“Konzentrieren Sie sich wie ein Laser auf die Leistung!”
Interview mit dem Sozialpsychologen Lee Jussim
Interview mit dem Sozialpsychologen Lee Jussim
Timur Sevincer: Als Skeptiker befassen wir uns neben Pseudowissenschaften auch mit übertriebenen oder offensichtlich falschen Behauptungen. Sie forschen und lehren als Sozialpsychologe. Welche Erkenntnisse aus diesem Bereich werden im akademischen Betrieb oder in der Öffentlichkeit am häufigsten falsch dargestellt?
Lee Jussim: Da gibt es viele. Eine gängige Erzählung besagt, dass Frauen in der akademischen und beruflichen Karriere überall auf Hindernisse stoßen würden, insbesondere in den MINT-Fachern. Es gibt jedoch eine verblüffende, von einem großen Team durchgeführte Studie aus dem Jahr 2023 (Schaerer et al. 2023), die diese Geschichte verkompliziert. Hierzu führte man eine Metaanalyse von Audit-Studien durch, die über Jahrzehnte entstanden waren. Als Metaanalyse bezeichnet man eine Untersuchung, die die Ergebnisse mehrerer Studien statistisch zusammenfasst. Audit-Studien sind Feldversuche, bei denen Unternehmen identische fiktive Bewerbungen von Männern und Frauen auf tatsächliche Stellen erhalten, um zu sehen, wer zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wird. Dies ist der Goldstandard in der Forschung zu Diskriminierung bei der Einstellung von Mitarbeitern. In früheren Jahrzehnten gab es durchweg Vorurteile gegen Frauen. Um 2009 herum waren diese Effekte verblasst oder hatten sich sogar leicht umgekehrt, wobei in typischen Frauenberufen wie in der Pflege leichte Vorurteile gegenüber Männern auftraten, wahrend sich in den meisten anderen Bereichen keinerlei Vorurteile zeigten.
Zudem bat das Forschungsteam im Vorfeld andere Personen – darunter auch Wissenschaftler –, vorherzusagen, ob die Metaanalyse Vorurteile gegenüber Männern oder Frauen oder aber keinerlei Vorurteile zutage fordern wurde. Laien und Wissenschaftler sagten mit überwältigender Mehrheit voraus, dass es Vorurteile gegenüber Frauen geben wurde. Die Wissenschaftler schnitten dabei nur wenig besser ab als die Laien. Es kommt noch besser: Man unterteilte die befragten Wissenschaftler in Gruppen mit und ohne Fachwissen auf dem Gebiet Gender. Als Personen mit Fachwissen zählten alle, die mindestens eine Arbeit veröffentlicht hatten, in deren Titel oder Zusammenfassung die Begriffe „Gender“ oder „Sex“ vorkommen. Diese Fachleute waren beim Vorhersagen genauso gut oder schlecht wie die übrigen Wissenschaftler. Es war ein Test, wie gut sie 40 Jahre Literatur verstanden hatten.
Timur Sevincer: Wenn ich von diesem Ergebnis meinen Studierenden berichte – die aufgeschlossen, neugierig und klug sind –, stoße ich anfangs oft auf Widerstand. Einige scheinen sogar anzunehmen, ich würde ein „rechtes Narrativ“ vertreten. Nach anfänglicher Überraschung ist es jedoch für viele, darunter auch zahlreiche Frauen, ein Augenöffner. Warum haben sich diese neueren Erkenntnisse noch nicht weiter verbreitet?
Lee Jussim: Das ist eine Frage der kulturellen Diffusion. Ich hoffe, dass die Ansichten sich verändern, wenn man immer wieder darauf verweist, was die Evidenz sagt. Aber ich würde nicht mein Leben darauf verwetten.
Timur Sevincer: Sprechen wir über den Implicit Association Test (IAT), von dem häufig behauptet wird, er messe unbewusste Vorurteile, und der wohl das am weitesten verbreitete Messinstrument für derartige Vorurteile ist. Was ist Ihre Hauptkritik daran und inwiefern kursieren Fehlinformationen über den IAT?
