
PD Dr. Nikil Mukerji ist Philosoph und Autor. Er lehrt Philosophie an der LMU München. Seit 2016 ist er Mitglied der GWUP und seit 2019 Vorsitzender des Wissenschaftsrats und Vorstandsmitglied. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a. Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands sowie Covid-19: Was in der Krise zählt (mit Adriano Mannino).
Wissenschaftskommunikation 2.0 – eine neue Vision für die GWUP (2023)
Die GWUP hat es in 35 Jahren weit gebracht: Mehr als 2.200 Vereinsmitglieder, eine beachtenswerte Bekanntheit in Medien und Gesellschaft sowie viele erfolgreiche Aktionen gegen esoterischen Humbug und Pseudowissenschaft. Und doch endet der Kampf gegen die Irrationalität nicht. Es wird sie vermutlich immer geben, wenn auch in stetig wechselnder Form. Als Skeptiker müssen wir uns darauf vorbereiten, dass alte, bereits tot geglaubte Glaubenssysteme eine Renaissance erleben und neue Varianten entstehen. Zudem wandeln sich die gesellschaftlichen Bedingungen und die Kommunikation wird immer digitaler und schneller. Wie sollten wir als Skeptiker darauf reagieren? Und wie sollten wir unsere Arbeitsweise anpassen, um unter diesen Umständen unsere gesellschaftliche Relevanz auch in Zukunft zu wahren? Ich werde versuchen, diese Fragen mit der Vision einer Wissenschaftskommunikation zu beantworten, die bewährte Formen skeptischen Engagements durch neue Formen ergänzt, um die GWUP auf diese Weise inklusiver, partizipativer und digitaler zu machen.
Die Ethik des Klimawandels – ein skeptischer Blick (2020)
Die Wissenschaft des Klimawandels ist extrem kompliziert. Deswegen würde kaum ein Laie ernsthaft behaupten, sie verstehen zu können. Dennoch kann sich jeder sicher sein, dass der menschengemachte Klimawandel real ist. Schließlich gibt es einen überwältigenden Konsens in der Expertengemeinschaft. Mit den ethischen Fragen, die der Klimawandel aufwirft, verhält es sich interessanterweise genau umgekehrt. Hier sind sich die Experten in wesentlichen Teilen uneins. Viele Laien glauben jedoch zu wissen, welche moralischen Schlussfolgerungen man aus den wissenschaftlichen Tatsachen ziehen sollte. Diese Konstellation lässt vermuten, dass die Ethik des Klimawandels anfällig für Denkfehler und Pseudoargumente ist, für die sich Skeptiker interessieren sollten. Im Vortrag sollen einige davon thematisiert und mögliche Schlussfolgerungen für die Ethik des Klimawandels skizziert werden.
Gemeinsam mit Martin Moder:
Jordan Peterson – Wichtiger Denker oder gefährlicher Pseudointellektueller? (2019)
Durch seine radikalen Thesen wurde der umstrittene Psychologie-Professor Jordan Peterson vor zwei Jahren über Nacht zum Internet-Phänomen. Seine YouTube-Videos generieren Millionen von Klicks, sein Buch „12 Rules for Life“ wurde zum Megabestseller. Der Spectator nennt ihn „einen der wichtigsten Denker auf der Weltbühne seit Jahren“. Viele sehen in Peterson eine ermächtigende Vaterfigur, andere einen pseudointellektuellen Vordenker der Alt-Right Bewegung.
In unserem Vortrag werden wir das Phänomen Jordan Peterson kritisch durchleuchten und seine Denkweise prüfen. Dabei werden wir die für Skeptiker interessantesten Themenkomplexe diskutieren, etwa:
1) Pseudowissenschaft à la Peterson – was ist dran an seinen Lebensratschlägen?
2) „12 Rules for Life“ – eine Einstiegsdroge in die Alt-Right-Bewegung?
3) Atheismus – auch nur eine Form der Religion?
4) „Enforced Monogamy“ – Zwangsverheiratung von Frauen zur Vorbeugung männlicher Gewalt?
Unsere Einschätzung: Der Fall Peterson ist für Skeptiker interessant und lehrreich, weil er die Komplexität und Vielschichtigkeit unserer Lebenswirklichkeit illustriert. So gibt es einerseits berechtigte Kritikpunkte an bestimmten Sichtweisen Petersons. Andererseits zeigt die Diskussion über seine Person, dass ideologisch motivierte Fehlinformationen („Fake News“) die öffentliche Sicht auf einen Menschen und seine Thesen stark verzerren können.
