Nostradamus

Stimmt es, dass Nostradamus die gesamte Weltgeschichte vorausgesagt hat? Das behaupten jedenfalls die Anhänger des französischen Pestarztes und Astrologen aus der Renaissance (1503-1566). Laut Alexander Tollmann ("Das Weltenjahr geht zur Neige") ist Nostradamus der "an Genialität nur mit Einstein vergleichbare Heroe der Propheten". Auch als der angeblich für 1999 vorhergesagte Weltuntergang ausblieb, beharrte Tollmann: "Nostradamus hat bisher zu hundert Prozent Recht gehabt." Doch das ist eine Frage der Interpretation.

Jedes Jahr aufs Neue tritt ein nächstbesserer "Deuter" auf den Plan, der sich an den dunklen Nostradamus-Texten versucht. Geschäftstüchtige Zukunftsdeuter versimpeln nach allen Regeln des Schauders die Wortkonstellationen des raunenden Provencalen zu einem verworrenen Endlos-Rätsel - ohne ihnen den historischen und biografischen Bezug zu gönnen. Der Münchner Astrologe Kurt Allgeier etwa erblickt in dem "großen Hintern" aus Vers 40 der VI. Centurie Helmut Kohl - weil dieser "Probleme gerne aussitzt". Die "feurige Dame" aus Vers 65 der V. Centurie identifiziert der Esoterik-Vielschreiber Ray Nolan als Marilyn Monroe - weil sie in dem Film "Manche mögen's heiß" die Hauptrolle spielte.

Auch aus den zahllosen Fehlprognosen zur Sonnenfinsternis 1999 und zur Jahrtausendwende haben die Profiteure (und leider auch die Fans) des publizistischen Mysterien-Dramas nichts gelernt:

"Im Jahr neunzehnhundertneunundneunzig, im siebten Monat, wird vom Himmel ein großer König des Schreckens kommen, um den großen König von Angolmois wiederauferstehen zu lassen. Vor und nach einem Krieg wird er mit Erfolg regieren",

schrieb Nostradamus im 72. Vers der X. Centurie. Professionelle Schwarzseher sahen in dem "Schreckenskönig" einen Kometen, eine Atomrakete oder ein Ufo und im "König von Angolmois" einen neuen Dschingis Khan aus dem Osten ("Mongole"). Als nichts passierte, zog sich der "Nostradamus-Kalender 2000" der VPM-Verlagsunion ebenso clever wie kurios aus der Affäre: "Der große Schreckenskönig - ein Rätsel, das viele Fragen aufwarf. Umschreibt Nostradamus damit einfach nur die bemerkenswerte Sternenkonstellation, welche just zu jenem Zeitpunkt am Himmel herrschte? Inwieweit die ganz besondere Sternenkonstellation vom 11. August 1999 unser Leben beeinflusst hat, man im Nachhinein jeder für sich selbst beantworten."

Bei Licht besehen erweisen sich die Nostradamus-Prophezeiungen jedoch als Tagträume - und damit ihrer eigenen Gegenwart verhaftet, deren Nöte sie zu kompensieren suchten. "So hatten also zu Beginn des 16. Jahrhunderts die vier Reiter der Apokalypse Aufstellung bezogen", leitet der italienische Fantasy-Autor Valerio Evangelisti seinen Roman "Nostradamus - Der Prophet" treffend ein: "Was noch fehlte, war ein Dichter, der sich zu ihrem Sprachrohr machen würde. Dann wurde dieser Dichter geboren. Sein Name war Michel de Notredame."

Pestepidemien und Hungersnöte, politische Auseinandersetzungen und Zweckbündnisse, Religionskriege und die Schrecken der Inquisition: Eben diese katastrophalen Lebenserfahrungen fließen in den 942 Vierzeilern (Quartains) zusammen, die der hochgebildete Pestarzt und Astrologe zwischen 1555 und 1558 veröffentlichte. Zusammengefasst in zehn Gruppen zu je 100, die er "Centurien" nannte (die fehlenden 58 Vierzeiler der VII. Centurie blieben ungeschrieben). Viel mehr als "das Musterbeispiel eines talentierten Scharlatans", wie einige Kritiker wähnen, erscheint der Seher aus der Provence als ein Geschöpf der Angst: Hineingeboren in eine Zeit extremen Umbruchs, wankte und schwankte seine unfeste Persönlichkeit zeitlebens: "Man erkennt eine zitternde Seele, in Schrecken versetzt durch das zeitgenössische politische Chaos und den forcierten kulturellen und religiösen Wandel", urteilt Frank Rainer Scheck in seiner sehr lesenswerten Nostradamus-Biografie. Mögen sich die heutigen Nostradamisten auch noch so sehr bemühen, ihrer Ikone ein Kursbuch für den Lauf der Welt zu soufflieren - mehr als eine Art Jules Vernes der Renaissance kommt nicht zum Vorschein, wenn wir Nostradamus die Maske des Propheten vorsichtig vom Gesicht nehmen.

