. Eine Rolle schien auch die Diskussionskultur der Dogon gespielt zu haben, die es nicht erlaubte, daß am Ende einer Diskussion kein Konsens vorhanden war. Regelmäßig gab der Rangniedere nach und überließ dem Ranghöheren das Feld. Hier scheint es auch zu Wechselwirkungen mit Griaules Forschungsmethoden gekommen zu sein (27). Darüberhinaus hat die Dogon-Kultur einen wesentlichen Unterschied zum Kulturkreis Marcel Griaules: Die Dogon kannten und kennen keine schriftlichen Überlieferungen, die Darstellung ihrer Mythen erfolgt nicht in umabänderlicher Wiederholung, sondern ist eine kreative Handlung des Erzählers. So ist jede Schilderung der Dogon-Mythen zugleich auch die ganz persönliche Darstellung und Interpretation durch den Erzähler. Dies war Griaule offenbar nicht bewußt, denn er hat die persönliche Version eines Gewährsmanns zum allgemeinen Wissen der Dogon erhoben.
    Und Sirius? Die Dogon scheinen nichts über einen Doppelsternsystem Sirius zu wissen. Vielmehr könnte es hier zu einem Mißverständnis zwischen Griaule und den Dogon gekommen sein, die von verschiedenen Generationen von Sternen sprachen und dabei Sterne meinten, die - sichtbar ! - im Sternbild Großer Hund stehen. Aber andererseits würde ein solches Mißverständnis nicht das "Weltei" erklären, das nun einmal Ähnlichkeiten zum Sirius-System aufweist, wie es Bessel im 19. Jahrhundert nachwies.
    Die Feststellung van Beeks, es gäbe kein geheimes Wissen bei den Dogon, alles stünde auch den Weißen offen, könnte nur bedingt richtig sein. Germaine Dieterlen schreibt in "Conversations with Ogotemmeli:

    "In African societies which have preserved their traditional organization the number of persons who are trained in this knowledge is quite considerable. This they call 'deep knowledge' in contrast with 'simple knowledge' which is regarded as 'only a beginning in the understanding of beliefs and customs' that people who are not fully instructed in the cosmogony possess. (...) It is in fact open to all who show a will to understand so long as, by their social position and moral conduct, they are judged worthy of it. Thus every family head, every priest, every grown-up person responsible for some small fraction of social life can, as part of the social group, acquire knowledge on condition that he has the patience and, as the African phrase has it, 'he comes to sit by the side of the competent elders' over the period and in the state of mind necessary. Then he will receive answers to all his questions, but it will take years."

    Ist van Beek also mit dem "leichten Wissen" der Dogon abgespeist worden? Dann hätte van Beek zumindest in diesem Bereich die Forschungsergebnisse Griaules bestätigen müssen. Doch das ist nicht der Fall, weder konnten Übereinstimmungen bei der Bedeutung des Sirius bei der Berechnung des Sigui-Datums noch hinsichtlich des Namens po tolo für Sirius gefunden werden.

    Das Sigui-Fest war von Anfang an eine Achillesferse des Sirius-Rätsels. Bei Temple, Däniken und den übrigen grenzwissenschaftlichen Autoren, die sich mit diesem Thema befaßt haben, liest man immer wiedre, das Sigui-Fest finde alle fünfzig Jahre statt, es entspreche einem Umlauf des Sirius B um Sirius A, daher feierten die Dogon dieses Fest (27a). Das hat bereits der Informant von Griaule und Dieterlen so berichtet. In Wirklichkeit findet das Sigui-Fest alle sechzig Jahre statt.

    Die gründlichen Untersuchungen van Beeks weisen darauf hin, daß die angeblichen Überlieferungen der Dogon über das Siriussystem nicht eigentlich in ihre Mythologie gehört, sondern durch die Befragungsweise Griaules mitbegründet worden ist. Damit fällt die Annahme, die Dogon besäßen ein geheimes Wissen über Sirius B wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

    b. Astronomie

    Darüber, daß von Astronomen vermutete, hypothetische Begleiter des Sirius nicht so recht in das von den Dogon dargestellte System passen, wurde bereits gesprochen. Es gibt aber noch weitere Argumente, die das beeits durch van Beek bestrittene Sirius-Wissen der Dogon in Frage stellen können. Da wäre zunächst einmal Sirius A - der Hauptstern des Systems. Wie wir gesehen haben, handelt es sich um einen sehr heißen Stern, der das doppelte der Sonnenmasse in sich vereint. Kann es hier Planeten geben, die die Enstehung intelligenten Lebens ermöglichen? Zwar hat Benest nachgwewiesen, daß es durchaus stabile Planetenorbits im Sirius-System geben könnte - auch zwischen Sirius A und B - doch erscheint die Annahme, es könnte hier Planeten geben, angesichts der Hinweise auf einen weiteren stellaren Begleiter in der Nähe von Sirius A bedenklich, eher sogar unwahrscheinlich.(22)

