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Mobilfunk im Spannungsfeld zwischen Gesellschaft, Wissenschaft, Umwelt, Wirtschaft und Politik

Termin: 21. Januar 2002

Referent: Dr. Jan Bernkopf war nach seinem Diplom in Physik wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Astronomie und Astrophysik der Ludwig Maximilians-Universität München. Heute arbeitet er im Bayerischen Landesamt für Umweltschutz (LfU) in Augsburg (einer Behörde des Bayerischen Staatsministeriums für Landesentwicklung und Umweltfragen). Er ist dort schwerpunktmäßig mit Fragen des Mobilfunks befasst.

 

 

Kurze Zusammenfassung des Vortrags

Mit dem Ausbau der Mobilfunknetze ist die Zahl der Sendemasten auf Deutschlands Dächern explosionsartig gestiegen. Viele Menschen sehen durch die elektromagnetischen Felder jetzt ihre Gesundheit gefährdet. Das Thema wird am Stammtisch ebenso heftig diskutiert wie in den Gemeinderäten: Wie gefährlich ist die "Handy-Strahlung"? Müssen wir uns davor schützen? Die Antworten sind kontrovers. Jan Bernkopf gab einen Überblick zur aktuellen Situation, erläuterte die technischen Grundlagen und beantwortete im Anschluss offen gebliebene Fragen der Zuhörer.

Daraus entwickelte sich eine Debatte, wie sie so emotional bei keiner vorhergehenden Veranstaltung der Bamberger Skeptiker geführt wurde - wenngleich die leidenschaftlich hervorgebrachten Argumente der Mobilfunk-Gegner nicht immer sachlich waren: Die finanzielle Unabhängigkeit und fachliche Seriösität des Referenten wurde von einigen Zuhörern ebenso polemisch in Frage gestellt wie die Erkenntnisfähigkeit der "Wissenschaften" im Allgemeinen. (sk)

 

 

Literatur und Links zum Thema

Aufgrund des hohen Informationsbedarfs bzgl. Mobilfunk und Elektrosmog vor allem im Raum Bamberg aktualisieren die Bamberger Skeptiker diese Link- und Literaturliste in regelmäßigen Anständen. Bitte beachten Sie unseren Disclaimer.

 

 

Reaktionen

Nur wenige Tage nach dem Vortrag fand sich eine Pressemitteilung des "Bund Naturschutz" im Lokalteil des "Fränkischen Tag" (30.01.2002): Demnach hatte eine "Baubiologin" auf einem vom BN organisierten Vortrag zu Mobilfunk gesprochen und dabei gehörig die Elektrosmog-Angst geschürt. Ihren Argumenten mangelte es dabei jedoch am physikalischen Hintergrundwissen. Die Bamberger Skeptiker ließen es sich nicht nehmen, diese recht unkritisch abgedruckte BN-Pressemitteilung in einem Leserbrief (09.02.2002) entsprechend zu kommentieren. Lesen Sie hier die vom FT nicht gekürzten Original-Versionen:

Seriösen Wissenschaftlern zuhören

(Zum Beitrag "Der menschliche Körper als 'Antenne'. Eindrucksvolle Demonstration zum Mobilfunk und den Gefahren für die Gesundheit".)

Es ist nachvollziehbar, dass Menschen angesichts wuchernder Mobilfunknetze besorgt sind. Es ist auch nachvollziehbar, dass Menschen skeptisch sind, wenn Mobilfunkanbieter die Technik, mit der sie ihr Geld verdienen, als unbedenklich darstellen. Aber auch wenn Verschwörungstheorien ihren Reiz haben, sind sie nicht automatisch richtig. Und gerade in Sachen Mobilfunk könnte man es besser wissen: Die Technik ist mittlerweile gut erforscht, und was man weiß, gibt in vielerlei Hinsicht Anlass zur Entwarnung. Wenn man statt selbsternannter "Experten" besser Fachleute zu Wort kommen ließe, könnte man vieles besser wissen:

Der menschliche Körper fängt elektromagnetische Strahlung zwar ähnlich einer "Antenne" auf. Das ist allerdings noch lange kein Grund, anzunehmen, dass damit ein Gesundheitsrisiko verbunden sei: Die Strahlung der Mobilfunkmasten unterscheidet sich bis auf ihre Frequenz nicht grundlegend von Fernsehen und Rundfunk, und ihre höhere Frequenz grenzt den Spielraum für vorstellbare Einflüsse auf den Organismus eher ein. "Gepulste" Strahlung unterscheidet sich von anderen elektromagnetischen Wellen nur dadurch, dass sie mehr Informationen transportiert, physikalisch spielt sich dabei nichts Neues ab. Von den fast 1.000 Studien, die sich der Mobilfunktechnik bislang gewidmet haben, wollen nur einzelne Anhaltspunkte für mögliche Gesundheitsrisiken gefunden haben, aber auch diese Anhaltspunkte erscheinen, bei Licht betrachtet, fragwürdig.