Im Vers 57 der II. Centurie schrieb Nostradamus:

Vor dem Konflikt fällt die große Mauer. Der Große wird steben, stirbt zu unerwartet, Wehklagen. Unvollendetes Schiff: der größte Teil schwimmt, nahe des Flusses, vom Blut färbt sich die Erde.

Nicht nur Ray Nolan deutet besagte große Mauer als "eben jene, die über Jahrzehnte hinweg West- und Ostdeutschland voneinander trennte". Auf die übrigen drei Zeilen kann sich auch er keinen Reim machen: "Wir werden also abwarten müssen, bis das Ereignis tatsächlich eingetroffen ist". Oder auch nicht. In mehreren seiner Vierzeiler lässt Nostradamus erkennen, dass er offenkundig den "Sacco di Roma" vor Augen hatte, bei dem 1527 die Truppen Kaiser Karl V. wochenlang die Ewige Stadt plünderten - so zum Beispiel Vers V., 30 mit der "Vorhersage", Rom werde erobert und zerstört werden. Auch II., 57 passt genau auf dieses berüchtigte historische Ereignis: Beim "Sacco di Roma" wurden große Teile der Mauer zwischen Papstpalast und Engelsburg zerstört. Ein "Großer", nämlich Charles de Bourbon, kam ums Leben. "Schiff" ist ein altes Symbol für die Kirche. Und viele der blutigen Kämpfe spielten sich um den Tiber ab.

Den 57. Vers der V. Centurie
Istra du mont Gaulsier&Aventin, Qui par le trou advertira l'armee, Entre deux rocs sera prins le butin, De SEXT. mansol faillir la renommee. (Er wird vom Mont Gaulsier und Aventin hervorgehen, der durch das Loch die Armee benachrichtigt. Zwischen zwei Felsen wird die Beute ergriffen, von SEXT. mansol verblasst der Ruf.)

biegt der Nostradamus-Autor Bernhard Bouvier so zurecht:
Montgaulsier = Montgolfière = Ballon der Brüder Montgolfier. Aventin = à vent = mit dem Wind le trou = das Loch = die Öffnung unter dem Ballon zwei Felsen = zweimal Petrus (der Fels) = zwei Päpste SEXT. = (lat.) sextus = der VI. Papst mansol = man sol(us) = Mann Solus = Priester im Zölibat Und kommentiert: "1794 wurde die Montgolfière erstmals zu Beobachtungszwecken gegen die Österreicher in der Schlacht von Fleurus eingesetzt. (Zeile 1 und 2) Zwischen Pius VI. (1775-1799) und Pius VII. (1800-1823) nahm sich Napoleon I. im Frieden von Tolentino als Kriegsbeute einen Teil des Kirchenstaates. Unter Pius VI. sank das Ansehen des Papsttums."

