Seit über zwanzig Jahren macht der britische Biologe Rupert Sheldrake mit seinen morphischen bzw. morphogenetischen
Feldern von sich reden, allerdings unter Laien erheblich mehr als unter Fachkollegen. Die morphischen Felder
seien zwar weder stofflicher noch energetischer oder lokaler Natur, aber dennoch physikalisch real, so Sheldrake. Sie sollen
an der Entwicklung aller möglicher Strukturen mitwirken, von Schneeflocken bis zu mentalen Vorgänge in Lebewesen.
Zwar sollte man eine junge, noch unvollständige Theorie nicht voreilig verwerfen, aber es fällt doch auf, dass Sheldrake
in den letzten Jahren eigentlich nichts mehr unternimmt, um das Konzept der morphischen Felder genauer zu
charakterisieren. Stattdessen akkumuliert er Umfrageergebnisse, Versuchsresultate und Literaturstellen, die zwar hier
und da auf interessante Phänomene oder Erklärungslücken in herkömmlichen biologischen und psychologischen Theorien
hinweisen, die Existenz solcher Felder aber keineswegs belegen und ihre Natur nicht erhellen. Der Artikel zeigt die
Wurzeln seiner Vorstellungen in der Entwicklungsbiologie auf, weist auf ihre theoretischen Schwächen hin und nimmt einige
der vermeintlichen Belege aus dem Bereich der Biologie genauer unter die Lupe.
Im Unterschied zu vielen anderen Stars der esoterischen und parawissenschaftlichen
Szene hat der Brite Rupert Sheldrake früher ganz normale Wissenschaft
betrieben. Er hat Philosophie und Naturwissenschaften studiert, in Biochemie
promoviert und Zellbiologie gelehrt. Er war Research Fellow der Royal
Society und hat die Entwicklung von Pflanzen erforscht, vor allem die Wirkung
des Pflanzenhormons Auxin. In den 1970er-Jahren hat er sich an einem landwirtschaftlichen Institut in Hyderabad
mit der Physiologie von Leguminosen (Hülsenfrüchtlern) in tropischen
Trockengebieten befasst, anschließend lebte er anderthalb Jahre in einem
christlichen Ashram in Südindien. Dort schrieb er sein erstes Buch, "A new
science of life" (1981), zu deutsch "Das schöpferische Universum. Die Theorie
des morphogenetischen Feldes". In seinen folgenden Werken - zuletzt, 2003,
"Der siebte Sinn des Menschen" - spricht Sheldrake allgemeiner von morphischen
Feldern, die zwar physikalisch real, aber nichtstofflicher, nichtenergetischer
und nichtlokaler Natur seien. Sie sollen an der Entwicklung aller möglicher
Strukturen mitwirken, seien es Schneeflocken oder mentale Vorgänge
in Lebewesen. Seine so genannte Hypothese der formbildenden Verursachung
besagt, dass es zu jedem System ein spezifisches morphisches Feld gibt, das
die kumulierte Erinnerung an alle Vorgänger enthält und die Entwicklung
neuer Exemplare des Systems lenkt. Morphische Felder sollen Systeme ordnen,
indem sie auf Wahrscheinlichkeitsverteilungen einwirken und den potenziell
möglichen Ergebnissen energetisch indeterminierter physikalischer Prozesse
Beschränkungsmuster auferlegen. Sheldrake ist bei wissenschaftlich
interessierten Laien ungemein populär. Von seinem vorletzten Buch, "Der siebte
Sinn der Tiere", hat er allein in den USA 250 000 Exemplare verkauft. Auf
Vortragsreisen füllt er auch in Deutschland mühelos Säle mit mehreren Hundert
Zuhörern, wobei er ausdrücklich als Naturwissenschaftler auftritt und
nicht als Esoterik-Guru. In den letzten Jahren hat er vor allem parapsychologische
Themen wieder ins Gespräch gebracht; man denke nur an seine Experimente
zum Gefühl, angestarrt zu werden, oder zur Telepathie mit Haustieren.
