PD Dr. habil. Timur Sevincer ist Psychologe. Er studierte an der Universität Hamburg Philosophie und promovierte und habilitierte dort in Psychologie. Er hat Lehrstühle für Pädagogische Psychologie und Motivation (Universität Hamburg), Sozialpsychologie (Technische Universität Dresden) und Allgemeine Psychologie und Motivation (Leuphana Universität Lüneburg) vertreten. Außerdem lehrte er an der New York University in Berlin. Derzeit vertritt er die Professur für Psychologie und Transformation an der Leuphana Universität Lüneburg. Sein Forschungsschwerpunkt ist zukunftsorientiertes Denken sowie Motivation und Selbstregulation.

Wie effektiv sind Triggerwarnungen & Co.? (2024)

In verschiedenen Teilen der Gesellschaft, insbesondere an Universitäten, gibt es derzeit lebhafte Debatten über Triggerwarnungen. Diese sollen Menschen vor emotionalen Belastungen schützen. Triggerwarnungen werden beispielsweise vor Filmen und in Lehrveranstaltungen verwendet, wenn diese Inhalte enthalten, die Unbehagen oder Stress auslösen könnten. Doch sind Triggerwarnungen evidenzbasiert oder handelt es sich dabei lediglich um Pseudomaßnahmen? Befürworter argumentieren, dass solche Warnungen insbesondere Angehörigen vulnerabler Gruppen helfen, sich auf schwierige Inhalte vorzubereiten, oder ihnen die Wahl lassen, solche Inhalte zu meiden. Kritiker wenden ein, dass Triggerwarnungen negative Reaktionen verstärken können und die Vermeidung bestimmter Inhalte unter Umständen mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Letztlich ist es eine empirische Frage, ob Triggerwarnungen wirklich nützen, schaden oder keinen Effekt haben. Einige Studien haben untersucht, ob (a) Triggerwarnungen die Reaktionen auf Inhalte verändern, (b) sie dazu führen, dass Menschen solche Inhalte tatsächlich meiden, oder (c) sie das Verständnis des Materials beeinflussen. In meinem Vortrag werde ich die beste wissenschaftliche Evidenz zu den Auswirkungen von Triggerwarnungen präsentieren und zusammenfassen. Außerdem werde ich anhand eines realen Beispiels zeigen, wie man mit den Anliegen von Studierenden und Lehrenden bezüglich Triggerwarnungen umgehen und praktikable Lösungen finden kann. Zuletzt werde ich die Diskussionen über Triggerwarnungen in einen breiteren gesellschaftlichen Kontext einordnen und wissenschaftliche Belege für die Effektivität ähnlicher Maßnahmen diskutieren, die darauf abzielen, emotionalen Schaden zu verhindern.

Macht die Visualisierung von Erfolg erfolgreich? (2023)

Im Internet und in den Regalen mit Selbsthilfe-Literatur in Buchhandlungen finden sich unzählige Ratgeber, die behaupten, wir müssen uns unsere Wünsche und Träume nur lebhaft genug vorstellen, damit diese in Erfüllung gehen. Solch eine Manifestierung positiver Ereignisse („Ich stelle mir vor, ein Millionär zu sein“) soll angeblich – durch das Gesetz der Anziehung (Gleiches zieht Gleiches an) – dazu führen, dass die visualisierten Ereignisse auch tatsächlich eintreten. In diesem Vortrag geht es darum, wie verbreitet solche pseudowissenschaftlichen Theorien zum positiven Denken sind, was sie von wissenschaftlichen Theorien unterscheidet und ob positive Fantasien vielleicht sogar nach hinten losgehen und Erfolg bei der Verfolgung unserer Ziele vereiteln können. Oder gibt es wissenschaftliche Ansätze, die erklären können, warum positives Denken manchmal funktioniert? – Erkenntnisse zu mentalen Simulationen, selbsterfüllenden Prophezeiungen und Selbstwirksamkeit. Und schließlich: Gibt es wirklich psychologische „Tricks“, die wir anwenden können, um unsere Träume besser in die Tat umzusetzen?