Lee Jussim: Kurz gesagt, handelt es sich beim IAT um eine Reaktionszeitaufgabe, die Rückschlüsse auf die Stärke von automatischen Assoziationen im Gedächtnis zulässt. Jedoch misst sie keine versteckten Vorurteile. Früher wurde behauptet, der IAT würde offenlegen, dass die Mehrheit der Menschen „unbewusste Vorurteile“ habe und dass beispielsweise 80 bis 90 Prozent der Amerikaner unbewusst rassistisch seien. Das wirft zwei Probleme auf. Erstens greift der Test nicht auf das Unbewusste zu: Als Forscher ihren Versuchspersonen den Test erklärten und sie baten, ihre eigenen Ergebnisse vorherzusagen, waren diese Vorhersagen erstaunlich genau. Das spricht gegen die Behauptung, dass der Test völlig unbewusste Vorurteile aufdecken wurde. Von dem, was der IAT misst, ist fast nichts unbewusst. Zweitens misst der IAT auch keine Vorurteile. Er misst allenfalls, wie stark bestimmte Begriffe im Gedächtnis miteinander assoziiert sind. Franzosen werden häufig mit Wein assoziiert. Aber wer würde in dieser Assoziation ernsthaft ein Vorurteil sehen? Zudem gibt es auf technischer Ebene grundsätzliche Kritik an der Zuverlässigkeit, mit der der IAT die Starke von Assoziationen im Gehirn misst. Assoziationen im Gedächtnis sind außerdem nicht gleichbedeutend mit Vorurteilen oder diskriminierendem Verhalten. IAT-Ergebnisse lassen sich vorübergehend verändern; doch das muss sich nicht in Verhalten niederschlagen (Jussim 2022a).
Timur Sevincer: Ich habe Schlagzeilen gelesen, die nahelegen, dass schwarze Patienten durch unbewusste Vorurteile oder Mikroaggressionen, also durch kurze, oft unbeabsichtigte Kränkungen gegenüber marginalisierten Gruppen, buchstäblich getötet werden (Williams, 2023; Gran-Ruaz et al. 2025) oder schwere Gesundheitsschäden davontragen können. Eine Schlagzeile war: „How implicit bias kills black babies“. Forderungen nach flächendeckenden Antidiskriminierungstrainings im gesamten Gesundheitswesen berufen sich darauf. Was denken Sie darüber?
Lee Jussim: Es gab eine Studie (Greenwood et al. 2020), derzufolge schwarze Babys häufiger starben, wenn sie von einem weißen Arzt betreut wurden. Eine Reanalyse durch andere Forscher (Borjas, VerBruggen 2024; Joyce 2024) zeigte aber, dass dieses statistische Muster dadurch erklärt werden konnte, dass weiße Ärzte überproportional viele schwarze Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht behandelten. Ein niedriges Geburtsgewicht bedeutet ein hohes Mortalitatsrisiko. Berücksichtigte man diesen Faktor, verschwand der Effekt.
Timur Sevincer: Nach dieser Studie wurde ich schon von Studierenden gefragt.
Lee Jussim: Ja. Sie erregte große öffentliche Aufmerksamkeit, obwohl die Ergebnisse widerlegt wurden. Hinzu kommt, dass die Vorstellung von impliziten Vorurteilen Psychologen und Laien gleichermaßen anspricht – wohl weil es dabei um subtile, unbewusste Triebkräfte des menschlichen Verhaltens geht. Viele Psychologen und Sozialwissenschaftler halten scheinbar alles für uninteressant, was sich mehr oder weniger bewusst abspielt. Doch direkte, offene Maßnahmen gegen Vorurteile gehören zu den wirksamsten.
Timur Sevincer: Es gibt gute Gründe, Selbstauskünfte von Personen in der psychologischen Forschung skeptisch zu betrachten. So verfügen Menschen offenbar nur über begrenzte Fähigkeiten, mentale Prozesse akkurat zu berichten.
Lee Jussim: Man sollte fast alles in meinem Forschungsbereich, der Sozialpsychologie, skeptisch betrachten – mit einigen wenigen Ausnahmen. Ein Forschungsergebnis ist erst verlässlich, nachdem es eine lange Zeit der skeptischen Betrachtung überstanden hat. Ich habe gemeinsam mit Koautoren einen Artikel über akademische Fehlinformationen (Jussim et al. 2025) verfasst, in dem wir Fall für Fall aufzeigen, wie Wissenschaftler Unsinn verbreiten, darunter auch die Behauptung, dass der IAT auf das Unbewusste zugreift.
Nikil Mukerji: Universitäten veranstalten Workshops zum Abbau von Vorurteilen, etwa bei der Stellenvergabe. Diese Maßnahmen scheinen auf empirischen Erkenntnissen zu beruhen, da hierzu wissenschaftliche Studien zitiert werden. Viele Angebote von privaten Veranstaltern erscheinen dagegen eher wie Pseudowissenschaft. Wir haben Workshops mit Trainings von privaten Anbietern zu unbewussten Vorurteilen gefunden, die zwischen 1000 und 5000 Dollar kosten (Cultural Intelligence Center 2025; Haufe Akademie 2025; Dear Human Services 2025).
