Esoterik statt Physik: Glaubt das Wasser auch daran?
Zusammenfassung
Wasser
ist eines der Lieblingsmedien der "ganzheitlichen" Naturbetrachtung
des New Age. Es ist die Grundlage allen irdischen Lebens, ist fast
allgegenwärtig und hat ungewöhnliche, nicht vollständig verstandene
Eigenschaften. Da fügt dann die nicht naturwissenschaftlich gezügelte Phantasie
gerne Fähigkeiten hinzu, die normalerweise geistigen Wesen vorbehalten sind.
Die Homöopathie postuliert ein Gedächtnis des Wassers an ehemals darin gelöste
Wirkstoffe. Rutengänger glauben die physikalisch nicht fassbare, aber
gesundheitsschädliche Ausstrahlung von Wasseradern zu spüren. Und aus Mauern
soll sich Feuchtigkeit durch Aufhängen einer modernen Gebetsmühle vertreiben
lassen, wobei die nötigen Zaubersprüche nicht einmal in der Mühle selbst
angebracht sind, sondern im Verkaufsprospekt. Die moderne Esoterik bedient sich
der Sprache der Physik, ohne mit den Worten dieselben - oder überhaupt irgendwelche
- physikalischen Inhalte zu verbinden.
Die pseudowissenschaftliche Sprache macht es selbst für Naturwissenschaftler
schwer, zu entscheiden, wo die legitime Spekulation endet und das bloße
Geschwätz anfängt. Dieser Beitrag soll hierzu eine kleine Hilfestellung geben,
indem er an grundlegende physikalische Erfahrungssätze erinnert.
Cargo Cult Science
„Die erwähnten ... Studien sind
Beispiele von etwas, das ich „cargo cult science“ nennen will. Manche Völker in
der Südsee praktizieren einen Cargo Cult (Frachtflugzeugkult). Während des
Kriegs sahen sie Flugzeuge landen mit Mengen an guten Waren, und sie möchten,
dass dasselbe wieder geschieht. So haben sie etwas wie Landebahnen
eingerichtet, an deren Seiten sie Feuer anlegen und eine Holzhütte mit einem
Mann darin, der zwei Holzstücke am Kopf hat wie Kopfhörer und mit
Bambusstangen, die herausstehen wie Antennen – er ist der Flugleiter. Nun
warten sie darauf, dass die Flugzeuge landen. Sie machen alles richtig. Die
Form ist perfekt. Es sieht genau so aus wie früher. Aber es funktioniert nicht.
Keine Flugzeuge landen. Ich nenne derartige Forschungen Cargo Cult Science,
weil sie all die äußerlichen Vorschriften und Formen wissenschaftlicher
Forschung befolgen, aber dennoch etwas Wesentliches verfehlen: die Flugzeuge
landen eben nicht.“
Dieses Zitat stammt aus einer
Begrüßungsrede für Studienanfänger, die der Physiker Richard Feynman 1974 am
California Institute of Technology hielt [1]. Er spricht hier nicht über
Mauerentfeuchtung durch kosmische Energie, wie Sie vielleicht jetzt denken,
sondern über pädagogische und psychologische Studien, mit denen er als Mitglied
einer Lehrmittelkommission in Berührung gekommen war. In der Rede geht es
darum, wie man es vermeiden kann, einer Cargo Cult Science zu verfallen.
Feynman sagt: Wissenschaftliche Arbeit erfordert eine spezielle Art von
Ehrlichkeit, die sich nicht darauf beschränkt, nicht zu lügen. Sie verlangt,
dass man jede mögliche Schwachstelle der eigenen Argumentation offen legt,
jeden möglichen Einwand gegen sein Ergebnis diskutiert und, wenn er nicht
entkräftet werden kann, ihn zusammen mit dem Ergebnis mitteilt. Dass man also
dem eigenen Interesse bewusst entgegenarbeitet. Die Naturwissenschaft hat in
ihrer geschichtlichen Entwicklung gelernt, wie man es vermeidet, sich selbst zu
betrügen, sie hat in Feynmans Worten „a long history of learning how not to
fool ourselves“.
