Christine Mohr

Prof. Christine Mohr ist Professorin für Kognitive Psychologie an der Universität Lausanne, Schweiz. Davor war sie an der Universität Bristol, England tätig. Ihren Doktor hat sie an der Universität Zürich in der Schweiz absolviert. Davor studierte sie Psychologie an der Universität Konstanz. Ihre Forschung konzentriert sich auf zwei Hauptthemen: der menschliche Glaube und der Zusammenhang von Farbe und Gefühl. Für den aktuellen Vortrag ist ihr Interesse am menschlichen Glauben zentral. Sie befasst sich seit 20 Jahren mit den kognitiven, neuropsychologischen und psychopharmakologischen Merkmalen des paranormalen Glaubens, wobei sie ihre Aufmerksamkeit derzeit auf den hier vorgestellten Studienansatz konzentriert. Den Ansatz entwickelte sie mit ihrem Kollegen Dr. Gustav Kuhn (London), mit dem sie auch heute noch aktiv zusammenarbeitet.

Der Glaube ans Unmögliche – Zauberkunst als Mittel zum Forschungszweck

Der Mensch glaubt an alles Mögliche. Häufig diskutiert werden paranormale Phänomene, sowohl von jenen, die daran glauben, als auch von jenen, die diese anzweifeln. In der psychologischen Forschung wurden Merkmale beschrieben, die mit paranormalem Glauben assoziiert sind. Wir konnten z.B. zeigen, dass paranormaler Glaube mit einer ausgeprägten semantischen Assoziationsbereitschaft einhergeht. Diese und andere Studien können jedoch keine Ursachen-Wirkungszusammenhänge aufzeigen. Eine solche Assoziationsbereitschaft mag paranormalen Glauben fördern, oder umgekehrt, paranormaler Glaube mag eine solche Assoziationsbereitschaft fördern. Seit etwa 5 Jahren führen wir Studien durch, die Ursachen-Wirkungszusammenhänge untersuchen. In all diesen Studien steht ein an sich unmögliches Ereignis im Mittelpunkt. Dieses unmögliche Ereignis wurde von einem Zauberer in Szene gesetzt. Zuschauer erlebten zum Beispiel, wie ein ‘Medium’ Kontakt mit einer toten Person aufnimmt, oder eine Person Handlungen durchschauen kann, weil sie die psychologischen Indikatoren einer anderen Person interpretiert (z.B. Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Persönlichkeit). Wir untersuchen paranormalen Glauben vor und nach diesen Erlebnissen und befragen unsere Teilnehmer ebenso, wie sie das Erlebnis interpretieren und was sie fühlen. Die Ergebnisse dieser Studien werde ich in diesem Vortrag vorstellen.

 

Nora Pösl (M.A. Sozialwissenschaft/Gender Studies) ist an der Universität Bielefeld in der Fakultät für Gesundheitswissenschaft und der Ruhr-Universität Bochum an der Fakultät für Sozialwissenschaft als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig. Die beschriebene Forschung wurde im Rahmen der Masterarbeit durchgeführt, nun folgt eine Promotion in der Sektion für Politikwissenschaft an der RUB in diesem Themenfeld, um die Zusammenhänge vertiefend zu erforschen.

Von Homöopathie und Handauflegen zur Holocaustrelativierung? Zum Verhältnis von ‚alternativen Heilmethoden‘ zu Verschwörungstheorien, Esoterik und rechten Ideologien

Rechte Ideologien und autoritäre Einstellungen nehmen momentan in Deutschland zu bzw. werden wieder salonfähiger, dies zeigen nicht nur aktuelle Studienergebnisse, sondern auch die Anzahl an antisemitischen und rassistischen Gewalttaten. Terroranschläge wie in Halle oder der Mordfall an Walter Lübcke stellen hierbei die traurige Spitze des Eisbergs rechtsideologischer Straftaten im letzten Jahr dar. Rechtsautoritäre Ideologien korrelieren häufig mit einer deutlichen Wissenschaftsfeindlichkeit, erhöhter Gewaltbereitschaft und dem Glauben an Verschwörungstheorien.