Lee Jussim: Zusammen mit einem Team aus Wissenschaftlern, die konträre Positionen zu diesem Thema vertreten, haben wir kürzlich im Rahmen einer gegnerischen Zusammenarbeit (siehe Kasten unten, d. Red.) einen Artikel veröffentlicht, der die Wirksamkeit solcher DEI-Programme (Mogilski et al. 2025) bewertet. DEI steht fur diversity, equity, and inclusion, also Diversitat, Gleichstellung und Inklusion. Oft beinhalten diese Programme auch ein Training. Bei unserer Untersuchung ging es unter anderem um die Frage, ob die verschiedenen Typen von Trainings wirksam sind. Doch wie wir feststellten, gibt es keine Belege dafür. Und: Viele Antidiskriminierungstrainings wurden überhaupt noch nicht evaluiert. Es scheint, dass man hier Meinungen wie wissenschaftlich fundierte Aussagen präsentiert. Jetzt kann man Artikel anführen, laut denen Diversitat wundervoll sei und wir deshalb die Trainings benötigen würden. Gewiss kann man sich einzelne Artikel über die Wunder der Diversitat herauspicken, aber damit ignoriert man systematisch alle anderen, in denen sich Diversitatsförderung als ineffektiv oder kontraproduktiv erwiesen hat. Doch auch wenn man davon ausgeht, dass Vielfalt wunderbar ist, bedeutet das nicht, dass eine bestimmte Anwendung mehr positive als negative Auswirkungen hätte. Dafür gibt es meist keine Belege. Eines der wenigen Beispiele für einen systematischen Wirksamkeitsbeleg ist der Effekt von Trainings zu impliziten Vorurteilen auf das spätere Verhalten in Bezug auf Diskriminierung. Die Studie wurde von einem Anhänger der These von impliziten Vorurteilen durchgeführt, der zu diesem Thema intensive Forschung betrieben hat. Ich bin sicher, dass eine positive Wirkung erhofft wurde. Es handelte sich um eine Metaanalyse zu Interventionen, die implizite Vorurteile verändern sollten (Forscher et al. 2019). Zwar haben sich tatsächlich die IAT-Werte verändert, doch nachgelagerte Auswirkungen auf das Verhalten suchte man vergebens.
Timur Sevincer: Kann es auch eine übermäßige Fokussierung auf Vorurteile geben, und ist es denkbar, dass sich eine solche Fokussierung negativ auswirkt?
Lee Jussim: Nun, man sollte bei der Bewertung einer Maßnahme nicht nur berücksichtigen, ob sie ihr beabsichtigtes Ziel erreicht. Unbeabsichtigte – oder auch beabsichtigte – negative Effekte sollten gleichermaßen Beachtung finden. Aber das ist fast nie der Fall. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass eine übermäßige Betonung des Themas Vorurteile zu einer Überreaktion fuhren kann. So kann es zu umgekehrten Vorurteilen kommen. In den vergangenen 30 Jahren haben Wissenschaftler dieses Phänomen meist ignoriert. Die Falle der „Students for Fair Admissions“ vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten haben beispielsweise gezeigt, dass die Zulassungsrichtlinien von Harvard, der University of North Carolina und wahrscheinlich auch vieler anderer Institutionen mit ihrer starken Berücksichtigung der ethnischen Zugehörigkeit der Bewerber gegen den Grundsatz der Gleichbehandlung verstoßen. Für die Zulassung zum Studium in Harvard benötigten weiße oder asiatische Bewerber 100 bis 300 Punkte mehr im SAT (standardisierter Eignungstest für die Zulassung). Der durchschnittliche Wert für die Zulassung in Harvard betragt 1540 Punkte. Solche Überreaktionen sind bei einer übermäßigen Sensibilisierung für Vorurteile wahrscheinlich. Das fuhrt uns zu der empirischen Frage, ob dies durch die Trainings ausgelöst werden kann. Ich denke, ja. Derzeit sind mir keine wissenschaftlichen Belege bekannt, aber die Frage sollte untersucht werden.
Nikil Mukerji: Könnte das auch Konsequenzen für den Alltag haben? Etwa, wenn man beginnt, überall Vorurteile wahrzunehmen, auch wenn gar keine vorhanden sind?