Was tun gegen Fake News? (2018)
Als Skeptiker sind wir an vielen Fronten aktiv. Wir bekämpfen alle möglichen Arten von Unfug. Darunter fallen vor allem Esoterik und Verschwörungstheorien sowie Pseudo- und Parawissenschaften. Infolge des enormen Bedeutungszuwachses der sozialen Medien ist ein neues Betätigungsfeld hinzugekommen: die Bekämpfung von „Fake News“. In Zeiten des Web 2.0 ist es für Skeptiker wichtig, das Phänomen der Fake News ebenfalls zu verstehen und zu diskutieren, wie man mit ihm umgehen kann. Zu dieser Debatte möchte ich mit meinem Vortrag einen Beitrag leisten, indem ich drei Fragen diskutiere.
1. In einem ersten Schritt möchte ich fragen, was Fake News eigentlich sind und was nicht. Dabei werde ich sie von ähnlichen Phänomenen abgrenzen, mit denen man sie leicht verwechseln kann (z.B. schlichte Falschmeldungen und Lügen). Ich werde dafür plädieren, sie als eine Form von „Bullshit“ zu verstehen. (Dabei handelt es sich um einen Terminus Technicus, der durch den amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt geprägt wurde. Siehe hierzu: H. Frankfurt, On Bullshit, 2005).
2. Nach der Begriffsklärung werde ich in einem zweiten Schritt fragen, warum man Fake News eigentlich problematisch finden sollte. Hierbei wird es mir darum gehen, die ethischen Gesichtspunkte aufzuarbeiten, die eine Rolle in der Bewertung spielen. Dazu zählen vor allem individuelle und kollektive Fehlentscheidungen, ein möglicher Vertrauensverlust in die Medien, individuelle Rufschädigungen, die Gefahr der Antagonisierung von Bevölkerungsgruppen sowie ein potentieller Schaden für unser demokratisches System.
3. Im dritten und letzten Schritt werde ich fragen, welche Lösungswege sich anbieten. Ich werde einige davon skizzieren, die den verschiedenen involvierten Parteien zur Verfügung stehen. Das sind insbesondere Gesetzgeber/Regierung/Rechtssystem, Social-Media-Unternehmen, NGOs (etwa GWUP, Mimikama, Correctiv, etc.), Suchmaschinen-Anbieter und Nutzer. Gleichzeitig werde ich auf die ethischen Probleme eingehen, die die einzelnen Strategien aufwerfen. Diese stellen sich vor allem hinsichtlich des individuellen Rechts auf Meinungsäußerungsfreiheit und des Problems der Zensur.
Wie erkennt man Pseudowissenschaften? An ihren Argumenten! (2017)
Die moderne Medizin ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist. Wer wissenschaftlich erforschte Arzneimittel verwendet, der maximiert seine Chance auf Heilung. Wer sich dagegen auf pseudowissenschaftliche Medizin verlässt, der verschenkt diese Chance oder schadet sich sogar. Die Frage, wie man Pseudowissenschaften erkennt, ist also nicht nur von wissenschaftsphilosophischem Interesse. Sie ist eine enorm wichtige, lebenspraktische Frage. Die Debatte der vergangenen Jahrzehnte zeigt allerdings, wie schwer es ist, sie präzise, grundlegend und philosophisch haltbar zu beantworten. Heute ist weitgehend anerkannt, dass es eine Vielzahl von Vergleichsdimensionen gibt, die für die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft eine Rolle spielen. Martin Mahner nennt die folgenden: „statements, problems, methods, theories, practices, historical sequences of theories and/or practices (i.e., research programs in the sense of Lakatos), and fields of knowledge.“ Interessanterweise ist in dieser (ansonsten sehr hilfreichen) Liste ein Aspekt nicht explizit genannt: die Art und Weise, wie in den Pseudowissenschaften argumentiert wird. Meines Erachtens eignet sich dieser Aspekt besonders gut für die Unterscheidung zwischen Wissenschaften und Pseudowissenschaften. Denn Pseudowissenschaften verstoßen i. d. R. eklatant gegen fundamentale Grundsätze, die jeder vernünftige Mensch beim Argumentieren beachten sollte. In meinem Vortrag möchte ich diese Grundsätze (in einer für Laien verständlichen Form) vorstellen und anhand von Beispielen zeigen, wie sie uns helfen können, Pseudowissenschaften zu erkennen.