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Mineralmagie und schwingende KristalleAlter und neuer Glaube an die heilende Kraft von MineralienBernd Friede Nahezu in jeder Einkaufszone, auf Flohmärkten und Basaren bieten Händler farbenfrohe und dekorative Minerale und Schmucksteine zum Kauf an. Zu den Abnehmern gehören nicht nur Mineraliensammler, sondern auch Menschen, die, angeregt durch eine Vielzahl von Artikeln und Annoncen in Büchern und Zeitschriften, hinter diesen bunten und häufig bizarren Kristallen eine heilende Wirkung vermuten. Minerale gelten als ausgesprochen vielfältig in der Anwendung. Sie helfen angeblich bei vielen zivilisationstypischen Erkrankungen wie Allergien und Immunschwäche. Darüber hinaus sollen ihre Kräfte die Effekte von Schadstoff- und Strahlenbelastungen lindern und sogar seelische Beschwerden auf Grund von Stress, Ängsten, Trauer oder Konflikten beseitigen. Selbst eine Verbesserung des energetischen Raumklimas wird ihnen nachgesagt. Eine Internetrecherche zum Thema Heilsteine offenbart ebenso wie der Blick in die entsprechende Literatur eine Vielfalt an pseudowissenschaftlichen und teils widersprüchlichen Informationen, die den Laien nur allzu verständlich verwirren. Dieser Artikel skizziert die Geschichte des Heilstein-Glaubens und geht der Frage nach, was wissenschaftlich dran ist an den so genannten Heilsteinen. Was sind Steine?Wissenschaftlich betrachtet stellen Steine oder Minerale den festen Aggregatzustand eines chemischen Elements oder einer Verbindung dar, üblicherweise anorganischer Natur. Ihre Atome besetzen feste Plätze eines regelmäßig aufgebauten so genannten Kristallgitters. Im Wesentlichen bestimmt die chemische Zusammensetzung der Minerale deren Aufbau und chemisch-physikalische Eigenschaften, wie z. B. Löslichkeit, elektrische Leitfähigkeit, Farbigkeit, Magnetismus oder Härte.Die Bildung von Kristallen ist faszinierend, jedoch nicht ungewöhnlich, wie Beobachtungen im täglichen Leben zeigen: So entstehen z. B. der Kalkstein im Kessel, Salzkristalle durch Eindampfen von Salzwasser, Eiskristalle an kalten Fenstern oder der Weinstein (siehe dazu auch Information unten). Unter besonderen Bedingungen, dem Einfluss hoher Drücke und Temperaturen, definierten Salzkonzentrationen und Abkühlraten, entstehen mitunter tonnenschwere, nahezu perfekte Kristalle, von denen eine große Faszination ausgeht. Geschichte der SteinheilkundeDer Glaube an die vermeintliche Heilwirkung von Steinen lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Sechstausend Jahre alte sumerische Schriften berichten von heilsamen, heilenden oder medizinischen Anwendungen, ebenso der früheste bekannte medizinische Text Chinas, der auf etwa 3000 v. Chr. datiert wird. Ja, es werden sogar noch ältere Zeugnisse der rituellen Verwendung von Steinen vermutet: So fand man Hämatit als Beigabe in Gräbern der jüngeren Altsteinzeit. Friebe (1995) nimmt an, dass dieses heute auch unter dem Namen "Blutstein" bekannte Eisenoxid dem Verstorbenen offenbar im Leben nach dem Tod als Blutquelle dienen sollte. Mangels Kenntnis paläolithischer Jenseitsvorstellungen muss dies jedoch Spekulation bleiben.Aber warum vermuten Menschen eine Heilkraft hinter Steinen? Es entspricht einer anthropozentrischen Weltanschauung, hinter der außergewöhnlichen Form der Minerale und ihrer Seltenheit übernatürliche und geheimnisvolle Kräfte zu vermuten, die ausgerechnet zur Linderung menschlicher Leiden dienen sollen. Seit alters her stellten Naturkatastrophen, Krankheiten und Ernteausfälle eine existenzielle Bedrohung für die Menschen dar, und nur selten genügten medizinisches und