Reaktionen
Nur wenige Tage nach dem Vortrag fand sich eine Pressemitteilung des
"Bund Naturschutz" im Lokalteil des "Fränkischen Tag"
(30.01.2002): Demnach hatte eine "Baubiologin" auf einem vom
BN organisierten Vortrag zu Mobilfunk gesprochen und dabei gehörig
die Elektrosmog-Angst geschürt. Ihren Argumenten mangelte es dabei
jedoch am physikalischen Hintergrundwissen. Die Bamberger Skeptiker ließen
es sich nicht nehmen, diese recht unkritisch abgedruckte BN-Pressemitteilung
in einem Leserbrief (09.02.2002) entsprechend zu kommentieren. Lesen Sie
hier die vom FT nicht gekürzten Original-Versionen:
Seriösen Wissenschaftlern zuhören
(Zum Beitrag "Der menschliche Körper als 'Antenne'. Eindrucksvolle
Demonstration zum Mobilfunk und den Gefahren für die Gesundheit".)
Es ist nachvollziehbar, dass Menschen angesichts wuchernder Mobilfunknetze
besorgt sind. Es ist auch nachvollziehbar, dass Menschen skeptisch sind,
wenn Mobilfunkanbieter die Technik, mit der sie ihr Geld verdienen,
als unbedenklich darstellen. Aber auch wenn Verschwörungstheorien
ihren Reiz haben, sind sie nicht automatisch richtig. Und gerade in
Sachen Mobilfunk könnte man es besser wissen: Die Technik ist mittlerweile
gut erforscht, und was man weiß, gibt in vielerlei Hinsicht Anlass
zur Entwarnung. Wenn man statt selbsternannter "Experten"
besser Fachleute zu Wort kommen ließe, könnte man vieles
besser wissen:
Der menschliche Körper fängt elektromagnetische Strahlung
zwar ähnlich einer "Antenne" auf. Das ist allerdings
noch lange kein Grund, anzunehmen, dass damit ein Gesundheitsrisiko
verbunden sei: Die Strahlung der Mobilfunkmasten unterscheidet sich
bis auf ihre Frequenz nicht grundlegend von Fernsehen und Rundfunk,
und ihre höhere Frequenz grenzt den Spielraum für vorstellbare
Einflüsse auf den Organismus eher ein. "Gepulste" Strahlung
unterscheidet sich von anderen elektromagnetischen Wellen nur dadurch,
dass sie mehr Informationen transportiert, physikalisch spielt sich
dabei nichts Neues ab. Von den fast 1.000 Studien, die sich der Mobilfunktechnik
bislang gewidmet haben, wollen nur einzelne Anhaltspunkte für mögliche
Gesundheitsrisiken gefunden haben, aber auch diese Anhaltspunkte erscheinen,
bei Licht betrachtet, fragwürdig.
All das könnte man wissen, wenn man seriösen Wissenschaftlern
zuhören würde: Etwa dem WDR-Wissenschaftsmagazin "Quarks
& Co" vom 02.02. (siehe http://www.quarks.de/)
oder Jan Bernkopf, Physiker am Landesamt für Umweltschutz, der
am 21.01. auf Einladung der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen
Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP) nach Bamberg kam. Leider
hat der FT diesem Vortrag wenig Interesse geschenkt. Um so bedauerlicher
ist es, dass nun eine jener Veranstaltungen, die mit Halbwissen die
allgemeine Hysterie anfeuern (in diesem Fall der Vortrag einer "Baubiologin"
- was im übrigen kein anerkannter Beruf ist, zumindest außerhalb
der Esoterik-Szene) mit einem Mehrspalter bedacht und dieses Halbwissen
unkommentiert abgedruckt wird. Dies zeugt nicht von ausgewogener Recherche.
Eher scheint hier eine Pressemitteilung des Bund Naturschutz unkritisch
übernommen worden zu sein. Bedauerlich auch, dass der sonst so
kompetente BN sich bei diesem heiklen Thema auf so unqualifizierten
Ratgeber verlässt.
Dipl.-Soz. Detlev Lück
Untere Königstraße 34
96052 Bamberg
Dr. Christoph Bördlein
Hohensteinstr 16
96117 Memmelsdorf
GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften
e.V.)
Regionalgruppe Bamberg
Daraufhin erhielten wir - als Leserbriefe an gleicher Stelle (16.02.
und 18.02.2002) - zwei Repliken: Eine vom BN und die andere von der genannten
"Baubiologin". Die Verfasser kritisierten dabei die "Unzuverlässigkeit"
der Wissenschaften und warfen der GWUP zwischen den Zeilen Lobbyismus
für Mobilfunk-Betreiber vor (Zitat: "Wer steckt eigentlich hinter
der GWUP?").
Das ließen wir jedoch so nicht im Raum stehen und machten den
Versuch, beide Leserbriefe in einem zu beantworten (02.03.2002). Dabei
mussten wir jedoch starke Kürzungen vornehmen, um der vom "Fränkischen
Tag" maximal tolerierten Textmenge gerecht zu werden.
Garantien kann niemand geben
(Zu den Leserbriefen "Wissenschaft hat ihre Grenzen" und
"Keine wissenschaftliche Empfehlung".)
Sicher: Wissenschaft ist fehlbar, und der unumstößliche
Nachweis, dass von Mobilfunkantennen kein Gesundheitsrisiko ausgeht,
kann aus Prinzip nicht gelingen. Irgendwann kann immer noch "irgendwas"
ans Tageslicht kommen. Das gilt für elektromagnetische Felder wie
für Tütensuppen. Garantien kann uns niemand geben. Die Frage
ist: Wie gehen wir damit um? Ignorieren wir Wissenschaft? Verlassen
wir uns auf Intuition?