All das könnte man wissen, wenn man seriösen Wissenschaftlern zuhören würde: Etwa dem WDR-Wissenschaftsmagazin "Quarks & Co" vom 02.02. (siehe http://www.quarks.de/) oder Jan Bernkopf, Physiker am Landesamt für Umweltschutz, der am 21.01. auf Einladung der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP) nach Bamberg kam. Leider hat der FT diesem Vortrag wenig Interesse geschenkt. Um so bedauerlicher ist es, dass nun eine jener Veranstaltungen, die mit Halbwissen die allgemeine Hysterie anfeuern (in diesem Fall der Vortrag einer "Baubiologin" - was im übrigen kein anerkannter Beruf ist, zumindest außerhalb der Esoterik-Szene) mit einem Mehrspalter bedacht und dieses Halbwissen unkommentiert abgedruckt wird. Dies zeugt nicht von ausgewogener Recherche. Eher scheint hier eine Pressemitteilung des Bund Naturschutz unkritisch übernommen worden zu sein. Bedauerlich auch, dass der sonst so kompetente BN sich bei diesem heiklen Thema auf so unqualifizierten Ratgeber verlässt.

Dipl.-Soz. Detlev Lück
Untere Königstraße 34
96052 Bamberg

Dr. Christoph Bördlein
Hohensteinstr 16
96117 Memmelsdorf
GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.)
Regionalgruppe Bamberg

Daraufhin erhielten wir - als Leserbriefe an gleicher Stelle (16.02. und 18.02.2002) - zwei Repliken: Eine vom BN und die andere von der genannten "Baubiologin". Die Verfasser kritisierten dabei die "Unzuverlässigkeit" der Wissenschaften und warfen der GWUP zwischen den Zeilen Lobbyismus für Mobilfunk-Betreiber vor (Zitat: "Wer steckt eigentlich hinter der GWUP?").

Das ließen wir jedoch so nicht im Raum stehen und machten den Versuch, beide Leserbriefe in einem zu beantworten (02.03.2002). Dabei mussten wir jedoch starke Kürzungen vornehmen, um der vom "Fränkischen Tag" maximal tolerierten Textmenge gerecht zu werden.

Garantien kann niemand geben

(Zu den Leserbriefen "Wissenschaft hat ihre Grenzen" und "Keine wissenschaftliche Empfehlung".)

Sicher: Wissenschaft ist fehlbar, und der unumstößliche Nachweis, dass von Mobilfunkantennen kein Gesundheitsrisiko ausgeht, kann aus Prinzip nicht gelingen. Irgendwann kann immer noch "irgendwas" ans Tageslicht kommen. Das gilt für elektromagnetische Felder wie für Tütensuppen. Garantien kann uns niemand geben. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Ignorieren wir Wissenschaft? Verlassen wir uns auf Intuition?

Unsere Zivilisation wäre ohne Wissenschaft nicht denkbar. Sie stützt sich auf die Überzeugung, dass die wissenschaftliche Wahrheit doch zumindest größere Chancen bietet, uns der Realität zu nähern, als Eingebung oder Orakel. Und diese Strategie war auf lange Sicht sehr erfolgreich, auch wenn Herr Keller zurecht Gegenbeispiele von "historischer Tiefe" aufzählen mag. Wir wollen auch nicht das Missverständnis aufkommen lassen, dass"seriöse Wissenschaftler" politisch opportune Wissenschaftler seien. Wenn Herr Keller die Vertreibung von Wissenschaftlern durch Nationalsozialisten oder die Ächtung Gallileis durch die katholische Kirche anspricht, springt es ins Auge: Wir müssten uns doch darauf einigen können, dass nicht die Kirche oder die Nazis in diesen Beispielen die Wissenschaftler sind, sondern Einstein und Gallilei, selbst wenn ihnen diese Anerkennung durch ihre Zeitgenossen verwehrt blieb. Seriöse Wissenschaftler sind solche, die sich an die wohlfundierten "Spielregeln" Wissenschaft halten. Wenn man sie kritisiert, dann nicht auf Grund unbelegter Verdächtigungen, sondern weil man Fehler bei der Anwendung dieser Regeln aufzeigen kann.