technisches Wissen, um diese Gefahren abzuwenden. Das Wirken numinoser Mächte, von Geistern und Dämonen, wurde als Erklärung herangezogen, und rituelle Bräuche, Amulette und Abwehrzauber sollten diese Wesen besänftigen, beschwören oder bannen (Friebe 1995). Minerale und Kristalle hatten dabei einen festen Platz. Im Gegensatz zur heutigen Zeit jedoch, wo Heilsteinen eine medizinische Wirkung nachgesagt wird, stand damals der Versuch im Vordergrund, krankheits- und schadenverursachende Geister und Dämonen zu bannen. Eine Verbindung von Heilstein-Glauben und Astrologie erfolgte durch die Zuordnung eines ausgewählten Minerals als glücksbringendes Amulett für jeweils ein Tierkreiszeichen. Eine einheitliche Kombination von bestimmten Mineralien und Sternzeichen ist in den verschiedenen Werken der Heilsteinliteratur jedoch nicht festzustellen. Im Christentum traten an die Stelle der zwölf Tierkreiszeichen die zwölf Apostel, denen jeweils ein Stein zugeordnet wurde. Auch in der Bibel selbst tauchen Edelsteine als Attribute der göttlichen Vollkommenheit auf, so in der Vision des Himmlischen Jerusalem aus der Johannes-Offenbarung (Offb. 21, 10-21). Die dort erwähnten zwölf Steine finden sich auch in der Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches wieder, die (wahrscheinlich im Jahre 962) für Otto I. angefertigt wurde. Die heutzutage meistzitierten Quellen zur Edelsteintherapie sind die Schriften der Äbtissin und Mystikerin Hildegard von Bingen (1098-1179), die ihre Vorstellungen meist aus visionärer Schau bezog. Die dort postulierten Wirkungen religiöser Entitäten auf das physische Befinden spiegeln das mittelalterliche Konzept der Einheit von seelischem und körperlichem Zustand wider. So heißt es im vierte Buch ihres Werkes "Physica" ("Von den Steinen"): "Gott hat in die Edelsteine wunderbare Kräfte gelegt (...) All diese Kräfte finden ihre Existenz im Wissen Gottes (..) und stehen dem Menschen in seiner leiblichen wie geistigen Lebensnotwendigkeit bei. (...) Jeder Stein hat Feuer und Feuchtigkeit in sich (...) Sie dienen dem Menschen als Segen und Heilmittel (...) Daher werden die Edelsteine vom Teufel gemieden und es erschaudert ihn bei Tag und bei Nacht" (Riethe 1986). Die Anwendung der Minerale ist bei Hildegard von Bingen mit alchimistischen Ritualen und Magie verknüpft: Achat, vor dem Zubettgehen in Kreuzform durch das Haus getragen, vertreibe Diebe. Über den Topas schreibt sie: "Wenn jemand Fieber hat, grabe er mit dem Topas drei kleinere Gruben in ein weiches Brot, gieße reinen Wein in dieselben (…) und betrachte sein Gesicht in dem Wein (…) und spreche: "'Ich sehe mich an wie in dem Spiegel (...), auf dass Gott dieses Fieber von mir vertreibe'" (Riethe 1986). Auch der revolutionäre, legendäre Arzt Paracelsus (Philipp Aureolus Theophrast Bombast von Hohenheim) übernahm im 16. Jh. das Prinzip des Analogiezaubers in seine Signaturenlehre: "Gott in seiner unendlichen Güte und Weisheit hat alle Stoffe, alles Leben mit besonderen Kräften ausgestattet. Damit der Mensch diese Kräfte erkennt, deuten Form und Farbe auf die möglichen Anwendungsbereiche" (Friebe 1995). Nach diesem historischen Exkurs ist ersichtlich, dass die Heilsteinkunde auf uralten magischen bzw. wissenschaftlich nicht haltbaren Vorstellungen beruht. In der heutigen Esoterik lebt sie als Konglomerat aus Magie und Elementen diverser Religionen weiter, verbunden mit Systemen wie der Astrologie. Minerale werden dabei neben Klängen, Düften und Farben eingesetzt, um Gesundheit und Wohlbefinden zu erlangen. Wissenschaftlich anmutende Argumente sollen die These von der Heilkraft der Steine untermauern.
