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Religion vs Wissenschaft:
Ein ewiger Konflikt - oder friedliche Koexistenz?

Termin: 6. Februar 2004

Referent: Dr. Martin Mahner, geb. 1958; Studium der Biologie und Geographie an der Freien Universität Berlin; 1. Staatsexamen 1985, 2. Staatsexamen 1987; Promotion in Zoologie (mit Nebenfach Wissenschaftstheorie) 1992; 1993-1996 DFG-Stipendiat an der Foundations & Philosophy of Science Unit der McGill University, Montreal; 1996-1998 freier Lehrbeauftragter an drei Berliner Universitäten; seit Mai 1999 Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken der GWUP. Gründungsmitglied der GWUP, Mitglied im Wissenschaftsrat der GWUP.

 

 

Kurze Zusammenfassung des Vortrags

Das Konfliktpotenzial zwischen Religion und Wissenschaft scheint heute nur noch von historischem Interesse zu sein. Ist der alte Streit längst ausgestanden? Zeigt sich nicht, dass Religion und Wissenschaft allenfalls bei oberflächlicher Betrachtung miteinander in Konflikt stehen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Martin Mahner in seinem Vortrag "Religion vs Wissenschaft". Die "Bamberger Skeptiker" hatten den promovierten Biologen und Leiter des "Skeptischen Zentrums" zu diesem Thema in die Otto-Friedrich-Universität eingeladen.

Die These Mahners war, dass es sich umgekehrt verhalte: Religion und Wissenschaft mögen vielleicht oberflächlich vereinbar sein. Auf einer tieferen (sprich: philosophischen) Ebene zeigten sich jedoch Unvereinbarkeiten. Deshalb stehen auch heute noch wissenschaftliches und religiöses Denken im Widerspruch. Die Frage nach der Vereinbarkeit bzw. Unvereinbarkeit von Religion und Wissenschaft hängt natürlich davon ab, was man jeweils unter Wissenschaft und Religion versteht. Martin Mahner stellte mehrere Religionsdefinitionen dar und analysierte. Die meisten dieser Charakterisierungen wurden jedoch dem Selbstverständnis der herkömmlichen und vorherrschenden Religionen nicht gerecht. Nur eine Definition, die dem Erkenntnis- und Wahrheitsanspruch der Religionen gerecht wird, kann zum Vergleich mit einem anderen Unternehmen herangezogen werden, das denselben Anspruch hat: den Realwissenschaften.

In einem zweiten Schritt untersuchte und verglich Mahner sowohl die Realwissenschaften wie die Religionen anhand eines Kriterienkatalogs:

1) Welchen Gegenstandsbereich behandeln sie? Welches sind die Objekte ihres Erkenntnisanspruchs?
2) Über welchen Wissensbestand verfügen sie?
3) Welches Hintergrundwissen machen sie sich bei ihrer Erkenntnistätigkeit zunutze?
4) Welche Ziele verfolgen sie?
5) Welche Methodik benutzen sie?
6) Welches sind die philosophischen Grundannahmen, die sie bei ihrer Tätigkeit voraussetzen müssen?

Mit anderen Worten: Welches sind die ontologischen, methodologischen, axiologischen und moralischen Annahmen, die sie machen? Und nicht zuletzt: Welche Einstellung bzw. Geisteshaltung wird bei ihren Vertretern als vorbildlich angesehen?

Führt man einen solchen Vergleich durch, zeigt sich, dass es zumindest im Falle der liberalisierten Religionen in der Tat weniger Konflikte im Bereich des Wissensbestands gibt als im Bereich der philosophischen Grundannahmen. Die schwerwiegendsten Unvereinbarkeiten treten im Bereich der ontologischen (z.B. Naturalismus vs. Supranaturalismus) und methodologischen (z.B. Prüfbarkeit, Erklärungskraft) Prinzipien auf, so dass man sagen kann, die Ontologie und die Methodologie der Religion ist unvereinbar mit der Ontologie und Methodologie der Wissenschaft. Da Ontologie und Methodologie aber als philosophisch übergeordnete Bereiche allgemein gültig sein müssen, kann man sie nicht je nach Bedarf aufspalten, sondern man muss sich für eine Ontologie und für eine Methodologie entscheiden. (mm)

 

 

Literatur und Links zum Thema

Wissenschaft und Religion, Wissenschaft und Theologie

Pro Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft:

  • Gould, S.J. (1999): Rocks of Ages. Science and Religion in the Fullness of Life. Ballantine Publishing Group: New York.
  • O'Hear, A. (1993): Science and Religion. British Journal for the Philosophy of Science 44: 505-516.
  • Rolston, H. (1987): Science and Religion. A Critical Survey. Random House: New York.
  • Ruse, M. (2001): Can a Darwinian be a Christian? The relationship between science and religion. Cambridge University Press: Cambridge.
  • White A.D. (1896/1993): A History of the Warfare of Science with Theology in Christendom. Prometheus Books: Buffalo, NY.