Lee Jussim: Einer meiner 10 meistgelesenen Beitrage auf Substack tragt den Titel „Is Everything ‚Problematic‘?“ (Jussim 2022b). Ich habe ihn auf dem Höhepunkt der Social-Justice-Bewegung nach dem Mord an George Floyd geschrieben. In dieser Zeit wurde vieles als rassistisch oder sexistisch angeprangert, in wissenschaftlichen Fachartikeln, Beitragen von Wissenschaftlern in den Mainstream-Medien, und auch in journalistischen Beitragen bei Mainstream-Medien. Alles Mögliche nannte man rassistisch. Golf ist rassistisch. Schlafzimmer sind rassistisch, Rasenflächen sind rassistisch, und Joggen ist auch rassistisch. Ein Beispiel sind Hundespaziergange, denn wie kann man es wagen, an einem wunderschönen Tag den Hund auszuführen, wahrend gleichzeitig schwarze Menschen im Gefängnis für Verbrechen büßen, die sie nicht begangen haben. Das kann man mit allem machen, mit absolut allem.
Nikil Mukerji: Kommen wir zu Stereotypen. Wenn ich meinen Studierenden Daten zeige, nach denen Frauen eher Berufe wählen, bei denen Menschen im Mittelpunkt stehen, und Männer eher sachorientierte Berufe wählen (Su et al. 2009), reagieren einige ablehnend, weil sie darin Stereotype sehen.
Lee Jussim: Geht man davon aus, dass alle Stereotype falsch sind, ergeben sich zwei Konsequenzen. Erstens ist, wissenschaftlich gesehen, ein Beleg erforderlich, wenn man etwas als Stereotyp bezeichnet. Lasst sich nicht belegen, dass eine bestimmte Behauptung falsch ist, dann kann sie auch kein Stereotyp sein. Häufig läuft es jedoch genau umgekehrt: Man nimmt sich eine Behauptung über Gruppen – etwa dass Frauen eher menschenorientierte und Männer eher sachorientierte Berufe bevorzugen – und das bezeichnet man dann als Stereotyp. Dabei impliziert man, dass die Behauptung unzutreffend ist, ohne dies aber zu belegen. Außerdem verwickelt man sich in Widersprüche, wenn man behauptet, dass alle Aussagen über Gruppen Stereotype und damit unzutreffend wären. Das wurde bedeuten, dass zwei Gruppen weder ähnlich noch unterschiedlich sein können. Denn beide Ansichten waren Stereotype. Aber eine davon muss zutreffen. In der Praxis sind viele allgemeine Gruppenüberzeugungen teils zutreffend, teils übertrieben, teils falsch und hängen stark vom jeweiligen Kontext ab (Eagly, Hall 2025; Jussim et al. 2009).
Nikil Mukerji: Wie geht man also in der Praxis am besten mit Stereotypen um?
Lee Jussim: Ich habe keine Patentlösung. Aber nach meiner Ansicht besteht der einzig richtige Weg darin, sich wie ein Laser auf die Leistung zu konzentrieren und individualisierte Informationen zu sammeln. Man mag Vorurteile haben, doch diese werden abgeschwächt, wenn man die Aufmerksamkeit darauf richtet, wer der beste Bewerber für einen Studienplatz oder eine bestimmte Arbeitsstelle ist. Dies wird durch zwei empirische Befunde gestützt. Erstens besteht das beste Gegenmittel darin, die Aufmerksamkeit ganz auf die konkreten Leistungen der Person zu richten – also auf individuelle Informationen. Fokussieren sich Entscheider ausschließlich auf spezifische, individuelle diagnostische Daten, werden die Auswirkungen des Denkens in Stereotypen abgeschwächt. Möglicherweise habe ich schreckliche Vorurteile gegenüber Ihrer Gruppe. Aber wenn ich darüber nachdenke, ob ich Sie einstellen soll, und mir dabei Ihre Daten anschaue, stelle ich vielleicht fest, dass Sie großartige Forschungsergebnisse vorweisen können. Dann ist es mir herzlich egal, dass Sie einer Gruppe angehören, die ich nicht mag. Es zahlt nur, ob Sie einen Beitrag zu meinem Vorhaben leisten werden. Vorurteile werden dann wahrscheinlich in den Hintergrund treten. Es gibt starke Belege, dass Menschen sich auf solche individuellen Informationen stutzen, wenn sie verfügbar sind. Zweitens gab es vor einigen Jahren eine Metaanalyse (Leslie et al. 2020) zu der Frage, welches Mindset das geringste Maß an Vorurteilen erwarten lasst. Darin wurden drei Typen von Einstellungen betrachtet: Multikulturalismus, also die Haltung, dass Unterschiede zwischen Gruppen anzuerkennen, zu bewahren und wertzuschätzen sind, „Farbenblindheit“, also die Überzeugung, dass die Hautfarbe irrelevant ist, und Meritokratie, das heißt, die Überzeugung, dass nur die Leistung zahlt. Die stärkste negative Korrelation zu Diskriminierung stellte man bei Personen fest, die den Fokus auf Leistung richten. Zusammengefasst: Konzentrieren Sie sich wie ein Laser auf die Leistung – auf klare Kriterien, die für die Stelle relevant sind – und ziehen Sie individuelle Daten heran. Das ist zwar kein Wundermittel, aber immerhin die zuverlässigste Methode, um in der alltäglichen Praxis Vorurteile zu unterbinden.
