Ein „Pharma-Kartell“ ist angetreten, „den Gesundheits- und
Lebensinteressen der gesamten Menschheit den Krieg“ zu erklären. Es fördere den
Verkauf teurer und schädlicher synthetischer Arzneimittel und versuche
gleichzeitig, Vitaminpräparate weltweit zu verbieten, da diese auf natürliche
Weise Herz-Kreislauf-Erkrankungen und andere Volkskrankheiten verhindern
könnten.
So lautet kurz gefasst die These des gebürtigen Schwaben Dr.
Matthias Rath, der vom niederländischen Almelo aus hoch dosierte Vitaminpillen
per Post vertreibt. In der Tat sind Dr. Raths Produkte in Deutschland „nicht
verkehrsfähig“, dürfen also nicht verkauft werden. Als Nahrungsergänzungsmittel
gehen sie nicht durch, weil sie mehr als das Dreifache der von der Deutschen
Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfohlenen Vitamin-Menge enthalten. Damit
gelten die Präparate in Deutschland als zulassungspflichtige Arzneimittel.
Allerdings hat Dr. Rath Probleme, die von ihm behauptete gesundheitliche Wirkung
(und die Ungefährlichkeit) seiner Mega-Dosen wissenschaftlich einwandfrei zu
beweisen – also kann es nach deutschem Recht auch keine Zulassung dafür
geben.
Auf Werbeplakaten stilisiert sich Dr. Rath zum Kämpfer für eine Welt
ohne Herzinfarkte, Krebs, Osteoporose etc. Seine „Zellular-Medizin“ bringe den
„Durchbruch zu einem neuen Gesundheitssystem“. Im westfälischen Münster ließ
Rath kurz vor Weihnachten 2003 eine Postwurfsendung verteilen, in der er den
tragischen Fall eines an Knochenkrebs erkrankten Kindes instrumentalisierte, um
erneut die „unheilige Allianz aus Pharma-Medizin und Justiz“ (vgl.
www.natuerlich-gegen-krebs.org) anzuprangern.
Die Berliner tageszeitung
titelte zu Dr. Rath und seinen Thesen in bekannt ironischer Manier: „Make
Health, not War – Ohne Vitamine gibt es keinen Frieden in der Welt“ und zitierte
die Sprecherin der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), Ute Watermann:
‘
„Dieser Mann nutzt die Themen der Friedensbewegung und von Pharmakritikern, um
für seine Vitaminprodukte zu werben.“
Kritiker werfen Dr. Rath Profitstreben
sowie die Gefährdung seiner Kunden vor, da die unkontrollierte Einnahme von
Vitaminen und Mineralstoffen mehr schaden als nützen könne. Und:
‘ „Den
offensichtlichen Widerspruch, die gesamte Pharma-Industrie nun mit eigenen,
angeblich neuartigen Pillen in Frage zu stellen, scheinen die Anhänger
auszublenden“,
merkt der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen (EZW) an.
Wie dem auch sei: Das Gerücht, man habe
längst ein Mittel zum Beispiel gegen Krebs (oder gegen andere schwere
Erkrankungen) entdeckt, hören wir immer wieder.
‘ „Haben Sie sich jemals
gefragt, wer ,man‘ ist und wie jemand so hartherzig sein könnte, eine Behandlung
für solch eine tödliche Krankheit zu verheimlichen, oder wie umfassend so eine
Verschwörung des Schweigens sein müsste, um erfolgreich sein?“,
stellt der
Arzt und Präsident der New England Skeptical Society, Steven Novella,
anheim.
Und gibt selbst einige Antworten auf diese interessanten Fragen:
‘ „Der größte Mangel jeder Theorie, die eine Verschwörung des medizinischen
Establishments postuliert, ist die Tatsache, dass dieses medizinische
Establishment in Wirklichkeit keine zusammenhängende Einheit ist.“
Der
Gesundheitsmarkt besteht aus Ärzten, Pflegekräften und anderem medizinischen
Personal, Versicherungsgesellschaften, privaten Verbraucherorganisationen,
Universitäten, Regierungsbehörden, Krankenhäusern, privaten
Anbieterorganisationen, Berufsverbänden, pharmazeutischen Konzernen und anderen
Industrieverbänden. Die meisten dieser Gruppen sind unabhängig und verfolgen
unterschiedliche Ziele in diversen Bereichen des Gesundheitswesens.