Auch die Nutzung von ‚Alternativmedizin‘ und der Glaube an esoterische Weltanschauungen gehen häufig mit dem Glauben an Verschwörungstheorien einher. Die Nutzung solcher ‚alternativer Heilmethoden‘ ist meist mit der Ablehnung der sogenannten „Schulmedizin“ verbunden; Politik, Wissenschaft und Pharmaindustrie werden beispielsweise als Teil einer großen Verschwörung imaginiert, welche der Bevölkerung wissentlich schaden oder dies zumindest in Kauf nehmen. Auch eine solche Verschwörungstheorie kann rechtsideologische Elemente beinhalten.

Besteht ein Zusammenhang zwischen der Nutzung oder dem Praktizieren ‚alternativer Heilmethoden‘, esoterischen Weltanschauungen und dem Glauben an Verschwörungstheorien?
Besteht das Risiko/ die Möglichkeit, dass Personen über alternative Heilmethoden an esoterische Konzepte und Verschwörungstheorien sowie damit verbundene rassistische oder nationalistische Ideologien und antisemitische Denkweisen gelangen?

Diese Fragen nach den Zusammenhängen von ‚Alternativmedizin‘ und esoterischen Weltanschauungen mit Verschwörungstheorien und rechten Ideologien standen im Fokus einer gleichnamigen wissenschaftlichen Forschungsarbeit. Mittels eines Mixed-Methods-Ansatz auf Basis der Digitalen Ethnographie wurden durch quantitative Netzwerkanalysen, Methoden der qualitativen Sozialforschung und aktive Feldforschungen Antworten auf diese Forschungsfragen gefunden.
Der Vortrag nimmt Sie mit auf einen Ritt durch die verschiedenen Ideologien, angeblichen Heilmethoden und Verschwörungstheorien – von Geistheilung zu Homöopathie, von Impfskepsis zum Glaube an Chemtrails, von sog. Reichsbürger_innen über die sogenannten „Germanische Neue Medizin“ bis hin zur Weltverschwörungstheorie der „New World Order“. Die wichtigsten Ergebnisse der Forschung werden im Vortrag präsentiert und anhand anschaulicher Beispiele erläutert.

Mirko Gutjahr

Mirko Gutjahr M.A. ist Historiker und Archäologe. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Geschichte und Archäologie der Frühen Neuzeit. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und kuratierte u.a. im Jubiläumsjahr 2017 die Nationale Sonderausstellung »Luther! 95 Schätze – 95 Menschen«. Privat betreibt er als „Der Buddler“ zwei Podcasts mit Skurrilitäten aus der Geschichte und Archäologie, in denen häufig skeptische Themen behandelt werden. Mit Vortragsthemen wie etwa zu den „Bosnischen Pyramiden“, zu Pseudoarchäologie oder der Geschichte des magischen Denkens ist er regelmäßiger Gast bei skeptischen Veranstaltungen wie den „Skeptics in the Pub“.

Luthers Geister: Vom Einfluss des Protestantismus auf den Gespensterglauben oder: Wie die Protestanten zu Geisterjägern wurden