Beides soll durch so genannte morphische Resonanz zwischen den "Wahrnehmungsfeldern"
der Beteiligten zustande kommen. Dass nur wenige
Kollegen in der Scientific Community seine Arbeiten ernst nehmen, liegt nach
Sheldrake an den ideologischen Denkblockaden des naturwissenschaftlichen
Reduktionismus. Wissenschaftler, die sich dennoch auf eine öffentliche Debatte
mit ihm einlassen, haben es nicht leicht. So hat beispielsweise der Entwicklungsbiologe
Lewis Wolpert, durchaus ein Experte für Public Understanding
of Science, im Januar 2004 bei einer Jubiläumsveranstaltung der Royal
Society of Arts mit Sheldrake über Telepathie diskutiert und es dabei m. E.
nicht geschafft, dem Publikum sein an sich richtiges Hauptargument plausibel
zu machen: dass nämlich bei Sheldrake von einer Theorie im engeren Sinne
nicht die Rede sein kann und es deshalb eigentlich nichts gibt, was man experimentell
eindeutig überprüfen könnte. Wer schon einmal versucht hat, in einer
aufgeheizten öffentlichen Debatte - z. B. zum Thema Kreationismus - verständlich
zu machen, was eine naturwissenschaftliche Theorie auszeichnet
und welchen Stellenwert sie im Erkenntnisprozess hat, wird wissen, wie
mühsam das ist und dass man einen schlechten Stand hat, wenn man "nur
theoretisch" argumentiert, während die Gegenseite womöglich unzählige Daten
und Anekdoten anführt, die bei Nichtwissenschaftlern den Eindruck unanfechtbarer
empirischer Belege erwecken. Ein Beispiel für dieses Vermittlungsproblem, das auch in der Wolpert-
Sheldrake-Debatte wieder zur Sprache kam, ist die Kontroverse um den Terrier-
Mischling Jaytee, der angeblich vorausahnen kann, wann sein Frauchen
nach Hause kommt - auch, wenn dieser Zeitpunkt durch einen Zufallsgenerator
festgelegt wird. Jaytee soll sich fast immer kurz vor der Ankunft erwartungsfroh
an die Haustür setzen. Der britische Psychologe Richard Wiseman hat diese Behauptung experimentell überprüft und festgestellt, dass Jaytee auch zwischendurch immer wieder mal an
die Tür ging und einige Male zur fraglichen Zeit eben nicht dort saß: Wiseman konnte in diesem Verhalten keine Belege für die Behauptung entdecken, der Geist des Hundes sei mit dem Geist
seines Frauchens in Resonanz getreten. Sheldrake wird hingegen nicht müde, Wiseman vorzuwerfen, er habe ein völlig willkürliches Kriterium für den Erfolg oder Misserfolg des Hundes ersonnen,
nämlich sein Verhalten währendeiner bestimmten Zweiminutenperiode. Wiseman, Wolpert und andere weisen immer wieder darauf hin, dass einem Experimentator gar nichts anderes übrig
bleibt, als ein willkürliches Kriterium zu wählen, da Sheldrakes Hypothese keine hinreichend konkreten Aussagen über den Zeitverlauf der Resonanz ermöglicht. Das ist völlig richtig, und
doch gelingt es Sheldrake, bei vielen Lesern und Zuhörern den Eindruck zu verankern, die skeptischen Wissenschaftler hätten ihm bzw. Jaytee und dessen Frauchen übel mitgespielt.
Um bei Laien eine kritische Auseinandersetzung mit Sheldrakes Ideen zu
fördern, muss man daher, wie ich meine, über die notwendige Analyse ihrer
theoretischen Defizite hinausgehen und zumindest exemplarisch auch einige der
zahlreichen Beispiele unter die Lupe nehmen, mit denen er sie unterfüttert. Zunächst aber zur Theorie.
