Schröders Rücktritt und Ankes TV-Triumphe - Prognosencheck 2004 (Skeptiker 4/2004) Drucken E-Mail

Bernd Harder

Die alljährliche Überprüfung astrologischer Prognosen (siehe www.wahrsagercheck.de) hinterlässt mehr und mehr Spuren bei der Orakel-Zunft.

Was will uns die astrologische Prognose, nach der 2004 die Stadt Witten von Unwettern verschont bleibe, obgleich es in ganz Nordrhein-Westfalen teils verheerende Stürme geben werde, bedeuten? Richtig - dass die betreffende Astrologin gerade in Witten Hof hält und der Lokalpresse ein Interview gibt. In diesem Fall handelte es sich um Patricia Bahrani, deren saloppe Selbstvermarktungsprognosen stets umso unheilverkündender werden, je weiter der Ort des angeblichen Geschehens entfernt ist. Bahranis Knallbonbon für das abgelaufene Jahr: Michael Jackson werde sich im April nach einer Verurteilung wegen Kindesmissbrauchs der drohenden Haft durch Selbstmord entziehen, kündete sie mehrfach an und fügte als äußerst makabres Detail hinzu, dass dies „erst im zweiten Versuch gelingen" werde ... Der Kanzler ist zurückgetreten, seit Herbst regiert in Berlin eine schwarzgrüne Koalition unter der Führung von Angela Merkel. Am 19. August kam US-Präsident George W. Bush bei einem Attentat ums Leben und Los Angeles wurde durch einen verheerenden Asteroiden-Einschlag völlig zerstört ... So sähe der Jahresrückblick auf 2004 aus, wenn Deutschlands Hellseher und Astrologen Recht behalten hätten. Was sie in den vergangenen zwölf Monaten in den Sternen oder im Kaffeesatz zu sehen glaubten, erwies sich als durchweg falsch, ihre angeblichen Seher- Gaben einmal mehr als Humbug, stellte der GWUP-Experte Michael Kunkel fest.

Der Mathematiker und EDV-Berater aus Mainz sammelte für das Jahr 2004 rund 190 Aussagen von Wahrsagern, Astrologen und anderen selbst ernannten Orakelkünstlern. Ausgewertet wurden jedoch nur diejenigen Vorhersagen, deren Eintreten eindeutig bewertet werden konnte. Nach kritischer Durchsicht blieben etwa 90 konkrete und überprüfbare Vorhersagen übrig, die von rund 30 verschiedenen Personen stammten - „praktisch allesamt Profis auf ihrem Gebiet", betont Kunkel.

Eine schreckliche Anhäufung negativer Aspekte

Natürlich durfte darunter auch der prominente TV-Astrologe Winfried Noé nicht fehlen, der auf seiner Webseite mehrmals behauptet hatte, Bundeskanzler Gerhard Schröder werde aus gesundheitlichen Gründen im Laufe des Jahres zurücktreten. Mittlerweile hat Noé seine Meinung geändert und bescheinigt Schröder sogar eine „aufsteigende Tendenz". Die seit Jahren für ihre Fehlprognosen berüchtigte Astrologin Patricia Bahrani begab sich ebenfalls aufs politische Parkett und sagte für den Herbst eine Bundeskanzlerin Angela Merkel und eine schwarz-grüne Regierungskoalition voraus. Auch beim amerikanischen Präsidenten George W. Bush glänzten die Sternseher durch miserable Prognose-Qualität und orakelten nicht nur einen Regierungswechsel, sondern gar den Tod des Amtsinhabers durch ein Attentat. So legte sich zum Beispiel der rumänische Astrologen Radu Moisoiu konkret auf ein Datum fest: „Alle astrologischen Aspekte zeigen eine schreckliche Anhäufung negativer Aspekte. Sie legen im höchsten Maße nahe, dass George W. Bushs Leben in diesem Sommer, am 19. August 2004, durch Gewalt beendet wird ... Auf diese Argumentation gestützt bin ich also der Meinung, dass George W. Bush am 19. August 2004 sterben wird. Dies ist meine Vorhersage."

„Gefahren für das Flug- und Verkehrswesen"

Offenkundig fehlt Herrn Moisoiu noch jene Meisterschaft in der Kunst der unwiderlegbaren Prognosenstellung, wie der Nostradamus-Deuter Manfred Dimde sie kultiviert hat. In seinem traditionellen Jahresband „Nostradamus 2004" sah Dimde für die Woche vom 23. bis zum 29. Februar 2004 garantiert unangreifbar voraus: „Besonderheiten und allgemeine Tendenzen in dieser Woche: Ungünstige Entwicklungen von Auslandsbeziehungen. Gefahren für das Flug- und Verkehrswesen. Katastrophen durch Naturereignisse." Noch besser machte es der Astrologe Norbert Giesow, dessen Webseite man entnehmen konnte: „Am 28. Dezember wird erneut die Opposition zwischen Saturn und Chiron exakt. Diese bringt alle möglichen Verletzungen ins allgemeine Bewusstsein. Außerdem werden die Probleme im Gesundheitsbereich offensichtlich." Wer hätte das gedacht? Neben der hohen Politik ging es in den überwiegend astrologischen Prognosen vor allem um das Schicksal der Stars und Sternchen. So war sich die Astrologin Antonia Langsdorf sicher, Daniel Küblböcks Karriere werde 2004 steil nach oben gehen - ein Schuss in den Ofen, denn Küblböcks Kinofilm „Daniel und der Zauberer" entpuppte sich schon in der Startwoche als Zelluloid-Leiche. Auch den Fernseh- Triumphen von Anke Engelke, die Ex- Astrowoche-Chef Kurt Allgeier voraussagte, stand in der Realität das schnelle Ende ihrer Late-Night-Show entgegen. Dass darüber hinaus zum Beispiel eine erneute Hochzeit von Boris Becker, die Adoption eines Kindes durch das Promi-Ehepaar Graf/Agassi oder die Trennung von Prinz Charles von seiner Dauergeliebten Camilla angekündigt wurde, spricht ebenfalls nicht gerade für die Orakel-Zunft.