Was wir als Parawissenschaften oder
Pseudowissenschaften bezeichnen, sind Gedankengebäude, die sich parallel zu
den heute etablierten Wissenschaften entwickelt, aber den Ausweg aus der Falle
der Selbsttäuschung nicht gefunden haben. Es sind Systeme der kollektiven
Selbsttäuschung, und sie sind viel weiter verbreitet, als man gemeinhin meint
[2].
Beispiele für Parawissenschaften
Wenn ich Ihnen jetzt einige
parawissenschaftliche Lehren nenne, dann wird nicht jeder von Ihnen in jedem
Fall mit dieser Einordnung einverstanden sein. Dabei bringe ich nur eine
Auswahl: ich rede zum Beispiel gar nicht erst von Astrologie oder Geistiger
Fernheilung, ich beschränke mich auf solche Lehren, bei denen das Wasser eine
besondere Bedeutung hat. Gleichzeitig möchte ich damit belegen:
Parawissenschaft ist nicht nur ein Zeitvertreib für unbedarfte Leser des
PM-Magazins. Parawissenschaft wird von Akademikern verbreitet, typischerweise
von Hochschullehrern, Ingenieuren, Ärzten oder Firmeninhabern, die beruflich
erfolgreich waren und nun meinen, sie hätten auch auf weltanschaulichem Gebiet
der Menschheit etwas mitzuteilen. Sie organisieren sich in gemeinnützigen
Vereinen mit wissenschaftlich klingenden Namen, haben ihre eigenen Tagungen,
Zeitschriften und ihre eigene Fachsprache. Sie bilden Netzwerke, in denen sie
sich gegenseitig bestätigen, dass sie und nicht die sogenannte
Schulwissenschaft den Fortschritt vertreten. Es ist, wie Feynman sagt, alles
genau wie in der Wissenschaft, der einzige Unterschied ist: kein Ergebnis kann
je von Außenstehenden reproduziert werden!
Zu meinem eigenen Arbeitsgebiet, der
Geophysik, gehört als parawissenschaftliches Pendant die Radiästhesie, die Lehre von den schädlichen Erdstrahlen, die
angeblich von Wasseradern im Untergrund ausgehen [3]. Sie werden von
Rutengängern geortet und dann hat man die Wahl, entweder sein Bett umzustellen
an eine ungestörte Stelle oder ein Abschirmgerät zu kaufen. Zwei Drittel der
deutschen Bevölkerung einschließlich der meisten Zeitungs- und
Fernsehjournalisten glauben daran. Akademiker bilden da keine Ausnahme.
Kürzlich wurde in Salzburg in einer Pressekonferenz von einem promovierten
Mediziner der angeblich erste wissenschaftliche Beweis der Schädlichkeit von
Erdstrahlen vorgestellt. Damit Sie einen Eindruck vom Niveau der Argumentation
bekommen: die Wissenschaftlichkeit wurde damit begründet, dass es gelungen war,
eine entsprechende Veröffentlichung in einer komplementärmedizinischen
Zeitschrift unterzubringen. Dass Erdstrahlen verantwortlich waren, wurde durch
Rutengänger festgestellt.
Die sogenannte Komplementärmedizin ist ein sehr vielfältiger parawissenschaftlicher
Bereich. Nicht alles, was dort getrieben wird, ist aus wissenschaftlicher Sicht
abzulehnen, aber die Komplementärmedizin propagiert auch Heilmethoden, die auf
geheimnisvollen Strahlungen beruhen und mit phantasievollen Namen wie
„Bioresonanz“, „Magnetfeldtherapie“, „Energiemedizin“ und dergleichen belegt
werden [4]. Die Wirkung beruht angeblich auf einer Beeinflussung der
Wassermoleküle in den Zellen des Körpers. Ein besonders geniales Verfahren
überträgt der Einfachheit halber die Information „Gesundheit“ mittels „Skalarwellen“
direkt ins Gehirn. Das Bemerkenswerte daran ist: solche Verfahren werden mit
wissenschaftlich aussehenden Geräten von zugelassenen Ärzten praktiziert!
