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Skeptiker 3/1998

Editorial

Gesundheit!

Prof. Dr. Jürgen P. Großer

Vor der Wissenschaft war Magie. Seit einiger Zeit kehren wir wieder dahin zurück, auch bezüglich Gesundheit und Krankheit.

Gesund zu bleiben oder im Falle einer Erkrankung rasch wieder hergestellt zu wer den, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Solange Gesundheit anhält, schenken ihr die Menschen aber oft wenig Aufmerksamkeit. Das ändert sich beim Auftreten von Unpäß lichkeiten und Beschwerden.

Die Möglichkeiten der Medizin haben sich in diesem Jahrhundert außerordentlich verbessert. Das betrifft das verfügbare Wissen, die Möglichkeiten praktischen Handelns und die eingesetzten Ressourcen. In entwickelten Ländern können diese Fortschritte breite Kreisen der Bevölkerung in Anspruch nehmen.

Deutschland verfügt, trotz systemischer wie punktueller Defizite, über ein sehr lei stungsfähiges Gesundheitswesen mit 1,5 Mio. Beschäftigten, darunter fast 300 000 berufstätigen Ärzten. Es gibt 2 400 Kranken häuser, in denen jährlich 15 Millionen Pati enten stationär behandelt werden. 115 000 niedergelassene Vertragsärzte leisten jährlich mehr als 410 Millionen Konsultationen. Die für Gesundheit und Krankheit eingesetzten finanziellen Mittel betragen, je nach Art der Berechnung, bis zu 300 Milliarden DM im Jahr. Aber natürlich muß auch gelten: In ei ner Zeit, in der im Gesundheitswesen Fragen der Qualitätssicherung und Finanzierbarkeit zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist eine rationale, das heißt wissenschaftlich fundierte Nutzung der zur Verfügung stehenden Mittel zu "fordern", so kürzlich K.-O. Haustein im Deutschen Ärzteblatt.

Etwa zwei Drittel aller Krankheitsepisoden werden durch Selbst- oder Laienhilfe be wältigt. Aspirin bei Kopfschmerzen, "heißer Tee und Bettruhe bei Erkältung", Nahrungs karenz und Zwieback bei Durchfall - das sind bewährte Praktiken.

Millionen Bürger aber nehmen bei gesundheitlichen Beschwerden - und nicht nur bei "Kopfschmerzen, Erkältung" oder Durchfall - die Dienste einer bunten Truppe nicht-ärztlicher Heiler" in Anspruch, Tendenz steigend. Es wird von 40 000 solcher Paramediziner" in Deutschland gesprochen. Alternative Methoden", alternative Medizin" ist ihr Feld. Leider agieren auch Ärzte in solchen Richtungen - ob aus Überzeugung oder um ihren Patientenstamm zu bewahren oder zu vergrößern, sei dahingestellt. Von besonderer Bedeutung ist dies für die Umweltmedizin.

Unsere natürliche Umwelt und davon möglicherweise ausgehende Erkrankungen sind in den letzten Jahren stark ins Blickfeld der Öffentlichkeit getreten. Das Thema boomt. Die Bewertung dieser Veränderungen erfolgt kontrovers.

Da sind auf der einen Seite die dramatischen globalen Probleme in Entwicklungs ländern, wie Überbevölkerung, Armut, Unter- bzw. Fehlernährung, Infektionskrankheiten. Sie stehen in engem Zusammenhang und sind unbestritten. Umweltmedizinische Probleme in den entwickelten Ländern werden dagegen oft von Experten und Teilen der Öffentlichkeit unterschiedlich bewertet. Natürlich sind auch hier globale Probleme, insbesondere die Klimaveränderungen oder die Entwicklung des Ozonlochs, von besonderem Gewicht. Gerade sie werden in erheblichem Maße durch Industriestaaten verursacht. Aber "vor Ort" stehen für Sachkundige andere Probleme im Vordergrund: Über- und Fehlernährung, Reizüberflutung, Bewegungsmangel, Tabakrauchen, Alkohol und andere Drogen, Luftverunreinigungen durch Verkehr und in Innenräumen sowie Lärm. In der breiten Öffentlichkeit werden hingegen besonders Fragen wie Asbest und Mineralfasern, Blei, Dioxine und Furane, elektromagnetische Felder, PCP, PCBs oder Quecksilber diskutiert. Diese bedrohen aber unsere Gesundheit nicht akut, obwohl sie sicherlich Aufmerksamkeit im Interesse eines vorbeugenden Gesundheitsschutzes verdienen.

Hier sind dann rasch "Heiler" zur Stelle: mit Homöopathie, Akupunktur, Akupressur, Irisdiagnostik, Pendeln, Handauflegen, Edelstein-, Bach-Blüten- und Spektro-Chromo-Farb-Therapie, Harmonology, Antihomotoxikology, Aurastärkung oder der Abschirmung von "Erdstrahlen". Auch mit Autoritäten" wird nicht gespart, von Hildegard von Bingen bis zu Bundespräsidenten-Gattinnen.

Niemand wird ernsthaft bezweifeln, daß wir auch in unserem Land vor umweltmedizinischen Problemen stehen, ja Herausforderungen. Und mancher Zusammenhang ist nicht klar, etwa der komplexer Langzeitwirkungen physikalischer, chemischer und biologischer Noxen. Aber dringend ist auf umweltmedizinischem Gebiet eine sachlichere Risikobewertung geboten. Das sollten Ärzte und Patienten gemeinsam leisten, erfordert aber außer Sachkenntnis auch Zuwendung und Zeit. Vorstellungen von hundertprozentiger Sicherheit oder einem Null-Risiko müssen kritisch hinterfragt werden. Dieses Heft liefert dafür Beispiele. Andererseits müssen Ärzte die verbreiteten Umwelt-Ängste ernster nehmen. Sie sind zu tiefst subjektiv und zugleich real.

Eine große Verantwortung bei der Erörterung umweltmedizinischer Fragen tragen außer den Mitarbeitern im Gesundheitswesen Eltern, Lehrer und vor allem die Medien. Gerade diese gehen mit der Thematik Um welt und menschliche Gesundheit oft ungeheuer leichtsinnig um. Dem entgegen zu steuern, dazu soll auch dieses Heft des Skeptiker, der sich schon wiederholt mit Fragen der Umweltmedizin befaßt hat, erneut einen Beitrag leisten. Ganz im Sinne des neuen Untertitels unserer Zeitschrift: für Wissenschaft und kritisches Denken.


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