Timur Sevincer: Würden Sie sagen, dass die negativen Auswirkungen von Stereotypen im Alltag überbewertet werden?
Lee Jussim: Mitunter werden solche verhängnisvollen Überzeugungen durch Regierungen oder Einrichtungen zu Propagandazwecken verbreitet. Das ist eine spezielle Situation. Wenn es jedoch um den zwischenmenschlichen Umgang in den USA geht, wird nach meiner Einschätzung vieles übertrieben. Es ist gut belegt, dass Menschen stereotype Vorstellungen darüber haben, welchen Stereotypen andere Personen anhängen. Das zeigt sich, wenn man sie danach fragt. Sie werden den anderen extremere Überzeugungen, beispielsweise über Männer und Frauen, zuschreiben, als diese tatsächlich haben (Swim 1994). Ja, nach meiner Ansicht werden die negativen Auswirkungen von Stereotypen übertrieben.
Nikil Mukerji: Kommen wir zu einem Thema, das uns Skeptikern am Herzen liegt: der Wissenschaftskommunikation. Mitunter wird die Befürchtung laut, dass das Vertrauen in die Wissenschaft leiden würde, wenn man die Unsicherheiten wissenschaftlicher Erkenntnisse betont oder über die Kritik spricht, die Wissenschaftler aneinander üben.
Lee Jussim: Dazu gibt es vieles zu sagen. Erstens verliert Wissenschaft dann an Glaubwürdigkeit, wenn ganze Fachbereiche in eine bestimmte politische Richtung tendieren, da es dann weniger skeptische Kontrolle gibt. Die akademische Welt, zumindest in den USA und wohl auch in Deutschland, ist überwiegend linksgerichtet, vor allem in den Sozial- und Geisteswissenschaften (Duarte et al. 2015), in geringerem Maße auch im Bereich Biomedizin und den MINT-Fächern. Da es bei politisierten Themen seltener zu skeptischer Prüfung kommt, ist es verständlich, dass manche Entwicklungen in der akademischen Welt besonders von Personen mit einer anderen politischen Haltung mit Argwohn beobachtet werden. Die Lösung besteht darin, nach Möglichkeit ein gewisses politisches Gleichgewicht wiederherzustellen. Aber ich weiß nicht, wie das gehen soll. Ich bin kein Befürworter von Förderprogrammen für Konservative oder Einstellungsstopps für Liberale, beispielsweise bis an Universitäten 30 Prozent Konservative beschäftigt sind. Das wäre eine alberne Idee. Dennoch wäre es besser für die betreffenden Fachbereiche, wenn es dort mehr Konservative gäbe. Hinzu kommt die Frage, wie eine wissenschaftliche Behauptung glaubwürdig wird. Darauf gibt es wahrscheinlich viele Antworten, aber meine kürzeste Version lautet, dass es etwa 20 bis 30 Jahre Forschung braucht, bevor wir uns einigermaßen sicher sein können, dass eine Erkenntnis Bestand hat. Eine Möglichkeit, die Glaubwürdigkeit bei politisierten Themen und rein theoretischen Kontroversen zu erhöhen, ist der Ansatz der gegnerischen Zusammenarbeit (Ceci et al. 2024): Legen Sie zu Beginn gemeinsam mit den Vertretern der Gegenposition Methoden und erwartete Ergebnisse fest und veröffentlichen Sie eine gemeinsame Bewertung – sei es in einem Übersichtsartikel oder einem empirischen Artikel.