Die Homöopathie [5] behauptet, Wasser könne das Wirkprinzip von
pharmazeutisch wirksamen Stoffen speichern, auch wenn die Lösung so stark
verdünnt wird, dass kein einziges Molekül des Wirkstoffs mehr enthalten ist.
Die Verdünnungen werden dann als „Hochpotenzen“ bezeichnet, obwohl es sich ja
um negative, also niedrige Potenzen der Wirkstoffkonzentration handelt. Im
Wasser sollen dann nur noch „geistartige Abbilder“ des Wirkstoffs enthalten
sein, die sich auf ungeklärte Weise durch Schütteln und Weiterverdünnen
beliebig vermehren und verstärken
lassen. Schließlich kann man das chemisch reine Wasser über
Zuckerkügelchen träufeln, trocknen lassen, und die geistartige Heilkraft ist
nicht etwa mitverdunstet, sondern ungeschwächt auf die Zuckerkügelchen
übergegangen! Das sind magische Konzepte aus vorwissenschaftlicher Zeit. Eine
über den Plazeboeffekt hinausgehende Wirkung homöopathischer Hochpotenzen
konnte trotz größter Anstrengungen nie nachgewiesen werden. Trotzdem treten
immer wieder Wissenschaftler auf, die behaupten, eine Wirkung im Laborversuch
objektiv beobachtet zu haben. Solche Ergebnisse konnten noch nie reproduziert
werden, aber sie sorgen kurzzeitig für Publicity. Eine Forschergruppe an der
Universität Leipzig hat dafür kürzlich einen von einer homöopathischen
Pharmafirma gestifteten Preis von 10 000 Euro erhalten, der ein gewaltiges Medienecho
ausgelöst hat. Um den vom amerikanischen Illusionisten und Skeptiker James Randi ausgesetzten Preis von einer Million
Dollar [6,7] hat sich die Gruppe wohlweislich nicht beworben. Die Universität
Leipzig hat es bisher nicht für nötig gehalten, sich von diesem peinlichen
Spektakel zu distanzieren. (Anmerkung Juli 2006: inzwischen hat sich wenigstens die
zuständige Fakultät distanziert.)
Im Bereich der
Ingenieurwissenschaften gibt es weltweit eine große Zahl von
parawissenschaftlichen Vereinigungen, mehrere auch in Deutschland, die sich
mit der Gewinnung von sogenannter Raumenergie oder Freier Energie
beschäftigen. Auch hier findet man Hochschullehrer in führenden Positionen, zum
Beispiel Professor Konstantin Meyl von der Fachhochschule Furtwangen, der sogar
ein Gerät anbietet, mit dem jedermann die Raumenergie anzapfen kann. Diese Energie
soll im ganzen Weltraum, auch auf der Erde, in unbegrenzter Menge vorhanden
sein. Man kann damit Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff spalten und mit dem
Knallgas ein Auto betreiben [8]. Ein solches Auto hat Nicola Tesla schon 1931
betrieben, wie Professor Meyl berichtet. Neuere Modelle verbrauchen nur 2.8 l
Wasser auf 100 km. Anscheinend hat noch keiner der Erfinder bemerkt, dass man
den Verbrauch auf Null reduzieren könnte, indem man das aus dem Auspuff
tropfende Wasser einfach in den Tank zurückleitet. Vermutlich scheut man sich,
allzu deutlich zu sagen, dass es sich um ein Perpetuum Mobile handelt.