Die Theorie der morphischen Felder
Das Konzept des morphogenetischen Feldes wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
von Biologen entwickelt, die sich mit der Morphogenese, also der Gestaltbildung bei Lebewesen befassten. Sie fragten sich zum Beispiel, wie aus einem relativ einfachen Ausgangszustand,
dem befruchteten Ei, ein komplexer Organismus wird, in dem an jeder Stelle genau die richtigen
Strukturen entstehen, um ein bestimmtes Körperteil zu formen. Der Neovitalist Hans Driesch experimentierte um 1900 mit Seeigelkeimen und meinte, ein nichtmaterieller Kausalfaktor rufe
die Formen der Organismen hervor, die so genannte Entelechie. Hans Spemann sprach 1921 von einem "Organisationsfeld" und Alexander Gurwitsch schrieb 1922: "Der Ort des embryonalen Geschehens
und der Formbildung ist ein Feld im physikalischen Sprachgebrauch,
dessen Grenzen mit den jeweiligen des Embryos nicht zusammenfallen, vielmehr diesen überschreiten." Im selben Jahr bezeichnete Johannes Reinke das Wirkungsfeld der Gene als "morphogenetisches
Feld". Für einige Forscher war dieses Feld eine reine Metapher, die es ihnen ermöglichte,
sich über komplizierte Vorgänge zu verständigen, deren genetische, biochemische
und physikalische Basis im Detail noch nicht bekannt war. Für andere handelte es sich hingegen um eine reale, wenngleich noch nicht hinreichend verstandene Entität. In der modernen Entwicklungsbiologie
ist der Begriff des morphogenetischen Feldes im Sinne eines eigenständigen physikalischen oder
biologischen Objektes weitgehend obsolet; gelegentlich findet er noch als Synonym für Stoffgradienten Verwendung. Sheldrake baut in erster Linie auf einer Weiterentwicklung und Abstraktion
dieses Feldkonzeptes auf, nämlich auf C. H. Waddingtons Modell der Chreode bzw. der epigenetischen Landschaft (Bild 1; Chreode = "notwendiger Pfad", Epigenese = Zunahme der Komplexität
in einem Embryo durch Wechselwirkung seiner Teile). Waddington hat es in den 1940er-Jahren eingeführt, um zu veranschaulichen, warum ein System, das mehrere energetisch gleichwertige
Endzustände hat, fast immer einen bestimmten Endzustand einnimmt und nicht in einem der anderen Energieminima landet; man denke z. B. an das Problem der multiplen Minima bei der
Proteinfaltung. Der Ball rollt bergab; das System differenziert sich; welche Bahn es an den Weggabelungen einschlägt, hängt von den Umgebungsparametern ab. Kleine zufällige Abweichungen
von der normalen Entwicklungsbahn werden durch die Talform der Chreoden von selbst korrigiert. Bei größeren Fluktuationen in kritischen Momenten kann die Entwicklung eine andere Route einschlagen; z. B. kann eine abrupte Temperaturerhöhung dafür sorgen, dass
im Kopf eines Fliegenembryos die falschen Gene angeschaltet werden und anstelle der Fühler zusätzliche Beine wachsen. So weit, so gut. Sheldrake meint aber, dass der Ball die Chreode beim
Herabrollen vertieft und das Profil der epigenetischen Landschaft verstärkt, sodass die Entwicklung von Mal zu Mal schneller und sicherer abläuft - eine Spielart der Vererbung erworbener Eigenschaften.