Tatsächlich jedoch beschreibt Nostradamus hier nur mystisch verbrämt einige Besonderheiten seiner Heimatstadt St. Rémy-de-Provence: Dicht bei der Stadt liegen die Überreste des antiken Glanum, einer Siedlung aus dem 6. Jahrhundert v.u.Z., die Ende des 2. Jahrhunderts v.u.Z. von den Römern besetzt und überbaut wurde. Gut erhalten geblieben sind bis heute das in drei Geschosse aufgeteilte Juliermausoleum und der große Triumphbogen - eine Abbildung der so genannten "Les Antiques" findet sich sogar in der Brockhaus-Enzyklopädie von 1991. Diese antiken Monumente waren schon vierzehn Jahrhunderte alt, als Nostradamus sie in seiner Kindheit fast täglich erblickte. Was er dabei auch gesehen haben muss, ist eine Inschrift in mittlerer Höhe des Mausoleums, die heute nur noch bruchstückhaft zu entziffern ist: SEX.L.M. IVLIEI.C.F.PARENTIBVS SVEIS. Im archäologischen Museum von St. Rémy ist zu erfahren, dass der vollständige Text wohl so lautete: SEX(tus) L(ucius) M(arcus) IVLIEI C(aii) F(ilii) PARENTIBVS SVEIS. Vermutlich wurde das Bauwerk von einem Römer namens Sextus errichtet - möglicherweise die Quelle für das "SEXT." im Nostradamus-Quartain V.,57. Im Vorwort zu seinem Buch "Excellent et moult utile Opuscule" von 1555 mit allerlei kosmetischen und medizinischen Ratschlägen nennt sich Nostradamus übrigens selbst "Sextropheae Natus Gallia", also "Bewohner der Gegend Galliens mit dem Mausoleum des Sextus".

Um das römische Juliermausoleum wurde gegen Ende des 12. Jahrhunderts das Kloster "St. Pol de Mausole" gebaut, wobei "Pol" nichts anderes als die provenzialische Schreibweise von "Paul" ist. Darüber hinaus findet man in St-Rémy noch weitere Besonderheiten, die sich in den Quartains V.,57, IV.,27 und X.,29 widerzuspiegeln scheinen: In der Umgebung der Stadt ragt der Berg Mount Gaussier empor, der nach Auskunft des Museums früher im Volksmund "Gaulsier" genannt worden sei. In dem Felsmassiv klafft ein etwa mannshohes Loch, durch das man zur einen Seite die Stadt und zur anderen eine alte römische Straße sieht. Von dieser Stelle aus hätte man einen herannahenden Feind also frühzeitig ausmachen können. Wie heißt es in V.,57:

Er wird vom Mont Gaulsier und Aventin hervorgehen, der durch das Loch die Armee benachrichtigt. Zwischen zwei Felsen wird die Beute ergriffen, von SEXT. mansol verblasst der Ruf.

Einigermaßen rätselhaft bleibt nur noch "Aventin". Es sei denn, man zieht Vers IV.,27 hinzu:
Salon, Mausol, Tarascon, die Sex beim Bogen, wo noch die Pyramide steht. Sie werden den Prinzen von Dänemark ausliefern. Schändliches Lösegeld für den Artemistempel.

Was könnten die Stadt Salon, das alte Mausoleum, die verwitterte Inschrift "SEX" in der Nähe des antiken Triumphbogens und ein Artemis-Tempel mit dem Wort "Aventin" zu tun haben ("Pyramide" wird übrigens bis heute ein monumentaler Stein-Quader in den Ruinen von Glanum genannt)? Man kann nur spekulieren: Aventin ist einer der sieben Hügel des alten Rom, der sich im Süden der Stadt steil über den Tiber erhebt. Der römische König Servius Tullius soll dort im 6. Jahrhundert v.u.Z. den Tempel der Diana erbaut haben, der römischen Göttin der Jagd. Diese hieß bei den alten Griechen, den ersten Bewohnern der antiken Siedlung Glanum bei St. Rémy, Artemis. Existierte auch dort dereinst ein Tempel zu Ehren der Göttin Artemis/Diana? Darüber ist im Ort zumindest nichts bekannt. Wohl aber stand ein solcher in Nîmes - und Nîmes erreicht man exakt über die Route St. Rémy-Tarascon.

Heute scheint Nostradamus endgültig zur Marionette geschäftstüchtiger Scharlatane mutiert, die kaum anderes im Sinn haben, als aus der unbestimmten Angst vieler Zeitgenossen Gewinn zu schlagen. Und wie sieht Nostradamus die ersten zwölf Monate nach der Jahrtausendwende? Schlagen wir nach im "Nostradamus-Jahrbuch 2001" des bekannten Deuters Manfred Dimde, der folgenden "Überblick" aus dem Werk seines Idols schüttelt:
Turbulenzen, wohin man sieht. Neuer Ärger nimmt kein Ende. Die Ernüchterung schmeckt bitter.

Dem dürfte nichts hinzuzufügen sein. Bernd Harder

Literatur:

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