    Contra Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft:

  • Albert, H. (1979): Das Elend der Theologie. Hoffmann und Campe: Hamburg.
  • Albert, H. (1981): Traktat über kritische Vernunft. Mohr-Siebeck: Tübingen [darin Kap. 5: Glaube und Wissen].
  • Albert, H. (2000): Kritischer Rationalismus. Vier Kapitel zur Kritik illusionären Denkens. Mohr-Siebeck: Tübingen [darin Kap. 4: Wissen, Glaube und Heilsgewissheit].
  • Blackford, R. (2000): Stephen Jay Gould on Science and Religion.
    <http://www.users.bigpond.com/russellblackford/gould.htm, 28.3.03>
  • Bunge, M. (1988): Ideology and Science. In: Eberlein, G.L., Berghel, H. (eds.): Theory and Decision. Reidel: Dordrecht, pp 79-89.
  • Bunge, M., Mahner, M. (2004): Über die Natur der Dinge (in Vorbereitung).
  • Clements, T.S. (1990): Science vs. Religion. Prometheus Books: Buffalo, NY.
  • Kanitscheider, B. (1996): Im Innern der Natur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft: Darmstadt [darin Kap. 5: Natur und Übernatur].
  • Kurtz, P. (Hg.) (2003): Science and religion: Are they compatible? Prometheus Books: Amherst, N.Y. [Sammlung von Aufsätzen aus den Zeitschriften Skeptical Inquirer und Free Inquiry sowie verschiedener Vorträge pro und contra].
  • Mahner, M., Bunge, M. (1996a): Is Religious Education Compatible With Science Education? Science & Education 5: 101-123.
  • Mahner, M., Bunge, M. (1996b): The Incompatibility of Science and Religion Sustained: A Reply to Our Critics. Science & Education 5: 189-199.
  • Martin, M. (1997): Is Christian Education Compatible With Science Education? Science & Education 6: 239-249.
  • Orr, H.A. (1999): Gould on God. Can Religion and Science Be Happily Reconciled?
    <http://bostonreview.mit.edu/BR24.5/orr.html, 27.3.03>
  • Provine, W. (1988): Progress in evolution and meaning in life. In: Nitecki, M.N. (Hg.): Evolutionary Progress. Chicago University Press: Chicago, pp 49-74.
  • Rachels, J. (1991): Created from animals: The moral implications of Darwinism. Oxford University Press. Oxford [darin Kap. 3: Must a Darwinian be skeptical about religion?].
  • Smart, J.J.C. (1967): Religion and Science. In: Edwards, P. (ed.): The Encyclopedia of Philosophy, vol. 7. Collier-Macmillan: London, pp 158-163.
  • Wolpert, L. (1992): The Unnatural Nature of Science. Faber and faber: London [darin Kap. 7: Non-science].

    Religionskritik allgemein

  • Bartley, W.W. (1984): Flucht ins Engagement. Mohr-Siebeck: Tübingen.
  • Buggle, F. (1992): Denn sie wissen nicht, was sie glauben. Rowohlt: Reinbek.
  • Hoerster, N. (Hg.) (1984): Religionskritik. Reclam: Stuttgart.
  • Kurtz, P. (1986): The Transcendental Temptation. A Critique of Religion and the Paranormal. Prometheus Books: Buffalo, NY.
  • Logisch, T. (1998): Das ist euer Glaube! Strukturen des Bösen im Dogma. Angelika Lenz Verlag: Neustadt.
  • Mackie J.L. (1982): Das Wunder des Theismus. Argumente für und gegen die Existenz Gottes. Reclam: Stuttgart.
  • Martin, M. (1990): Atheism – A Philosophical Justification. Temple University Press: Philadelphia.
  • Martin, M. (1991): The Case Against Christianity. Temple University Press: Philadelphia.
  • Nielsen, K. (1985): Philosophy and Atheism. Prometheus Books, Buffalo, NY.
  • Russell, B. (1967): Warum ich kein Christ bin. Rowohlt: Reinbek.
  • Smith, G.H. (1979): Atheism – The Case Against God. Prometheus Books: Buffalo, NY.
  • Streminger, G. (1992): Gottes Güte und die Übel der Welt. Mohr-Siebeck: Tübingen.
  • Warraq, I. (1995): Why I am not a Muslim. Prometheus Books: Amherst, NY.

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