Im Windschatten veränderungsbeschleunigter Krisensituationen avanciert das Übersinnliche zur Massenware,
sagt der Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem „Trend-Report 2004“ voraus. Wir dokumentieren einige Auszüge daraus.
Es passt so haargenau in unsere Welt, dass man einfach misstrauisch werden muss: Bert Hellinger heilt verzweifelte
Menschen manchmal nur mit einem Augenaufschlag. In kürzester Zeit und vor Publikum. Die Rollenspiele auf der
Bühne, die die traumatischen Familienverhältnisse für den Klienten wiederauferstehen lassen und endlich erhellen,
dauern mitunter nur 20 bis 30 Minuten. Hellinger spricht mit seiner Klientin über tiefe Verletzungen, mehr als 2 000
Menschen schauen zu. Er redet nebulös von „wissenden Feldern“ und unseren Verbindungen „mit etwas
Größerem“. Ein Scharlatan mit eingeschworener Fan-Gemeinde und ergebener Schülerschaft. Esoterik für Intellektuelle.
Highspeed-Psychoanalyse für zeitgestresste Großstadtnomaden. Hellingers Heilungen beanspruchen nicht mehr
Zeit als eine Daily Soap im Fernsehen. Und sie wirken auch so. Wer möchte heute noch unterscheiden zwischen
Lifestyle und Lebenshilfe, zwischen Unterhaltung und Therapie, zwischen Naturtrend und übernatürlichem
Zinnober? Auf den Dschungelmärkten und in der Gesellschaft der forcierten Unübersichtlichkeit wird auch das Übersinnliche
zum Massenartikel. Wir nennen diesen Trend Tante-Emma-Esoterik.
Designer-Spiritualität
In unserer Kultur müssen wir mit immer mehr Unbestimmtheitsstellen zurechtkommen: Habe ich im nächsten Jahr noch den
gleichen Job wie im vergangenen? Sind die Bilder aus dem Reality-TV tatsächlich real oder doch getürkt?
Auf das Trendthema Spiritualität, Religion, Esoterik trifft das in besonderem Maße zu:
Wo fängt Esoterik an, wo hört Religion auf? Was ist spirituelle Bereicherung meines
Lebens und wo beginnt das Terrain der Therapie oder des Coachings? Wo lässt sich die Grenze ziehen zwischen
populärer Spiritualität und Geschäftemacherei?
E-Soterik
Kaufen Sie ihren Ritualbedarf jetzt auch bequem im Internet (www.ritualbedarf.
de)? Lassen Sie sich Ihr Schicksal auch im weltweiten Netz beim Online-Kartenlegen (www.paranormal.de) vorhersagen?
Tantra-Kurse für Paare, die Sexualität und Zärtlichkeit neu entdecken wollen (oder für entwöhnte
Singles), kosten schlappe 250 Euro das Wochenende. Ob Channeling, Pendeln, Wahrsagen, Reiki, Paläo-Astronautik,
fernöstliche oder indianische Mystik–Esoterik boomt und boomt. Ein ehemaliges „Material Girl“ wie
Madonna hat ihre Bekenntnisse zu alltagsesoterischen Praktiken kürzlich auf besonders bizarre Weise vollzogen. Wie
andere Showgrößen vor ihr entdeckte sie für sich die jüdische Mystik der Kabbala. Die Kabbala-Center in
Großbritannien und den USA (www.kabbalah.com) stellten sich dabei jedoch als esoterisches Profitcenter mit
höchst fragwürdigem Traditionsbezug heraus – der „Spiegel“ berichtete. Übersinnliches gehört zum guten Ton: Der
Modeschöpfer Paco Rabanne schreibt Texte über den „Aufbruch ins Wassermannzeitalter“. Beckenbauer
glaubt an die Wiedergeburt, an Buddha und an noch viel mehr. Der Handel mit Esoterik ist zum Alltag geworden.
