Bamberger Skeptiker.

Bamberger Skeptiker » Projekte » Feuerlauf

Projekte

Feuerlauf: Mit nackten Sohlen über glühende Kohlen

von Dr. Christoph Bördlein

"Verbrannt ist alles ganz und gar/ Das arme Kind mit Haut und Haar/ Ein Häuflein Asche bleibt allein/ Und beide Schuh', so hübsch und fein." (aus: Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug. In: Der Struwwelpeter)

Juli 2002. Zusammen mit PD Dr. Rainer Wolf (GWUP Würzburg) gestalteten die Bamberger Skeptiker eine "skeptische Spielwiese" beim Familiensommerfest "Rendezvous im Hain": Wir demonstrierten Wahrnehmungstäuschungen, enträtselten angeblich "paranormale" Fotografien, testeten Pendler auf ihre Fähigkeiten ... und liefen schließlich unter der Anleitung unseres Haus- und Hofpsychologen Dr. Christoph Bördlein mit entblößten Fußsohlen erstmals in der Öffentlichkeit über einen glühenden Kohleteppich.

Die Publikumsresonanz war dabei so groß, dass wir uns entschlossen, den Feuerlauf in Kombination mit der Demonstration weiterer "übersinnlicher" Phänomene bei unseren eigenen Sommerfesten der Jahre 2002 bis 2004 zu wiederholen. Seitdem ist der Feuerlauf bei den Bamberger Skeptikern zu einem nahezu schon traditionellen Ritual avanciert: Lesen Sie hier die Presse-Resonanz und eine Erlebnis-Reportage im "Skeptiker": Kirsch, Stefan (2004): Mit nackten Sohlen über glühende Kohlen. In: Skeptiker. Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken, 04/2004, S. 154-155.

Diese Seite soll eine kurze Einführung in die Kunst (bzw. Technik und Physik) des Feuerlaufs geben, denn diese ist längst nicht so außergewöhnlich, wie gerne von so genannten Motivationstrainern behauptet.

1. Der Lauf über glühende Kohlen

2. "Seelen-Doping": Schmerzfrei dank intaktem Karma

3. Nur ein bisschen Physik

4. Und etwas Psychologie

5. So geht's!

6. Risiken und Nebenwirkungen

 

 

1. Der Lauf über glühende Kohlen

Was passiert da eigentlich?

Indische Fakire können schier Unmögliches vollbringen: Sie laufen barfuß über glühende Kohlen. Offenkundig ist kein besonderer "Trick" dahinter, denn auch ganz gewöhnlichen Menschen gelingt der Lauf ohne Verletzungen. Feuerläufe sind unter anderem Bestandteil vieler so genannter "Motivationstrainings".

 
Dr. Christoph Bördlein testet den Parcour.

Für einen solchen Feuerlauf (Version 1.0 für Anfänger) wird ein Weg aus mehr oder minder glühender Kohle (normalerweise die Überreste eines gewöhnlichen Lagerfeuers) von zirka 50 Zentimetern Breite und drei bis fünf Metern Länge angelegt.

Es wurden aber auch schon Feuerläufe von bis zu 52 Metern Länge durchgeführt, die von einigen Teilnehmern (übrigens Skeptikern) dreimal ohne Unterbrechung hinter einander abgelaufen wurden (was somit insgesamt eine Strecke von über 150 Metern ergibt)! Die Teilnehmer eines typischen Feuerlaufs beschreiten (meist vom Trainer geführt) im normalen Lauftempo (oder schneller) den heißen Pfad. Wie durch ein Wunder bleiben sie dabei (fast völlig) unverletzt, obwohl die Temperatur von glühender Kohle bis zu 700°C beträgt.

Im Bild: Dr. Christoph Bördlein testet den Parcour im Selbstversuch.

 

 
2. "Seelen-Doping": Schmerzfrei dank intaktem Karma

Braucht man zum Feuerlaufen ein "höheres Bewusstsein"?

Feuerläufe finden meist in einem bestimmten Rahmen statt, welcher nahelegt, dass zum schmerzfreien Überschreiten der Kohlen ein besonderer geistiger Zustand nötig sei. Oft werden die Läufe auch explizit als Beleg für den Triumph des Geistes über die Materie angeführt, zumindest aber als der Effekt besonderer Willensstärke. Nur wer ein besonderes mentales Training absolviere, so die Behauptung, könne schmerzfrei über die glühenden Kohlen laufen.