Die Struktur des morphogenetischen Feldes soll außerdem nicht durch die gegenwärtigen Umgebungsparameter geprägt sein, sondern durch eine Zeit und Raum überspannende Resonanz
mit allen vergangenen und gegenwärtigen, hinreichend ähnlichen Systemen. Und dies soll nicht nur für
die Embryonalentwicklung gelten, sondern für alle möglichen chemisch-physikalische Prozesse wie die Kristallbildung, für Bewegungsabläufe bei Tieren, für Sinneswahrnehmungen etc. etc.; um
dieser Verallgemeinerung Rechnung zu tragen, erweitert er den Begriff des morphogenetischen Feldes zum "morphischen Feld". Demnach gäbe es weder Naturgesetze noch Naturkonstanten, ja: überhaupt
keinen transzendenten Bereich (so nennt Sheldrake alles, was jenseits von Raum und Zeit liegt, z. B. auch mathematische Objekte oder platonische Ideen), sondern lediglich Gewohnheiten
der Natur, die umso fester werden, je öfter sich ein System bereits realisiert hat. Was Sheldrake dabei, nebenbei bemerkt, außer Acht lässt: Seine eigenen Aussagen über morphische Felder sind
ebenfalls gesetzförmig; so leicht wird man die Transzendenz - wenn man es denn so nennen möchte - nun einmal nicht los, es sei denn, man wollte komplett auf Wissenschaft und Philosophie
verzichten. Völlig im Unklaren bleibt das Wesen der morphischen Resonanz. Dieser Begriff
wird einerseits als bloße Analogie eingeführt, andererseits sehr wörtlich genommen. Voraussetzung für die Resonanz ist, dass die morphischen Einheiten dynamisch sind, also schwingen.
Anders als z. B. bei akustischer Resonanz soll bei ihr keine Energie, sondern "nur" Information übertragen werden - in der herkömmlichen Physik ein Ding der Unmöglichkeit. Und obwohl morphische
Felder nichtstofflich sein sollen, schreibt Sheldrake, die Materiefelder der Quantenphysik seien die morphischen Felder von Teilchen, Kernen und Atomen ((1) Das Gedächtnis der Natur, S. 363) - ein Widerspruch, der nirgends
aufgeklärt wird. Auffällig ist, dass der Charakter der Felder zwar sehr vage bleibt, aber eine ganz konkrete Eigenschaft voraussetzt wird, nämlich Spiegelsymmetrie-Invarianz: Jedes dreidimensionale System soll ohne Abschwächung auch mit einem spiegelbildlich angelegten System in Resonanz
treten können - schwer vorstellbar, aber zwingend, wenn man die Hypothese der formbildenden Verursachung nicht aufgeben will. Schließlich liegen viele komplexe Moleküle wie die Aminosäuren
in zwei spiegelbildlichen Formen vor, die zwar identisch zusammengesetzt sind, aber wie eine linke und eine rechte Hand nicht zur Deckung gebracht werden können. Nach den lateinischen
Wörtern für rechts und links, dexter und laevus, heißen sie D- und LForm. Da die Aminosäuren in Proteinen aufgrund der Art ihrer Synthese in den Zellen seit unzähligen Jahrtausenden
ausschließlich L-Formen sind, deren Felder mithin viel stärker sein müssten, müssten der Hypothese zufolge bei der Laborherstellung von Aminosäuren sonst nämlich viel mehr L- als D-Formen entstehen. Tatsächlich erhält man im Labor aber immer noch Gemische aus beiden Formen (so genannte Razemate).
Dass seine Hypothese 1981 noch unscharf formuliert war, sollte man Sheldrake nicht vorwerfen. Allerdings sollte man erwarten, dass er die seither vergangenen Jahre dazu genutzt hätte, vernünftige
Theorie- und Modellbildung zu betreiben. Dazu hätte er die Felder näher charakterisieren und die morphischen Einheiten genau definieren müssen, damit man sie gegeneinander
abgrenzen und z. B. ein Maß für die Ähnlichkeit zweier Einheiten entwickeln kann, mit der ja die Stärke der Resonanz zusammenhängen soll. Außerdem hätte er das grundlegende Problem
angehen müssen, wie es zwischen Schwingungen, die durch ihre Frequenzen, mithin zeitliche Größen definiert sind und in der Zeit ablaufen, über jede zeitliche Distanz hinweg zu einer Resonanz
kommen soll (Bild 2). Das ist nicht geschehen. Aber vielleicht sagen ja Sheldrakes Beispiele implizit etwas
über das Wesen der morphischen Resonanz aus, das er nur noch nicht allgemeingültig formulieren konnte? Die vordringliche Frage ist allerdings, ob er den jeweiligen Sachverhalt überhaupt richtig darstellt.