Die Raumenergie kann auch
Informationen übertragen; sie wird dann als „Informationsstrahlung“ bezeichnet. Ein Zitat aus dem „Lexikon der
Grenzwissenschaften“ [9]: „Die von Körpern abgestrahlte Raum-Energie ist -
vergleichbar den Radiowellen - moduliert, sie enthält alle Informationen über
deren physikalischen Aufbau und ihre bioelektrischen Funktionen, also bei
Lebewesen auch über deren Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Hieraus ergibt
sich eine Erklärung für paranormale Phänomene wie Außersinnliche Wahrnehmung,
Hellsehen, Telepathie (Gedankenlesen), Fernbeeinflussung. Rutengehen oder Pendeln
beispielsweise beruhen auf einer in erweiterten Bewußtseinszuständen möglichen
bewussten Auswertung der vom Energie-Körper aufgefangenen raumenergetischen
Strahlung anderer Körper.“ An einem Forschungslabor der Donau-Universität
Krems kommuniziert man mittels Quanten-Teleportation bereits gebührenfrei über
das kosmische Hintergrundrauschen [10]. Insgesamt entnehme ich der
einschlägigen parawissenschaftlichen Literatur: die Raumenergie ist
allgegenwärtig, allwissend und allmächtig. Offenbar bewegen wir uns hier in
einem Gebiet, für das der Naturwissenschaftler nicht zuständig ist.
Der österreichische Erfinder Wilhelm
Mohorn, Gründer der Firma Aquapol, verwendet die Raumenergie zum Austrocknen
von Mauerwerk. Er hat angeblich schon 20 000 seiner nicht ganz billigen Geräte
verkauft. Sie neutralisieren übrigens nebenbei auch Erdstrahlen. Der deutsche
Fachschulprofessor K. E. Lotz bestätigt ihm öffentlich die Wirksamkeit seiner
Geräte. Ein anderer österreichischer Erfinder, Johann Grander, veredelt Leitungswasser, indem er ein geschlossenes
Fläschchen eines von ihm vertriebenen, besonders heilkräftigen Wassers in die
der Wasserleitung einbaut. Dessen Informationsstrahlung überträgt sich dann auf
das Leitungswasser. Grander wurde dafür 2001 mit dem österreichischen
Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst ausgezeichnet. Auch mehrere deutsche
Firmen, darunter eine große, international tätige, beherrschen die
Wasserveredelung durch Informationsübertragung.
Was sagt der Physiker dazu?
Den meisten Physikern sind die
Behauptungen der Parawissenschaftler, soweit sie überhaupt eine physikalische
Aussage enthalten, zu absurd, um sie ernsthaft zu diskutieren. Der Physiker
hält hier eher den Psychiater für zuständig als den Naturwissenschaftler.
Leider verstehen Psychiater zu wenig Physik, um Paraphysik als solche zu
erkennen. Das interessanteste Buch über Rutengänger, das ich kenne, stammt von
einem Soziologen [11], und mir scheint, dass er den Nagel auf den Kopf trifft:
Parawissenschaften sind ein komplexes soziales Phänomen, das man nur versteht,
wenn man nicht nach dem Wahrheitsgehalt, sondern nach der sozialen Funktion
fragt. Die ist zweifellos vorhanden, und man darf sie nicht in jedem Fall
negativ bewerten.
Bei den paramedizinischen (alternativmedizinischen,
komplementärmedizinischen) Behandlungsmethoden ist die physikalische Erklärung
nur Beiwerk, der wesentliche Anspruch ist vielmehr, dass man mit der jeweiligen
Methode Störungen des Wohlbefindens beheben kann. Rutengänger wenden zwar
angeblich die schrecklichsten Krankheiten ab, glaubwürdig bestätigt ist aber
nur die Linderung von Beschwerden mit einer starken psychischen Komponente wie
Nervosität, Schlafstörungen und Kopfschmerzen. Immerhin, sie wird glaubwürdig
bestätigt! Ich habe als Physiker keine Schwierigkeit, das zu akzeptieren.
Plazeboeffekte sind in der Medizin wohlbekannt. Pillenförmige Plazebos wirken
nur, wenn sie mit demselben Ernst verschrieben werden wie Pharmazeutika.