    Es gibt nach Benest zwei stabile Orbits um Sirius A innerhalb des Paares Sirius A und B: ein Orbit mit einer Umlaufzeit von 0.69 Jahren (viel zu dicht) und 6.635 Jahren (zu weit entfernt). Nicht ausgeschlossen werden kann die Existenz weiterer Planeten jenseits der Umlaufbahn von Sirius B; diese Welten dürften dann allerdings den äußeren Planeten des Sonnensystems entsprechen.

    Außerdem ist Sirius A nicht nur zu jung, sondern auch zu kurzlebig, um die Entstehung intelligenten Lebens auf einem erdähnlichen Planeten zu ermöglichen - jedenfalls, solange wir von einer Evolution ausgehen, die mit unserer vergleichbar ist. Ebenso wie bei der Sonne gibt es auch bei Sirius eine bewohnbare Zone, eine "habitable zone" (HZ): Wenn sich hier terrestrische Planeten befinden, können sie die für höheres Leben erforderlichen Bedingungen wie beispielsweise flüssiges Wasser an der Oberfläche bieten. Bei der Sonne, einem Hauptreihenstern des G-Spektrums, liegt der optimale Bereich der HZ in einer Entfernung von 1 AE von der Sonne: Genau dort, wie sich die Erde im Sonnensystem befindet. Das wird nicht immer so bleiben: Wenn sich die Sonne in einigen Jahrmilliarden zu einem roten Riesen aufbläht, wird sich die HZ nach auswärts verlagern, jenseits der Umlaufbahn des Mars, denn dann ist die Sonne sehr viel heißer und heller als es gegenwärtig der Fall ist. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird auf der Erde alles Leben erlöschen (23).
    Sirius ist massereicher als die Sonne (24), er gehört dem Spektraltyp A0V an, ist demnach auch wesentlich heißer als die Sonne. Für die HZ hat das folgende Konsequenzen: (1) Sie liegt in größerer Entfernung von Sirius als es in unserem Sonnensystem der Fall ist und (2) sie verlagert sich schneller nach auswärts, da Sirius aufgrund seiner größeren Masse kurzlebiger als die Sonne ist. Die Sonne bleibt über einen Zeitraum von 10 Milliarden Jahren nach ihrer Geburt stabil. Ein Stern, der 50% mehr Masse als die Sonne besitzt, wird bereits nach 2 Milliarden Jahren zu einem Roten Riesen anschwellen und mögliches Leben auf einem Planeten innerhalb seiner HZ vernichten. Sirius ist noch massereicher, er tritt demnach noch früher in das Stadiujm des roten Riesen ein. Angenommen, in der HZ des Sirius befände sich ein terrestrischer Planet und dieser wäre in seiner Umlaufbahn durch Sirius B nicht gestört worden, so könnte sich dort Leben entwickelt haben. Nun können wir leider nur auf die Evolution des Lebens auf der Erde zurückgreifen, denn wir kennen nur diese eine. Die Evolution des irdischen Lebens zeigt uns deutlich, dass hochentwickelte Lebensformen erst relativ kurz auf der Erde existieren, nämlich seit 550 Millionen Jahren. Das Leben entstand nach gegenwärtigem Kenntnisstand vor 3.8 Milliarden Jahren. Es gab auf der Erde also für 3.25 Milliarden Jahren nur einfachste Lebensformen. Überträgt man diese Zeitspanne auf Sirius, so ist klar, dass Sirius längst zu einem roten Riesen angeschwollen wäre, bevor es überhaupt zur Entstehung höheren Lebens auf einem seiner Planeten gekommen wäre. Es besteht also zunächst eine hohe Wahrscheinlichkeit, nur mikrobielles Leben im Sirius-System anzutreffen. Und vermutlich nicht einmal das: Da Sirius massereicher als die Sonne ist, strahlt er weitaus mehr UV-Licht als die Sonne ab. UV-Licht aber zerstört die Bindungen der meisten biologischen Moleküle, zudem kann es auf die Atmosphäre erdähnlicher Planeten katastrophal wirken: Im oberen Bereich der Atmosphäre wird das UV-Licht stark absorbiert und kann zum Abbau der Atmosphäre führen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass sich bei massreichen Sternen keine erdähnlichen Planeten mit Atmosphäre und Wasserozean bilden können. Zu guter letzt steht noch eine charakteristische Eigenschaft des Sirius Systems der Bildung erdähnlicher Welten und der Evolution höheren Lebens entgegen: Sirius ist ein Doppelsternsystem. Zwar können sich auch in Doppelsternsystemen Planeten bilden, doch geht man neuerdings davon aus, dass dies nur bei Sternen der Fall ist, deren Abstand mindestens 50 AE beträgt. Je näher zwei Sterne wie im Falle Sirius stehen, desto eher besteht die Wahrscheinlichkeit, dass beide Sterne auf die Umlaufbahn eines Planeten einwirken und ihn schlimmstenfalls aus dem System rauskatapultieren. Höheres Leben aber braucht gerade einen Planeten mit einer über einen sehr langen Zeitraum stabilen Umlaufbahn. Man darf auch nicht übersehen, dass Sirius B bereits ein weißer Zwerg ist, also seinen Sternentod schon gestorben ist. Dieses Ereignis hätte sich mit Sicherheit katastrophal auf einen bewohnten Planeten ausgewirkt (25).