Konkrete Beispiele
Immer wieder weist er auf die Proteinfaltung hin. Proteine sind Ketten aus Hunderten, meist Tausenden von Aminosäuren, die ihre
unterschiedlichen Funktionen im Organismus (Strukturbildung, Unterstützung biochemischer Reaktionen etc.) nur richtig erfüllen
können, wenn sie sich auf eine ganz bestimmte Weise zu einem dreidimensionalen Gebilde zusammenlegen. Dass ein so komplexes
Kettenmolekül unter
den vielen Möglichkeiten, sich zusammenzufalten, fast immer sehr schnell die richtige wählt, liegt Sheldrakes
zufolge an morphischen Feldern, die diese Konfiguration quasi katalysieren und stabilisieren. Allerdings zitiert er
nirgends aus der umfangreichen neueren Literatur zum Thema; er ignoriert, dass man inzwischen zahlreiche Hilfsproteine
kennt, die die Faltung unterstützen und Fehler korrigieren; er verschweigt, dass es durchaus etliche
Minuten dauern kann, bis ein mittelgroßes Protein fertig ist, und dass die Faltung am einen Ende der Kette bereits
beginnt, während am anderen noch Aminosäuren angefügt werden, was die Zahl der möglichen Konfigurationen erheblich
reduziert. Er erwähnt auch nicht, dass der Anteil falsch gefalteter und folglich zum Wiederabbau freigegebener
Proteine im Endoplasmatischen Reticulum (jenem Membransystem in unseren Zellen, in dem die Aminosäuren
zu Eiweißen zusammengebaut werden) trotz aller Korrekturmechanismen manchmal über 80% beträgt. Von einem
rasanten und fehlerfreien Prozess kann also überhaupt nicht die Rede sein. Diese Ignoranz der neueren Literatur
ist kein Einzelfall. So begeistert sich Sheldrake für die Fähigkeit blinder Termiten, in ihren Nestern auch dann genau
zueinander passende Gewölbebögen zu bauen, wenn man ihnen jede Möglichkeit zur akustischen, geruchlichen,
elektromagnetischen oder thermischen Ortung der anderen Termiten oder ihrer Konstrukte raubt, indem man
eine Stahlplatte mitten durch das Nest treibt. Wenn man die Platte später entfernt, sollen sich die Bauteile exakt aneinanderfügen.
Wörtlich heißt es bei ihm: "Inzwischen gibt es auch Beweise dafür, dass die Koordination der Insektenaktivitäten
von feldartigen Einflüssen abhängt, die sich nicht durch die normalen Sinne erklären lassen." (2 Der siebte Sinn des Menschen, S. 163) Die
Quelle für diese Beweise: Eugène Marais, "Die Seele der weißen Ameise" (1936). Der Amateurforscher Marais hat
in den 1920er-Jahren in Südafrika Termiten beobachtet und aus ihrem Verhalten geschlossen, dass sie auf paranormalem
Wege kommunizieren. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung, in der das Stahlplattenexperiment dokumentiert
wäre, gibt es nicht. Günther Becker hat übrigens in den 1970er-Jahren nachgewiesen, dass der Bau der
senkrechten Röhrengänge am Rand der Nester einer bestimmten Termitenart (Heterotermes indicola) über schwache
Wechselstromfelder koordiniert wird, die die Tiere gemeinsam aufbauen, und durch Metallplatten effektiv gestört
wird (Bild 3). Sheldrake kennt diese Experimente auch, tut Beckers Interpretationaber trotz des eindeutigen Befunds
als unzulänglich ab: "Hier scheinen noch Felder einer geheimnisvollen anderen Art im Spiel zu sein."(3 Sieben Experimente, S. 98)
Auch durch unzulässige Verallgemeinerungen von Forschungsresultaten versucht er seine Hypothese zu stützen.