Timur Sevincer: Um auf das Thema geschlechtsspezifische Vorurteile in der Wissenschaft zurückzukommen: Eine kürzlich durchgeführte gegnerische Zusammenarbeit (Ceci et al. 2023) zu diesem Thema hat ergeben, dass in vielen Bereichen keine Vorurteile bestehen. Jedoch wurden in einigen Bereichen bei der Stellenvergabe Barrieren für Frauen und Vorurteile gegenüber Männern festgestellt. Dies wirft die Frage auf, warum viele Trainings zu impliziten Vorurteilen noch immer allein auf den Abbau von Vorurteilen gegenüber Frauen abzielen, obwohl die Vorurteile, die sich in der tatsächlichen Einstellungspraxis zeigen, auch anders ausfallen können (Williams, Ceci 2015).
Lee Jussim: Genau. Allerdings sind Barrieren nicht dasselbe wie Vorurteile. Ein Vorurteil liegt vor, wenn eine Auswahlkommission bei der Entscheidung zwischen einem weiblichen und einem männlichen Kandidaten der weniger qualifizierten Person aufgrund ihres Geschlechts den Vorzug gibt. Eine Barriere ist etwas anderes. Beispielsweise gewähren Universitäten ihren Mitarbeitern nach der Geburt eines Kindes eine Auszeit. Doch diese wird von Männern und Frauen unterschiedlich genutzt. Männer sind in dieser Zeit tendenziell produktiver, weil sie weniger Kinderbetreuung übernehmen. Das ist eine Barriere, ein Hindernis für die Karriere von Frauen in der akademischen Welt. Es handelt sich hier nicht um Voreingenommenheit. In einigen Bereichen gibt es eine Bevorzugung von Frauen, in anderen eine Bevorzugung von Männern, und vielerorts überhaupt keine Voreingenommenheit. Die Welt ist nicht einheitlich.
Nikil Mukerji: Befürchten Sie nicht, dass das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet, wenn Sie öffentlich sagen, dass wir etwas nicht wissen oder dass es in der Wissenschaft Kontroversen gibt?
Lee Jussim: Die Öffentlichkeit hat ein Recht, zu erfahren, wenn wir in einer Frage unsicher sind. Wir sollten mit solchen Situationen offen umgehen und unsere Botschaften präziser formulieren. Dabei müssen wir gleichermaßen
ernsthaft und präzise sein. Behaupten wir aber, wir seien uns in einer Sache sicher, obwohl wir das eigentlich nicht sind, schneiden wir uns ins eigene Fleisch. Denn falls wir das tun, wird uns die Öffentlichkeit nicht mehr glauben und zwar auch, wenn sie uns glauben sollte. Einerseits müssen wir einräumen, wenn wir etwas nicht wissen; andererseits gibt es auch Dinge, die wir sehr wohl wissen. Jedoch spielen auch Politik und politisches Handeln eine bedeutende Rolle. Wenn Wissenschaftler unsicher sind, sind auch die politischen Implikationen unklar. Es ist unvernünftig, sich bei politischen Entscheidungen auf unklare wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen. Eventuell ist es sogar unvernünftig, sich auf eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen, denn Politik umfasst vielfältige Überlegungen, die über die Frage hinausgehen, ob eine Tatsachenbehauptung zutrifft. Hierbei sind andere Interesse ausschlaggebend, und all diese Faktoren müssen von politischen Entscheidungsträgern berücksichtigt werden – nicht nur die Frage, ob es sich um korrekte Wissenschaft handelt. Sobald jedoch ausreichende wissenschaftliche Gewissheit besteht, sollte die Wissenschaft als Informationsquelle in die öffentliche Debatte und die Politikgestaltung einfließen, auch wenn sie nicht den entscheidenden Ausschlag für politisches Handeln gibt.
Nikil Mukerji: Befürchten Sie nicht, dass das Vertrauen in die Wissenschaft schwindet, wenn Sie öffentlich sagen, dass wir etwas nicht wissen oder dass es in der Wissenschaft Kontroversen gibt?
