Bamberger Skeptiker.

Bamberger Skeptiker » Presse » Print

Presse

Print

Hellinger polemisch vernichtet.
Referent der "Skeptiker" rechnet mit "Familienaufstellungen" ab

von Rudolf Görtler

Eine "Supernova der Therapeutenszene", der Welt zurzeit bekanntester Psychotherapeut: Das ist Bert Hellinger. Was Colin Goldner, den die "Bamberger Skeptiker", die lokale Gruppe der "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP), ins Marcushaus der Universität eingeladen hatte, auch konzedierte. Ansonsten aber ließ Goldner in einem brillanten, von Ironie, Sarkasmus und auch unverblümter Polemik durchtränkten Vortrag an Hellinger und seiner Methode der "systemischen Familienaufstellung" kein gutes Haar.

Dass Goldner die Familienaufstellerszene - in Deutschland gibt es ca. 2500 Hellingerianer, Hellinger-Bücher und Videos verkaufen sich in Auflagen von mehreren 100.000 - nicht mit akademisch dürrer Neutralität beurteilt, erklärt sich womöglich aus seinen alltäglichen beruflichen Erfahrungen. Der klinische Psychologe arbeitet in einer Beratungs- und Therapieeinrichtung für "sekundär therapiegeschädigte Menschen" und hat es immer wieder auch mit durch Hellinger-Methoden traumatisierten Klienten zu tun.

Denn, so Goldner, Weltbild und Verfahren des Bert Hellinger sind Unfug, aber kein harmloser, sondern gefährlicher Unfug. Zum Auftakt führte er einen Film vor, der so schöne Sentenzen des Meisters enthielt wie "Wer dem Schicksal entgehen will, der landet im Grab" oder "Ein Therapeut kann niemandem schaden". Mit dem Schicksal hat es der 80-jährige Ex-Missionar nämlich, der, so Goldner, niemals irgendeine akademische Therapeuten-Ausbildung genoss, bis er Anfang der 90er Jahre sein überaus erfolgreiches "esoterisch durchwabertes Laienspiel" entwickelte. Darin stellen Hilfe suchende Klienten unter Anleitung eines "Therapeuten" Personen auf, die Familienmitglieder des Klienten darstellen. Sowie die Spieler ihre Rollen eingenommen haben, treten sie laut Hellinger in ein "höheres wissendes Wahrnehmungsfeld", sie werden buchstäblich zu diesen Familienmitgliedern. Der "Therapeut" kann nun intervenieren, die Positionen und Aussagen der Figuren interpretieren und den Klienten anweisen, etwa den "Vater" um Verzeihung zu bitten.

Denn es geht bei diesem "esoterischen, okkultistischen, pseudowissenschaftlichen Firlefanz" (Goldner) stets darum, die vorgeblich "natürliche" Ordnung einer Sippe wiederherzustellen, einer alttestamentarisch-mosaischen Ordnung, in der die Frau dem Manne untertan ist, der Zweitgeborene dem Erstgeborenen usw. Wird diese natürliche Ordnung der "Ahnen" verletzt, kann dies nach Hellinger fatal enden: Die Enkelin laboriert an einer Krankheit, weil ihre Urgroßmutter den Urgroßvater einst verlassen hat.

Dass dies laut Goldner "hanebüchener erzreaktionärer Unsinn" ist - dies zu erkennen, muss man nicht Psychologie studiert haben. Dennoch haben Familienaufstellungen massenhaften Zulauf, gerade auch von Leuten mit einer formalen Bildung, die eigentlich die hinter diesem Weltbild steckenden "klassischen faschistischen Werte" erkennen müsste, sagte Goldner. Zum Gesamtbild passt, dass Hellinger in Berchtesgaden in einem einst von Hitler genutzten Gebäude wohnte und in einen imaginären lyrischen Dialog mit dem "Führer" trat.

Zeitgeistkompatibel sei dies alles, so der Referent: "Zurück hinter die Aufklärung, die Frauenbewegung, 68, zurück zu Moses". Erklären kann er sich dies nur mit der Sehnsucht nach einfach gestrickten Orientierungsmöglichkeiten, nach unwandelbaren Werten. En passant schlug Goldner auch eine Brücke zu den "reaktionären Stereotypien" eines Benedikt VXI.

Seine ätzende Kritik blieb schon während des Vortrags in dem voll besetzten Hörsaal nicht unwidersprochen. Zu ironisch sei Goldner gewesen, kritisierten manche Zuhörer, zu unakademisch. Dabei ließ der Psychologe seine Fachkenntnisse durchaus aufblitzen, verzichtete jedoch - glücklicherweise - auf den üblichen Jargon. Dabei relativierte er selbst den Wert seines aufklärerischen Feldzugs. Mehr als alle öffentliche Kritik, so Goldner, habe Hellinger geschadet, dass er eine jüngere Patientin geheiratet habe. Um ihre lukrative Therapie zu retten, distanzieren sich Familienaufsteller heute meist von ihrem Nestor.

(Quelle: "Fränkischer Tag", 03.05.2005)


Impressum | Disclaimer | Sitemap
GWUP
Grafikcounter