Unsere Zivilisation wäre ohne Wissenschaft nicht denkbar. Sie
stützt sich auf die Überzeugung, dass die wissenschaftliche
Wahrheit doch zumindest größere Chancen bietet, uns der Realität
zu nähern, als Eingebung oder Orakel. Und diese Strategie war auf
lange Sicht sehr erfolgreich, auch wenn Herr Keller zurecht Gegenbeispiele
von "historischer Tiefe" aufzählen mag. Wir wollen auch
nicht das Missverständnis aufkommen lassen, dass"seriöse
Wissenschaftler" politisch opportune Wissenschaftler seien. Wenn
Herr Keller die Vertreibung von Wissenschaftlern durch Nationalsozialisten
oder die Ächtung Gallileis durch die katholische Kirche anspricht,
springt es ins Auge: Wir müssten uns doch darauf einigen können,
dass nicht die Kirche oder die Nazis in diesen Beispielen die Wissenschaftler
sind, sondern Einstein und Gallilei, selbst wenn ihnen diese Anerkennung
durch ihre Zeitgenossen verwehrt blieb. Seriöse Wissenschaftler
sind solche, die sich an die wohlfundierten "Spielregeln"
Wissenschaft halten. Wenn man sie kritisiert, dann nicht auf Grund unbelegter
Verdächtigungen, sondern weil man Fehler bei der Anwendung dieser
Regeln aufzeigen kann.
Wir predigen keinen naiven Respekt vor Autoritäten, vor Namen,
Titeln oder Institutionen. Wenn wir die Fahne der "seriösen
Wissenschaft" hochhalten, plädieren wir dafür, Messergebnisse
und Sachargumente zur Kenntnis zu nehmen, und dafür, die - aus
Vernunftgründen, nicht aus Opportunität - in der Wissenschaft
etablierten Qualitätsstandards anzuwenden. Das ist keine "Beschneidung
der Meinungsfreiheit", wie Herr Keller meint. Das ist eine systematische
Suche nach Wahrheit. Beteiligen darf sich jeder. Doch es geht nicht
darum, wer was meint, sondern wer Recht hat: Es geht um das bessere
Sachargument. Genau diese Wissenschaft wird in unseren Augen in der
öffentlichen Diskussion um den Mobilfunk kaum beachtet.
Die Argumentation vieler "Mobilfunkgegner" scheint noch anders
abzulaufen: Nicht die "demokratisch beschlossene" Mehrheitsmeinung
definiert Wahrheit, eher schon die Erfolgsrezepte der Hollywood-Regisseure:
Verschwörungstheorien sind gefragt! Wer die größte Bedrohung
ausmacht, bekommt Recht; wer entwarnt, muss bestochen sein. Dass selbst
die Sendung "Quarks & Co" in dieses Kreuzfeuer gerät,
ist bezeichnend. (Die GWUP ist übrigens ein als gemeinnützig
anerkannter politisch wie wirtschaftlich unabhängiger Verein. Finanziell
stehen hinter uns unsere eigenen Mitgliedsbeiträge.)
Auch wir wollen "kritische Analysen", doch wir verstehen
vielleicht etwas anderes darunter als Herr Keller. Wahr ist: Wo politische
oder wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, ist erhöhte Aufmerksamkeit
angebracht. Unwahr ist: Weil Interessen im Spiel sind, steht die Bedrohung
durch Mobilfunk außer Frage. Die Frage nach dem "Cui bono"
lässt sich übrigens auch andersherum stellen: Auch mit der
geschürten Angst der Menschen wird - z.B. unter Geobiologen - gutes
Geld verdient! Noch einmal: Es geht nicht darum, etwas zu glauben, weil
es opportun ist. Aber das Dogma, dass das Opportune grundsätzlich
abzulehnen sei, ist nicht besser. Zum kritischen Hinterfragen gehört
es auch, Antworten zuzulassen.
Auch dies noch einmal: Es wird nie eine Garantie dafür geben,
dass Mobilfunkantennen keine gesundheitlichen Risiken darstellen. Gerade
weil die Technik noch neu ist und weiter expandiert, muss weiter geforscht
werden. Und auch den Klagen Betroffener ("Opfer" erscheint
uns etwas voreilig) muss, wie Frau Frank dies fordert, weiter nachgegangen
werden. Möglich, dass es "elektrosensible" Menschen gibt,
die anders auf elektromagnetische Felder reagieren als andere. Aber
so lange wir die Ursachen der Beschwerden nicht wirklich kennen, ist
es zu früh, die Mobilfunkantenne zu verteufeln. Noch ein weiterer
Einwand ist berechtigt: Die Physik hat keinen Exklusivanspruch, sich
zum Mobilfunk zu äußern - das Thema ist interdisziplinär.
Die Forschung hat das wohl zur Kenntnis genommen. Alle Aspekte sind
aber sicher noch nicht ausgeleuchtet: So zeigen Fälle von (statistisch
nachweisbaren) gesundheitlichen Beschwerden im Umfeld von Mobilfunkantennen,
die noch nicht in Betrieb genommen wurden, dass hier auch die Psychologie
gefragt ist. Gerade das sollte ein Grund sein, der Panikmache entgegenzutreten
und zu einer sachlichen Diskussion zurück zu finden.
Dipl.-Soz. Detlev Lück
Untere Königstraße 34
96052 Bamberg
Dr. Christoph Bördlein
Hohensteinstr 16
96117 Memmelsdorf
GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften
e.V.)
Regionalgruppe Bamberg
Übrigens: Im Anschluss an diese Diskussion wurde Dr. Christoph Bördlein
von "Oberfranken TV" zum Interview eingeladen. Ein Protokoll
des Gesprächs über die Bamberger Skeptiker, Pseudowissenschaften
und Mobilfunk-Angst finden Sie hier.
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