Bis zur Reformation war die Welt der Geister noch sehr überschaubar: Für die Christen des Mittelalters waren Gespenster ein Beweis für das Weiterleben der Seele nach dem Tod und der Existenz eines Fegefeuers. Doch als Luther um 1530 letzteres kurzerhand abschaffte, galten für ihn und seine Nachfolger Geistersichtungen nur mehr als reiner Teufelsspuk – ja, der Glaube an das Auftreten verstorbener Seelen war zeitweilig sogar ein deutliches Unterscheidungskriterium zwischen den Konfessionen. Denn die protestantische Kirche sah in Spukerscheinungen nicht mehr das Auftreten von Armen Seelen oder Totengeistern, die die Lebenden um Spendung von Seelenmessen oder Ablässen zur Erlösung aus dem Fegefeuer baten, sondern als das Wirken von gefährlichen Dämonen und Teufeln. Doch so klar, wie die Kirchenoberen das gerne gehabt hätten, verliefen die Grenzen in dieser Frage oftmals doch nicht: So konnten sich evangelische Pastoren etwa schon auch einmal als Geisterjäger betätigen, katholische Theologen dagegen die Existenz von Gespenstern schlechthin verneinen, während die einfache Bevölkerung beiderlei Glaubensrichtungen in Spukphänomenen einfach oft ein Ventil für angestaute soziale Probleme fand. Als im 19. Jahrhundert die Vorstellung einer möglichen Kommunikation mit den Toten wieder populär wurde, waren es dann ausgerechnet protestantische Milieus, die im großen Maße zu Wegbereitern des Spiritismus wurden. Nach dem Niedergang dieser pseudowissenschaftlichen Totenbeschwörung und im Zuge einer zunehmenden Säkularisierung scheint die westliche Welt heute zwar weitgehend profanisiert, aber selbst im Zeitalter von TV-Shows wie „Ghost Hunters“ und „Most Haunted“ wurzeln „moderne“ Auffassungen von Gespenstern immer noch tief in Vorstellungen aus der Reformationszeit. Wieviel Luther steckt heute noch in den Geisterjägern?

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Dr. Edzard Ernst war bis 2012 Professor für Komplementärmedizin an der Universität Exeter. Er gilt als einer der führenden Experten auf dem Gebiet. Der “standardized citation metrics” von Ioannidis et al. (PLOS Biology 2019) zufolge liegt er derzeit auf Platz 104 unter 10.000 Wissenschaftlern aller Fachgebiete.

Wie häufig publizieren alternativmedizinische Zeitschriften negative Ergebnisse?

Vor nunmehr ueber 20 Jahren haben wir erstmals berichtet, dass die führenden Zeitschriften im Bereich Alternativmedizin ausschließlich Artikel publizieren, die zu positiven Schlussfolgerungen kommen (Nature 1997 Feb 6;385(6616):480). Diesen Befund haben wir dann in der Folgezeit mehrmals bestätigt.
Hier werde ich brandneue Daten zu diesem Thema vorstellen. Sie prüfen, ob die betreffenden Journale in der Zwischenzeit zumindest gelegenlich auch Ergebnisse veröffentlichen, die Zweifel an der Wirksamkeit der Alternativmedizin zulassen.

irishinneburg dez2019 400

Dr. Iris Hinneburg ist Pharmazeutin, freie Medizinjournalistin und Mitglied der GPSP-Redaktion. Ihre Schwerpunkte sind Bewertungen von Therapien nach den Kriterien der evidenzbasierten Medizin und verlässliche Gesundheitsinformationen, die informierte Entscheidungen ermöglichen. Darüber hinaus hält sie regelmäßig Vorträge zur Bewertung klinischer Studien, vor allem in der Fort- und Weiterbildung für Apotheker*innen.

Homöopathie, Nahrungsergänzung und Co: Mehr Schein als Sein

Die unabhängige Verbraucherzeitschrift Gute Pillen – Schlechte Pillen (GPSP) befasst sich seit 15 Jahren mit Missständen im Gesundheitssektor. Einen wichtigen Schwerpunkt bildet die kritische Berichterstattung über Nahrungsergänzung und andere gehypte Mittel, die angeblich garantiert wirken. Wenn man genau hinschaut, zeichnen sich dabei trotz der Vielfalt der beworbenen Präparate bestimmte Muster ab.

Der Vortrag analysiert anhand von Beispielen aus der GPSP-Berichterstattung die Methoden, mit denen zwielichtige Geschäftemacher versuchen, ihre Präparate an die Verbraucher*innen zu bringen. Dabei wird die gesamte Breite des Marktes beleuchtet: von legalen Nahrungsergänzungsmitteln über Arzneimittel der „alternativen Therapierichtungen“ bis hin zu merkwürdigen Kosmetika und eindeutig gesundheitsschädlichen Präparaten. Gezeigt wird, wie die Darstellung in der Werbung in die Irre führen kann, und welche Möglichkeiten Hersteller nutzen, um in klinischen Studien zu schummeln, oder wie wissenschaftliche Daten geschönt werden können. Thematisiert werden außerdem die rechtlichen Rahmenbedingungen, die einige der Praktiken erst möglich machen, und wie Hersteller die Überwachungs- und Handlungslücken der Behörden geschickt ausnutzen.