Thomas Fraps ist professioneller Zauberkünstler. Fast 30 Jahre lang kämpfte er gegen die Realität und blieb am Ende doch Sieger. Seither zieht er als Zauberkünstler durch die Welt und stellt spielerisch die Naturgesetze auf den Kopf, die er zuvor als Diplom-Physiker erlernt hat.

Wie Zauberkunst Wissen schafft (2023)

Erstaunlicherweise gelingt es Schwindlern, Scharlatanen und Spiritisten seit Jahrhunderten immer wieder, auch Wissenschaftler mit ihren angeblich übersinnlichen Phänomenen hinters Licht zu führen. Darunter finden sich renommierte Vertreter ihres Fachs wie Alfred Russel Wallace, Lord Rayleigh, Paul Curie oder der Nobelpreisträger Brian Josephson. Die modernen Erben von Uri Geller & Co. meiden mittlerweile das Übersinnliche, verwenden aber mitunter wissenschaftliche Erkenntnisse als Scheinerklärungen für ihre vorgetäuschten Fähigkeiten (des Gedankenlesens oder der Suggestion). Sie treten damit nicht nur im Theater, sondern auch in populärwissenschaftlichen TV-Sendungen auf oder schreiben Sachbücher und leisten so ihren ganz eigenen Beitrag im Fake-News-Zeitalter. Der Vortrag beleuchtet die Psychologie dieser Täuschungen und zeigt, wie paradoxerweise gerade Zauberkünstler als Aufklärer fungier(t)en, um den Unterschied zwischen Fakten und Fiktionen zu erkennen, der Wissenschaftler anfangs verborgen blieb.

Die Tricks unseres Gehirns oder Warum Wissen nicht vor Täuschung schützt (2016)

Zauberkünstler erstaunen seit Jahrhunderten ihr Publikum mit scheinbar unmöglichen Illusionen. Seit einigen Jahren werfen Neurowissenschaftler und Hirnforscher einen experimentellen Blick in die psychologische Trickkiste der Zauberkünstler. Sie hoffen auf diese Weise mehr über die menschliche Wahrnehmung und Kognition zu erfahren, oder sogar noch unbekannte Mechanismen zu entdecken. Thomas Fraps war an einigen dieser Studien, im Labor und als Co-Autor, beteiligt.

Im Laufe des interaktiven Vortrags wird anschaulich demonstriert, dass die Wahrnehmung nicht immer wahr und die Wirklichkeit oft anders ist als die Realität. Man erhält Einblicke in psychologische Prinzipien der Zauberkunst, erfährt wie Kunstfälscher Experten hinters Licht führen und warum Wissen offensichtlich nicht vor Täuschung schützt. Ein informativer, anregender Vortrag für jeden Besitzer eines Gehirns, dank erhöhter Ausschüttung von Dopamin und Merlin.

Prof. Dr. Uwe Peter Kanning; Jg. 1966, Studium der Psychologie in Münster und Canterbury, 1993 Diplom in Psychologie, 1997 Promotion, 2007 Habilitation. Seit 2009 Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Osnabrück. Autor und Herausgeber von 30 Fachbüchern und Testverfahren. Träger zahlreicher Auszeichnungen, zuletzt 2016 „Professor des Jahres“ (Unicum Beruf). Arbeitsschwerpunkte: Personaldiagnostik und fragwürdige Methoden der Personalarbeit.