Physikalische Plazebos müssen eben von physikalischen Erklärungen begleitet
werden oder mit dem, was der Klient dafür hält. Ich glaube nicht einmal, dass
die Rutengänger dabei subjektiv unehrlich sind – die meisten glauben offenbar
selbst an ihre krausen Erklärungen, ohne sie zu verstehen. Sie sind keine
Naturwissenschaftler und innere Widersprüche ihrer Theorien fallen ihnen nicht
auf. Entsprechendes trifft meiner Meinung nach auf komplementärmedizinische
Verfahren einschließlich der Homöopathie zu. Parawissenschaftliche und
esoterische Denkweisen sind bei Ärzten weiter verbreitet, als man aufgrund der
Nähe ihres Fachs zu den Naturwissenschaften annehmen möchte. Zwei der von
deutschen Rutengängern akzeptierten drei Gitterliniensysteme, das
Hartmanngitter und das Currygitter, sind der Phantasie von Ärzten entsprungen.
Sehr viel weniger Verständnis habe
ich dafür, wenn Ingenieure ins paraphysikalische Abseits geraten. Sie
fabulieren von objektiv feststellbaren Zusammenhängen, die es in Wirklichkeit nicht gibt, und müssten
eigentlich von ihrer Ausbildung her in der Lage sein, das zu erkennen. Und doch
scheint mir, dass unter den Akademikern neben den Ärzten die Ingenieure die
stärkste Neigung zur Esoterik haben. Das ist auch schon anderen aufgefallen
[11,12]. Die Domäne der Ingenieure in den Parawissenschaften sind naturgemäß
eher technische Disziplinen wie Rohstoffsuche, Energiegewinnung,
Informationsübermittlung und das Geschäft mit dem Elektrosmog.
Auf die Firma Aquapol des Herrn
Mohorn bin ich erst durch Herrn Professor Venzmer aufmerksam gemacht worden,
aber sie passt ins Bild. Ich kann Ihnen nicht im Einzelnen erklären, was an
der physikalischen Erklärung, die zur Aquapol-Methode geliefert wird, falsch
ist. Um falsch zu sein, müsste die Erklärung irgendeinen Sinn haben. Den kann
ich aber nicht erkennen. Was er über seine Methode schreibt, ist nicht falsch,
sondern Unsinn. „Das Gerät nimmt eine frequenzspezifische gravomagnetische
Bodenenergie trichterförmig auf. Im Gerät wird diese Bodenenergie
rechtsdrehend stabil umgewandelt (Polarisationseffekt) und in den Wirkraum
abgegeben. Zusätzlich fließt von oben freie Raumenergie ein und wird in
gravomagnetische Energie umgewandelt. Dadurch vergrößert sich der Wirkraum“
[13]. Deutlicher kann man einem Naturwissenschaftler nicht sagen, dass das
Gerät Humbug ist. Ich nehme an, Herr Mohorn will sich damit auf subtile Weise
gegen den Vorwurf des Betrugs absichern.
Der weltanschauliche Hintergrund
Die verschiedenen Varianten der
modernen Esoterik haben eines gemeinsam: sie glauben an ein der Physik
unbekanntes geistiges Medium, das den ganzen Raum durchdringt, Energie und
Informationen übertragen kann und zu dem auserwählte Personen Zugang haben.
Gelegentlich wird eine ganze Hierarchie solcher Medien oder Felder postuliert
und das unterste, unmittelbar über der materiellen Welt liegende, wird als
„feinstofflich“ bezeichnet. Popularisiert wurden diese in fernöstlichen
Religionen schon länger vorhandenen Ideen durch die 1875 von der Deutsch-Russin
Helena Blavatsky begründete „neue Theosophie“, von der sich 1912 die
Anthroposophie abgespalten hat. Einzelne Forscher haben schon immer ihre eigenen
Varianten des feinstofflichen oder geistigen Mediums entwickelt, so der Arzt
Franz Anton Mesmer (1734-1815) mit seinem animalischen Magnetismus [14], der
Arzt und Begründer der Homöopathie Samuel Hahnemann (1755-1843) mit seinen
geistartigen Abbildern pharmazeutischer Substanzen, der Psychiater Wilhelm
Reich (1897-1957) mit seiner Orgonstrahlung und der Biologe Rupert Sheldrake
(geb. 1942) mit seinem morphogenetischen Feld. Nähere Informationen zu all
diesen Theorien finden Sie in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia [5].