    Halten wir also fest:

  • Sirius A ist massereicher als die Sonne, er wird wesentlich früher als die Sonne in das Stadium des roten Riesen eintreten. Seine HZ wird sich demnach auch wesentlich früher nach außen verschieben. Es ist unwahrscheinlich, dass hypothetisches Leben zu diesem Zeitpunkt über das mikrobielle Stadium hinausgekommen ist.
  • Sirius A strahlt weitaus mehr UV-Licht als die Sonne ab. UV-Licht wirkt sich zerstörend auf Atmosphären erdähnlicher Planeten aus.
  • Sirius ist ein Doppelsternsystem, Planeten haben keine stabile Umlaufbahnen.
  • Zu berücksichtigen ist auch die stellare Evolution des Sirius B.
  • Es ist also höchst unwahrscheinlich, dass sich auf einem hypothetischen Planeten des Sirius A (oder B) intelligentes Leben mit der Fähigkeit entwickelt hat, eine technische, raumfahrende Zivilisation zu gründen.

    c. Raumfahrt

    Gehen wir dennoch einmal als Gedankenspiel davon aus, es habe sich im Sirius System eine technische Zivilisation entwickelt: Wird sie mit Raumfahrzeugen die Erde besuchen? Eine Entfernung von acht Lichtjahren hört sich, wenn man in kosmischen Maßstäben denkt, sehr gering an. Doch die Entfernung ist bereits so gewaltig, daß unsere Vorstellungskraft nicht mehr ausreicht. Nehmen wir ein einfaches Modell als Grundlage, um uns eine Vorstellung von kosmischen Distanzen machen zu können. Das Sonnensystem soll darin die Größe von 1:100 Milliarden haben, so daß 1cm im Modell einer Entfernung von 1 Millionen Kilometer in der Natur entspricht (30). Die Sonne hat danach einen Durchmesser von 1.4 cm, die Erde wäre 1.5 m, der Jupiter 8 m und Pluto 59 m entfernt. Der Durchmesser der Erde betrüge 0.1 mm, Jupiter wäre 1.4 mm groß, Pluto dagegen nur 0.02 mm. In diesem Modell wäre unser Nachbarstern Alpha Centauri 410 km, Sirius dagegen bereits 820 km entfernt. Das hört sich, verglichen mit unseren gewohnten irdischen Maßstäben, durchaus machbar an. Gehen wir dazu nochmals in unser Modellsonnensystem. Die bislang längste von Menschen durchgeführte Reise in der Geschichte ist das amerikanische Mondflugprogramm. Eine beeindruckende Leistung! Setzen wir diese in unser Modell ein, dann wird klar, welch ungeheuere Distanzen bereits unser Sonnensystem aufweist: Der Mond wäre von der Erde nur 0.384 cm entfernt ! Jetzt erst wird einem die Herausforderung klar, die sich bereits für einen bemannten Marsflug stellt - von eine Reise zu den Sternen ganz zu schweigen. Die Sterne, die für uns unverrückbar am Nachthimmel stehen, sind unvorstellbar weit entfernt. Dennoch ließe sich eine solche Reise theoretisch bewerkstelligen. Theoretische Pläne gibt es bereits jetzt. Doch um Menschen innerhalb ihrer Lebenszeit zu den fernen Orten zu bringen, muß man sich der Lichtgeschwindigkeit - 299792.458 km/s - annähren. Theoretisch wäre dies durch ein sogenanntes "Stauschaufelraumschiff" möglich. Der erforderliche Treibstoff - Wasserstoff - wird mittels einer großen "Schaufel" direkt aus dem All aufgesaugt, man könnte so in der Tat beinahe Lichtgeschwindigkeit erreichen und so im Lebensalter eines Menschen beispielsweise zum Sirius hin- und wieder zur Erde zurückfliegen. Doch es stellen sich zwei Probleme: Erstens läuft die Zeit an Bord des Raumschiffes langsamer als auf der Erde. Dieses als Zeitdilatation bezeichnete Phänomen ergibt sich aus Einsteins spezieller Relativitätstheorie, sie wurde auch schon experimentell bestätigt (31). Je weiter man