Die Geschäfte gehen bestens. Die Esotheka (www.esotheka.de) versammelt alles, was das übersinnliche Herz
begehrt. Über Chat- oder Email-Beratung, Seherkugeln zu 15 Euro und Witchboards für €21,90 reicht das
Angebot bis zum „finanziellen Kartenlegen“ und zur Fachliteratur zum spirituellen Räuchern („die Eneagramme der
Düfte“). Der Esoterik- Internetversand hat begriffen, wer seine Kunden sind. Die Website wird von einem Zitat des
Schweizer Schriftstellers Max Frisch eingeleitet: „Krise ist ein produktiver Zustand, man muss ihr nur den Beigeschmack
der Katastrophe nehmen.“ Esoterik-Handel für die Allgemeinheit antwortet mit Mystischem, aber Unerklärbarem auf die Orientierungskrisen
in der Gegenwart.
Heilserwartung vom Großversand
Wenn sich ein Trend mit einer solchen Wucht in unser Bewusstsein katapultiert,
dass er in der öffentlich-rechtlichen ARD sogar als Magazinformat aufgelegt wird, dann ist er endgültig in der gesellschaftlichen
Mitte angekommen. Ende des Jahres 2003 gab es die „Dimension PSI“ im Ersten, immer montags zur besten Sendezeit. Waren es in den
1980er-Jahren noch die Subkulturen, Außenseiter, Randständigen, Wollsockenträger und Weltverbesserer, Müslis und
Zivilisationsmüden, die die Grenzen der Vernunft mit ihrem Lebensstil bewohnbar machten, so sind es im 21.
Jahrhundert Lieschen Müller und Herr Schmidt von nebenan, die gerne nach Feierabend den Wohnzimmertisch spirituell
zum Tanzen bringen. Tante-Emma-Esoterik heißt der neue Trend: Das Übersinnliche und Paranormale gehört immer mehr zu den Grundnahrungsmitteln
der durchschnittsdeutschen Alltagsphilosophien. Viel zu tun für esoterische Ich-AGs: In Deutschland verdienen mehr als 90 000 Menschen als
Wahrsager ihr Geld. Esoterik ist heute ein Platzhalter für ein unüberschaubares Sammelsurium diffuser
religiöser Gefühle. Im 19. Jahrhundert umschrieb der Begriff (abgeleitet vom griechischen Wort „esoterikos“, was so
viel wie „innerlich“ bedeutet) eine universalreligiöse Weltanschauung für Auserwählte. Im Umfeld der russischen
Spiritistin Helena Blavatsky – Wortführerin der Theosophischen Gesellschaft und Begründerin der Esoterik – bewegte sich
auch Rudolf Steiner, der später mit der Anthroposophischen Gesellschaft vor allem in Deutschland viele Anhänger
gewann. Doch im digitalen Zeitalter ist von einer Religion für Auserwählte nicht mehr die Rede. Esoterik ist heute
omnipräsent, sowohl bei Oma Ingeborg als Einschlaflektüre auf dem Nachttisch, wie auch bei Onkel Helmut als Stimmungsaufheller
im Medizinschränkchen. Soziologisch ist Tante-Emma-Esoterik schnell erklärt: Esoterik markiert eine
aufklärungsskeptische Gegenbewegung zu Überkomplexität und Rationalisierung im Alltag unserer postindustriellen
Gesellschaft. Steuerungsverluste in Wirtschaft und politischem Diskurs führen dazu, dass das moderne Subjekt seine
Wünsche und Bedürfnisse nach innen verlagert. Gegen die Komplexitätsüberhänge im öffentlichen Leben reagieren
die Menschen mit der Heilssuche im „Größeren“ und Transzendenten. Aber das findet das moderne Subjekt fast ausschließlich
nur im eigenen Ich, in der persönlichen Befindlichkeit. Die Folge: Der Einzelne orientiert sich
bei der Suche nach Erleuchtung, Erlösung und Überhöhung ausschließlich im eigenen Ich – der Kontaktverlust zur
empirischen Realität (Gesellschaft, Alltagskommunikation etc.) ist die logische Folge davon.