PetraSchling400

Dr. Petra Schling ist Biochemikerin und Dozentin am Biochemie-Zentrum der Universität Heidelberg. Sie hat in Regensburg studiert und promoviert. Ihr Forschungsinteresse galt dort vor allem humanen Fettzellen und dem Fettstoffwechsel anderer Zellen. Als Dozentin ist es Ihr wichtig, im Studierenden-Unterricht, bei Kinderunis und öffentlichen Vortragsreihen oder Workshops kritisches und eigenverantwortliches Denken zu fördern.

Heilpflanzen – natürlich, sicher, wirksam? Ein unhaltbares Versprechen

Fakt ist: wirksame Medikamente sind giftig. Sie sollten nur eingenommen werden, wenn sie dem Krankheitserreger (Keim, Krebszelle oder überaktives Immunsystem) mehr schaden als dem restlichen Körper. Gesunde Menschen sollten keine Medikamente einnehmen – oder würden Sie präventiv eine Chemotherapie gegen Krebs beginnen, ohne an Krebs zu leiden? Aber was ist, wenn „Chemo“ gegen „natürlich“ ausgetauscht wird? Auf diversen Plattformen werden viele natürliche Präparate beworben, die angeblich Krebs bekämpfen ohne die unerwünschten Nebenwirkungen. Curcumin aus der Gelbwurz ist so ein natürlicher Heilstoff – und was für einer! Curcumin wirkt angeblich gegen jede Krankheit – nicht nur gegen Krebs.

Der ständige Kampf der Pflanzen gegen uns, ihre Fraßfeinden, hat sie potente Gifte entwickeln lassen. Manche dieser Gifte sind mittlerweile als wirksame Medikamente bei schweren Erkrankungen im Einsatz und werden als solche nur unter strenger ärztlicher Kontrolle abgegeben. Mit anderen pflanzlichen Giften haben wir gelernt zu leben, so wie mit dem Curcumin aus der Gelbwurz. Curcumin hat den GRAS-Status (Generally Recognized As Safe) und Sie können es in Grammmengen unkontrolliert im Supermarkt kaufen. Wieso wirkt Curcumin bei uns nicht? – Wir nehmen es nicht auf und bauen die Kleinstmengen, die es doch in unseren Körper schaffen, sofort ab. Es kommt nicht über den Magen-Darm-Trakt und evtl. die Leber hinaus. Punkt. Ende der Geschichte. Keine Heilwirkung – nicht bei Gelenkbeschwerden und auch nicht bei Krebs.

Der Vortrag stellt uns als Menschen durchaus augenzwinkernd wieder auf den Boden der Tatsachen: warum sollte die Gelbwurz ein Interesse daran haben, unsere Leiden zu lindern? Pflanzen dienen uns nicht – zumindest nicht freiwillig. Es gibt auch kein Superfood. Ganz im Gegenteil: Wir müssen Pflanzen essen, obwohl diese uns vergiften wollen. Wir sollten biologische Anpassungsmechanismen nicht überinterpretieren und Gifte nicht als Allheilmittel propagieren. Lieber sollten wir eine abwechslungsreiche Nahrung genießen, in der jedes Gift nur in so kleinen Mengen vorkommt, dass wir damit leben können.

