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Editorial Die Gefahren von Star Trek, Harry Potter und Schweinchen Babe Andreas Kamphuis Unterhaltungsmedien sollen in unserer Psyche allerhand Schaden anrichten. So waren die Anhänger der apokalyptischen Heavens Gate-Bewegung angeblich von Star Trek besessen; tüchtige Pfarrer verbannen Harry Potter aus ihren Gemeindebibliotheken, um ihren Schützlingen die Konfrontation mit dem sinistren Du-weißt-schon-wer zu ersparen; die Kult-Serie Akte X soll durch hartnäckige Wiederholung des immer selben Schemas heimtückisch eine vernunftfeindliche Weltsicht vermitteln. Auch um die Verheerungen, die Talkshows mit belastenden Themen z. B. Kindesmisshandlung oder Handel mit Adoptivkindern in den Seelen der Kleinen womöglich anrichten, machen sich viele Eltern Sorgen. Vor gut einem Jahr habe ich auf einer Medienpsychologen-Tagung in Köln einen Vortrag gehört, der von den Versuchen berichtete, solche Belastungen bei zuschauenden Kindern zu messen. Nachträglichen Befragungen oder während des Zuschauens mitprotokollierte Kommentare sind bekanntermaßen mit Schwierigkeiten behaftet: Oft geben Versuchspersonen unbewusst die sozial erwünschten Antworten; sogar ihre Mimik soll eher die Kenntnis sozialer Normen (z. B. Abscheu bei Gewaltdarstellungen) als die wahren Gefühle widerspiegeln; Kinder gelten als besonders leicht durch die Fragestellung beeinflussbar. Daher hatten sich die Forscher entschieden, den Gehalt des Stresshormons Cortisol im Speichel der Kinder zu messen, die im Labor solche Talkshows vorgeführt bekamen. Damit sich die kleinen Probanden in den Wartezeiten vor und zwischen den Vorführungen nicht langweilten, zeigte man ihnen den Spielfilm Schweinchen Babe. Zack: Der Cortisolspiegel schnellte in die Höhe viel stärker als bei den brutalsten Talk-Themen, die die Wissenschaftler als ethisch gerade noch vertretbar ausgewählt hatten! Daraus sollten wir nicht den Schluss ziehen, dass Schweinchen Babe eine Gefahr darstellt. Vielmehr scheint der Cortisolspiegel kein guter Anzeiger für schädlichen Stress zu sein, sondern eher für die erwünschte Spannung. Die Medienpsychologie ist ein eben junges Fach, das noch mit enormen methodischen und theoretischen Schwierigkeiten kämpft: Wie und wann beeinflussen uns die Medien? Was genau soll der Forscher messen? Und wie? Was heißt überhaupt Zuschauen? Endet dieser Prozess mit dem Abspann der Sendung, oder fängt die eigentliche Verarbeitung dann erst an? Ob wir die Unterhaltungsmedien von dem Verdacht freisprechen können, der Vernunftfeindlichkeit Vorschub zu leisten, vermag ich auch nach der Kölner Medienpsychologen-Tagung nicht zu sagen. Zwar scheint die Befürchtung, viele Zuschauer könnten Fantasiemonster und -aliens für bare Münze nehmen, aus der Luft gegriffen: Selbst anhand sekundenkurzer Ausschnitte erkannten die meisten Testzuschauer in einem Experiment genau, welches Genre oder Sendeformat sie vor sich hatten. Schon achtjährige Kinder vermochten z. B. Werbung von narrativen Material sicher zu unterscheiden. Aber: Funktioniert das auch bei den modernen Genre-Chimären, in denen sich die Fiktion ein Wirklichkeits-Mäntelchen umhängt und umgekehrt: Doku-Fiction, Reality-TV und so fort? Mir hat die Tagung vor allem gezeigt, wie wenig Sicheres wir heute über Medienwirkung wissen. Das sollte man auch bei der Lektüre des Artikels über die Akte X-Zuschauer (S. 20) im Kopf behalten, die anderenfalls womöglich enttäuschtes Schulterzucken hervorruft: Zuschauen ist nicht gleich Zuschauen na und? So bescheiden diese Erkenntnis klingt: Sie ist ein erster Schritt. Wenn wir das nächste Mal von einem Kult um eine Serie hören oder einer Besessenheit, sollten wir auch diese vermeintlichen Gewissheiten kritisch hinterfragen. |
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