Wenn es nur so einfach wäre, doch so einfach ist es nicht! Tante-Emma-
Esoterik besetzt, ganz dem Zeitgeist folgend,die Schnittstellen, die in den westlichen
Gesellschaften beim Übergang von der industriellen in die Wissensgesellschaft
mehr oder weniger unbelegt geblieben sind. Der Prozess vollzieht sich folgendermaßen:
- Die transzendentale Obdachlosigkeit der modernen Menschen muss in
zunehmendem Maße die identitätsversicherndeGemeinschaftlichkeit
durch Self-Design (körperlich, geistig, psychisch), integrative Gesellschaftlichkeit durch Ego-
Management und -Marketing ersetzen.
- Das flamboyante Sinnversprechen esoterischer Praktiken bietet eine Überkompensation dieses schmerzhaften
Verlustes.
- Folglich werden auch zukünftig in der Grauzone zwischen Psychotherapie, Ratgeberliteratur, Lebenshilfe,
Spiritualität und Life-Coaching neue esoterische Produktfelder wachsen.
Esotainment
Tante-Emma-Esoterik äußert sich auch immer stärker in den traditionellen Medien wie Buch und Zeitschriften.
Viele renommierte Verlage haben den 65 Trend nach mainstreamiger Jenseitsorientierung längst erkannt. Insgesamt
6072 Buchtitel verzeichnet allein der deutschsprachige Online-Buchhandel Amazon unter dem Stichwort Esoterik.
Auch die renommierteren Buchverlage kommen nicht ohne Esoterik-Reihe aus. Die Gesellschaft für Konsumforschung
(GfK) hat herausgefunden, dass die Umsatzzuwächse mit esoterischer Literatur auf dem ansonsten stagnierenden
Buchmarkt jährlich bei rund 20 Prozent liegen. Und auch die Konsumgüterindustrie verkauft ihre Massenartikel mittlerweile
erfolgreich mit hinduistischer Philosophie und indischen Weisheiten auf der Packung.
Ein Überblick:
- - Volksliteratur:Bereits 1998 durchbrach das Geschäft mit esoterischer Literatur die Schallmauer
von 50 Millionen Euro. In vielen Buchhandlungen gehen seitdem mehr Esoterik-Schmöker als Romane über
den Tisch. Und verdienen möchten viele Verlage. Der Goldmann Verlag aus München (www.randomhouse.de) beispielsweise
führt akzeptable bis gut recherchierte Einführungsliteratur zum Boom-Thema Buddhismus direkt neben
Traktaten wie „Aura-Soma. Durch Farben zur Erkenntnis“ oder „Erkenntnisse und Ratschläge eines Hellsehers“. In CDForm
gibt es die Goldmann-“Selbstheilungsprogramme“.
- - Messen:Öffentliche Großveranstaltungen waren für jede blühende Branche stets ein probates
Mittel, um Bekanntheit zu erreichen und das Begehren nach kompletten Produktwelten zu wecken. Auf dem
Gebiet der esoterischen Messen und Events hat sich mit dem Münchner Eso-Team ein spezialisierter Dienstleister
aufgestellt.
- - Paranormalität am Kiosk: Das vielleicht markanteste Zeichen für den Trend zur Tante-Emma-Esoterik ist
der Erfolg der Zeitschrift esotera, die mittlerweile in mehr als 92 000 Exemplaren verkauft wird. Die ideologisch
weich gezeichnete Zeitschrift (www.esotera.de) bedient ihre zivilisationsmüde Zielgruppe mit Psychogenetik,
Erlebnispädagogik, morphischen Feldern und heilenden Säften nach mittelalterlichen Rezepturen. Die Chefredakteurin
des Zentralorgans für Tante-Emma-Esoterik, Christamaria Hehmann, führt den eigenen Erfolg unverblümt auf die allfälligen Krisen in der Gesellschaft
zurück: „Noch nie waren Leute mit 30 Jahren von ihrem Beruf so ausgepowert wie heute. Da fängt man an zu denken.“
- Oder gibt eben das Denken nach rationalen Prinzipien auf und begibt sich auf den Massenmarkt der designten Mode-
Erbaulichkeiten.
