Infos

Links
Lesetipps

Regionalgruppen
Who is Who

Newsletter & Mailinglisten

Skeptiker 2/2002

Editorial

Wir irren uns empor

Stephan Matthiesen„Ein weiser Mensch, der Erfahrung im vernünftigen Schlussfolgern hat, weiß, dass er fehlbar ist, und er wird diese Überzeugung bei jedem Urteil, das er sich bildet, mit sich tragen. Er weiß aber auch, dass er in einigen Fällen eher zu Irrtümern neigt als in anderen. Er hat eine Skala im Kopf, mit der er seine Neigung zum Irrtum abschätzt, und mit dieser legt er auch fest, welchen Grad an Zuverlässigkeit er seinem Urteil über einen bestimmten Punkt zuschreibt.“

Ein anschauliches Modell für ein alltägliches Problem ist diese „Skala im Kopf“ des schottischen Philosophen Thomas Reid. Es gibt viele Gründe, warum ich mich in meinem Urteil irren kann. Es könnte sich um einem Themenbereich handeln, in dem mir das nötige Hintergrundwissen fehlt. Oder ich habe nicht die Zeit oder Gelegenheit, alle nötigen Informationen über ein konkretes Thema zu sammeln und zu beurteilen – es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, vor dem Arztbesuch alle relevanten Artikel über Homöopathie zu lesen. Oder vielleicht ist ein Thema tatsächlich nicht hinreichend untersucht und relevante Fakten sind noch völlig unbekannt. Selbst bei bestmöglicher Vorbereitung können mir wesentliche Punkte unbemerkt durch die Lappen gehen. Wer glaubt, sein eigenes Urteil sei fundiert, unterliegt einer hoffnungslosen Selbsttäuschung – Perfektion ist gar nicht erreichbar.

Sollte man sich daher des Urteilens enthalten? Ein populäres Buch über Geister erklärt, es unternehme keinen Versuch, „Fakten von Fiktionen zu unterscheiden“. Und in eher wissenschaftlich orientierten Diskussionen oder Veröffentlichungen steht oft keine abschließende Stellungnahme, sondern ein Verweis auf weiteren Forschungsbedarf – gerade bei Arbeiten, die auf wenig Akzeptanz stoßen dürften. Auch Vertreter der skeptischen Bewegung erklären zumindest als Leitsatz, dass sie nur aufgrund von stichhaltigen Belegen ein Urteil fällen. Das ist einerseits eine berechtigte Position. In der Wissenschaft sind Themen nie „ausgeforscht“. Andererseits ist es unrealistisch, sich stets jedes Urteils zu enthalten. Denn wir sind dauernd zu Entscheidungen gezwungen. Immer müssen wir als Interessierte entscheiden, ob wir Zeit und Energie in die Beschäftigung mit einem kontroversen Thema stecken, oder uns vielversprechenderen Themen zuwenden. Auch die vorgebliche Urteilsenthaltung mit einem Verweis auf zukünftigen Forschungsbedarf ist tatsächlich ein Urteil: Man hält die Forschung für zukunftsträchtig und lohnend – auch wenn es bequemer und sicherer ist, dieses Urteil als „Urteilsenthaltung“ zu verpacken. Und manchmal wird der Zwang zur Entscheidung sehr konkret: Im Krankheitsfall hilft uns ein Verweis auf zukünftige Forschungen bei der Wahl der Behandlung nicht.

Entscheidungen unter unsicherem Kenntnisstand sind unvermeidlich. Doch dabei kann mir das Reid’sche Modell der „Zuverlässigkeitsskala im Kopf“ als anschauliche Erinnerung dienen, dass zu jeder Meinung gleichzeitig die selbstkritische Einschätzung gehört, wie solide das Fundament dieser Meinung ist. Beruht meine Meinung auf solider Forschung, oder habe ich sie aus einer Fernsehsendung übernommen? Mein Urteil kann auf einem Irrtum beruhen – in manchen Bereichen eher als in anderen.

Die Kenntnis der eigenen Fehlbarkeit führt nicht in den Fatalismus. Denn die „Skala im Kopf“ gibt auch Vertrauen, in vielen Fällen ein begründetes (vorläufiges) Urteil abgeben zu können. Vor allem dient sie als motivierender Ansporn zur Selbstverbesserung: Ein Ansporn, die Basis für die eigenen Urteile immer weiter zu verbessern, und ein Ansporn, sich für jedes konkrete Thema eine möglichst genaue Einschätzung der eigenen Fehlbarkeit zu erarbeiten. Für viele Menschen, die sich mit Wissenschaft (gerade in ihren Randbereichen) beschäftigen, ist dies Streben nach Selbstverbesserung wohl eine der wichtigsten Motivationen – auch wenn man das vielleicht im mühsamen Arbeitsalltag oft vergisst.

Eigene Unzulänglichkeiten selbst zu erkennen, ist schwer. Dazu muss man die eigene Meinung aus einer anderen Perspektive, mit anderem Hintergrundwissen und anderen Vorurteilen sehen – also mit den Augen einer anderen Person. Daher ist es für die eigene Entwicklung essenziell, sich immer wieder mit abweichenden Meinungen zu konfrontieren, aktiv nach widersprechenden Argumenten und Kritik an der eigenen Ansicht zu suchen. Könnte an der Position des Anderen etwas Wahres dran sein? Wenn nicht: Sind die eigenen Gegenargumente gut durchdacht und fundiert, oder nur oberflächlich überzeugend? Was sind die besten Argumente auf beiden Seiten? Es macht viel Spaß, auf diese Weise den eigenen Blick zu schärfen und zu lernen.

Dazu muss man freilich abweichende Meinung grundsätzlich ernst nehmen. Leider gibt es viele Argumentationsmuster, die dieses Bestreben behindern. Etwa Ad-hominem-Argumente, mit denen Vertreter anderer Meinungen persönlich in ein schlechtes Licht gerückt werden. So weisen Kritiker in Diskussionen mit Impfgegnern manchmal auf „Sekten“ hin, im vollen Bewusstsein, dass die Verwendung dieses deutlich vorurteilsbeladenen Begriffes die Emotionen anheizt und zur eigentlichen Frage nach den medizinischen Gefahren des (Nicht-) Impfens wenig beiträgt. Gleichzeitig ist dies ein Strohmannargument, denn die meisten Menschen, die dem Impfen unsicher gegenüberstehen, haben keine religiöse Motivation. Statt auf die Ängste verunsicherter Menschen zu antworten, greift dieses Argument einen selbst errichteten Strohmann an – das ist bequemer und einfacher.

Wer Ad-hominem- oder Strohmannattacken führt, erhält dennoch oft Beifall, besonders bei denjenigen Zuschauern, sich in einem Kampf der Weltanschauungen wähnen. Schläge unter die Gürtellinie sorgen auch in einem Boxkampf für Unterhaltung. Auf der Strecke bleiben nicht nur die Fairness und der Respekt vor den Menschen, sondern vor allem der rationale Diskurs. Damit sind diese Streiter sicher keine „Kämpfer für die Rationalität“, sondern zerstören dieses Ideal – selbst wenn sie dies mit viel Fachwissen tun. Eine emotional-kämpferische Art des Diskurses ist keineswegs eine Frage der Strategie oder des Stils, sondern missachtet die Basis des kritischen Denkens: Das Wissen um die eigene Fehlbarkeit.

Stephan Matthiesen


[ Home | Aktuell | Skeptiker | Themen | Shop | Über uns | Mitglieder | Kontakt ]

Fragen, Probleme, Anregungen?

©1996-2008 GWUP e.V.