Man darf die Vorstellung, dass jemand
willentlich mit einem geistigen Feld kommunizieren und dadurch andere Personen
heilen oder krank machen kann, nicht für eine harmlose Spinnerei halten. Von
dort ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Hexenwahn! Der lebt in der
modernen Parapsychologie fröhlich weiter. Der Freiburger Parapsychologe Prof.
Hans Bender (1907-1991) hielt „rätselhafte physikalische Bewirkungen“ – sprich
Hexerei - für real [15] und seine Nachfolger tun das heute noch.
Die pseudowissenschaftliche Sprache
Eine wesentliche Rolle beim
kollektiven Selbstbetrug spielt die pseudowissenschaftliche Sprache. Sie ist
geradezu ein Kennzeichen der Parawissenschaft – ohne diese Sprache käme ja
niemand auf die Idee, dass es sich um Wissenschaft handeln könnte. Wieweit dem
Parawissenschaftler klar ist, dass er seine weltanschauliche Überzeugung in
der falschen Sprache ausdrückt, ist im Einzelfall schwer zu entscheiden. Ein
Rutengänger sagte mir einmal: „Daran seid Ihr Wissenschaftler schuld, dass wir
uns so ausdrücken müssen, man wird ja heute nicht mehr ernst genommen, wenn man
sich nicht wissenschaftlich ausdrückt.“ Hier ist also durchaus ein Bewusstsein
von der Unangemessenheit der Sprache vorhanden, aber der Rutengänger möchte – seiner
Meinung nach zum Besten des Klienten - erreichen, dass dieser ihm vertraut, und
das erreicht er am wirkungsvollsten mit einer Sprache, die der Klient für
wissenschaftlich hält. Wir sollten da mit einer moralischen Beurteilung
vorsichtig sein. In anderen Fällen scheint die pseudowissenschaftliche Sprache
direkt auf den Betrug am Kunden angelegt zu sein. Aber auch dann ist sie meiner
Ansicht nach in erster Linie ein Mittel zum Selbstbetrug. Selbst in krassen
Fällen – wo kommerzielle Interessen und Größenwahn offensichtlich die
Hauptmotive sind – werden die Akteure das vor sich selbst nicht gerne zugeben
und sich einreden, ihre Aktivitäten seien wissenschaftlich abgesichert. Dass
jemand mit voller Überzeugung Behauptungen aufstellen kann, von denen er in einer
anderen Windung seines Hirns wissen muss, dass sie falsch sind, ist für mich
schwer verständlich. Aber wir begegnen diesem Phänomen ja auch anderswo. Die
Selbstorganisation des Gehirns funktioniert eben nicht immer fehlerfrei.
Dem Laien mag es scheinen, als gäbe es in der Physik eine unübersehbare Vielfalt von Kräften, Effekten und Feldern, so dass es auf eines mehr oder weniger nicht ankommt. Das Gegenteil ist richtig. Wie der Physiker Martin Lambeck in seinem Taschenbuch „Irrt die Physik?“ [16] ausführt, spielt in unserem unmittelbaren Erfahrungsbereich neben der Schwerkraft nur die elektromagnetische Kraft eine Rolle. Sie vermittelt alle Einflüsse, die ein Körper auf einen anderen ausübt, vom grobmechanischen Zusammenstoß bis hin zu chemischen Reaktionen. Insbesondere ist sie für alle technisch nutzbaren Fernwirkungen verantwortlich.