„In Zeiten der Pleite...
… bevorzugt die Seele das Jenseits“, das wusste schon der Schriftsteller Robert
Musil. Der Markt auf dem weiten Feld des Übersinnlichen, Grenzwissenschaftlichen und Parapsychologischen
ist nur schwer zu überblicken. Zu sehr verbergen sich hinter jeder transrationalen Nischenbewegung ein eigener
Ansatz, eigene Rituale, handgedrechselte Bekenntnisse und selbst gebatikte Überzeugungen. Doch das ist kein
Zufall: Tante-Emma-Esoterik ist ein direkter Abkömmling des Megatrends Individualisierung, ein Kind unserer
säkularen Ordnung.
Sinn und Sinnlichkeit
Säkularisierte Spiritualität antwortet offensiv auf die Megatrends
Individualisierung und Singelisierung. Der personalisierte Metaphysik-Baukasten für die Vertreter der Ego-Gesellschaft wurde vor Jahren als
Menetekel an die Wand geschrieben und gehört heute zur selbstverständlichen Realität. In Zeiten hoher Wandlungsbeschleunigung
und offenbarer Sinndefizite sind jedoch vor allem der Körper und die Balanceökonomie zwischen Körper, Geist und Seele wichtiger
Fluchtpunkte von moderner Spiritualität. Glaubenssysteme zwischen Spiritualität, Aberglaube und Esoterik avancieren zu
Massenbewegungen und trösten über Steuerungsverluste der globalen Politik hinweg. Gleichzeitig entwickelt sich das drängende
Bedürfnis nach Spiritualität aus Zeitgründen, umständehalber, aber hauptsächlich vor dem Hintergrund der
Individualisierung unserer Konsum- und Lebensstilbedürfnisse zu einem säkularen Lifestyle.
Die Liste ist lang: Von den momentan stark nachgefragten Geistheilern über transpersonale Psychologie, Tantra,
Rosenkreuzer-Bewegung, Ufologen oder die postsozialistische Wiedererweckung der Jugendweihe – der Markt der religiösen
und spirituellen Praktiken, Ratgeber und Inszenierungen kennt im Unsicherheitszeitalter offenbar keine
Grenzen. In einer mittleren Großstadt wie Freiburg zählen Forscher mehr als 340 unterschiedliche Spiritualitätsangebote,
die nur dem Gebiet der Esoterik zuzuordnen sind. Etwa 40 Prozent der Deutschen, das belegt eine Emnid-
Umfrage, vermuten, dass geheime magische Kräfte ihr Leben durchwirken. Diskurse, die quer zur Alltagsrationalität
stehen, konnten schon immer als Windschatten-Trends in veränderungsbeschleunigten Krisensituationen profitieren.
Die Bastel-Rituale und inhaltsneutralen, quasi-religiösen Events werden sich bis 2010 zu einem Markt mit
großem Potenzial vor allem für Medien, Marketing, Lebensmittel- und Freizeit-Branche formieren.
Wie das Übersinnliche die gesellschaftliche Mitte erobert“, erschienen im „Trend-Report 2004“
Die 11 wichtigsten Driving Forces des kommenden Wandels“ von Matthias Horx und Dr. Eike Wenzel.
Kelkheim 2004, 135 Seiten, 95 Euro, ISBN 3-937131-15-9 Dieser Text ist ein kurzer Auszug aus dem
Kapitel Tante-Emma-Esoterik:Info und Bestellung: www.zukunftsinstitut.de
Bestellung Schweiz: IHA-GfK AG, E-Mail: Pia.Bossert(at)ihagfk(Punkt)ch