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Skeptiker - Parawissenschaften unter der Lupe


Editorial Skeptiker 4/1997

Rückblick nach vorn


Am 10.10.1987 kamen in Bonn neunzehn Personen zusammen, um nach intensiver schweißtreibender Debatte eine Organisation mit dem Namen "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP) zu gründen. Wofür steht die GWUP heute, nach zehn ereignisreichen Jahren? "Für kritisches Denken, für sorgfältige Untersuchungen und die Popularisierung von wissenschaftlichen Methoden und daraus folgenden Erkenntnissen". So liest man es auf der Rückseite des Skeptiker oder in der Selbstdarstellungsbroschüre der GWUP. Und dennoch gibt es immer wieder Mißverständnisse.

Gänzlich falsch liegt, wer meint, es ginge darum, pauschal Menschen abzuqualifizieren, die Anhänger von mehr oder minder obskuren Thesen sind. Die meisten Esoterik-Begeisterten sind nach meiner Erfahrung grundehrlich, manche suchen nach Lebenshilfe oder Genesung, haben aber oft keinerlei Verständnis für einen skeptischen Standpunkt. Hier kann es hilfreich sein, Gemeinsamkeiten zu suchen (z.B. das Wohl von Patienten), eine Gesprächsbasis aufzubauen und die Argumente für sich sprechen zu lassen, vor allem ohne missionarischen Eifer. Vielleicht gelingt es ja sogar, den einen oder anderen sinnvollen Gedanken aus dem Gebäude der Esoterik herauszukristallisieren, zu entmystifizieren und ein nachvollziehbares Substrat davon in wissenschaftlich sinnvolle Anwendungen zu integrieren. Beispiele hierfür kännten sein: Therapien, die besser auf den Menschen als Individuum eingehen, eine intensivere Nutzung des Placebo-Effekts bei gleichzeitiger Minimierung der Nocebo-Effekte, "Meditation ohne Mystik" (warum nicht?) oder ähnliche Projekte. Es darf also keineswegs darum gehen, etwa eine starre "Anti"-Haltung einzunehmen.

In der Öffentlichkeit wird die Position, die von der GWUP vertreten wird und den Skeptiker als Zeitschrift prägt, oft nicht verstanden. Sie taucht in dieser Form im Weltbild des durchschnittlichen Medienkonsumenten nicht auf. Vielmehr kennt er oder sie nur "die einen, die alles blind glauben" oder eben "die anderen, die alles gleich abtun und nichts wahrhaben wollen". Wie wohl fühlt sich da der oder die Außenstehende, die vermeintlich "neutrale" Mitte einzunehmen, sich selbst als Skeptiker zu fühlen und in etwa folgende Meinung zu vertreten: "Nun ja, das meiste mag ja Unsinn und Scharlatanerie sein, aber irgend etwas muß doch dran sein, man kann ja schließlich nicht pauschal alles ablehnen."

Obwohl es nie die Position des Skeptiker oder der GWUP war oder ist, irgendetwas pauschal abzulehnen, müssen sich "Skeptiker" den Vorwurf gefallen lassen, dies der Öffentlichkeit gegenüber offenbar nicht klar genug betont oder begründet zu haben. Es ist völlig richtig, daß man nichts pauschal und ohne Prüfung oder Argumente ablehnen sollte. Das wäre purer Dogmatismus und hätte mit der Forderung nach wissenschaftlich-kritischem Vorgehen nicht das Geringste zu tun. Gleichzeitig hat sich aber die kritische Wissenschaft mit Recht dazu entschlossen, außergewähnlichen Behauptungen erst dann Bedeutung zuzumessen, wenn angemessene Belege dafür angeführt werden, auch wenn das den Anhängern einzelner parawissenschaftlicher Disziplinen nicht genehm sein mag.

Gerade im Skeptiker und innerhalb der GWUP geht es also darum, eine echte neutrale Mitte einzunehmen: Das bedeutet, Urteile, positive wie negative, erst nach einer sorgfältigen Überprüfung, und dann mit der gebotenen Umsicht zu treffen. Das heißt nun aber nicht, in Zukunft gar keine Position mehr zu beziehen, ganz im Gegenteil! Nach wie vor werden im Skeptiker Ergebnisse kritischer Forschung über paranormale Überzeugungen zu lesen sein, nach wie vor wird sich die kritische Stimme der GWUP überall dort erheben, wo unbelegte Behauptungen als Tatsachen verkauft werden. Grundlage ist, wie der Name besagt, die mit wissenschaftlichen Methoden durchgeführte Untersuchung am Themenhorizont der sogenannten Parawissenschaften. In diesem Kontext sind die in dieser Jubiläumsausgabe publizierten Beiträge zu verstehen: Was unter dem Begriff Parawissenschaft zu verstehen ist (Edgar Wunder), wie man mit Parawissenschaften umgehen sollte (Amardeo Sarma) oder warum man sich überhaupt mit Parawissenschaften beschäftigen sollte (Jürgen Windeler).

Alle Ideen, die sich in diesem Zusammenhang aufdrängen, praktisch zu verwirklichen, das ist ohne Zweifel für eine auf ehrenamtlicher Basis betriebene Organisation wie die GWUP eine ungeeignete Meßlatte. Dennoch kann die GWUP auf die in den letzten zehn Jahren erworbenen Erfahrungen aufbauen, Ziele im beschriebenen Sinn aufstellen und die nächsten zehn Jahre (und darüber hinaus) dazu verwenden, diese in die Tat umzusetzen. Wenn Sie möchten, auch mit Ihrer Hilfe!

Rainer Rosenzweig


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