 

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Sabine Breiholz ist PTA, Biologin und hat an der Charité Berlin einen Masterstudiengang in Consumer Health Care mit Schwerpunkt in Epidemiologie und Evidenzbasierter Medizin absolviert. Sie arbeitet im Bereich Versorgungsforschung. Einen Großteil ihres beruflichen Lebens hat sie in den Niederlanden verbracht. Sie ist sowohl in der GWUP e.V. als auch im niederländischen Pendant, der Vereinigung gegen die Quacksalberei (Nederlandse Vereiniging tegen de Kwakzalverij, VtdK) Mitglied.

„Ode an die E-Nummern“ – warum Lebensmittelzusatzstoffe, Fertigmahlzeiten und Konservierungsmittel unsere Ernährung besser machen

Lebensmittelzusatzstoffe, die durch sogenannte E-Nummern kodiert werden, haben für die Lebensmittelindustrie und für die Verbraucher*innen große Vorteile. So kann durch sie z.B. die Haltbarkeit von Lebensmitteln verlängert oder der Fett-, Salz- und Zuckeranteil verringert werden. Eine Zulassung durch die European Food Safety Authority (EFSA) erfolgt nur, wenn der Stoff keine Gesundheitsrisiken in sich birgt und einen Zusatznutzen für das Produkt hat. E-Nummern signalisieren den Konsument*innen: Dieses Produkt ist sicher. Leider geht der Trend in der öffentlichen Wahrnehmung von Lebensmitteln in eine technologie- und wissenschaftsfeindliche Richtung. Angeheizt wird diese Entwicklung durch Ernährungsapostel (neudeutsch Foodies), die wachsenden Einfluss ausüben. Ihre Behauptungen, dass Lebensmittelzusatzstoffe schädlich seien, gar zu psychischen Krankheiten führen oder für unerklärliche Symptome wie chronische Müdigkeit verantwortlich seien, verhelfen ihnen zu großer Macht und verunsichern viele Verbraucher*innen. Die Lebensmittelindustrie reagiert mit einem bizarren Marketingtrick, dem Clean Labeling: Zusatzstoffe werden aus der Rezeptur entfernt und durch vermeintlich natürliche Zugaben ersetzt.

Nitrite im Pökelsalz (E249 bzw. E250) beispielsweise, die ein wichtiger Hemmfaktor des Bakteriums Clostridium botulinum – dem Verursacher von Botulismus – sind, werden durch nitrithaltigen Rote-Beete-Saft ersetzt. Ein weiteres Beispiel ist E621 (Mononatriumglutamat). Es hat den großen Vorteil, dass es Lebensmittel schmackhafter macht und deshalb der Kochsalzgehalt reduziert werden kann. Trotzdem ist es vielleicht die E-Nummer, die die Lebensmittelindustrie am stärksten versteckt. Der Zusatzstoff wird jetzt durch einen stark glutamathaltiges Hefe-Extrakt ersetzt. In natürlicher Form kommt Glutamat außerdem vor allem in Parmesankäse, Fischsoßen und Tomaten vor. Es ist der wichtigste Stoff in der thailändischen und chinesischen Küche und soll für das Chinarestaurant-Syndrom verantwortlich sein, als dessen Beschwerden Missempfindungen wie Mundtrockenheit, Hitzewallungen bis hin zu Taubheitsgefühl, Kopf- und Gliederschmerzen und Asthmaanfälle aufträten. Kinder können angeblich durch den Verzehr von Glutamat gar hyperaktiv werden. Doch haben all diese Symptome nur anekdotischen Charakter. Placebo-kontrollierte Doppelblindversuche konnten keinen Zusammenhang zwischen der Aufnahme von Glutamat und den beschriebenen Symptomen zeigen. Es handelt sich um einen Noceboeffekt. Trotzdem wird gerade bei Vertreter*innen der Pseudomedizin Glutamat als gefährlich, sogar giftig beschrieben. Es verletze das Gehirn und führe zu Übergewicht, Diabetes und Herzkrankheiten. Das Gegenteil ist der Fall. Wir werden nicht durch den Konsum von Lebensmittelzusatzstoffen krank, sondern erkranken an Diabetes und koronaren Herzkrankheiten durch übermäßigen Verzehr von vermeintlich natürlichen Stoffen, wie Fett, Zucker oder Salz.

