Wahrnehmungstäuschungen

Sinnestäuschungen entstehen in Grenzsituationen, in denen altbewährte Methoden der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn falsch eingesetzt werden. Wir erleben oft nur, was wir - bewußt oder unbewußt - erwarten, und wir nehmen nur das wahr, was ein Zensurprozeß in unserem Gehirn für realistisch hält. Dies ist auch die alltägliche Erfahrung von z. B. Polizisten oder Gerichten, die immer wieder feststellen müssen, daß sich Augenzeugen oft eklatant widersprechen, obwohl jeder das Geschehen so genau wie möglich darstellen will. Die menschliche Wahrnehmung ist keine Videokamera, die präzise die Umgebung aufnimmt. Wahrnehmungsexperimente zeigen, daß alle Menschen diesen Täuschungen unterliegen können, unabhängig von Persönlichkeitseigenschaften wie Leichtgläubigkeit, Intelligenz oder ihrer Haltung gegenüber Parawissenschaften.

Wir tun also gut daran, unseren Sinnen nicht unkritisch zu trauen. Unsere vermeintlich zuverlässigen Wahrnehmungen sind lediglich Hypothesen über die Welt, die unser Gehirn unbewußt-rational konstruiert, und falsche Hypothesen führen zu Wahrnehmungstäuschungen. Der uns angeborene "Gestaltungsdruck" läßt uns in Zufallsereignisse Gesetzmäßigkeiten hineininterpretieren, die wir dann selektiv wahrnehmen und uns gut merken. Haben wir einmal eine bestimmte Überzeugung gewonnen, neigen wir dazu, selbst an fiktiven Zusammenhängen unbeirrbar festzuhalten - auch dann, wenn diese Zusammenhänge experimentell widerlegt worden sind. Diese "Credomanie" (Glaubsüchtigkeit) erweist sich als eine tierische Erblast und ist eine unerschöpfliche Quelle menschlicher Fehlvorstellungen.

Was folgt hieraus für die Welt der Esoterik? Kann man "Psi-Phänomene" - von bewußtem Betrug einmal abgesehen - auf Wahrnehmungstäuschungen zurückführen? Die Existenz einer unbewußten "Zensur" von Sinnesdaten bei der Wahrnehmung mahnt zur Vorsicht: Kritiker können dazu neigen, außergewöhnliche Befunde, die nicht in ihr Weltbild passen, zu ignorieren, und bei Esoterikern besteht die Gefahr, daß sie persönliche Erfahrungen irrtümlich fehlinterpretieren.

Da man diese Voreingenommenheit auch beim besten Willen nicht vermeiden kann, muß man, um parawissenschaftliche Behauptungen in einem Experiment zu prüfen, dieses so anlegen, daß unbewußte Selbsttäuschungen und Erwartungshaltungen keinen Einfluß auf das Ergebnis haben können. Will man beispielsweise testen, ob ein "Hellseher" auf "übernatürliche" Weise feststellen kann, ob in einem geschlossenen Kasten ein Gegenstand vorhanden ist oder nicht, darf er selbstverständlich nicht auf anderem Wege erfahren können, ob das der Fall ist. Dies darf aber auch keiner der übrigen Anwesenden wissen, denn sonst könnten sie unbewußt durch Gestik oder Mimik Informationen an den "Hellseher" weitergeben. Hinzu kommt, daß die Versuchsleiter beim Protokollieren und der Auswertung der Ergebnisse unvermeidliche Fehler machen, und ihre Erwartungshaltung in bezug auf das Ergebnis dazu führen kann, daß sie unbewußt Fehlschläge als Treffer registrieren (oder umgekehrt). Daher müssen sowohl die Versuchsperson als auch alle am Versuch direkt Beteiligten "blind" gegenüber den gerade vorliegenden Versuchsbedingungen sein. Mit solchen Doppelblind-Versuchen kann man vermeiden, daß unbewußte Selbsttäuschungen das Ergebnis verfälschen (weitere Beispiele zu Doppelblindversuchen in den Abschnitten "Paramedizin" sowie "Erdstrahlen und Wünschelruten").

Literatur:

  • Wolf, Rainer (1993) Sinnestäuschung und "New-Age"-Esoterik. In: Skeptiker 4, S. 88
  • Wolf, Rainer (1987) Der biologische Sinn der Sinnestäuschung. In: Biologie in unserer Zeit, Bd. 17, S. 33.
  • Maelicke, A. (Hrsg.) (1990) Vom Reiz der Sinne. VCH, Weinheim.
  • Schwerpunktheft Skeptiker 4/1999: Wahrnehmungstäuschungen.

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