> Skeptiker > Übersicht > Jahrgang 1997 > Ausgabe 2 > Editorial - Die Physik und das Paranormale

Skeptiker - Parawissenschaften unter der Lupe


Editorial Skeptiker 2/1997

Die Physik und das Paranormale


Auf einer Esoterikmesse entdecke ich ein Heilamulett für DM 350,-. Ich frage den Verkäufer, wie es denn wirke, und er erzählt mir ausführlich, da es kosmische Energien" sammle und Metalle enthalte, die wie ein Schwingkreis im Radio die Wellen der Planeten aufnehmen und verstärken".

Als ich ihm zu erkennen gebe, da ich als Physiker die verwendeten Begriffe zwar kenne, aber seine Erklärung trotzdem nicht verstehe, wird er ungehalten: Kaufen Sie doch dieses Buch hier, darin steht alles genau wissenschaftlich erklärt!". Dann wendet er sich einer Kundin zu, die ihm für DM 735,- nicht nur das Buch, sondern auch gleich zwei Amulette abkauft.

Physikalische Begriffe sind in der Welt des Paranormalen beliebt: Meditation öffnet den Weg in andere Dimensionen", Strahlen" aller Art bedrohen oder heilen uns, Schwingungen" durchziehen das Universum, "Tachyonen"-Decken sorgen für einen Ausgleich der "Entropie", und Psi-Phänomene beruhen auf "Quanteneffekten". Selbst uralte Begriffe wie das chinesische "Chi" oder "Qi" werden mit der Physik modernisiert: Es ist nun von "Qi-Energie" die Rede. Wohl nicht ohne Grund: Wer zum ersten Mal den Begriff "Qi" hört, fragt gleich: Was ist das?". Nicht so beim Begriff "Qi-Energie": Ach so, es ist eine Energie. Schwingkreise, Quanten, Energien, davon hat man schon mal gehört, man kann etwas damit anfangen. Man hat es verstanden. Hat man?

Ist die Verwendung physikalischer Begriffe nur ein Seriosität verschaffender Werbetrick, oder steckt mehr dahinter? Leider ist es nicht immer einfach, solche physikalischen Erklärungsversuche" auf ihre Stimmigkeit abzuklopfen. Viele sind zwar sehr schnell als unzusammenhängende Sammlung kompliziert klingender Worte erkennbar, doch gibt es für einige der von der "Parapsychologie" seit langem untersuchten (und immer noch nicht nachgewiesenen) Phänomene durchaus auch physikalische Begründungen, deren Unstimmigkeiten nur bei großer Vertrautheit mit komplizierten physikalischen Theorien erkennbar werden.

Doch diese Kritik an zweifelhaften Begründungen hilft bei der Frage nach der Existenz paranormaler Phänomene nicht unbedingt weiter. Mögen auch die angebotenen Erklärungen aus der Sicht eines Physikers mehr oder weniger offensichtlicher Unsinn sein, so könnten die behaupteten Phänomene dennoch existieren. Wurden nicht in der Vergangenheit oftmals neu entdeckte Phänomene zunächst falsch erklärt?

Die moderne Physik kann uns jedoch mehr geben: Da sie sich mit den fundamentalen Naturgesetzen auseinandersetzt, gibt sie uns einen grundlegenden Rahmen, in den alle Phänomene fallen müssen. Wie Martin Lambeck in seinem Artikel darstellt, sind durchaus Phänomene denkbar, die nicht nur unerklärbar sind, sondern mit den bekannten Naturgesetzen sogar im Widerspruch stehen. Kinnen sie trotzdem existieren? Ja, aber dann wären die uns bekannten (und experimentell sehr gut bestätigten) Naturgesetze fundamental falsch.

Leider ist diese Argumentation nicht auf alle von der GWUP behandelten Behauptungen anwendbar. Gerade wenn es um komplizierte Systeme geht, ist es durchaus nicht einfach, festzustellen, ob ein behaupteter Effekt zu den Naturgesetzen im Widerspruch steht. Ein Beispiel ist die Behauptung, es sei möglich, durch Magnetbehandlung Kalkablagerungen in Wasserleitungen zu verhindern. Obwohl die Erklärungen der Hersteller entsprechender Geräte keinen physikalischen Sinn ergeben, ist es nicht ausgeschlossen, da sie trotzdem funktionieren. Um zu entscheiden, ob sie eine Wirkung haben, helfen nur experimentelle Tests.

Dem Verkäufer des kosmischen Heilamuletts auf der Esoterikmesse mögen die Gedankengänge Aber die Physik ziemlich egal sein. Er war ebenso glücklich damit, noch Stunden später seinen Kunden zu erklären, da die Wissenschaft einfach nichts wahrhaben wolle, was außerhalb ihres Verständnisses liege. Und wer mit so einer negativen Einstellung komme, zerstöre ohnehin alle positiven Schwingungen.

Haben Sie die bis Heft 2/96 im Skeptiker regelmäßig erschienenen Anzeigen des "Diplom-Inspirationsmoderators Wolfgang Dog" schon vermißt, in denen er für so nützliche Dinge wie ein Auto-Horoskop oder Iris-Therapie mittels Kontaktlinsen warb? Vom Verfasser als Satire konzipiert, wurde die Skeptiker-Redaktion Mitte letzten Jahres zunehmend unsicher. Immer mehr wurden wir von der Wirklichkeit überholt, ernstgemeinte Versicherungen gegen UFO-Entführungen und andere - den Satire-Anzeigen täuschend ähnliche - Angebote sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Auch bei einigen Lesern kam der Verdacht auf, da der Redaktion unbemerkt ein esoterisches Kuckucksei ins Nest gelegt worden sei. Welche Erfahrungen Wolfgang Hund mit seinen Anzeigen gemacht hat, lesen Sie ebenfalls in dieser Ausgabe. Wir freuen uns darauf, auch von Ihnen, liebe Leser, eine Meinung zu diesen Anzeigen zu hören.

Stephan Matthiesen


[ Aktuell | Bestellungen | Home | Kontakt | Kontakt | Mitglieder | Service | Sitemap | Skeptiker | Skeptiker online | Suche | Themen | Über uns ]