Auf der Suche nach der KraftDie vermeintliche Wirkung von Kristallen wird häufig auf eine besondere "Kraft" oder "Energie" zurückgeführt. Um diese zentrale Mutmaßung der Heilsteinkunde auf ihre Stichhaltigkeit hin zu untersuchen, betrachten wir zunächst die atomare Struktur der Kristalle.Den Gesetzen der Thermodynamik Rechnung tragend ist auf dieser Ebene alles oberhalb des (unerreichbaren) absoluten Nullpunkts von -273 °C in Bewegung. Auch die Atome fester Stoffe bleiben nicht starr an einer Stelle, sondern vibrieren auf ihren Gitterplätzen. Diese Gitterschwingungen sind temperaturabhängig und bewirken beim Erreichen einer spezifischen Temperatur das Schmelzen des Materials. Die Frequenz der Gitterschwingungen liegt im THz-Bereich (Tera-Hertz, 1012 Schwingungen pro Sekunde), was einer Energie von wenigen meV (Millielektronenvolt) entspricht. Die Energie gewöhnlichen Tageslichts ist verglichen dazu 1000 mal größer. Die durch die Gitterschwingung freigesetzte Energie wird unter Berücksichtigung des Welle-Teilchen-Dualismus als Phononenenergie bezeichnet. Die Phononen ihrerseits stehen auf komplexe Weise in Wechselwirkung mit den Bausteinen der Materie, wodurch ihre Energie kompensiert wird. Auf das Vorhandensein eines "Kraft- oder Energiereservoirs" innerhalb eines Kristalls oder geheimnisvoller Strahlen gibt es daher keinen Hinweis. Bezüglich der Auswahl designierter Heilsteine sind die Vertreter der Heilsteinkunde Puristen: Nur "echte" Steine seien wirksam. Ein Rauchquarz, der durch Bestrahlung von gewöhnlichem Quarz hergestellt wurde, habe ebenso wenig Heilkraft wie ein Citrin, der durch Erhitzen von Amethyst erhalten wird, oder wie künstlicher Bernstein aus gepresstem Harz. Da Plagiate nicht nur als unwirksam, sondern gar als schädlich eingestuft werden, vergibt der Steinheilkunde e. V. sogar ein Heilstein-Gütesiegel. Auch in einem weiteren Punkt ist sich die Heilsteinliteratur einig: Die Minerale müssen pfleglich behandelt werden. Dabei lässt man in Anbetracht der Liefergeschichte deren Herkunft offenbar völlig außer Acht: Der großtechnische Abbau durch Gesteinssprengung wird ebenso wenig berücksichtigt wie die manuelle Selektion mit Hammer und Meißel und die verschiedenen Reinigungs- und Veredelungsverfahren (Säurebehandlung, Färbung), die der Stein auf dem Weg bis zum Ladentisch durchläuft. Quasi-wissenschaftliche und esoterische ErklärungsansätzeDissens herrscht indes bei der Begründung des vermeintlichen Heilmechanismus. Ohne quasi-wissenschaftlichen Überbau kommt der älteste Zweig der Steinheilkunde aus, die intuitive Steinheilkunde, die jeweils durch Intuition das passende Mineral ermittelt.
Die Zuordnung der Mineraleigenschaften zu Körper, Geist und Seele folgt unübersehbar dem auch unter dem Begriff Analogiezauber bekannten Prinzip simila similibus curantur (Gerlach 2000): Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt. In einem Ritual z. B. wird diesem Prinzip zufolge ein Ereignis oder Zustand symbolisch dargestellt, der für die Realität gewünscht wird. Zurückführen lässt sich das magische Analogiedenken auf die so genannte hermetische Literatur der ersten nachchristlichen Jahrhunderte. Als Autor galt der Gott Hermes Trismegistos, eine Gestalt, die aus der Verschmelzung griechischer und ägyptischer Vorstellungen entstanden war. Durch arabische Vermittlung behielt die Hermetik auch im europäischen Mittelalter ihren Einfluss; in griechischer und lateinischer Übersetzung wurde die Textsammlung "Corpus hermeticum" bis in die Zeit des Humanismus rezipiert (Schütze 1997). Die vormoderne Medizin fußt ebenso wie die gesamte abendländische Esoterik auf diesen hermetischen Lehren. Wie Heilsteine angewendet werdenDie Anwendung der so genannten Heilsteine ist ebenso ominös wie die zugrunde liegende Theorie: Auf der Haut getragen, in der Hosentasche, unter dem Kopfkissen oder am Arbeitsplatz sollen die Minerale in gleicher Weise ihre heilende Wirkung entfalten. Magische Steinkreise und Heilsteinelixiere sind weitere Anwendungsbeispiele. Laden, entladen und negative EnergienIn der Vorstellung der Edelsteintherapie sind Kristalle Strahler, die dem Menschen heilsame oder positive Energie spenden (Labacher 1998). Umgekehrt sollen sie negative Energien vom Menschen aufnehmen. Kristalle werden dabei Batterien gleichgesetzt, die in einem magisch-irrationalen Ritual entladen und wieder aufgeladen werden müssen (vgl. Tab. 2).
