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Skeptiker 1/2002

Editorial

Akte X: Die Wissenschaft ist irgendwo da drinnen

Sie stehen Aliens und Mutanten Aug in Aug gegenüber, sie kommen Killerbakterien auf die Spur und finden immer wieder Indizien für eine monströse Verschwörung. AutorHuesgen.jpgDie Rede ist von den beiden FBI-Agenten Fox Mulder und Dana Scully, den Hauptfiguren der Mystery-Serie "Akte X". Neun Jahre lang jagen sie nun schon paranormalen Phänomenen hinterher: Mulder besessen von der Suche nach hieb- und stichfesten Beweisen, während seine Kollegin sich immer wieder vergeblich an konventionelle Erklärungen klammert. Doch nun werden die "X-Akten" geschlossen. Im Mai soll die letzte Folge der Mystery-Serie über die amerikanischen Bildschirme flimmern.

Mit wachsender Popularität weckten die unheimlichen Einfälle von Produzent Chris Carter auch das Interesse von Naturwissenschaftlern. So lud ihn 1996 auch die US-amerikanische Skeptikervereinigung CSICOP als Referenten zum World Skeptics Congress in Amherst, New York. Gebeten um eine Stellungnahme zum Einfluss seiner Serie auf paranormale Überzeugungen der Zuschauer zog Carter eine klare Grenze zwischen seinen Schöpfungen auf der einen Seite und der Realität auf der anderen. So waren ihm zufolge dramaturgische Überlegungen entscheidend für die Anlage des Plots. "Zu Beginn wollte ich die Handlungen ausgeglichener anlegen", erinnerte sich Carter, "Ich wollte, dass Agent Scully ebenso oft im Recht ist wie Agent Mulder. Und siehe da, diese Geschichten waren ganz schön langweilig!" (Skeptical Inquirer 1/97, S. 24ff).

Eine hoffnungslos naive, ja gefährliche Position, findet Richard Dawkins, Inhaber des Oxforder Lehrstuhls für "Public Understanding of Science". Denn die Serie fördere mit ihrer Favorisierung paranormaler Erklärungen für außergewöhnliche Vorfälle sehr wohl eine vernunftfeindliche Weltsicht. Seine Ansicht illustriert Dawkins anhand des folgenden Beispiels: "Man stelle sich eine Fernsehserie vor, in der zwei Polizeibeamte jede Woche ein Verbrechen aufklären. Jede Woche gibt es einen farbigen und einen weißen Verdächtigen. Einer der beiden Polizisten ist jeweils voreingenommen gegenüber dem Schwarzen, der andere gegenüber dem Weißen. Und Woche für Woche stellt sich am Ende heraus, dass der Farbige der Mörder ist." (Dawkins, Richard: Der entzauberte Regenbogen. Reinbek 2000)

Dieses Beispiel klingt imponierend. Was aber sagt es über das eigentliche Thema, die Rezeption von Fernsehserien, aus? Empirische Informationen dazu sucht man bei Dawkins vergebens. Dabei steht und fällt gerade mit ihnen seine Argumentation. Denn lägen Hinweise auf eine starke Beeinflussung von Einstellungen der Zuschauer durch Fernsehserien vor, dann hätte die Ausstrahlung beider Serien in der Tat verheerende Folgen. Das Zerrbild vom farbigen Schwerverbrecher müsste sich ebenso in den Köpfen festsetzen wie der Glaube an Aliens.

Was aber, wenn die Zuschauer fiktive Serien aus einer distanzierten Position rezipieren, wenn sie also dort präsentierte Überzeugungssysteme gar nicht sklavisch in ihr Weltbild übernehmen? Dawkins' Kritik an "Akte X" bräche dann in sich zusammen - für die Absetzung der rassistischen Krimiserie aus seinem Beispiel gäbe es dennoch allen Grund, denn die farbige Bevölkerung empfände sie sicherlich als beleidigend.

Doch auch wenn man von solchen Fragestellungen absieht, greift Dawkins' Betrachtung der Serie ebenso zu kurz wie die Vorbehalte des Publikums in Amherst, denn "Akte X" bietet durchaus Ansatzpunkte für die Vermittlung wissenschaftlicher Methodik.

Zwar macht der Reiz des Übernatürlichen und Geheimnisvollen, wie in der Phantastik üblich, die Faszination auch dieser Serie aus. Dennoch sind es in der Regel formallogisch korrekte Schlüsse, die Scully und Mulder zu ihren paranormalen Annahmen führen. Der Journalist Eugene Emery beschreibt ihre Arbeitsweise in seiner Einführung zu Carters Vortrag in Amherst folgendermaßen: "Wenn die FBI-Agenten auf etwas scheinbar Übernatürliches stoßen, bestaunen sie das Phänomen nicht aus der Ferne, sondern untersuchen es, sie analysieren es, sie versuchen der Sache auf den Grund zu gehen, und sie fürchten sich nicht vor prosaischen Erklärungen, sofern sie denn eine finden." Ist dies jedoch nicht der Fall, müssen paranormale Ursachen angenommen werden. Und anders als das wirkliche Forscherleben konfrontieren die Drehbücher Scully und Mulder immer wieder mit Artefakten und biologischen Systemen, die gerade durch ihre Erforschung ihren außerirdischen Charakter offenbaren. Im Rahmen der Serien-"Realität" urteilen die Agenten also durchaus rational - der Vorwurf der Vernunftfeindlichkeit muss also sehr differenziert gesehen werden.

Die Biologin Anne Simon nahm die Serie zum Anlass für eine populäre Einführung in ein breites Spektrum wissenschaftlicher Fragen. In "The Real Science Behind The X-Files" (Simon & Schuster 1999) schildert sie auch ihre positiven Erfahrungen als Universitätsdozentin mit der Serie: "Kritiker, die behaupten, 'Akte X' wirke sich negativ auf das Bild von Wissenschaft in der Öffentlichkeit aus, wären sicherlich überrascht, wie viele Erstsemester-Studenten in meinen Biologieseminaren als einen Grund für ihr Interesse an Wissenschaft die positive Schilderung von Wissenschaft und Wissenschaftlern in 'Akte X' nennen."

Inge Hüsgen


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