 
C. Bördlein euphorisiert Dr. Rainer Wolf.

Die Funktion des Feuerlaufens im Motivationstraining könnte man als "Doping für die Seele" bezeichnen. Hier wird der folgenlose Lauf zwar meist nicht ausdrücklich in einen esoterischen Erklärungszusammenhang gestellt: Vielmehr wird den Teilnehmern solcher Seminare suggeriert, dass sie mit entsprechender Motivation buchstäblich alles erreichen können.

Der erfolgreiche Gang über glühende Kohlen macht zwar schnell euphorisch, doch das Gefühl verraucht ebenso umgehend wieder: Der unbedingte Glaube an die eigene Stärke wird im Alltag bald wieder zunichte gemacht.

Im Bild: C. Bördlein (li.) euphorisiert Dr. Rainer Wolf von der GWUP Würzburg.

 

 

3. Nur ein bisschen Physik

Greifen Sie mal in den Ofen!

Trotzdem ist es erstaunlich, wie ein solcher Lauf gelingen kann. Wer sich schon einmal an einem Funken oder einem Splitter Kohle verbrannt hat oder wer auch nur die Wärme des Feuers vom Gartengrill her kennt, fragt sich zu Recht, warum man sich beim Lauf über Feuer (besser: Glut) nicht verbrennt.

Vielleicht erinnert sich mancher noch an den Physikunterricht: Bekanntlich gibt es gute und schlechte Wärmeleiter. Metall ist ein guter Wärmeleiter, Holz und Kohle sind eher schlechte. Wenn man in den 200°C heißen Backofen fasst, dann sind dort zwar alle Dinge 200°C heiß, aber dieselbe Temperatur fühlt sich unterschiedlich an - je nachdem ob, man nur die Luft, den Kuchen (aus Teig) oder das Backblech (aus Metall) berührt.

Kohlen sind schlechte Wärmeleiter: Man muss schon eine Weile auf ihnen stehen bleiben, bis sie als heiß empfunden werden. Niemand bleibt aber auf den Kohlen stehen, sondern jeder geht mehr oder minder eilig darüber hinweg. Insgesamt beträgt die gesamte Zeit, die sich die Füße bei einem typischen Feuerlauf tatsächlich auf den Kohlen befinden, nicht einmal eine Sekunde. Zudem sind die Kohlen meistens schon mit einer dünnen Ascheschicht überzogen, was sie zu noch schlechteren Wärmeleitern macht. Menschliches Gewebe ist zwar ein etwas besserer, jedoch transportiert das Blut - ein guter Wärmeleiter - die Hitze auch schnell wieder von der Haut weg. Hinzu kommt der so genannte Leidenfrost-Effekt: Die Füße sind oft (bei aller Hygiene) mit einer dünnen Schweißschicht bedeckt. Diese Schicht verdunstet beim Kontakt mit der Kohle und der entstehende Dampf ist wiederum ein sehr guter Wärme-Isolator.

Der Leidenfrost-Effekt ist übrigens der Grund, warum wir auf heiße Nahrung blasen: Nicht etwa, weil unsere Atemluft z.B. die Suppe wirklich kühlt - sondern um den Dampf von der Oberfläche weg zu blasen, so dass seine isolierende Wirkung wegfällt.

 
Leidenfrost vs Gluthitze: Mit nackten Sohlen ... ... über glühende Kohlen.
Leidenfrost vs Gluthitze: Mit nackten Sohlen ... ... über glühende Kohlen.
 
Einige Wissenschaftler aber behaupten, es bräuchte nicht einmal den Leidenfrost-Effekt für das Feuerlaufen - die geringe Wärmeleitfähigkeit der (Holz-)Kohle und der meist nur sehr kurze Kontakt zur Haut reichten völlig aus, um sich nicht schmerzhaft zu verbrennen.
 

 
4. Und etwas Psychologie

Die Spritze tut bestimmt nicht weh!