YouTube-Kanal „15 Minuten Wirtschaftspsychologie“

Wider alle Vernunft – Coaching auf Abwegen (2023)

Wer sich auf die Suche nach absurden Methoden der Weiterbildung begibt, wird im Bereich des Coachings sehr schnell fündig. Manche Methoden – wie Timeline – setzen allein auf das Prinzip Glauben, wenn sie beispielsweise Führungskräfte in ein früheres Leben zurückführen, um deren beruflichen Probleme zu lösen. Alternativen – wie etwa Symbolon – kokettieren mit der Psychoanalyse. Wieder anderen geben sich zumindest den Anschein von Wissenschaftlichkeit, indem sie entweder nebulös auf die moderne Hirnforschung verweisen oder methodisch fragwürdige Studien zitieren. Am Beispiel ausgewählter Methoden werden unterschiedliche Vermarktungsstrategie absurder Coachingansätze vorgestellt, um damit ein Stück weit die Frage zu beantworten, warum Menschen und Unternehmen für solch fragwürdige Dienstleistungen Geld ausgeben.

Wenn Chancen nicht genutzt werden – Fragwürdige Testverfahren in der Personalarbeit (2018)

Vor allem große Unternehmen setzen heute im Rahmen der Personalauswahl sowie der Personalentwicklung immer häufiger Testverfahren ein. Im Prinzip ist dies durchaus sinnvoll allerdings nur dann, wenn die Verfahren auch wissenschaftliche Qualitätskriterien erfüllen. Genau hier liegt das Problem vieler Testverfahren. Die in deutschen Unternehmen populärsten Instrumente sind solche, deren Grundkonzeption aus wissenschaftlicher Sicht völlig überholt erscheint und/oder deren diagnostische Qualität bestenfalls fragwürdig zu nennen ist. Der Vortag gibt einen Überblick über den Einsatz von Testverfahren in der deutschen Wirtschaft und stellt grundlegende diagnostische Gütekriterien (Objektivität, Reliabilität, Validität) vor. Anschließend werden Testverfahren vorgestellt, die nicht zu empfehlen sind. Dies gilt unter anderem für typologische Instrumente also Persönlichkeitsfragebögen, die Menschen in Gruppen einteilen (rationaler Typ, emotionaler Typ etc.) und für den Versuch aus einer Sprachprobe rechnergestützt ein Persönlichkeitsprofil abzuleiten. Zum Abschluss wird der Frage nachgegangen warum es fragwürdige Testverfahren auf dem Markt so leicht und wissenschaftliche Verfahren vergleichsweise schwer haben sich durchzusetzen. Wichtige Gründe hierfür sind Marketingstrategien der Anbieter, die fehlende Fachkompetenz der Entscheidungsträger sowie die Orientierung an dem „was die Anderen machen“.

Ulrike Schiesser

Ulrike Schiesser studierte in Wien Psychologie und arbeitet als Psychotherapeutin (Systemische Familientherapie) in freier Praxis. Ihre Hauptbeschäftigung ist aber seit 2009 die Mitarbeit in der Bundesstelle für Sektenfragen in Wien, die sie seit Januar 2023 auch leitet. Zu ihrem Aufgabengebiet gehört auch die Beratung direkt Betroffener und ihrer Angehöriger. Arbeitsschwerpunkte sind: Konflikte im Bereich Weltanschauungen, Esoterik und Verschwörungstheorien, Missbrauch von Spiritualität und Religion, Guru-Bewegungen, Okkultismus, Apokalypse und Weltuntergang, radikale und extremistische Ideologien, autoritäre und vereinnahmende Systeme und sektenhafte Gruppendynamik.
Auf der Suche nach Erklärungen für Aberglauben, Wissenschaftsfeindlichkeit und die menschliche Sehnsucht nach dem Wunder ist sie bei der Skeptiker-Bewegung fündig geworden und seither regelmäßig bei GWUP-Veranstaltungen anzutreffen.

2021 erschien im Springer-Verlag das mit Co-Autor Holm Hümmler verfasste Buch „Fakt und Vorurteil: Kommunikation mit Esoterikern, Fanatikern und Verschwörungsgläubigen.“

Verschwörungsgläubige in der Familie – was tun?

