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ProjekteSeminar über skeptisches Denken"Die Zeit heilt alle Wunder." (Wir sind Helden) (Bericht über das Seminar "Psychologie und Skepsis", gehalten von Dr. Christoph Bördlein im Wintersemester 1998/99 an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.) In der Öffentlichkeit kursieren zahlreiche außergewöhnliche Behauptungen, für deren Überprüfung psychologisches Wissen von Nutzen sein kann. Gerade Psychologen könnten mit ihrer Kompetenz zur Aufklärung auf diesem Gebiet beitragen. Bedauerlicherweise, so die (naive) Beobachtung des Dozenten, besteht aber auf Seiten der Kollegen oftmals ein beklagenswertes Informationsdefizit, bzw. mangelndes Interesse daran, sich mit solchen Behauptungen ernsthaft auseinanderzusetzen und die von Laien vorgebrachten Fragen seriös und differenziert zu beantworten. Zudem trägt es m.E. zum wissenschaftlichen Selbstreinigungsprozess in der Psychologie bei, wenn einige bisweilen als Selbstverständlichkeiten angesehene Theorien einmal kritisch hinterfragt werden. Daher bot der Dozent ein Seminar an, dessen Ziel es war, die Studenten mit der Methode der skeptischen Untersuchung vertraut zu machen und ihre Anwendung auf außergewöhnliche und zweifelhafte Behauptungen und Theorien aus dem weiteren Umfeld der Psychologie zu üben. In den ersten sechs Sitzungen wurden die Studierenden durch Dozentenvortrag, Arbeitsgruppen, Übungen und andere didaktische Formen in einzelne Aspekte der Wissenschaftstheorie und in die Grundlagen des kritischen Denkens und der skeptischen Untersuchung eingeführt. Zunächst sollte aufgezeigt werden, dass Wissenschaft im Grunde eine Fortentwicklung dessen ist, was alle Menschen ("im Alltag") tun, um eine Behauptung zu überprüfen, nämlich: Nachsehen, ob es so ist. Damit aber eine Behauptung geprüft werden kann, muss sie eindeutig und präzise sein und sie muss so formuliert sein, dass sie prinzipiell widerlegt werden kann. Danach wurden die verschiedenen Formen des Skeptizismus einschließlich des neuen Skeptizismus nach Paul Kurtz dargelegt. Die internationale "Skeptiker-Bewegung" und ihr Tätigkeitsfeld wurde vorgestellt und die Relevanz der von ihr untersuchten Themen diskutiert. Bei der eigentlichen Einführung in die Methode der skeptischen Untersuchung wurden zunächst einige Arbeitsprinzipien bzw "Spielregeln" erörtert, so z.B. "Außergewöhnliche Behauptungen verlangen außergewöhnliche Beweise" u.ä. Als Grundlage zur Strukturierung des weiteren Seminars (das der Untersuchung einzelner "Behauptungen" gewidmet war) wurde ein Leitfaden eingeführt und erläutert, den Ray Hyman und James Alcock auf der "Second World Skeptic's Conference" 1998 in Heidelberg vorgestellt hatten, und der folgende Punkte enthält:
Zunächst wurde als Beispiel für die Anwendung des Leitfadens die Frage "Übt der Mond einen Einfluss auf den Menschen aus?" untersucht (übrigens unter Beobachtung eines Fernsehteams, das zu eben jener Frage eine Reportage erstellte), im wesentlichen vom Dozenten selbst. Als ein zweites Analysebeispiel diente ein Auftritt von Uri Geller in einer Esoteriksendung des deutschen Fernsehens, in dem von ihm u.a. die bekannte "mysteriöse" Levitationsübung (eine Person wird von vier anderen Personen mühelos mit je zwei Fingern hochgehoben; vgl. auch Gardner, M. (1990). The Skeptical Inquirer, 15, 30-34.) vorgeführt wurde. Hier arbeiteten Dozent und Studenten gemeinsam an einer Lösung dieses Falles und demonstrierten in einer erfolgreichen "Replikation" des Gellerschen Experimentes ihre "außergewöhnlichen" Kräfte. Die restlichen Sitzungen des Seminars wurden im wesentlichen von den Studenten gestaltet. Die Fragen, die untersucht wurden, waren u.a.