Die innere
Gesetzmäßigkeit des elektromagnetischen Feldes wird seit 140 Jahren unverändert
mit höchster Genauigkeit durch die Maxwellgleichungen beschrieben. Da bleibt
kein Platz für zusätzliche Kräfte oder Felder. Jede auf eine elektrische Ladung
ausgeübte Kraftwirkung wird dem elektrischen Feld zugeschrieben, die Definition
der elektrischen Feldstärke ist „Kraft pro Einheitsladung“, gleichgültig woher
die Kraft rührt. Das elektrische Feld beschreibt also bereits die Summe aller
beobachtbaren Kraftwirkungen. Man kann nicht weitere Kraftwirkungen
postulieren, ohne sich in Widerspruch zu den Maxwellgleichungen und damit zur
Erfahrung zu begeben.
Das Argument hat einen Schönheitsfehler: es ist nicht logisch zwingend, es formuliert „nur“ eine Erfahrung. Ich möchte diese Erfahrung noch schärfer formulieren: Wenn irgendwo ein Effekt beobachtet wird, der scheinbar im Rahmen der bekannten Physik unerklärlich ist, dann ist erfahrungsgemäß entweder die Beobachtung fehlerhaft, oder der Experimentator versteht nicht genug Physik, um sie zu erklären. Zwischen „ich kann das nicht erklären“ und „man kann das nicht erklären“ ist ein gewaltiger Unterschied, den Parawissenschaftler gerne übersehen. Aber selbst wenn etwas wirklich einmal nicht sofort erklärbar sein sollte: die Naturwissenschaft ist keine dogmatische Glaubenslehre, die für alles gleich eine Erklärung zur Hand hat. Sie ist eine Arbeitsmethodik, die einem hilft, auch überraschende Beobachtungen auf Bekanntes zurückzuführen, wenn man sich ernsthaft bemüht.
Dasjenige physikalische Prinzip, das von Parawissenschaftlern am häufigsten ignoriert wird, ist der Satz von der Erhaltung der Energie. Er besagt, dass man Energie nur umformen, aber nicht erzeugen oder vernichten kann. Dazu gehört im Prinzip ein Katalog von möglichen Energieformen, der natürlich erweitert werden könnte, wenn etwas Neues entdeckt wird. Aber unsere Erfahrung sagt: wir kennen die Energieformen, die im täglichen Leben und in der Technik eine Rolle spielen. Unser Katalog ist in diesem Bereich vollständig. Wäre er das nicht, müsste ja einmal beobachtet werden, dass irgendwo Energie verschwindet oder scheinbar aus dem Nichts entsteht. Das kommt, jedenfalls in messtechnisch nachvollziehbarer Weise, nicht vor. Aus dem leeren Raum kann man keine Energie gewinnen. Was immer sich dort, uns verborgen, abspielen mag, es beeinflusst unsere Maschinen und Messgeräte nicht. Es gibt kein Perpetuum Mobile und keine mit Raumenergie angetriebene Maschine, auch wenn sie im Internet zu Dutzenden beschrieben und zum Nachbau angeboten werden. Das liegt wohl kaum daran, dass alle wirklich brauchbaren Modelle sofort von der Erdölindustrie aufgekauft und die Erfinder zum Schweigen gebracht werden, notfalls durch den russischen Geheimdienst. Ich ziehe die Erklärung vor, dass die „Schulphysik“ weiterhin gilt.
Energieerhaltung hat auch die
mathematische Folge, dass die Intensität jeder Art von Strahlung mindestens mit
dem inversen Quadrat des Abstands von der Quelle abnehmen muss. Täte sie das
nicht, so würde die Gesamtenergie der Strahlung mit größer werdendem Abstand
zunehmen. In den Parawissenschaften stoßen wir häufig auf die Vorstellung, dass
die Intensität unabhängig vom Abstand zur Quelle ist. So spürt ein Rutengänger
eine 235 m tiefe Wasserader angeblich genau so stark wie eine 2.35 m tiefe.