Als Naturwissenschaftlerin interessiere ich mich schon länger für Ernährungsmythen. Deshalb möchte ich anhand des populärwissenschaftlichen Buchs „Ode aan de E-Nummers“ (Amsterdam 2017) der niederländischen Molekularbiologin und Kolumnistin Rosanne Hertzberger über die Vorteile von Lebensmittelzusatzstoffen wie auch die unbegründete Skepsis ihnen gegenüber informieren und so zu einer Versachlichung des Diskurses beitragen.

 

 

 

 

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Dr. Philipp Schmid ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Psychology and Infectious Disease Lab der Universität Erfurt und Doktorand am Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences. Seine Forschungsarbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit Strategien zur Korrektur von Falschwissen. Fachpublikationen und Vorträge: https://philippschmid.org

Effektive Strategien im Umgang mit Wissenschaftsleugnern– Eine psychologische Perspektive (2020)

Impfungen sind sicher und effektiv. Menschen verursachen globale Erderwärmung. Die Evolutionstheorie erklärt die Vielfältigkeit von Lebensformen. Keiner dieser Fakten ist in wissenschaftlichen Fachkreisen umstritten. Dennoch zweifeln Wissenschaftsleugner den Wahrheitsgehalt dieser Erkenntnisse öffentlich an und nutzen öffentliche Diskussionsforen im Internet und in klassischen Medien, um Falschinformationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um trotz fehlender Evidenz überzeugend zu wirken, bedienen sich Wissenschaftsleugner bei der Verbreitung von Falschinformationen fünf rhetorischer Hilfsmittel. Sie stellen die Faktenlage in einer verzerrten Weise dar und nutzen logische Fehlschlüsse (misrepresentation and false logic). Sie erwarten Unmögliches von der Wissenschaft (impossible expectations). Sie vermuten Verschwörungen von Industrie und Wissenschaft (conspiracy theories). Sie selektieren einzelne Befunde aus der Gesamtheit der vorhandenen Datenmenge (selectivity). Und sie ziehen Quellen heran, die aufgrund fehlender wissenschaftlicher Expertise oder Integrität nicht als seriös gelten (fake experts). Der Schaden dieser rhetorischen Mittel ist eine Abnahme positiver Einstellungen der Öffentlichkeit gegenüber evidenzbasierten Maßnahmen wie beispielsweise dem Impfen.

Das WHO Regional Office for Europe entwickelte im Zuge dieser Problematik einen Ratgeber für Sprecher von Gesundheitsbehörden. Der Ratgeber stellt zwei Strategien zum Kontern von Falschwissen in öffentlichen Diskussionsforen vor, die im Rahmen eines Artikels des Fachjournals Nature Human Behaviour auf ihre Effektivität geprüft wurden. Zum einen können Fürsprecher von Wissenschaft die Fakten darlegen (topic rebuttal) oder Fürsprecher demaskieren die rhetorischen Techniken der Wissenschaftsleugner (technique rebuttal). Beide Ansätze erweisen sich als hilfreiche Strategien im Kampf gegen Falschinformationen.

Vom Autor des Ratgebers und der empirischen Evaluationsstudie werden in diesem Vortrag die Herausforderungen im Umgang mit Wissenschaftsleugnern am Beispiel der individuellen Impfentscheidung aufgezeigt. Neben Einführungen in die Gestaltung und Wirkweise von klassischen Korrekturen von Falschwissen (debunking) und der „Impfung“ gegen fake news (inoculation) wird vor allem die konzeptuelle und empirische Befundlage zum Kontern von Falschwissen in öffentlichen Diskussionsforen (rebuttal) thematisiert.

Kommunikation von und mit Impfgegnern (2016)

Impfungen gelten als Meilensteine des wissenschaftlichen Fortschritts. Die von den Gesundheitsbehörden empfohlenen Impfungen verhindern weltweit jährlich Millionen von potentiellen Krankheits- und Todesfällen. Dennoch sind mangelnde Impfbereitschaft bei spezifischen Impfungen, wie beispielsweise Influenza, und sogar Ablehnung von Impfungen im Allgemeinen keine Seltenheit.