Lee Jussim: Die Öffentlichkeit hat ein Recht, zu erfahren, wenn wir in einer Frage unsicher sind. Wir sollten mit solchen Situationen offen umgehen und unsere Botschaften präziser formulieren. Dabei müssen wir gleichermaßen ernsthaft und präzise sein. Behaupten wir aber, wir seien uns in einer Sache sicher, obwohl wir das eigentlich nicht sind, schneiden wir uns ins eigene Fleisch. Denn falls wir das tun, wird uns die Öffentlichkeit nicht mehr glauben und zwar auch, wenn sie uns glauben sollte. Einerseits müssen wir einräumen, wenn wir etwas nicht wissen; andererseits gibt es auch Dinge, die wir sehr wohl wissen. Jedoch spielen auch Politik und politisches Handeln eine bedeutende Rolle. Wenn Wissenschaftler unsicher sind, sind auch die politischen Implikationen unklar. Es ist unvernünftig, sich bei politischen Entscheidungen auf unklare wissenschaftliche Erkenntnisse zu stützen. Eventuell ist es sogar unvernünftig, sich auf eindeutige wissenschaftliche
Erkenntnisse zu stützen, denn Politik umfasst vielfältige Überlegungen, die über die Frage hinausgehen, ob eine Tatsachenbehauptung zutrifft. Hierbei sind andere Interessen ausschlaggebend, und all diese Faktoren müssen von politischen Entscheidungsträgern berücksichtigt werden – nicht nur die Frage, ob es sich um korrekte Wissenschaft handelt. Sobald jedoch ausreichende wissenschaftliche Gewissheit besteht, sollte die Wissenschaft als Informationsquelle in die öffentliche Debatte und die Politikgestaltung einfließen, auch wenn sie nicht den entscheidenden Ausschlag für politisches Handeln gibt.
Nikil Mukerji: In der Öffentlichkeit kommt selbstbewusstes Auftreten gut an. Aktivistische Wissenschaftler behaupten: „Wir wissen Bescheid“ – und das verkauft sich gut. Ist das nicht problematisch?
Lee Jussim: Das stimmt. Menschen lassen sich viel eher von jemandem überzeugen, der hereinstürmt und ganz selbstbewusst allerlei Unsinn verkündet. Ich wünschte, ich hatte darauf eine Antwort. Aber ich habe keine.
Nikil Mukerji: Es gibt noch ein anderes Problem, das mich beschäftigt. Die Mission des Skeptizismus verfolgt ein doppeltes Ziel. Zum einen fördern wir das kritische Denken. Wir ermutigen Menschen, den eigenen Verstand zu benutzen und selbständig zu Schlussfolgerungen zu kommen. Dabei kann es auch geschehen, dass sie falsche Schlüsse ziehen und dann unwissenschaftlichen Unsinn glauben. Das scheint im Widerspruch zum zweiten skeptischen Anliegen zu stehen, nämlich der Öffentlichkeit fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu vermitteln und sie davon zu überzeugen, dass sie uns glauben soll. Bisher hat man das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Zielen nach meiner Einschätzung nie gründlich durchdacht. Welche Priorisierung würden Sie vornehmen? Ist es wichtiger, Menschen zum kritischen Denken zu ermutigen, oder sollte man primär versuchen, ihnen einen korrekten Blick auf die Realität zu vermitteln?
Lee Jussim: Ich würde mich nicht zurückhalten, die Wahrheit so zu vermitteln, wie Sie sie verstehen, einschließlich der damit verbundenen Unsicherheiten. Ich denke, das können Sie auf jeden Fall tun, ob Sie kritisches Denken lehren oder nicht.
Nikil Mukerji: In der Vergangenheit haben Aktivisten auf dem Campus und DEI-Bürokratien heterodoxe Stimmen zeitweise zum Schweigen gebracht, z. B. durch Ermittlungen und finanziellen Druck. Durch „Deplatforming“ betrieb man den Ausschluss unerwünschter Personen aus der Debatte. Wie hat sich diese Bedrohung der freien Forschung nach der Wiederwahl von Präsident Trump verändert, und was bedeutet das für die Zukunft der offenen Debatte in der Wissenschaft?
