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Editorial Lebensenergie Axel Becker Im Innern von Pyramiden wirkt eine bisher unbekannte Energie. Rasierklingen werden dadurch wieder scharf. Ein tschechischer Ingenieur hat dafür sogar ein Patent erhalten. Fleisch bleibt in der Pyramide länger haltbar oder wird sogar durch diese Strahlen mumifiziert. Ein Forscher, der einmal eine Nacht in der Königskammer der Cheopspyramide verbrachte, bekam Halluzinationen, ein anderer gar einen Herzinfarkt. Solche fantastischen Behauptungen geisterten vor einigen Jahren durch die Medien, ich selbst habe damals als Schüler durch einen Fernsehbericht davon erfahren. Doch was steckt dahinter? Im kleinen Kreis wurde über dieses rätselhafte Phänomen diskutiert und Pappmodelle nach den Proportionen der ägyptischen Pyramiden gebastelt. Neugierig wie wir waren, fragten wir einen Lehrer, doch dieser runzelte nur mit der Stirn, nannte das "völligen Schwachsinn" und empfahl uns, doch lieber unsere Nasen in die Schulbücher zu stecken. Besonders überzeugend war dies allerdings nicht. Selbst eine flüchtige Beschäftigung mit parawissenschaftlichen Behauptungen und Theorien zeigt, daß die Idee solcher "Lebensstrahlen" oder "Lebensenergien" weit verbreitet ist. Im alten China nannte man sie Qi, bei Hindus findet sich der Begriff Prana, die Alchemisten des Mittelalters waren auf der Suche nach dem Lebenselixier. Franz Anton Mesmer glaubte, bei der Behandlung seiner Patienten auf den animalischen Magnetismus gestoßen zu sein, im früheren Ostblock wollten diverse tschechische und sowjetische Forscher psychotronische Energien entdeckt haben. Etwas Lebendiges hat anscheinend ein "anderes Wesen" als tote Materie und weist neue Eigenschaften auf - unbestritten ist diese Vorstellung sehr anschaulich und verständlich. Daß biologische Gesetzmäßigkeiten nicht auf chemische und physikalische zurückzuführen sein sollen, wie Vitalisten einst glaubten, mag uns heutzutage absonderlich und unsinnig erscheinen, schließlich werden wir permanent mit den Erfolgen der Gentechnik konfrontiert und müssen uns Gedanken über deren sinnvollen Einsatz machen. Vor hundert Jahren war dies noch ganz anders. Auch die Angst vor unsichtbaren gesundheitsgefährdenden Strahlen ist im Zeitalter der Kernspaltung nachvollziehbar. Gerade auch Naturforscher und Mediziner widmeten sich in der Vergangenheit der Suche nach solchen unbekannten geheimnisvollen Kräften. So veröffentlichte 1851 der bekannte deutsche Industielle, Chemiker und Naturphilosoph Carl Ludwig Freiherr von Reichenbach in der Augsburger Allgemeinen eine Artikelserie über die von ihm angeblich neu entdeckte Od-Kraft. In ganz Europa sorgten diese Artikel für das von ihm bezweckte Aufsehen. Einige Forscher versuchten sogar, die Od-Kräfte des Menschen zur Speisung" einer Glühbirne, einer sogenannten Lebenslichtlampe, zu benutzen. Jede Erkrankung sollte sich demnach durch schwächeres Leuchten oder gar Erlöschen anzeigen. Der Pariser Professor Georges Lakhovsky war zu Beginn dieses Jahrhunderts der Meinung, mittels offener Schwingkreise kosmische Energien auffangen und Menschen bzw. Pflanzen zu Heilzwecken zuführen zu können. Ein Dr. Abel Martin forschte ebenfalls in diese Richtung. Aufgrund seiner Dissertation "Diagnostic radiesthésique en médecine vétérinaire" an der medizinischen Fakultät zu Paris durfte er 1932 angeblich ohne Prüfung promovieren. Andere erzielten nach eigenen Angaben dank Erdmagnetokultur Rekordernten, indem sie verzinkte Eisendrähte in Nord-Süd-Rich tung in der Erde vergruben. Sonnenätherstrahlapparate, Ätheroide, Telepatoren, Strahlscheiben und Stativapparate wurden zur Übertragung von "kosmischen Wellen" auf den menschlichen Organismus, speziell zu Heilzwecken, eingesetzt. Momentan ist die Orgonenergie wieder in Mode gekommen. Sie soll nach ihrem Entdecker Wilhelm Reich die biologische und physikalische Basis für die Psychiatrie liefern, außerdem für das Nordlicht, Elmsfeuer, Blitze, das Himmelsblau, das Funkeln der Sterne, elektrische Störungen während der Sonnenflecken-Aktivitäten sowie für die blaue Färbung sexuell erregter Frösche verantwortlich sein. Gibt es tatsächlich solche Kräfte und beeinflussen sie uns? Können sie Krankheiten verursachen oder zur Heilung eingesetzt werden? In diesem Skeptiker wird an ausgewählten aktuellen Beispielen diesen Fragen nach gegangen. Und die ominöse "Pyramidenenergie"? Im Selbstversuch konnte ich nie einen sol chen Effekt feststellen. Wasser verschimmelte genauso schnell mit wie ohne Pyramide, und Visionen oder Halluzinationen stellten sich in meinen Träumen trotz einer exakt nach dem Kompaß ausgerichteten Pyramide unter meinem Bett auch nicht ein. Vermutlich sieht einer meiner damaligen "Mitforscher", der sich heute noch einmal die Woche in eine zelt große Pyramide zum "kosmischen Auftanken" begibt, den Grund in einer die Wirkung aufhebenden negativ geladenen Erdstrahlen-Reizzone - aber das ist eine andere Geschichte. |
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