In den letzten zwei Jahren war fast jede Person mit Verwandten, Freund:innen, Arbeitskolleg:innen konfrontiert, die an Verschwörungsmythen glaubten, sie missionarisch verbreiteten und dabei emotional und oft aggressiv auftraten. Diskussionen mit ihnen verliefen meist erfolglos, die Gräben schienen unüberwindbar und als Konsequenz wurden Kontakte eingeschränkt oder abgebrochen. Besonders schwierig war die Situation, wenn es das engste Umfeld, die Familie, die eigene Beziehung betraf.

Im Rahmen eines Projekts der Europäischen Kommission wurde ein online Lerntool entwickelt, das Angehörigen dabei helfen soll, das Phänomen Verschwörungsglaube zu verstehen, die Kommunikation zu verbessern und Impulse zum Umdenken zu setzen. Ich stelle im Vortrag dieses Kursprogramm vor, das ich mitentwickelt habe, und das unter anderem auf dem Buch “Fakt und Vorurteil” von Holm Hümmler und mir beruht.

Auch nach Absolvierung dieses Lernprogramms werden Sie den schwurbelnden Onkel und die medizinskeptische Lebensgefährtin nicht zu glühenden Skeptikern machen. Die Chance, dass diese ihre Position verändern, ist gleich groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass Sie selbst sich überzeugen lassen. Aber das gegenseitige Verständnis könnte wachsen, die Gespräche konstruktiver verlaufen und eine differenziertere Sichtweise angeregt werden. Ein erster kleiner Erfolg kann schon sein, wenn Ihnen beim Familientreffen nicht die Torten um die Ohren fliegen.

Annika Harrison

Annika Harrison ist eine Podcasterin, Mutter, Beisitzerin des Vorstandes der GWUP, eine skeptische Aktivistin und verfasst Online-Interviews für den Skeptical Inquirer. Sie hat mit den Fächern Englisch und Geschichte das Zweite Staatsexamen für das Lehramt erlangt. Außerdem ist sie Teil der Guerilla Skeptics on Wikipedia und trifft beim Kölner Skeptics in the Pub gerne Gleichgesinnte.

Zwischen Bernsteinketten und Himbeerblättertee: Ein skeptischer Ausflug zu Geburtsmedizin, Schwangerschaftsbetreuung und Kleinkindzeit

Eltern stehen unter einem immensen gesellschaftlichen und inneren Druck. Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit, aber häufig eine Ausnahmesituation. Jeder möchte das Beste für das Kind und den eigenen Körper erreichen – aber was ist „das Beste“? Welche pseudomedizinischen Mittel und gefährlichen Methoden werden von manchen Hebammen angeboten und durchgeführt? Warum scheint besonders in Deutschland die Hebammenzunft pseudomedizinisch geprägt zu sein? Was steckt hinter dem „Geburtspositionsmythos“ und auf welchen Rat einer Hebamme sollten schwangere Personen auf keinen Fall hören?

Das Thema „skeptische Elternschaft“ ist hochaktuell. Bisher wurde es in der Skeptikerbewegung eher stiefmütterlich behandelt, doch die Wahrnehmung wächst. Dies ist sehr zu begrüßen, denn die Gruppe der Eltern und Kinder ist für Pseudomedizin besonders vulnerabel. Zudem sind im Bereich Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Kleinkindzeit besonders viele gefährliche Praktiken wie Bernsteinketten und Impfgegnerschaft zu finden.

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Dipl.-Psych. Maria-Christina Nimmerfroh, Leiterin der Spezialisierung Wirtschaftspsychologie am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg; Dipl.-Ing (FH) Michael Malschützky BSc, wiss. Mitarbeiter Fachbereich Wirtschaft

Zu viel Wingwave, MBTI und NLP – wider evidenzfeindliche Managementpraktiken an Hochschulen*

In der Managementausbildung an Hochschulen, insbesondere in den Studiengängen Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftspsychologie, werden immer häufiger nicht evidenzbasierte Techniken vermittelt oder im didaktischen Kontext eingesetzt. Dabei handelt es sich oft um die Praktiken Wingwave, NLP, Organisationsaufstellung und zweifelhafte Messverfahren in der Personaldiagnostik wie dem MBTI. Ich schildere aus meiner Praxis als Lehrende am Fachbereich Wirtschaft der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, wie Studierende und damit zukünftige Entscheidungsführungskräfte über die zweifelhaften Techniken aufgeklärt werden und auch in die Lage versetzt werden, in ihrer späteren Berufspraxis sich der Anwendung dieser Methoden zu wehren.