Wie die Auswahl der Themen zeigt, war dabei durchaus nicht von vornherein "sowieso" klar, dass die zu untersuchende Behauptung "kompletter Humbug" oder "längst widerlegt" ist, sondern es wurde eine differenzierte Sicht und Diskussion angestrebt und i.d.R. auch erreicht. Auch bot die Auswahl der Themen nach Ansicht des Dozenten einen guten Überblick über die Möglichkeiten der skeptischen Untersuchung auf dem Gebiet der Psychologie. Jeder Teilnehmer wählte sich eine "außergewöhnliche Behauptung", die er (oder sie) prüfen wollte. Sodann sollten die Teilnehmer zunächst das Material sichten, also bspw. Gunter Sachs" oder Herrnsteins und Murrays Bücher aber auch diverse Internetseiten oder bspw. Werbematerial für NLP-Kurse. Aus diesem Material extrahierten die Teilnehmer eine oder mehrere "Behauptungen", die es sodann zu prüfen galt. Zum einen unter Heranziehung skeptischer Literatur -auch einige "Skeptiker"-Artikel (z.B. Baslers Artikel zu Sachs in 3/98) fanden Verwendung-, v.a. aber mit der Anwendung des im Studium erworbenen Wissens, z.B. aus dem Bereich der Intelligenzmessung, der Entwicklungspsychologie usw. Ein interessanter Nebeneffekt dabei war, dass den Studenten der Nutzen einer guten Methodenlehre-Ausbildung (ein sonst unter Psychologie-Studenten unbeliebtes Fach) bewusst wurde. Schließlich referierten die Teilnehmer ihre Ergebnisse im Seminar und diskutierten mit den anderen Studenten das Für und Wider der untersuchten Behauptung. In einer Kurzklausur am Ende des Seminars stellten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nochmals die erworbenen Fertigkeiten in der Untersuchung außergewöhnlicher Behauptungen bei einer weiteren Fallanalyse unter Beweis. Die meisten Teilnehmer interessierten sich zunächst für das Seminar aufgrund der in der Ankündigung erwähnten "außergewöhnlichen" Themen. Jedoch bildete sich bei ihnen im Laufe des Seminars eine skeptische Grundhaltung heraus, die sich nach Aussagen der Studenten auch in ihrem Alltag, z.B. im Bekanntenkreis, bemerkbar machte (und wohl Anlass zu heftigen Diskussionen gab). Das Wesensmerkmal der skeptischen Untersuchung - dass Behauptungen, so absonderlich sie auch scheinen mögen, fair und unvoreingenommen geprüft, nicht aber dogmatisch abgelehnt werden - musste im Lauf des Seminars jedoch immer wieder hervorgehoben werden. Dass die dahingehenden Bemühungen des Dozenten nicht ganz umsonst waren, zeigte sich in den Ergebnissen der Kurzklausur: Die Teilnehmer sollten Uri Gellers Behauptung prüfen, er habe den verletzten Sohn von US-Vizepräsident Al Gore durch einen "psychisch energetisierten" Teddybär geheilt. Statt wohlfeilen Spott (der hier wahrhaftig nahe lag), lieferten die allermeisten Teilnehmer eine vorbildliche Analyse mit Vorschlägen, wie Gellers Anspruch zu prüfen sei, z.B. Pläne für einen doppelblinden Test mit "energetisierten" und Placebo-Teddybären. Die Einführung zu diesem Seminar ist mittlerweile als Memorandum Nr. 5 des Lehrstuhls Psychologie I der Uni Bamberg erschienen, das Sie hier im pdf-Format (ca. 170 kb) lesen können. Den dafür benötigten Adobe Acrobat Reader können Sie hier kostenlos herunterladen. Das Buch Das sockenfressende Monster in der Waschmaschine von Christoph Bördlein basiert ebenfalls auf diesem Seminar. |
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