Die Gründe für diese sogenannte Impfmüdigkeit in Deutschland und allen weiteren Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind vielfältig. Neben einem fehlenden Bewusstsein für die Folgen von impfpräventablen Krankheiten und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass Impfen nicht relevant ist, sowie organisatorischen Hindernissen vor Erhalt einer Impfung und einer rationalen Berechnung von individuellem Nutzen und Risiken der Impfung, führen auch Impfmythen und Falschwissen zur Ablehnung von Impfungen. Die Verbreitung der Impfmythen wird maßgeblich durch die Art der Kommunikation und die Wahl der Kommunikationskanäle von Impfgegnern zu einem ernstzunehmenden Risikofaktor für die Gesundheit des Konsumenten solcher Falschinformationen. Die Relevanz des Einflusses von Impfmythen und Einzelfallberichten auf die individuelle Impfentscheidung wird vor allem durch die starke Präsenz dieser Informationen im Internet und den Effekt solcher Informationen auf die Risikobewertung von Impfungen deutlich.

Die von Impfgegnern genutzten Medienkanäle, wie beispielsweise das Internet, öffentliche Fernsehdebatten und/oder Interviews, bieten allerdings auch für Gesundheitsbehörden und Impfbefürworter eine Chance zur Korrektur von Falschinformation. Um effektive Korrekturen von Falschwissen zu gestalten, ist das bloße Präsentieren von wissenschaftlichen Fakten jedoch nicht hinreichend. Ganz im Gegenteil, psychologische Forschung zeigt, dass die unbedachte Korrektur von Falschwissen im schlimmsten Fall zur Verstärkung des Falschwissens führen kann. Psychologische Ansätze bieten vor allem bei der Aufbereitung von schriftlichem Informationsmaterial Hilfestellung bei der Aufklärung von Impfmythen.

Ein Spezialfall der Korrektur von Falschwissen ist die öffentliche Debatte bzw. das Interview mit einem Impfgegner. Die erforderliche Kombination aus medizinischem Fachwissen, rhetorischer Argumentationsstärke und Kenntnis über psychologische Aspekte der Interviewsituation macht die öffentliche Konfrontation mit einem Impfgegner zu einer komplexen Herausforderung.

Das WHO Regional Office for Europe entwickelt im Zuge dieser Problematik einen Ratgeber für Sprecher von Gesundheitsbehörden. Der Ratgeber basiert auf evidenzinformierten Schlussfolgerungen psychologischer und kommunikationswissenschaftlicher Forschungsergebnisse und bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Eindämmung von Mythen rund um das Thema Impfungen.

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Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin, seit ihrer Studentenzeit bei der GWUP und seit 2015 in deren Wissenschaftsrat aktiv. Im Rahmen ihrer skeptischen Aktivitäten befasst sie sich u.a. mit der Entlarvung falscher Hellseher, dem Einsatz gegen die “Satanic Panic” in Deutschland, dem Phänomen “Real-Life-Vampyre” und der psychologischen Beleuchtung abergläubischer Überzeugungen. Weitere Infos auf www.benecke-psychology.com und Facebook.

Wie Trickser sich Wissenschaftsskepsis und alternative Heilmethoden zunutze machen

Extreme Fallbeispiele illustrieren Zusammenhänge zwischen manipulativen Verhaltensweisen im Bereich medizinischer Phänomene und deren gezieltem Einsatz von alternativen Heilverfahren in der dramaturgischen Selbstinszenierung:

– Die Cheerleaderin Desiree Jennings gab an, einen neurologischen Impfschaden durch eine Grippeimpfung erlitten zu haben. Sie zeigte starke motorische Auffälligkeiten, die ihr ein normales Leben scheinbar unmöglich machten. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie medial bekannt, impfkritische Kreise trugen deutlich dazu bei. Ein Team investigativer Journalisten und unterschiedliche Mediziner beleuchteten den Fall kritisch. Die Symptome von Frau Jennings verschwanden, wenn sie sich keiner Anwesenheit von Kameras bewusst war. Sie erklärte diese scheinbare Wunderheilung – wenig überraschend – mit der Nutzung alternativer Heilmethoden.

