
Dr. Philipp Schmid ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Psychology and Infectious Disease Lab der Universität Erfurt und Doktorand am Center for Empirical Research in Economics and Behavioral Sciences. Seine Forschungsarbeit beschäftigt sich hauptsächlich mit Strategien zur Korrektur von Falschwissen. Fachpublikationen und Vorträge: https://philippschmid.org
Effektive Strategien im Umgang mit Wissenschaftsleugnern– Eine psychologische Perspektive (2020)
Impfungen sind sicher und effektiv. Menschen verursachen globale Erderwärmung. Die Evolutionstheorie erklärt die Vielfältigkeit von Lebensformen. Keiner dieser Fakten ist in wissenschaftlichen Fachkreisen umstritten. Dennoch zweifeln Wissenschaftsleugner den Wahrheitsgehalt dieser Erkenntnisse öffentlich an und nutzen öffentliche Diskussionsforen im Internet und in klassischen Medien, um Falschinformationen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Um trotz fehlender Evidenz überzeugend zu wirken, bedienen sich Wissenschaftsleugner bei der Verbreitung von Falschinformationen fünf rhetorischer Hilfsmittel. Sie stellen die Faktenlage in einer verzerrten Weise dar und nutzen logische Fehlschlüsse (misrepresentation and false logic). Sie erwarten Unmögliches von der Wissenschaft (impossible expectations). Sie vermuten Verschwörungen von Industrie und Wissenschaft (conspiracy theories). Sie selektieren einzelne Befunde aus der Gesamtheit der vorhandenen Datenmenge (selectivity). Und sie ziehen Quellen heran, die aufgrund fehlender wissenschaftlicher Expertise oder Integrität nicht als seriös gelten (fake experts). Der Schaden dieser rhetorischen Mittel ist eine Abnahme positiver Einstellungen der Öffentlichkeit gegenüber evidenzbasierten Maßnahmen wie beispielsweise dem Impfen.
Das WHO Regional Office for Europe entwickelte im Zuge dieser Problematik einen Ratgeber für Sprecher von Gesundheitsbehörden. Der Ratgeber stellt zwei Strategien zum Kontern von Falschwissen in öffentlichen Diskussionsforen vor, die im Rahmen eines Artikels des Fachjournals Nature Human Behaviour auf ihre Effektivität geprüft wurden. Zum einen können Fürsprecher von Wissenschaft die Fakten darlegen (topic rebuttal) oder Fürsprecher demaskieren die rhetorischen Techniken der Wissenschaftsleugner (technique rebuttal). Beide Ansätze erweisen sich als hilfreiche Strategien im Kampf gegen Falschinformationen.
Vom Autor des Ratgebers und der empirischen Evaluationsstudie werden in diesem Vortrag die Herausforderungen im Umgang mit Wissenschaftsleugnern am Beispiel der individuellen Impfentscheidung aufgezeigt. Neben Einführungen in die Gestaltung und Wirkweise von klassischen Korrekturen von Falschwissen (debunking) und der „Impfung“ gegen fake news (inoculation) wird vor allem die konzeptuelle und empirische Befundlage zum Kontern von Falschwissen in öffentlichen Diskussionsforen (rebuttal) thematisiert.
Kommunikation von und mit Impfgegnern (2016)
Impfungen gelten als Meilensteine des wissenschaftlichen Fortschritts. Die von den Gesundheitsbehörden empfohlenen Impfungen verhindern weltweit jährlich Millionen von potentiellen Krankheits- und Todesfällen. Dennoch sind mangelnde Impfbereitschaft bei spezifischen Impfungen, wie beispielsweise Influenza, und sogar Ablehnung von Impfungen im Allgemeinen keine Seltenheit.
Die Gründe für diese sogenannte Impfmüdigkeit in Deutschland und allen weiteren Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind vielfältig. Neben einem fehlenden Bewusstsein für die Folgen von impfpräventablen Krankheiten und der damit verbundenen Wahrnehmung, dass Impfen nicht relevant ist, sowie organisatorischen Hindernissen vor Erhalt einer Impfung und einer rationalen Berechnung von individuellem Nutzen und Risiken der Impfung, führen auch Impfmythen und Falschwissen zur Ablehnung von Impfungen. Die Verbreitung der Impfmythen wird maßgeblich durch die Art der Kommunikation und die Wahl der Kommunikationskanäle von Impfgegnern zu einem ernstzunehmenden Risikofaktor für die Gesundheit des Konsumenten solcher Falschinformationen. Die Relevanz des Einflusses von Impfmythen und Einzelfallberichten auf die individuelle Impfentscheidung wird vor allem durch die starke Präsenz dieser Informationen im Internet und den Effekt solcher Informationen auf die Risikobewertung von Impfungen deutlich.
Die von Impfgegnern genutzten Medienkanäle, wie beispielsweise das Internet, öffentliche Fernsehdebatten und/oder Interviews, bieten allerdings auch für Gesundheitsbehörden und Impfbefürworter eine Chance zur Korrektur von Falschinformation. Um effektive Korrekturen von Falschwissen zu gestalten, ist das bloße Präsentieren von wissenschaftlichen Fakten jedoch nicht hinreichend. Ganz im Gegenteil, psychologische Forschung zeigt, dass die unbedachte Korrektur von Falschwissen im schlimmsten Fall zur Verstärkung des Falschwissens führen kann. Psychologische Ansätze bieten vor allem bei der Aufbereitung von schriftlichem Informationsmaterial Hilfestellung bei der Aufklärung von Impfmythen.
Ein Spezialfall der Korrektur von Falschwissen ist die öffentliche Debatte bzw. das Interview mit einem Impfgegner. Die erforderliche Kombination aus medizinischem Fachwissen, rhetorischer Argumentationsstärke und Kenntnis über psychologische Aspekte der Interviewsituation macht die öffentliche Konfrontation mit einem Impfgegner zu einer komplexen Herausforderung.
Das WHO Regional Office for Europe entwickelt im Zuge dieser Problematik einen Ratgeber für Sprecher von Gesundheitsbehörden. Der Ratgeber basiert auf evidenzinformierten Schlussfolgerungen psychologischer und kommunikationswissenschaftlicher Forschungsergebnisse und bietet einen vielversprechenden Ansatz zur Eindämmung von Mythen rund um das Thema Impfungen.