So mutmaßt er, die nahezu synchronen Wendemanöver von Fischschwärmen könnten nicht allein mit
der Wahrnehmung der Schwarmnachbarn über das Seitenlinienorgan und die Augen erklärt werden, sondern
würden durch ein "Schwarmfeld" gelenkt. Zum Beleg führt er Untersuchungen an, die B. L. Partridge 1980 an
Seelachsen, Makrelen
und Buntbarschen durchgeführt hat. (Der siebte Sinn des Menschen, S. 162 ). Angeblich waren die Fische immer noch schwarmfähig, auch wenn man ihre Augen abdeckte und die Seitenlinienorgane
ausschaltete. Tatsächlich aber verhindert schon die Blendung allein bei Makrelen und Buntbarschen die
Schwarmbildung; nur geblendete Seelachse schwimmen noch im Schwarm mit, reagieren aber verzögert auf Richtungsänderungen. Mit zusätzlich durchtrennter Seitenlinie ist keine der von
Partridge untersuchten Fischarten noch fähig, sich beim Schwimmen an den Nachbarn zu orientieren.
In vielen von Sheldrakes Exempeln ist das ganze Konzept und Vokabular der formbildenden Verursachung schlicht überflüssig, da es nichts erklärt - so beispielsweise in der folgenden Schilderung,
in der es um Beutefang geht: "Das hungrige Tier stellt die Keimstruktur dar. Es tritt in morphische Resonanz mit vorausgegangenen Endformen dieses motorischen Feldes, nämlich mit
ähnlichen vergangenen Tieren in wohlgenährtem Zustand. (…) Das motorische Feld des Ergreifens inklusive der virtuellen Form der Beute projiziert sich auf den Raum um das Tier herum. Diese
virtuelle Form wird realisiert, wenn sich ein ihr hinreichend entsprechendes Wesen dem Räuber nähert: Die Beute wird wahrgenommen und die Fang- Chreode eingeleitet." (Das schöpferische Universum, S. 160 ). Ähnliches gilt für eines von Sheldrakes Paradebeispielen, die Meisen. Erstmals
1921 hat man in der Nähe der südenglischen Stadt Southampton beobachtet,
wie Meisen die Aludeckel von Milchflaschen aufpickten; wenige Jahre später wurde dieses Verhalten bereits an vielen weiteren, teils sehr weit entfernten Orten gemeldet. Da Meisen relativ ortstreu sind, meint Sheldrake, dass die Tiere das Flaschen-Aufpicken nicht voneinander abgeschaut haben können.
Vielmehr müsse sich während der ersten Milchraub-Aktionen ein neues morphisches Verhaltensfeld gebildet haben, das es Meisen in ganz Europa ermöglichte, dieses Verhalten ohne direkten
Kontakt zu bereits Milch trinkenden Artgenossen zu übernehmen. Allerdings handelt es sich hier nach Ansicht von Verhaltensforschern überhaupt nicht um Lernen durch Nachahmung, sondern
schlicht um stimulus enhancement, also eine Übertragung normalen Verhaltens, z. B. beim Aufpicken von Nüssen, auf eine neue Reizquelle, nämlich Flaschendeckel. Es gibt also gar kein rätselhaftes
Lernphänomen, das man durch neuartige Felder erklären müsste. Mehrfach beruft sich Sheldrake zur
Untermauerung seiner Ideen auf fragwürdige Autoritäten, die selbst am Rande der Wissenschaften standen. So schreibt er: "Aus den Beobachtungen von Naturforschern geht hervor, dass
Wölfe in freier Wildbahn miteinander telepathisch kommunizieren und einander
über viele Kilometer hinweg finden können, ohne Duftspuren zu folgen." (Der siebte Sinn des Menschen, S. 302). Herdentiere sollen telepathisch Warnungen vor nahenden Raubtieren verbreiten,
Vögel, die Nahrung gefunden haben, auf paranormalem Wege ihre Artgenossen verständigen. Der Naturforscher, auf den er sich hier bezieht, ist William J. Long, der diese Fälle 1919 in