Greifen
wir exemplarisch die Ärzte heraus, die in der medizinischen Forschung arbeiten.
Novella:
‘ „Wenn sie Ergebnisse haben, die die Wirksamkeit einer neuen
Krebstherapie belegen, erlangen sie wissenschaftlichen Ruhm und Vermögen durch
die Veröffentlichung ihrer Daten. Wenn ihnen ein derartig großer Durchbruch
gelingt, machen sie Karriere, weitere finanzielle Unterstützung ist gesichert,
sie werden an der Universität gefördert, erhalten wahrscheinlich ihr eigenes
Labor und werden Anwärter für den Nobelpreis in Medizin. Sie werden überschüttet
mit beruflichen Ehren und Ruhm, Karrierechancen und mehr Geld. Selbst wenn man
einem Wissenschaftler, der ein Heilmittel für Krebs entdeckt, rein
selbstsüchtige und geldgierige Motive unterstellen würde, kann er nur alles
gewinnen und nichts verlieren, wenn er mit der Information an die Öffentlichkeit
geht.“
Und die bösen Pharma-Konzerne? Würden sie einfach ein neues Medikament
zurückhalten, das ihre bisherigen bedroht?
‘ „Dieses Argument ist nicht
wasserdicht. Pharma-Konzerne suchen immer nach neuen Medikamenten, weil die auf
dem Markt befindlichen zeitlich befristete Patente haben. Daher wird jeder
Konzern an einem Patent, das zur Heilung führt oder eine wirksame Behandlung
darstellt, Milliarden verdienen, selbst wenn er seine alten Präparate nicht mehr
verkaufen könnte.“
„Ärzte, Wissenschaftler und Vorstandsmitglieder von
Pharma-Konzernen haben selbst eine Familie und geliebte Menschen. Krebs steht an
zweiter Stelle der Todesursachen nach Herzkrankheiten. Menschen, die in eine
theoretisch denkbare Verschwörung zur Unterdrückung eines Heilmittels gegen
Krebs verwickelt wären, könnten eines Tages selbst Krebs bekommen. Statistische
Daten sprechen dafür, dass wahrscheinlich eine ihnen nahe stehende Person zu
ihren Lebzeiten ein Opfer von Krebs wird. Man kann sich kaum vorstellen, dass
jemand so kurzsichtig, habgierig und bösartig ist und einen geliebten Menschen
oder sich selbst zu einem vorzeitigen Tod durch Krebs verurteilt, egal was er
dadurch möglicherweise gewinnen könnte.“
Mit anderen Worten: In eine solche
Verschwörung wären zu viele Personen eingebunden. Niemand würde einen
eindeutigen Gewinn daraus ziehen.
Der Arzt und Skeptiker abschließend:
‘
„Es dürfte wahrscheinlich niemand so geistesgestört sein, dass er es für eine
gute Idee hielte, ein Heilmittel gegen Krebs zu verheimlichen. Hinzu kommt, dass
es auch nicht den geringsten Hinweis auf ein geheim gehaltenes Heilmittel oder
eine Verschwörung zu seiner Unterdrückung gibt. Aber obwohl das Märchen von dem
geheim gehaltenen Krebsmittel unhaltbar ist, wird es in Laienkreisen
weiterleben. Es hat sich gezeigt, dass die Menschen nicht bereit sind, eine
scheinbar gute Geschichte aufzugeben wegen so etwas Trockenem wie Logik und
Fakten.“
Literatur:
Novella, S. (2000): Was Ihr Arzt Ihnen nicht erzählen wird. In: Shermer, M.; Traynor, L.:
Heilungsversprechen. Alibri, Aschaffenburg
Verschwörungstheorien auf dem
Pharma-Markt. Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen (EZW), Nr. 12/2000
Mit Kriegsangst für Vitamine werben.
Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW),
Nr. 4/03
Rath gegen den Rest der Welt. Materialdienst der Evangelischen
Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW), Nr. 12/03
Der Vitamin-Friedenscocktail des Dr. Rath. Die tageszeitung, 6. 1. 2004
Die profitablen Suggestionen im Geschäft mit der Gesundheit.
www.psychotherapie.de