mit einem solchen "Relativitätsraumschiff" in das Weltall vordringt, desto stärker wirkt sich der Effekt aus. Theoretisch könnte man so in etwa 20 Jahren zum Zentrum unserer Galaxie reisen, doch auf der Erde wären inzwischen 30.000 Jahre vergangen. Bei einer Reise zum Sirius würde sich die Zeitdilatation nicht so dramatisch auswirken, wäre aber dennoch für Reisende und Zurückgebliebene spürbar. Das zweite Problem ergibt sich aus Einsteins berühmter Formel "e=mc2": Je mehr man sich mit einem Raumschiff der Lichtgeschwindigkeit annährt, desto größer wird die zu bewegende Masse. Das aber bedeutet, daß man entsprechend mehr Energie benötigt, um beschleunigen zu können. Bislang läßt sich nicht klären, wie man die dafür erforderlichen Energiemengen aufbringen könnte. Außerdem darf nicht übersehen werden, daß Flüge im Weltraum durch äußere Einflüsse gefährdert sein können. Man stelle sich vor, ein beinahe lichtschnelles Raumschiff wird unterwegs von einem kleinen Meteoriten getroffen: Bei der hohen Geschwindigkeit wären die Folgen katastrophal. Man könnte sich natürlich eine Art Schutzschild vorstellen, doch würde dieser wiederum Energie benötigen. Sollte es gelingen, alle diese Probleme zu lösen, wäre ein Flug zu den Sternen immens teuer. Es fragt sich, ob es sich eine Zivilisation überhaupt leisten kann und will, derartige Risiken und Bürden auf sich zu nehmen. Man könnte natürlich an Generationenschiffe denken, die mit Unterlichtgeschwindigkeit fliegen, doch stellt sich auch hier das Problem der Motivation. Immerhin würde ein solcher Flug mehrere Generationen dazu zwingen, in einer künstlichen Umgebung mit dem Wissen zu leben, niemals auf einem Planeten existieren zu können. Würde man dieses Wagnis auf sich nehmen, nur um zu einer fernen Sonne zu fliegen, um die ein erdähnlicher Planet kreist, mit dem möglichen Ziel, dort zwar zu forschen, aber dann weiterzufliegen oder an den Ausgangspunkt zurückzukehren (32)? Ein schwer vorstellbarer Gedanke. Sinnvoll wäre einzig und allein die Aussendung von interstellaren Raumsonden in ferne Sonnensysteme, deren einzige Aufgabe es ist, zu beobachten, Daten zu sammeln und diese dann in regelmäßigen Abständen in das Heimatsystem zurückzuschicken. Dabei besteht natürlich auch wieder das Problem der enormen zeitlichen Abstände, machbar wären solche Missionen aber. Es ist eine Frage, ob außerirdische Zivilisationen solche Sonden ausgesandt haben und sich vielleicht auch unser Sonnensystem als Ziel ausgesucht haben - der SETI-Mitarbeiter Alan Tough schlägt die gezielte Suche nach solchen Sonden vor. Eine ganz andere und höchst spekulative Frage ist, ob solche hypothetischen Sonden über ihren Beobachtungsauftrag hinaus Einfluß auf die Kultur ihrer Studienobjekte nehmen sollen. Bevor man an diese Möglichkeit denkt, sollte man erst einmal solche Sonden eindeutig nachweisen (33) .

    d. Fazit

    Der belgische Ethnologe Walter van Beek fand durch jahrelange Studien heraus, daß das angebliche Sirius-Wissen der Dogon nicht existiert und Marcel Griaule die Befragung der Dogon methodisch fehlerhaft durchgeführt hat. Derzeit gibt es eigentlich nur eine wissenschaftlich nachprüfbare Optionen: Marcel Griaule hat die Dogon fehlerhaft befragt und so Informationen suggeriert, Astronomen haben darüber hinaus das angeblich komplexe Siriussystem nicht bestätigen können. Das ist mehr als ein Grund, um endlich Abschied vom "Sirius-Rätsel" zu nehmen.

