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"Irrationale, autoritäre Heilslehre".
Ein Referent bei den "Bamberger Skeptikern" entzaubert Homöopathie

Was früher einmal Quacksalberei oder Scharlatanerie hieß, gilt heute als "sanft" oder "ganzheitlich". Komplementär- oder alternativmedizinische Richtungen von Bach-Blüten- bis zu Akupunktur-Therapien haben Konjunktur; laut Umfragen vertrauen ihnen die meisten Bundesbürger mehr als einer angeblich seelenlosen, "chemischen" Schulmedizin. Zu den populärsten Außenseitertherapien zählt die Homöopathie; mehr als 12.000 homöopathische Präparate sind im Handel. Patienten berichten von erstaunlichen Heilerfolgen, auch und gerade, wenn die Schulmedizin bereits mit ihrer Weisheit am Ende ist. Alles Humbug?

Mitnichten, sagte Privatdozent Dr. Rainer Wolf vom Biozentrum der Würzburger Universität in einer gut besuchten Veranstaltung im Marcushaus. Ihn hatten die "Bamberger Skeptiker", eine lokale Gruppe der "Gesellschaft zur Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP) eingeladen, um unter der Erkenntnis leitenden Frage "Homöopathie – mehr als nur Placeboeffekt?" zu referieren.

Und so trug der habilitierte Biologe zunächst für den medizinischen Laien erstaunliche Fakten vor: dass durch Placebos (Scheinmedikamente) nachweisbare Heilerfolge erzielt werden. Dass der "Arzt der größte Placeboeffekt" ist - je charismatischer der Heiler auftritt, je mehr Zeit er seinem Patienten widmet, desto größer ist der Stimulus auf dessen Selbstheilungskräfte. Wolf plädierte dafür, den Effekt, der seit Jahrzehnten erkannt und bestens erforscht ist, über dessen Wirkmechanismen aber noch relativ wenig bekannt ist, in den (schulmedizinischen) Arztpraxen zum Wohle der Patienten einzusetzen.

Aber: "Nicht alles, was hilft, wirkt." Und so gibt es keine einzige wissenschaftlich saubere Studie, die der Homöopathie Heilerfolge bescheinigt, die über den Placeboeffekt hinaus gehen. Von Samuel Hahnemann vor 200 Jahren begründet, versucht diese therapeutische Methode mittels der "Simile-Regel" ("Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt") und "potenzierte", d. h. hoch verdünnte Medikamente zu helfen; eine "geistartige Arzneikraft" werde in Form von heilsamen Schwingungen in das Lösungsmittel übertragen, raunen Homöopathen noch heute. Dass durchaus Verdünnungen erreicht werden, die einer im Atlantik gelösten Aspirintablette entsprechen, beirrt die Gläubigen nicht. Denn das war das Fazit Wolfs: Homöopathie ist eine Weltanschauung, eine Glaubensrichtung, keine Wissenschaft.

Was diese leisten kann, hatte zwei Tage vor Wolf Dr. Christoph Bördlein von den Bamberger Skeptikern in einer kurzweiligen Einführung ins skeptische, kritische Denken vorgeführt: "Von Socken fressenden Monstern und hellseherischen Telefonterroristen" war die Veranstaltung des "Zentrums für wissenschaftliche Weiterbildung" in der Universität überschrieben. Der Psychologe Bördlein widmete sich Möglichkeiten der menschlichen Täuschung - und wie diese zu vermeiden sind. Warum verschwinden immer wieder einzelne Socken aus der Waschmaschine? Steckt ein Socken fressendes Monster in der Trommel? Oder humpelt ein einbeiniger Dieb durch die Waschküchen der Nation? Was hier pointiert wurde, nutzen Scharlatane von Astrologen bis zu Ufologen immer wieder aus. Dagegen gibt es nur ein Mittel: das Instrumentarium der Wissenschaft als ein Bündel von Methoden, Behauptungen zu überprüfen.

Darauf insistierte auch Wolf beim kritischen Abklopfen der Homöopathie. Nur eine Wahrheit gebe es, sagte er, und der solle man mit bewährten, überprüfbaren Methoden so nahe wie möglich kommen. Die Methode der Wahl: so genannte Doppel-Blind-Studien. Das bedeutet, weder Therapeuten noch Patienten wissen, wer Placebos und wer Wirkstoffe verabreicht bekommen hat. Ergebnis im Falle Homöopathie: siehe oben. Aber immerhin: Hat nicht wer heilt, Recht?

Wolf riet dennoch ab, Homöopathen aufzusuchen. Die verordneten Präparate könnten Schadstoffe enthalten wie Arsen, Blei, Cyanid. Ein "Noceboeffekt" schüre das Misstrauen gegen die Schulmedizin und behindere wiederum die Heilung. Und, am wichtigsten: Eine wirksame, mitunter lebensrettende schulmedizinische Therapie könnte verzögert werden. Dass die Ideen der Homöopathie radikal heutiger Wissenschaft widersprechen, ist dabei fast nur ein Nebenaspekt. Wolf nannte diese "irrationale, dogmatische Heilslehre" ein "Fantasieprodukt, ein Leer-Gebäude ohne Fundament".

In der Diskussion stießen die für manchen wohl provokativen Thesen Wolfs auch auf Widerspruch. So als er en passant auch gleich die gerade in Bamberg kurrierende Mobilfunk-Hysterie geißelte. Sein Ziel ist jedenfalls der rationale Diskurs über solche Streitfragen: "Die heutige Gesellschaft in Deutschland denkt zunehmend nicht mehr rational!"

Rudolf Görtler

(Quelle: "Fränkischer Tag", 17.02.2005)

 

 
Einige der vielen, meist mehr emotionalen als logisch stringenten Leserreaktionen auf diesen Artikel und den Vortrag von Rainer Wolf sowie die ausführlichen Repliken der Bamberger Skeptiker und des Referenten auf die Missverständnisse, Irrtümer und haltlosen Anschuldigungen der Homöopathie-Gläubigen finden Sie hier.

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