Pendler und Hellseher erkennen ihre Objekte unabhängig vom Abstand, und unsere
Parapsychologen bestätigen das. Auch Professor Meyls Skalarwellen verstärken
sich unterwegs auf wundersame Weise. Typischerweise hat die Energie- und
Informationsübertragung in den Parawissenschaften den Charakter einer
Punkt-zu-Punkt-Verbindung, so wie drahtgebundene Telefonie, nur eben ohne
Draht. Die Quelle sendet ihre Strahlung gezielt nur dorthin, wo der Empfänger
ist. Wie macht sie das, und woher weiß sie, wohin? Wasseradern senden ihre
Strahlung angeblich genau senkrecht nach oben, wo der Rutengänger sie dann
zentimetergenau lokalisiert. Woher weiß das strömende Wasser so genau, was
„oben“ ist? Ein Detail vielleicht, aber die Physik hat hier wirklich keinerlei
Erklärungsansatz anzubieten. Da müssen geistige Kräfte am Werk sein, die das
physikalisch Fassbare übersteigen.
Lassen Sie mich zum Schluss noch das
Argument erwähnen, das von Esoterikern aller Art immer wieder vorgebracht wird:
es sei lächerlich, etwas für unmöglich zu halten, nur weil es nicht in die
etablierte Wissenschaft passt; wenn unmöglich wäre, was „noch“ nicht
wissenschaftlich erklärt werden kann, dann gäbe es nie einen
wissenschaftlichen Fortschritt. Dazu sage ich: das ist ein Verwirrspiel mit
dem Wort „unmöglich“. Selbstverständlich kann man in der Naturwissenschaft (im
Gegensatz zur Mathematik) niemals mit Sicherheit sagen, dass etwas unmöglich
ist. Es geht nur darum, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, bei einer
Nachprüfung auf etwas Interessantes zu stoßen. Zwischen „nicht unmöglich“ und
„möglich“ liegen im Hinblick auf die Wahrscheinlichkeit Welten. Man kann nicht
alles untersuchen, was nicht absolut unmöglich ist. Ist es unmöglich, dass ein
Mensch gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten ist? Können Sie das mit
Sicherheit ausschließen? Nicht? Es ist also nicht unmöglich. Also ist es
möglich. Glaubhafte Berichte darüber gibt es ja genug. Das muss natürlich
erforscht werden, da müssen Forschungsgelder her. So argumentieren Esoteriker.
Aber den wissenschaftlichen Fortschritt verdanken wir nicht ihnen, sondern
Wissenschaftlern, die ihr Handwerk gelernt haben und sich präzise ausdrücken
können.
[1] Richard P. Feynman,„Surely you are
joking, Mr. Feynman”. Unwin Hyman
Limited, London
1985. ISBN 0-04-530023-2. Auch mehrfach im Internet zitiert.
[2] O. Prokop
und W. Wimmer, Der moderne Okkultismus. Gustav Fischer
Verlag Stuttgart 1987
[3]
http://www.geophys.uni-stuttgart.de/erdstrahlen
[4]
http://www.kidmed.de/forum/showtopic.php?threadid=4821
[5]
http://de.wikipedia.org/wiki/Hauptseite
[6] http://www.randi.org/research/index.html
[7] http://www.bbc.co.uk/science/horizon/2002/homeopathy.shtml
[9] http://www.ipg-institut.com/cgi-bin/lexikon/parapsychologie_lexikon_de.cgi
[10] http://www.global-scaling-verein.de/krems.htm
[11] Hubert Knoblauch: Die Welt der Wünschelrutengänger und
Pendler. Campus
Verlag Frankfurt
1991
[12] G. Danielewski: Geschäfte mit der Angst
- Baubiologie zwischen Anspruch und
Wirklichkeit.
Beton-Verlag 1981
[13]
W. Mohorn, Die elektroosmotische Trockenlegung: Fallbeispiele und
Bausanierung Jg. 25 Nr. 4, Mai 2002.
[14]
http://www.burkhard-peter.de/Mesmer/mesmer.html
[15] Hans Bender: Unser sechster Sinn. Deutsche Verlagsanstalt
Stuttgart 1971
[16] Martin Lambeck: Irrt die Physik? C. H. Beck Verlag München 2003.