„Weltgeist" oder Zeitgeist?

Nicht fehlen durften natürlich die üblichen Katastrophen-Szenarien, und auch hier erwiesen sich die Wahrsager als Versager, allen voran wiederum Frau Bahrani, die für den Januar zum wiederholten Male einen verheerenden Terroranschlag in Berlin voraussah, gefolgt vom „Börsenzusammenbruch". Dem Numerologen Anton Tewes schwante für den Juni düster ein nuklearer Anschlag auf New York, während der „Prophet" Victor Hopchenk vor einem Asteroideneinschlag warnte, durch den Los Angeles am 9. April zerstört werden sollte. Der Astrologe Martin Schmid wiederum tat kund, er könne sich „speziell für Japan ein dramatisches Zerbrechen und teilweise Versinken der Hauptinsel vorstellen". Solche „Seher-Gabe" scheint weniger von einem spekulativen „Weltgeist" als vielmehr vom aktuellen Zeitgeist inspiriert. Denn bemerkenswert ist: „Wurde bis in die 80er Jahre häufig über bevorstehende nukleare Kriege spekuliert, sind es heute überwiegend Terroranschläge und Selbstmordattentate, die ohne genauere Angaben von Orts- und Zeitangabe vorausgesagt werden", ergibt sich aus Kunkels Analysen „Da seit Jahren tatsächlich fast täglich irgendwo auf der Welt Anschläge zu vermelden sind, sind solche Prognosen eher eine Anerkennung weitverbreiteter Angst vor dem Terror und setzt keine prophetische Gabe voraus." Gleiches gilt für die alljährlichen Vorhersagen von Naturkatastrophen. Kunkel: „Nach der Elbe-Flut von 2002 sagten viele Astrologen und Seher ähnliche Szenarien für 2003 voraus - und lagen falsch. 2004 dominierten dann wieder die Klassiker: Erdbeben, Vulkanausbrüche ..." Und damit kann man gar nicht daneben liegen, wie Fachwissenschaftler auf Internetseiten wie geoscience.de oder „Global Disaster Watch" dokumentieren: Nahezu täglich ereignet sich eine Naturkatastrophe irgendwo auf dieser Welt.

Die Sache mit der „ägyptischen Original-Astrologie"

Wirklich Aufsehen erregende Treffer der Orakel-Zunft konnte Kunkel nicht ausmachen: „Zusammengefasst erscheint keine der gesammelten Prophezeiungen so bemerkenswert, dass wir ihrem Urheber tatsächliche Erkenntnisse über die Zukunft zubilligen müssten." Wahre Meisterschaft zeigten die raunenden Mystifaxe nur in einer Disziplin: nämlich in der nachträglichen Umdeutung vager Allgemeinplätze in Treffer. So hatte etwa die Vertreterin der „ägyptischen Original-Astrologie", Edeltraud Lukas Möller, zwar einen „astrologischen" Bush-Sieg prognostiziert; der Prognosetext ließ allerdings offen, ob mit diesem „Sieg" Bushs Wiederwahl oder nur die obligatorischen anerkennenden Worte seines Nachfolgers für ihn gemeint sind - ein Treffer war damit garantiert. Die genaue Formulierung von Frau Möller darf als Lehrstück in Sachen Prognostik gelten: „Wenn wir nun im Welt-Horoskop lesen, George W. Bush könne am 2. oder 9. November 2004 siegen, dann wissen wir damit also noch nicht, ob er die Wahl gewinnt oder ob sein Nachfolger in seinem Andenken eine Statue enthüllen wird, oder ob sein Nachfolger zündende Worte der Anerkennung für George W. Bush finden wird, um sich nicht in Konflikt mit jenen Amerikanern zu begeben, die, trotz allem, Bushs Verfolgungsjagden guthießen." Anscheinend hinterlässt die alljährliche GWUP-Analyse der Vorhersagen immer mehr Spuren bei den angeblichen „Medien". „Es überwiegen Allgemeinplätze und Binsenweisheiten, und manche Formulierungen sind vollends unverständlich", hat Kunkel festgestellt. Was etwa Rosalinde Haller aus Wien damit meinte, dass 2004 eine „anreihige Schwingung im Süden Australiens spürbar" sei, erklärte sie erst gar nicht.


Dieser Artikel erschien im "Skeptiker", Ausgabe 4/2004.



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