Im Kapitel "Auf der Suche nach der Kraft" wurde bereits dargelegt, dass ein esoterischer Kraft- oder Energiepool in den Mineralien wissenschaftlich nicht nachzuweisen ist. Statt dessen korrespondiert der äußere Eindruck eines Steins häufig mit seiner Wertschätzung als Heilstein. So gelten farblose Quarzkristalle (Bergkristall) als Kraftspender per se. Doch einmal in den Gletscherbach gefallen und in vielen Jahren matt- und rundgewaschen, wird Quarz als Kieselstein keine Beachtung als Heilstein mehr finden, und auch die entsprechenden Literatur spricht ihm keine Wirkung zu. Dennoch werden sämtliche wissenschaftliche Messmethoden ergeben, dass es sich bei beiden um die gleiche chemische Substanz handelt. Der derzeitige Heilsteinkult treibt mitunter bunte Blüten. Im Handel sind z. B. Baby-Heilstein-Ketten (http://www.sha 2000.de/simon/bhk.html) oder "esoterische heilende Glückshalsbänder" für Hunde erhältlich. Selbst Zahnärzte scheinen das Vertrauensverhältnis zu ihren Patienten auszunutzen, indem sie neben ihrer Praxis Heilsteine vermarkten (www.heilsteine-ullmann.de). Wie Minerale tatsächlich wirkenObwohl die Theorie der Heilsteinkunde wissenschaftlich völlig haltlos ist, verbuchen Steinheiler dennoch therapeutische Erfolge. Diese sind jedoch einfach psychologisch zu erklären: Glaube versetzt bekanntlich Berge, und wer nur fest genug an die Heilkraft eines Steins glaubt, ändert seine mentale Einstellung zu seinem Leiden. Insbesondere bei der Behandlung psychischer Leiden bewirkt dies im Zusammenspiel mit Emotionen eine Veränderung des eigenen Verhaltens.
Kristalle selber züchtenNicht nur in der Natur wachsen schöne Kristalle, auch der Mensch hat sie zu züchten gelernt. Eine der einfachsten und gebräuchlichsten Methoden ist das Züchten von Kristallen aus einer gesättigten Lösung. Die maximale Löslichkeit einer bestimmten Verbindung soll dabei möglichst langsam und gleichmäßig überschritten werden, damit langsam Kristalle wachsen. Die Löslichkeit einer Substanz kann gesenkt werden, indem ein anderes Lösungsmittel eindiffundiert wird. Gleiches wird auch durch Abkühlen oder langsames Verdunsten des Lösungsmittels erreicht.
Schöne Ergebnisse lassen sich mit Alaun (Kaliumaluminiumsulfat, in der Apotheke erhältlich) erzielen. Man löse soviel Alaun in ca. 20°C warmem (destilliertem) Wasser (ca. 6 g Alaun auf 100 g Wasser), bis sich ein Bodensatz bildet. Man filtriere z. B. durch einen Kaffeefilter diesen Bodensatz ab und gieße die so entstandene Lösung in ein sauberes fett- und spülmittelfreies Glas. Diese Lösung stelle man ruhig und kühl. Nach einiger Zeit werden sich Kristalle bilden. Um die Bildung von zu vielen kleinen Kristallen zu verhindern, kann man in die oben beschriebene gesättigte Lösung nach dem Filtrieren auch einen Impfkristall hängen, der an einen Nylonfaden gebunden ist und keine der Wände berührt. Solche Impfkristalle können z. B. aus einem früheren Kristallisationsversuch stammen, oder aus dem aufzulösenden Alaun herausgesucht werden. Besonders wichtig ist hierbei, dass die Lösung vollständig gesättigt ist, da sich sonst der Impfkristall wieder auflöst. Nach dem oben beschriebenen Verfahren können auch andere Kristalle gut gezüchtet werden, z. B. aus Kochsalz, Kaliumchromalaun etc. Ralph Puchta Dieser Artikel erschien im "Skeptiker", Ausgabe 1/2002. |

















