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Skeptiker 3/2002

Editorial

Der Fall Wilkomirski:
Mehr als eine makabere Affäre der Feuilletons

Inge Hüsgen Kritisches Denken zu fördern und wissenschaftliche Methoden zu popularisieren ist unser Ziel. Deshalb beschäftigen wir uns in jeder Ausgabe mit parawissenschaftlichen Behauptungen und paranormalen Überzeugungssystemen.

Weshalb aber gehört ein Artikel wie "Die Affäre Wilkomirski" von Harald Merckelbach (S. 92-96) in unser Heft? Zunächst fällt dafür vielleicht kein Grund ins Auge, schließlich hat er scheinbar nichts mit unseren klassischen Themen wie Paramedizin und Ufos zu tun. Es geht dabei vielmehr um einen Literaturskandal. Binjamin Wilkomiski wurde bekannt als Autor des Buches "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948", erschienen 1995. Darin wollte er Erinnerungsfetzen gesammelt haben, die belegten, dass er als Kind lettischer Juden zwei deutsche Konzentrationslager überlebt hat. Heute wissen wir aufgrund historischer Forschungen, dass es sich dabei nicht um authentische Erinnerungen handelt. Binjamin Wilkomirski heißt eigentlich Bruno Dössekker und hat seine ganze Kindheit und Jugend in der Schweiz verbracht.

Was aber hat diese Affäre mit dem Themenspektrum des Skeptikers zu tun? Ist sie nicht nur eine - wenn auch besonders makabere - Farce aus der Parallelwelt des Feuilletons?

Es stimmt zwar, dass ein Großteil der Diskussion um die Authentizität des Buches in der Literaturszene geführt wurde, während viele unserer anderen Themen sich eher im Dunstkreis der exakten Wissenschaften bewegen. Gleichwohl können wir aus der Affäre Wilkomirski viel lernen. Denn wie in einem Brennglas sind in ihr Entstehungs- und Rezeptionsmuster gebündelt, die wir auch bei pseudowissenschaftlichen Texten finden. Dies zeigt eine genauere Betrachtung von Genese und Verbreitung des Buches.

Da ist zunächst seine Entstehungsgeschichte. Wie Merckelbach zeigt, liegt hier offenbar ein Fall von artifiziell induzierter, falscher Erinnerung vor. Und dieses Phänomen gehört erklärtermaßen zu unserem Themenkanon. Relevant wird die Frage nach der Verlässlichkeit von Erinnerungen überall dort, wo Zeugenaussagen eine Rolle spielen.

Aber "Bruchstücke" wurde nicht nur geschrieben, das Erstlingswerk des bislang unbekannten Autors fand umgehend einen Agenten, der es in einem renommierten Verlag unterbrachte. Und es wurde breit rezipiert.

Wenn wir uns fragen, was das Buch so attraktiv machte, stoßen wir zum einen auf eine günstige politische Stimmung. Kurz nach seiner Veröffentlichung begann in der Schweiz eine erste breite Diskussion über die wirtschafts- und flüchtlingspolitischen Verstrickungen des Landes mit dem nationalsozialistischen Deutschland. Beim derart sensibilisierten Publikum stieß "Bruchstücke" auf große Beachtung.

Aber auch für sich allein betrachtet war es ein interessanter Text. Denn sein Titel ist Programm. Die einzelnen Szenen werden darin assoziativ verbunden, sodass der Text an zeitgenössische visuelle Techniken, wie schnelle Videoschnitte, erinnert. Damit trägt er außerdem den scheinbaren Beleg seiner Authentizität in sich, denn der Autor erklärt gerade diese Form als Resultat seiner ureigenen Erinnerung.

Weiter greift das Buch genretypische Topoi auf. Dazu gehört der brennende Wunsch von KZ-Häftlingen, das Erlebte zu dokumentieren, aber auch ihre Angst, dabei auf Unglauben zu stoßen. Bei Wilkomirski wird dies zum Struktur bildenden Motiv. In vielen Kapiteln seines Buches koppelt er ein Erinnerungsfragment mit einem Erlebnis in der Schweiz der späten vierziger Jahre, und er erzählt, wie diese Assoziation regelmäßig von seinen Mitmenschen missverstanden wird, oder man seine Herkunft gleich ganz leugnet. In der Schule erntet er Hohn, weil er ein Bild von Wilhelm Tells Apfelschuss für die Darstellung eines sadistischen SS-Offiziers hält. Seine Mitschüler rufen: "Der spinnt doch, das gibt es gar nicht! Lügner!" Und die Pflegeeltern würgen jeden Versuch des Jungen ab, über seine Vergangenheit zu sprechen. "Alles war nur ein Traum", reden sie ihm ein. Welcher Leser möchte sich wohl mit diesen verständnislosen Menschen identifizieren? Als einzige Alternative bietet das Buch den bedingungslosen Glauben an Wilkomirskis Geschichte an, und zahlreiche Leser griffen dankbar nach dieser Option.

Ähnliche moralische Skrupel zeigten Gerichte und Öffentlichkeit, als sie Ende der 80-er Jahre zunehmend mit Berichten über Kindesmissbrauch konfrontiert wurden. Für wirkliche Opfer wurde es leichter, Gehör zu finden, doch gleichzeitig wuchsen die Schwierigkeiten, ihre Schilderungen von denjenigen nur scheinbarer Opfer zu unterscheiden. Denn auch diese klangen durch die Bank glaubhaft, schließlich waren sie selbst überzeugt, die Wahrheit zu sagen. Viele hatten wie Dössekker ihre Vorstellungen erst in einer suggestiven Psychotherapie entwickelt, von der sie sich im Vorfeld die Heilung einer psychischen Erkrankung erhofft hatten. Als Forschungen im Laufe der 90-er neue Erkenntnisse über die Entstehung falscher Erinnerungen brachten, waren bereits Familien zerrüttet, Unschuldige verurteilt, und zu den ursprünglichen Problemen der Patienten waren quälende Erinnerungen an nie erlittene Gewaltverbrechen hinzugekommen.

In beiden Fällen, bei Wilkomirski wie bei den scheinbaren Missbrauchsopfern, war es ihr emotionaler Gehalt, der ihre Geschichten so überzeugend machte. Über ihre Authentizität sagt er jedoch nichts aus, denn diese muss für jeden Einzelfall kritisch geprüft werden. Erweist sich eine selbst geglaubte Biografie als objektiv unrichtig, sollte uns dennoch bewusst sein, dass sie für die Betroffenen emotional real ist und dahinter eine andere, wenn auch weniger spektakuläre Leidensgeschichte verborgen sein kann.

Und angesichts des Skandals um falsche Erinnerungen dürfen die wirklichen Gewaltopfer nicht vergessen werden. Sie brauchen Unterstützung auf juristischer, psychologischer und zwischenmenschlicher Ebene.

Inge Hüsgen


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