seinem Buch "How Animals Talk" schilderte. Long war kein Wissenschaftler, sondern ein Geistlicher und Naturromantiker, der Erbauungsliteratur schrieb und dabei insbesondere seine Lieblingstiere, die Wölfe, als noble, friedfertige und vernunftbegabte Wesen schilderte. Schon 1903 wurden er und sein Kollege Ernest Thomas Seton von dem Naturkundler John Burroughs als fantasievolle Faktenfälscher attackiert,
die unter anderem von Füchsen fabulierten, die bewusst ihre Jungen vergiften, wenn diese in Gefangenschaft zu geraten drohen, von anderen Füchsen, die auf dem Rücken von Schafen reitend
vor Schäferhunden fliehen, und
Stachelschweinen, die aus purem Vergnügen zusammengerollt Hügel hinunterkullern. Es folgte ein jahrelanger heißer Disput zwischen diesen so genannten "Nature Fakers" und den Verfechtern
einer unsentimentalen und exakten Beobachtung der Natur, unter ihnen Theodore Roosevelt. Aus heutiger Sicht wirkt Roosevelts stark durch die Jagd geprägter Blick auf wilde Tiere
zwar fast ebenso unmodern wie Longs Idealisierung, aber kaum jemand käme noch auf die Idee, Longs Werke als verlässliche verhaltenskundliche Quellen heranzuziehen. Als Beispiel für ein neues morphisches Verhaltensfeld, das sich schnell etabliert habe, führt Sheldrake in seinem
Werk "Der siebte Sinn der Tiere" und in dem Band "Rupert Sheldrake in der Diskussion" eine Beobachtung des texanischen "Naturforschers" Roy Bedichek an, der 1947 feststellte, dass
Pferde auf einmal mit Stacheldrahtzäunen keine Probleme mehr hätten. Noch wenige Jahre zuvor hätten solche Zäune oft zu schweren Verletzungen geführt, weil die Tiere im Galopp den Draht
nicht richtig erkennen konnten. Dies könne kein konventioneller Lerneffekt sein, da auch Fohlen, die nie zuvor Stacheldraht erlebt hätten, ihn nun instinktiv meiden würden. Bei näherem Hinsehen
entpuppt sich der Zitierte wiederum als fragwürdige Autorität, auf die sich zumindest im deutschen Sprachraum - außer Sheldrake-Anhängern - nur extreme Außenseiter der Pferdehalterszene
berufen, um die umstrittene Praxis zu rechtfertigen, ihre Koppeln kostengünstig mit Stacheldraht zu umzäunen. Obwohl morphische Felder ja ohne Abschwächung über große zeitliche und
räumliche Entfernungen hinweg wirken sollen, haben sich die Pferde hierzulande
immer noch nicht mit Stacheldraht angefreundet: Das Thüringer Oberverwaltungsgericht hat im Jahr 2000 in einem Berufungsverfahren (AZ 3 KO 700/99) noch einmal festgehalten, dass
solche Zäune unter Tierschutzgesichtspunkten nicht vertretbar sind. In seinem jüngsten Buch möchte Sheldrake die paranormalen Fähigkeiten von Hunden mit einem Artikel aus dem British Medical Journal belegen: "Eine 34-jährige Frau beispielsweise hatte pro Woche etwa zwei hypoglykämische
Anfälle und erwachte nicht, wenn sie sich nachts ereigneten. Aber ihr drei Jahre alter Golden Retriever
Natt warnte sie zuverlässig: ‚… während der nächtlichen Anfälle bellt er und scharrt an der Schlafzimmertür. Natt beruhigt sich erst wieder, sobald die Hypoglykämie korrigiert ist.'" (Das Gedächtnis der Natur, S. 288). Der ironische Titel dieses Aufsatzes macht allerdings stutzig: "Nichtinvasive Feststellung von Hypoglykämie mit Hilfe eines neuartigen, völlig biokompatiblen und patientenfreundlichen Warnsystems". Sieht man sich dann das Inhaltsverzeichnis der BMJ-Weihnachtsausgabe vom 23.12.2000 an, so findet man außerdem Beiträge zum statistischen Vergleich von Äpfeln und Orangen und zur Darstellung überzähliger Finger (Polydaktylie) in den Heiligenbildern Raffaels. Auffällig auch, dass
die drei im Artikel genannten biokompatiblen Warnsysteme - Natt, Susie und Candie - genauso heißen wie drei der Coautoren: Natt, Susie und Candie Williams. Kein Zufall, wie die dem Artikel
entnommene Abbildung 4 belegt.