– Belle Gibson täuschte eine Krebserkrankung vor, um als Food-Bloggerin möglichst viele Anhänger zu gewinnen und ein dubioses Kochbuch zu vermarkten. Bei ihrer Selbstinszenierung standen gesunde Ernährung und alternative Heilmethoden im Vordergrund. Journalisten enttarnten schließlich ihre Lügen und sie musste sich vor Gericht verantworten.

– Lacey Spears induzierte ihrem Sohn von seiner Geburt an schwerste Krankheitssymptome, die sie umfassend über soziale Medien als dramatische Geschichten zur Schau stellte. Hierbei propagierte sie alternative Heilmethoden und Wissenschaftsskepsis. Ihr Gewinn: Umfassende Aufmerksamkeit und finanzielle Zuwendung unzähliger Menschen, deren Mitgefühl sie bewusst für sich instrumentalisierte. 2014 tötete Lacey Spears ihren fünfjährigen Sohn mit einer Überdosis Salz.

Die psychologischen Hintergründe der Fälle werden beleuchtet und in Zusammenhang mit der Attraktivität von Pseudowissenschaften für entsprechend agierende Menschen gebracht.

LeoBurtscher400

Dr. Leonard Burtscher, Studium der Physik in Würzburg und Edinburgh, Diplom-Physiker 2007, Promotion in Astronomie am Max-Planck-Institut für Astronomie Heidelberg über “Mid-infrared interferometry of AGN cores”, 2011 Postdoc am Max-Planck-Institut für Extraterrestrische Physik/Infrarot-Gruppe, Garching b. München, 2012-2016 Forscher (staff scientist) an der Universitätssternwarte Leiden, Niederlande, seit 2017 Privates Engagement für Klimaschutz.

Astronomisch angehauchte Klimamärchen

Dank deutlicher wissenschaftlicher Warnungen und massenhafter Demonstrationen ist die globale Klimakrise mittlerweile ein Topthema der politischen Auseinandersetzung geworden. Auch wenn es an der Umsetzung des internationalen Pariser Klimaabkommens in den meisten Ländern noch hakt, so ist der breite wissenschaftliche, politische und gesellschaftliche Konsens, dass der Mensch für die globale Erwärmung in den letzten 100 Jahren hauptverantwortlich ist und daher auch ihre Bekämpfung bewältigen muss.
Wie so oft hindert die wissenschaftlich unzweideutige Studienlage einige wenige aber nicht daran, falsche Fakten und Lügenmärchen zu erzählen. So behauptet zum Beispiel die AfD in ihrem Wahlprogramm entgegen aller Evidenz, dass es den menschengemachten Klimawandel nicht gebe. Verschwörungstheoretiker sehen in denjenigen, die zu “Climate action” mahnen, nur einen Versuch der Aktivisten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Um ihr Weltbild zu untermauern, werden verschiedene Gründe genannt, weshalb der derzeit stattfindende Klimawandel nicht menschengemacht sein kann. Immer wieder wird dabei die so genannte “Kleine Eiszeit” und das in diesen Zeitraum fallende Maunder-Minimum genannt, um einen scheinbaren Zusammenhang zwischen Sonnenaktivität und Erdklima herzustellen. Als ein weiterer beliebter (aber tatsächlich irrelevanter) Zusammenhang wird die kosmische Strahlung genannt, die für die Wolkenbildung wichtig sein soll und damit ebenfalls das Klima beeinflussen könnte. Und sogar die Umlaufperiode unseres Sonnensystems um das Galaktische Zentrum soll für die großen klimatischen Veränderungen verantwortlich sein.

In diesem Vortrag werde ich die Evidenz für solche Zusammenhänge kritisch reflektieren.