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Skeptiker 4/2003

Editorial

145 Jahre nach Darwins „Ursprung der Arten“


Als einer der Ersten, die in Deutschland ein kritisches Büchlein zum Thema Kreationismus publiziert haben – das war Mitte der 1980er Jahre –, war es mir eine besondere Freude, dieses Heft mit dem Schwerpunkt Kreationismus und Intelligent Design zu betreuen. Doch warum gerade ein Themenheft Kreationismus? Zwar ist der Kreationismus ein klassisches Thema aus dem Bereich der Parawissenschaften, aber es darf dennoch die Frage gestellt werden, wie aktuell er bei uns ist. Gewiss lässt sich die Situation hier nicht mit den USA vergleichen, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung den Evolutionsgedanken ablehnt und wo sich der Unterricht in Evolutionsbiologie bis heute steten Angriffen ausgesetzt sieht. Eine Allensbach-Umfrage von 1996 weist jedoch darauf hin, dass auch hierzulande etwa ein Fünftel der Bevölkerung den Evolutionsgedanken ablehnt und so ein mögliches Publikum für den Kreationismus in seinen verschiedenen Formen bildet (s. S. 140–144). Immerhin haben in der Umfrage 22% der Befragten die Frage „Haben Mensch und Affe einen gemeinsamen Vorfahren oder nicht?“ mit Nein beantwortet. Selbst wenn man davon noch ein paar Prozentpunkte für diejenigen abzieht, denen nicht klar gewesen sein mag, dass die Evolutionsbiologie diese spezielle Konsequenz für den Menschen mit sich bringt, bleiben immer noch genügend Personen übrig, die sich mit dem Evolutionsgedanken offenbar nicht anfreunden können.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Tatsache, dass in den letzten 20 Jahren zum klassischen 6000-Jahre-Kreationismus neue Ansätze und Strategien hinzugekommen sind. Einige davon stellen nur noch einen Minimalkreationismus dar, wie etwa das so genannte Intelligent Design (ID). Vertreter dieser Richtung erkennen zwar ein Evolutionsgeschehen an, vermeinen aber zu dessen Beginn oder möglicherweise auch zu dessen gelegentlicher Steuerung einen „intelligenten Planer“ annehmen zu müssen (s. S. 128–136). Während den Argumenten der Kurzzeit-Kreationisten noch relativ einfach beizukommen ist – zu offensichtlich falsch sind die Behauptungen über das junge Alter der Erde oder die Historizität einer weltweiten Sintflut –, sind die Argumente des ID weniger konkret zu fassen: Sie sind teilweise von so allgemeiner Natur, dass sie ins Philosophische übergehen. In der Tat feiert im ID der alte teleologische Gottesbeweis, das argument to design, fröhliche Urständ: Man will aus der Ordnung der Natur auf eine ordnende Intelligenz schließen. Eine weitere Frage, welche die philosophischen Grundlagen der Realwissenschaften berührt, ist dabei die nach dem Stellenwert des Naturalismus, der als Antithese zum Supranaturalismus davon ausgeht, dass eine Übernatur in der Wissenschaft keine Rolle spielen darf (s. S. 137–139). Wie wichtig ist der Naturalismus? Ist er eine essenzielle philosophische Annahme, ohne die Wissenschaft nicht möglich ist, oder steht er zur Disposition wie eine schlichte Arbeitshypothese?

Mit den Themen Kreationismus, Intelligent Design und Naturalismus versus Supranaturalismus wird zwangsläufig auch das Verhältnis von Wissenschaft und Religion angesprochen. Nun behandelt die GWUP keine rein religiösen Themen – hierfür gibt es andere und größtenteils viel ältere skeptische Institutionen –, doch sobald Tatsachenaussagen über die Welt gemacht werden, welche die Zuständigkeit der Realwissenschaften berühren, müssen auch diese Aussagen der skeptischen Analyse unterworfen werden.
Auf jeden Fall führen die Themen dieses Heftes wieder einmal vor Augen, dass es eine philosophisch voraussetzungslose bzw. eine philosophiefreie Wissenschaft nicht gibt. Wissenschaft besteht nicht in der stumpfsinnigen Anwendung bestimmter Methoden, die auf den ersten Blick lediglich innerwissenschaftlich begründet zu sein scheinen. Vielmehr muss auch der Erfolg oder das Scheitern dieser Methoden erklärt werden – und dies geht nur mit Annahmen, die über die Wissenschaft selbst hinausreichen. Zudem ist die Anwendung wissenschaftlicher Methoden kein Selbstzweck, sondern soll zu Erkenntnis führen. Entsprechend sollten sich diese Erkenntnisse, so mosaikartig sie anfangs auch sein mögen, früher oder später zu einem einheitlichen Bild über die Natur der Dinge zusammenfügen. 195 Jahre nach Lamarcks „Philosophie zoologique“ und 145 Jahre nach Darwins „Ursprung der Arten“ nimmt der Evolutionsgedanke in diesem Bild sicher einen zentralen Platz ein, der nicht aufgrund weltanschaulicher Motive zur Disposition stehen kann.

Martin Mahner


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