Fazit
Dass viele von Sheldrakes Musterbeispielen für das Wirken der morphischen
Resonanz auf tönernen Füßen stehen, dürfte damit hinreichend belegt sein. Ebenso habe ich angedeutet, dass er nach wie vor keine brauchbare Theorie vorgelegt hat und sich sein philosophisches Projekt, die Abschaffung der Naturgesetze, letztlich selbst ad absurdum führt - kurz, dass die Auseinandersetzung
mit seinen Ideen intellektuell ziemlich fruchtlos ist. Darüber hinaus ist sie ärgerlich, denn die tatsächlich
atemberaubenden Sinnesleistungen von Lebewesen werden von Sheldrake zugunsten seiner parawissenschaftlichen Hypothese systematisch herabgesetzt. So kann er sich z. B. nicht vorstellen,
dass Strandläufer und andere Schwarmvögel "nur" aufgrund von Sinneswahrnehmungen und neuronalen Prozessen imstande sind, im Engflug abrupte Richtungswechsel zu vollziehen, ohne
zusammenzustoßen. Polemisch weist er darauf hin, dass sie dazu ein Gesichtsfeld von nahezu 360 Grad haben und ständig ihren Kurs neu kalkulieren müssten - "oder aber wir ersparen den Vögeln
die vielen blitzschnellen Einzelberechnungen, die zum präzisen Reagieren erforderlich wären", und gehen stattdessen davon aus, dass sie einem übergeordneten morphischen "Scharfeld"
gehorchen. Tatsächlich haben viele Vögel ein Gesichtsfeld von immerhin 300 Grad, und Gehirnzellen sind nach Ansicht der meisten Neurologen zu nichts anderem da als zum permanenten
"Rechnen", das aber keineswegs bewusst abläuft und so hoch entwickelte
Tiere wohl kaum überfordern dürfte.
Warum ich die Auseinandersetzung mit Sheldrake trotz solcher Ärgernisse und des diffusen, schwer zu fassenden Charakters seiner Hypothese für notwendig halte, habe ich eingangs schon
angedeutet: Seine Werke sind sehr erfolgreich und transportieren falsche Vorstellungen von den Abläufen nicht nur in der Natur, sondern auch in den Naturwissenschaften. Immer wieder berufen
sich Anhänger esoterischer oder pseudowissenschaftlicher Konzepte in Diskussionen zu parapsychologischen Themen, zu den "Energien" und "Schwingungen" in der Natur etc. auf
seine Vorstellungen. Da Hinweise auf Theoriemängel die meisten Laien erfahrungsgemäß kaum beeindrucken, wäre zu wünschen, dass sich künftig auch in Deutschland - dem zweitwichtigsten
Absatzmarkt für Sheldrakes Publikationen - mehr Wissenschaftler und Skeptiker konkret mit seinen zahlreichen "Belegen" auseinander setzen, wie ich es hier anhand einiger Beispiele aus dem
Bereich der Biologie versucht habe.
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