    5. Anmerkungen

    (1) Robert Temple, The Sirius Mystery, London 1976; Robert Temple, The Sirius Mystery - New Scientific Evidence of Alien Contact 5000 years ago, London 1998. Marcel Griaule/ Germaine Dieterlen, Un Système Soudanais de Sirius, Journal de la Société des Africainistes, Tome XX, Fascicule 2, 1950, pp. 273 - 294.
    (2) Erich von Däniken, Beweise, 8. Auflage München 1991.
    (3) Johannes Fiebag , Was ist los mit Sirius, Ancient Skies 3/87; Ulrich Schaper, Ezechiel-Raumschiff bei den Dogon?, Ancient Skies 2/94; Gottfried Bonn, Hans Werner Sachmann, Das "Sirius Rätsel": Für und Wider, Ancient Skies 3/95; Wolfgang Mahleck, Visuelle Sichtbarkeit von Sirius B?, Ancient Skies 2/96; Klaus Richter, Sirius und Aldebaran, GEAS Forum 3/98; Klaus Richter, Neues aus dem Sirius-System, Sagenhafte Zeiten 1/99. In diesem Artikel habe ich mich positiv zu dem Sirius-Wissen der Dogon geäußert und dieses über die angebliche Entdeckung weiterer Sirius-Begleiter zu belegen versucht. Eine genauere Beschäftigung mit den astronomischen Gegebenheiten hätte mich aber damals schon zu dem Schluß bringen müssen, daß es keine weiteren Entdeckungen gibt, allenfalls Hypothesen. Eine kurze und heftige Auseinandersetzung mit Robert Temple sowie eine durchaus ertragreiche Diskussion im Internet haben mich schließlich zu einer weiteren Beschäftigung mit dem "Sirius-Rätsel" in astronomischer sowie ethnologischer Hinsicht geführt. Die Ergebnisse diese Arbeit entsprechen nicht dem, was ich in Sagenhafte Zeiten veröffentlicht hatte und können auf dieser Webseite nachgelesen werden. Heute kann ich feststellen, dass meine Ausführungen in "Sagenhafte Zeiten" schlichtweg Unsinn sind.
    (4) Dieter Herrmann, Rätsel um Sirius - Astronomische Bilder und Deutungen, 2. Auflage, Berlin (Ost) 1988; James Oberg, UFOs and Outer Space Mysteries, Donning Press 1982; Dieter Herrmann, Rätsel um Sirius - Astronomische Bilder und Deutungen, 2. Auflage, Berlin (Ost) 1988.
    (5) Isaac Asimov, Die Schwarzen Löcher, Köln 1988.
    (6) Den neuesten Stand des Wissens über Sirius B vermitteln J.B. Holberg, M.A. Barstow, F.C. Bruhweiler, A.M. Cruise und A.J. Penny in "Sirius B: a new, more accurate view", The Astrophysical Journal" (ApJ), vol. 497, p. 935 - 942 (1998).
    (7) Klaus Richter, Neues aus dem Sirius System, Sagenhafte Zeiten 1/99; CCDM: Catalogue of the Components of Double and Multiple Stars, 1994. Die Daten, die im CCDM enthalten sind, beruhen sämtlich auf älteren Beobachtungen. So findet sich auch der Hinweis, daß zu Beginn des Jahrhunderts die Komponenten BC und D mindestens einmal beobachtet wurden. Kritisch zu möglichen weiteren Begleitern des Sirius: George und Carolyn Gatewood, A Study of Sirius, The Astrophysical Jorunal (ApJ), vol. 225, p. 191 - 197 (1978).
    (8) Klaus Richter, Von Braunen Zwergen und Pulsarplaneten, GEAS Forum 1/98;
    (9) J.M. Bonnet-Bidaud, C. Gry: The stellar field in the vicinity of Sirius and the color enigma, Astronomy and Astrophysics vo. 252, p. 193 -197 (1991).
    (10) Die Röte des Sirius, wie sie in verschiedenen alten Quellen beschrieben wird (so zB bei Gregor von Tours), fiel auch den Dogon auf. Dagegen bezeichneten sie Digitaria zutreffend als weiß. Möglicherweise ist die Rötung auf einen der Gründe zurückzuführen, die einige Astronomen ermittelt haben. Es kann sich aber auch viel prosaischer verhalten: Die Röte des Sirius könnte sich auch daraus ergeben, daß Sirius bereits knapp über dem Horizont sichtbar ist und daher rötlich scheint. Möglicherweise ist die Röte auch auf ein heftiges, atmosphärisch bedingtes Funkeln zurückzuführen