Wir predigen keinen naiven Respekt vor Autoritäten, vor Namen, Titeln oder Institutionen. Wenn wir die Fahne der "seriösen Wissenschaft" hochhalten, plädieren wir dafür, Messergebnisse und Sachargumente zur Kenntnis zu nehmen, und dafür, die - aus Vernunftgründen, nicht aus Opportunität - in der Wissenschaft etablierten Qualitätsstandards anzuwenden. Das ist keine "Beschneidung der Meinungsfreiheit", wie Herr Keller meint. Das ist eine systematische Suche nach Wahrheit. Beteiligen darf sich jeder. Doch es geht nicht darum, wer was meint, sondern wer Recht hat: Es geht um das bessere Sachargument. Genau diese Wissenschaft wird in unseren Augen in der öffentlichen Diskussion um den Mobilfunk kaum beachtet.

Die Argumentation vieler "Mobilfunkgegner" scheint noch anders abzulaufen: Nicht die "demokratisch beschlossene" Mehrheitsmeinung definiert Wahrheit, eher schon die Erfolgsrezepte der Hollywood-Regisseure: Verschwörungstheorien sind gefragt! Wer die größte Bedrohung ausmacht, bekommt Recht; wer entwarnt, muss bestochen sein. Dass selbst die Sendung "Quarks & Co" in dieses Kreuzfeuer gerät, ist bezeichnend. (Die GWUP ist übrigens ein als gemeinnützig anerkannter politisch wie wirtschaftlich unabhängiger Verein. Finanziell stehen hinter uns unsere eigenen Mitgliedsbeiträge.)

Auch wir wollen "kritische Analysen", doch wir verstehen vielleicht etwas anderes darunter als Herr Keller. Wahr ist: Wo politische oder wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, ist erhöhte Aufmerksamkeit angebracht. Unwahr ist: Weil Interessen im Spiel sind, steht die Bedrohung durch Mobilfunk außer Frage. Die Frage nach dem "Cui bono" lässt sich übrigens auch andersherum stellen: Auch mit der geschürten Angst der Menschen wird - z.B. unter Geobiologen - gutes Geld verdient! Noch einmal: Es geht nicht darum, etwas zu glauben, weil es opportun ist. Aber das Dogma, dass das Opportune grundsätzlich abzulehnen sei, ist nicht besser. Zum kritischen Hinterfragen gehört es auch, Antworten zuzulassen.

Auch dies noch einmal: Es wird nie eine Garantie dafür geben, dass Mobilfunkantennen keine gesundheitlichen Risiken darstellen. Gerade weil die Technik noch neu ist und weiter expandiert, muss weiter geforscht werden. Und auch den Klagen Betroffener ("Opfer" erscheint uns etwas voreilig) muss, wie Frau Frank dies fordert, weiter nachgegangen werden. Möglich, dass es "elektrosensible" Menschen gibt, die anders auf elektromagnetische Felder reagieren als andere. Aber so lange wir die Ursachen der Beschwerden nicht wirklich kennen, ist es zu früh, die Mobilfunkantenne zu verteufeln. Noch ein weiterer Einwand ist berechtigt: Die Physik hat keinen Exklusivanspruch, sich zum Mobilfunk zu äußern - das Thema ist interdisziplinär. Die Forschung hat das wohl zur Kenntnis genommen. Alle Aspekte sind aber sicher noch nicht ausgeleuchtet: So zeigen Fälle von (statistisch nachweisbaren) gesundheitlichen Beschwerden im Umfeld von Mobilfunkantennen, die noch nicht in Betrieb genommen wurden, dass hier auch die Psychologie gefragt ist. Gerade das sollte ein Grund sein, der Panikmache entgegenzutreten und zu einer sachlichen Diskussion zurück zu finden.

Dipl.-Soz. Detlev Lück
Untere Königstraße 34
96052 Bamberg

Dr. Christoph Bördlein
Hohensteinstr 16
96117 Memmelsdorf
GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V.)
Regionalgruppe Bamberg

Übrigens: Im Anschluss an diese Diskussion wurde Dr. Christoph Bördlein von "Oberfranken TV" zum Interview eingeladen. Ein Protokoll des Gesprächs über die Bamberger Skeptiker, Pseudowissenschaften und Mobilfunk-Angst finden Sie hier.

 
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