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Editorial Eigenhändig verstehen lernen
In den letzten Wochen habe ich zwei wissenschaftliche Museen besucht. Da war zunächst
eine ambitionierte Sammlung in der Provinz mit dem Anspruch, der Bevölkerung eine
wissenschaftliche und kulturelle „Grundversorgung“ zu bieten. Die Vitrinen aber waren
eher nach ästhetischen denn didaktischen Gesichtspunkten gestaltet und nur
spärlich beschriftet. Besonders ärgerlich ist dies angesichts der durchaus
umfangreichen Sammlung von Exponaten aus verschiedenen Fachrichtungen wie Erdgeschichte
und Archäologie. Sicher, gute Museumsführer können mit ihrem Vortrag
ganze Vitrinen scheinbar zum Leben erwecken – dennoch bleiben die Ausstellungsstücke
leblos für jeden Laien, der das Museum auf eigene Faust erkundet.
Dass es auch anders geht, sah ich im Nürnberger Erlebnis-Museum Turm der Sinne (siehe Bericht S. 18–20). Dort können die Besucher selbst ausprobieren, wie leicht sich ihre Sinne aufs Glatteis führen lassen. Kunststück, denken Sie vielleicht jetzt, eignet sich das Thema Sinnestäuschungen doch wie kein zweites für eine Hands-on-Ausstellung. Aber Exponate zum Ausprobieren lassen sich auch für andere Themenbereiche ohne großen Aufwand verwirklichen. So kann man mit einem einfachen Sandbecken die Erosion und Sedimentation von Gesteinen zeigen. Wer danach in der Natur auf solche Gesteine trifft, erkennt sie leicht wieder. Zu sehen ist dies im Londoner Natural History Museum, aber auch kleinere Institutionen können ähnlich anschauliche Exponate mit ihren Mitteln verwirklichen. Noch einen weiteren Aspekt des Nürnberger Museumskonzeptes finde ich bemerkenswert: Die Täuschungen im Turm der Sinne bieten eine originelle Unterhaltung. Darüber hinaus jedoch kann sich der Besucher auch eine grundlegende Erkenntnis über unseren Wahrnehmungsapparat erarbeiten. Wir alle sind täuschbar. Diese Erkenntnis kann Besucher dazu anregen, zu abstrahieren und nicht nur über Wahrnehmung, sondern auch über Einstellungen und Urteile nachzudenken. Das lehrt uns Argwohn gegenüber vorschnellen Schlussfolgerungen. Und nicht zuletzt können Erlebnisse wie im Turm der Sinne dazu beitragen, dass wir mit außergewöhnlichen Erfahrungen anderer toleranter umgehen. |
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