Hinzu kommt der Einfluss der Erwartung auf unser Schmerzempfinden. Wenn man sich vor der Spritze beim Arzt fürchtet, dann tut sie auch weh. Manchmal empfinden wir großen Schmerz, obwohl eigentlich keine schwere Verletzung vorliegt, und manchmal ertragen wir selbst schwerste Verletzungen schmerzfrei. Angst dagegen verstärkt unser Schmerzempfinden. Wer unvorbereitet über glühende Kohlen geht, wird auch ohne physikalisch realen Anlass Schmerz empfinden, einfach deshalb, weil er weiß, dass die Kohlen furchtbar heiß sind. Wer dagegen keinen Schmerz erwartet oder sich erfolgreich ablenkt, empfindet auch keinen Schmerz.

Der dramatische Effekt, den die in der Dunkelheit glühenden Kohlen erzeugen, tut ein Übriges: Sie sehen heißer aus, als sie tatsächlich sind! Bei manchen Feuerläufen wird es außerdem so arrangiert, dass die tatsächlich betretene Fläche gar nicht mehr so heiß ist, aber am Rand des Weges sogar noch Flammen aus der Kohle züngeln.

 

 

5. So geht's!

Aber Vorsicht: Ausdrücklich nicht zur Nachahmung empfohlen!

Für einen Feuerlauf braucht man zunächst einmal Holz. Minderwertiges Holz ist übrigens besser als hochwertiges, da letzteres die Hitze noch lange in sich hält, während ersteres zwar eindrucksvoll lodernd und knisternd verbrennt, die Kohle aber schnell ausgeglüht ist. Am besten sollen sich übrigens Kokosnussschalen eignen.

 
(Fast) abgebranntes Lagerfeuer. Das Feuer sollte gut abgebrannt sein, so dass sich kein Holz mehr darin befindet, das noch plötzlich zu brennen anfangen könnte. Es empfiehlt sich daher, möglichst kein Holz nachzulegen, sondern alles auf einmal zu verbrennen. Wenn doch, sollte man neue und alte Glut gut auseinanderhalten. Eventuell noch brennendes Holz sollte man (vgl. oben) z.B. am Rand des Weges auslegen, so dass es zwar sichtbar ist, aber nicht betreten wird.
 
Die entstandene Glut bringt man auf einem ebenen Untergrund (Erde oder Sand, die man zuvor von größeren Steinen und anderen Stolperfallen gesäubert hat) aus. Auch sollten sich natürlich keine größeren Metallteile in der Glut oder am Boden befinden. Die Kohle wird mit einem Rechen möglichst gleichmäßig über die Bahn verteilt. Am Ende der Bahn legt man ein nasses Frotteetuch aus und stellt einen Eimer zum Waschen der Füße bereit. Die Teilnehmer werden über die Bahn geführt, damit sie beim Gehen nicht auf die Kohlen sehen müssen: Das erleichtert es, an etwas anderes zu denken, und gibt subjektive Sicherheit, die wiederum der Angst entgegenwirkt. Gut ist es auch, wenn der Führende beruhigend auf die Läufer einredet und sie an ihre Ablenkungsstrategie (z.B. an kühles Moos denken) erinnert.

Dann geht der Läufer - sobald er möchte - in normalem Lauftempo über den Weg. Am Ende stoppt ihn der Führende auf dem Frotteetuch, damit er seine Füße von eventuell daran hängenden Glutstückchen säubern kann.

 

 

6. Risiken und Nebenwirkungen

Man kann sich sehr wohl die Füße verbrennen!

  • Es kann sein, dass man zu lange auf den Kohlen bleibt. Wer meint, die Gesetze der Physik brechen zu können, wird umgehend bestraft ...
  • Die Kohlen können zu heiß sein oder aus dem falschen Holz.
  • Manchmal bleiben Glutstückchen zwischen den Zehen hängen. Diese führen aber höchstens zu kleinen Brandblasen. Daher ist es wichtig, sich gleich am Ende der Bahn die Füße abzustreifen.
  • Die Haut an den Fußsohlen kann zu dünn sein. In der Regel aber sind selbst die Fußsohlen von Stadtmenschen nicht zu zart. Kleine Kinder sollten aber lieber nicht laufen, unter anderem auch deswegen: Man kann stolpern ... Autsch!
  • Und es sei ebenfalls erwähnt: Es gibt für böse Menschen auch Möglichkeiten, einen Feuerlauf relativ unauffällig zu sabotieren.
 
Zum Seitenanfang

Impressum | Disclaimer | Sitemap
GWUP
Grafikcounter