Infos

Links
Lesetipps

Regionalgruppen
Who is Who

Newsletter & Mailinglisten

Skeptiker 2/2001

Editorial

Mut zur Lücke

In den späten 80er Jahren lernte ich als freie Mitarbeiterin der Lokalpresse eine allein stehende ältere Dame namens Waltraud G. kennen. Sie pflegte mithilfe eines Radio-Kassettenrekorders vermeintliche „Tonbandstimmen“ von Verstorbenen und Engeln aufzuzeichnen, und als ich sie gemeinsam mit einem Kollegen anlässlich eines Interviews besuchte, führte sie uns einige Beispiele aus ihrem Archiv vor. Auf einem der Bänder, so erklärte sie stolz, sei der Geist des verstorbenen sowjetischen Staatschefs Leonid Breschnew zu hören. Seine Botschaft: „Waltraud, du bist lieb, darum gibt es keinen Krieg.“ Offenbar gab ihr dies die Gewissheit, dass einer der mächtigsten Männer der jüngeren Weltgeschichte sie persönlich schätzte – ja, sie als Retterin der Welt vor dem nuklearen Overkill anerkannte.

Die ältere Dame beherrschte keine Fremdsprachen, und so hatte sich auch der einstige KPdSU-Vorsitzende auf Deutsch an sie gewandt – wenn auch mit einem starken „russischen Akzent“, wie sie betonte. Mir erschien die Phonetik der Aufnahme ebenfalls ungewöhnlich, aber ich fand keine Erklärung dafür. Wohl hatte ich mich bereits im Vorfeld über die Mechanismen hinter solchen vermeintlichen Nachrichten aus dem Jenseits informiert, es war jedoch mein Kollege, der schließlich herausfand, was wohl dahinter steckte: Mit großer Wahrscheinlichkeit handelte es sich dabei um den Mitschnitt eines englischsprachigen Radiobeitrages, in dem die Wörter „world trade“ (statt „Waltraud“) und „country“ (statt „keinen Krieg“) vorkamen. Aber da wir Datum und Uhrzeit der Aufnahme nicht in Erfahrung bringen konnten, erwies sich eine Suche nach der entsprechenden Hörfunksendung als aussichtslos. Auch die Gelegenheit, die Aufnahme ein zweites Mal zu hören, ergab sich nicht mehr.

Zwar hatte unser Erklärungsansatz den Vorteil der Überprüfbarkeit. Doch ihm fehlte der emotionale Wert für Waltraud G., und das machte ihn inakzeptabel für sie. Ihre Verständnislücke hatte sie mit einem Lebenssinn stiftenden Interpretationskonstrukt geschlossen – eine gar nicht so seltene Strategie.

Gesetzt den Fall, es wäre uns gelungen, als tatsächliche Quelle der Aufnahme einen englischsprachigen Wirtschafts-Report zu ermitteln – wäre das nicht die Gelegenheit gewesen, Waltraud G. von ihrem Geisterglauben zu befreien? Die Frage ist mit Vorsicht zu beantworten, wirft sie doch neben der pragmatischen auch eine ethische Problematik auf. Zum einen erweisen sich Anhänger von paranormalen Überzeugungssystemen oft als erstaunlich unempfänglich gegenüber rationalen Erklärungsansätzen. Und selbst wenn es gelingt, ein solches Weltbild ins Wanken zu bringen, sind positive Auswirkungen für die Betroffenen damit längst nicht garantiert. Hier sind Fingerspitzengefühl und Verständnis gefordert, besser noch therapeutische Erfahrung. Vergessen wir auch nicht, dass durchaus Fälle von Menschen bekannt sind, denen irreale Weltkonstrukte hohe Lebensqualität vermitteln. Waltraud G. zumindest hinterließ den Eindruck eines zufriedenen Menschen.

Wer jedoch eine objektiven Erkenntnis über die Beschaffenheit der Welt sucht, tut gut daran, wenn er seinem Drang nach voreiligen Erklärungen kritisch gegenübersteht. Wissenschaftler geraten oft in solche Situationen, stoßen sie doch im Rahmen ihrer Arbeit immer wieder auf Phänomene, die sie (noch) nicht erklären können. Für solche Lücken bieten sich nicht selten mehrere alternative Erklärungen an, über deren Validität erst nach weiteren Forschungen entschieden werden kann. Eine solche Situation schildert Alexander Kendl in seinem Beitrag „Kugelblitze: Ein Phänomen zwischen Physik und Folklore“ (S. 65). Physik, Chemie und Neurophysiologie haben Theorien zur Erklärung dieser Erscheinung vorgelegt. Welche davon die Beobachtungen am schlüssigsten erklärt, ist zurzeit jedoch nur schwer abzusehen. Möglicherweise haben wir es beim Kugelblitz auch mit mehreren ähnlich aussehenden Phänomenen zu tun, die jeweils durch unterschiedliche Prozesse entstehen.

Bis wir dazu mehr wissen, bleibt uns nichts anderes übrig als der Versuchung zu widerstehen, unsere Wissenslücke voreilig zu füllen; gleichzeitig aber offen zu sein für neuartige Erklärungsansätze. Keine leicht Aufgabe – aber eine Mühe, die sich lohnt.

Inge Hüsgen


[ Home | Aktuell | Skeptiker | Themen | Shop | Über uns | Mitglieder | Kontakt ]

Fragen, Probleme, Anregungen?

©1996-2008 GWUP e.V.