    (11) Johannes Fiebag äußerte hingegen die Vermutung, die Rötung des Sirius könne auf einen künstlich gesteuerten Materietransfer zurückgehen (Was ist los mit Sirius, Ancient Skies 3/87).
    (12) D. Benest, J.L. Duvent: Is Sirius a triple star?, Astronomy and Astrophysics, vol. 299, p. 621 - 628 (1995).
    (13) Benests Serie "Planetary Orbits in the elliptic restricted problem" erschien in Astronomy and Astrophysics zwischen 1988 und 1997. Benest untersuchte hier u.a. Alpha Centauri und Sirius.
    (14) Benest/Duvent (1995), p. 627
    (15) Vgl. Temple (1998), S. 3.
    (15b) J.M. Bonnet-Bidaud, F. Colas, J. Lecacheux, "Search for companions around Sirius", Astronomy & Astrophysics 360 (2000), p. 991-996
    (16) So z.B. Rosshaupt/Rudolph: Die Kinder der Sonne: Reise zu den Dogon in Westafrika, 1997. Marcel Griaule, Conversations with Ogotemmeli: An Introduction to Dogon Religious Ideas, Oxford 1976.
    (17) http://www.sju.edu/~dcarpent/1141/Reader/Griaule/02Day.html
    (18) Marcel Griaule, Le Savoir Des Dogon, Journal de la Société des Africainistes, tome XXII, fascicules I et II, Paris 1952, p. 27 - 42. Z
    (19) Skeptical Inquirer 20, 1996, S. 39-42.
    (20) Current Anthropology 32, no. 2, 1991, S. 139-167
    (21) z.B. 'Vater des Sirius'
    (22) Daniel Benest, Planetary Orbits in the elliptic restricted problem - II. The Sirius system, Astronomy & Astrophyiscs, vol. 223, p. 361 - 164, 1989.
    (23) Einen guten Überblick zu diesem Thema bieten Peter D. Ward und Donald Brownlee (Unsere einsame Erde, Berlin u.a. 2001, Kapitel 3). Möglicherweise bieten sich dann auf dem Saturnmond Titan optimale Voraussetzungen für die Evolution von Leben. Es wäre allerdings nur eine kurze Periode, denn gegen Ende des Rote-Riesen-Stadiums wird die Sonne ihre äußere Hülle abstoßen und zu einem leuchtschwachen weißen Zwerg mutieren. Aus großer Entfernung betrachtet, ähnelt die Sonne dann dem Ringnebel im Sternbild Leier.
    (24) Die Masse des Sirius beträgt das 2.31 fache der Sonnenmasse.
    (25) Ward, Brownlee, ebd.
    (26) Adams, H.H., New Light on the Dogon and Sirius, in: I. van Sertima, Blacks in Science, Ancient and Modern, p. 47 - 49, New Brunswick 1983.
    (27) Pössel, Markus: Phantastische Wissenschaft - Über Erich von Däniken und Johannes von Buttlar, Hamburg 2000.
    (27a) Beispielsweise bei: Walter Jörg Langbein, Das Sphinx-Syndrom, München 1997
    (28) Guman, I: Die Astronomie in der Mythologie der Dogon. Vorträge und Schriften Nr. 68, Archenhold-Sternwarte, Berlin 1989.
    (29) Calame-Griaule, G.: On the Dogon Restudied, Current Anthropology 32 (1991), S. 575 - 577.
    (30) Vgl. dtv-Atlas der Astronomie, 14. Auflage München 2000; Klaus Richter, Entfernungen in der Astronomie, MegaLithos 4/2000
    (31) Carl Sagan, Unser Kosmos, München 1982, S. 211 - 214.
    (32) Seth Shostak, Nachbarn im All, München 1999.
    (33) Klaus Richter, Neue Strategien für die Suche nach außerirdischen Zivilisationen, Sagenhafte Zeiten 1/2000

    Stand: 6. Juli 2003


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