Im Fokus stehen überwiegend sehr populäre Verfahren, bei denen sehr fundierte Aufklärungsarbeit über die mangelnde Evidenzbasiertheit geleistet werden muss. In der Arbeit mit Studierenden werden Fachartikel analysiert und die dort angewendeten Methoden auf den Prüfstand gestellt. Gravierende Fehler des Untersuchungsdesigns und der statistischen Analysen werden offengelegt. Zudem wird aus der Praxis der Arbeit mit Studierenden berichtet, die oft schon in Unternehmen während ihrer Ausbildung oder ihrer Werkstudententätigkeit mit diesen zweifelhaften Methoden in Kontakt gekommen sind.
Ziel dieser Initiative der Wissenschaftskommunikation ist es, sowohl die Hochschulen von diesen Methoden freizuhalten als auch die Studierenden in die Lage zu versetzen, in ihrer eigenen Berufspraxis nur evidenzbasierte Managementmethoden einzusetzen.

*Der Vortrag beruht auf einer Veröffentlichung, die in Zusammenarbeit mit Dipl.-Ing. (FH) Michael Malschützky, BSc, entstanden ist.

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PD Dr. Nikil Mukerji ist Philosoph und Autor. Er lehrt Philosophie an der LMU München. Seit 2016 ist er Mitglied der GWUP und seit 2019 Vorsitzender des Wissenschaftsrats und Vorstandsmitglied. Zu seinen Veröffentlichungen gehören u.a. Die 10 Gebote des gesunden Menschenverstands sowie Covid-19: Was in der Krise zählt (mit Adriano Mannino).

Wissenschaftskommunikation 2.0 – eine neue Vision für die GWUP (2023)

Die GWUP hat es in 35 Jahren weit gebracht: Mehr als 2.200 Vereinsmitglieder, eine beachtenswerte Bekanntheit in Medien und Gesellschaft sowie viele erfolgreiche Aktionen gegen esoterischen Humbug und Pseudowissenschaft. Und doch endet der Kampf gegen die Irrationalität nicht. Es wird sie vermutlich immer geben, wenn auch in stetig wechselnder Form. Als Skeptiker müssen wir uns darauf vorbereiten, dass alte, bereits tot geglaubte Glaubenssysteme eine Renaissance erleben und neue Varianten entstehen. Zudem wandeln sich die gesellschaftlichen Bedingungen und die Kommunikation wird immer digitaler und schneller. Wie sollten wir als Skeptiker darauf reagieren? Und wie sollten wir unsere Arbeitsweise anpassen, um unter diesen Umständen unsere gesellschaftliche Relevanz auch in Zukunft zu wahren? Ich werde versuchen, diese Fragen mit der Vision einer Wissenschaftskommunikation zu beantworten, die bewährte Formen skeptischen Engagements durch neue Formen ergänzt, um die GWUP auf diese Weise inklusiver, partizipativer und digitaler zu machen.

Die Ethik des Klimawandels – ein skeptischer Blick (2020)

Die Wissenschaft des Klimawandels ist extrem kompliziert. Deswegen würde kaum ein Laie ernsthaft behaupten, sie verstehen zu können. Dennoch kann sich jeder sicher sein, dass der menschengemachte Klimawandel real ist. Schließlich gibt es einen überwältigenden Konsens in der Expertengemeinschaft. Mit den ethischen Fragen, die der Klimawandel aufwirft, verhält es sich interessanterweise genau umgekehrt. Hier sind sich die Experten in wesentlichen Teilen uneins. Viele Laien glauben jedoch zu wissen, welche moralischen Schlussfolgerungen man aus den wissenschaftlichen Tatsachen ziehen sollte. Diese Konstellation lässt vermuten, dass die Ethik des Klimawandels anfällig für Denkfehler und Pseudoargumente ist, für die sich Skeptiker interessieren sollten. Im Vortrag sollen einige davon thematisiert und mögliche Schlussfolgerungen für die Ethik des Klimawandels skizziert werden.