Lee Jussim: Trumps Rückkehr hat den Illiberalismus an den Universitäten nicht beendet, sondern diversifiziert. Zusätzlich zu Deplatformings und bürokratischen Ermittlungen innerhalb der Universitäten hat die Regierung die Forschung auf anderer Ebene eingeschränkt – indem sie die meisten Forschungsprojekte zu DEI sowie zu Vorurteilen und Ungleichheit finanziell trockengelegt hat. Es gab zudem Versuche, Universitäten, deren DEI-Programme man als diskriminierend diskriminierend einschätzte, von Bundesmitteln auszuschließen. Es ist vorhersehbar, dass der weitreichende finanzielle Druck Wissenschaftler in ihrer Forschung einschränken wird. Hinzu kommen Abschiebungen von Nicht-Staatsbürgern, die angeblich ihre Unterstützung für die Hamas zum Ausdruck gebracht haben. Ob legal oder nicht, diese Maßnahmen verhindern offene Diskussionen. Die rasche Kapitulation von Institutionen (Politico nannte es „the Great Grovel“, dt. etwa: „das große Zu-Kreuze-Kriechen“) wäre in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen. Im Ergebnis kommt es dann nicht etwa zu einer freieren Debatte, sondern dazu, dass alle Angst haben. Das Gegenmittel ist nicht vergeltende Zensur, sondern grundsätzlicher Schutz der akademischen Freiheit aller, ohne Ansehen des jeweiligen Standpunktes, damit Forschungsagenden nicht von politischen Interessen oder von denjenigen bestimmt werden, die abweichende Meinungen abstrafen wollen.
Nikil Mukerji: Sie denken, das gegenwärtige Klima der „fear equity“, in dem alle Seiten gleichermaßen Angst vor negativen Konsequenzen haben, könne sich langfristig positiv auf die freie Forschung auswirken. Das klingt paradox. Wie kommen Sie zu Ihrer Ansicht?
Lee Jussim: Gemeinsame Verwundbarkeit schafft Anreize, die uns bisher gefehlt haben. Solange sich nur eine Seite bedroht fühlte, betrachteten viele Zensur als gerechtfertigt, um Schaden abzuwenden. Nun jedoch ist für die Linken wie auch für die Rechten klar ersichtlich, wie die Forschung durch die Instrumentalisierung von Verfahren, finanzielle Hebel und Bedrohung von Forschern aus dem Ausland eingeschränkt wird. Wie James Madison 1787/88 im Essay Federalist 51 schrieb, ist Freiheit dann am besten gesichert, wenn „Machtstreben … Machtstreben entgegenwirkt“. Da beide Lager Schutz benötigen, haben sie einen Anlass, Regeln zu akzeptieren, die auch ihre Gegner schützen – nämlich klare, meinungsneutrale Sprach- und akademische Freiheitsnormen, die konsequent durchgesetzt werden.
Nikil Mukerji: In der Theorie klingt das gut. Aber hat es jemals funktioniert?
Lee Jussim: Ja, das hat es. Die Auswüchse der McCarthy-Ära (1947 – 1956) führten zu Gerichtsverfahren, die letztlich die Meinungsfreiheit gestärkt haben. Zeitweilige Übergriffe führten zu dauerhaften Schutzmaßnahmen. Das Analogon auf dem Campus ist eine institutionelle Reform. Das umfasst: die Verabschiedung und Durchsetzung von Erklärungen zur Meinungs- und akademischen Freiheit nach dem Vorbild der Universitäten Chicago und Princeton (Committee on Freedom of Expression at the University of Chicago 2015, Princeton University 2015); ein Verbot ideologischer Lackmustests bei Einstellungen von Mitarbeitern, Beförderungen und Akkreditierungen; die Einrichtung von Büros für akademische Freiheit, die befugt sind, DEI-Einheiten, IRBs (Institutional Review Boards) und Verwaltungsmitarbeiter auf Rechtsverletzungen zu überprüfen; inhaltlich neutrale Richtlinien für Sicherheit und Raumvergaben und ein Schutz der Meinungsäußerung von Wissenschaftlern ohne Staatsbürgerschaft. Gesetze helfen – z. B. indem verboten wird, dass ideologische Äußerungen erzwungen werden –, aber die Kultur ist noch wichtiger: Durch die Leitungsebene müssen Personen, die sich kontrovers äußern, konsequent konsequent geschützt werden, und Fakultätsräte sollten Cancel-Kampagnen aller Art verurteilen. Sollte „fear equity“, also eine Gleichheit der Angst, dazu führen, dass Akteure aus Eigeninteresse das tun, was dem Grundsatz nach richtig ist, haben wir eine echte Chance.
Bei einer gegnerischen Zusammenarbeit („adversarial collaboration“) planen Wissenschaftler mit konträren Positionen gemeinsam eine Studie und führen sie auch gemeinsam durch. Ziel ist es, eine Streitfrage durch gemeinsam vereinbarte Methoden und Analysen zu klären. Beide Seiten legen im Vorfeld Hypothesen, Messverfahren und Auswertungskriterien fest. So wird verhindert, dass eine Partei die Ergebnisse zu ihren Gunsten verzerrt.

Wie gefälschte Forschung unsere Glaubwürdigkeit bedroht