Gemeinsam mit Martin Moder:
Jordan Peterson – Wichtiger Denker oder gefährlicher Pseudointellektueller? (2019)

Durch seine radikalen Thesen wurde der umstrittene Psychologie-Professor Jordan Peterson vor zwei Jahren über Nacht zum Internet-Phänomen. Seine YouTube-Videos generieren Millionen von Klicks, sein Buch „12 Rules for Life“ wurde zum Megabestseller. Der Spectator nennt ihn „einen der wichtigsten Denker auf der Weltbühne seit Jahren“. Viele sehen in Peterson eine ermächtigende Vaterfigur, andere einen pseudointellektuellen Vordenker der Alt-Right Bewegung.

In unserem Vortrag werden wir das Phänomen Jordan Peterson kritisch durchleuchten und seine Denkweise prüfen. Dabei werden wir die für Skeptiker interessantesten Themenkomplexe diskutieren, etwa:

1) Pseudowissenschaft à la Peterson – was ist dran an seinen Lebensratschlägen?
2) „12 Rules for Life“ – eine Einstiegsdroge in die Alt-Right-Bewegung?
3) Atheismus – auch nur eine Form der Religion?
4) „Enforced Monogamy“ – Zwangsverheiratung von Frauen zur Vorbeugung männlicher Gewalt?

Unsere Einschätzung: Der Fall Peterson ist für Skeptiker interessant und lehrreich, weil er die Komplexität und Vielschichtigkeit unserer Lebenswirklichkeit illustriert. So gibt es einerseits berechtigte Kritikpunkte an bestimmten Sichtweisen Petersons. Andererseits zeigt die Diskussion über seine Person, dass ideologisch motivierte Fehlinformationen („Fake News“) die öffentliche Sicht auf einen Menschen und seine Thesen stark verzerren können.

Was tun gegen Fake News? (2018)

Als Skeptiker sind wir an vielen Fronten aktiv. Wir bekämpfen alle möglichen Arten von Unfug. Darunter fallen vor allem Esoterik und Verschwörungstheorien sowie Pseudo- und Parawissenschaften. Infolge des enormen Bedeutungszuwachses der sozialen Medien ist ein neues Betätigungsfeld hinzugekommen: die Bekämpfung von „Fake News“. In Zeiten des Web 2.0 ist es für Skeptiker wichtig, das Phänomen der Fake News ebenfalls zu verstehen und zu diskutieren, wie man mit ihm umgehen kann. Zu dieser Debatte möchte ich mit meinem Vortrag einen Beitrag leisten, indem ich drei Fragen diskutiere.

1. In einem ersten Schritt möchte ich fragen, was Fake News eigentlich sind und was nicht. Dabei werde ich sie von ähnlichen Phänomenen abgrenzen, mit denen man sie leicht verwechseln kann (z.B. schlichte Falschmeldungen und Lügen). Ich werde dafür plädieren, sie als eine Form von „Bullshit“ zu verstehen. (Dabei handelt es sich um einen Terminus Technicus, der durch den amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt geprägt wurde. Siehe hierzu: H. Frankfurt, On Bullshit, 2005).

2. Nach der Begriffsklärung werde ich in einem zweiten Schritt fragen, warum man Fake News eigentlich problematisch finden sollte. Hierbei wird es mir darum gehen, die ethischen Gesichtspunkte aufzuarbeiten, die eine Rolle in der Bewertung spielen. Dazu zählen vor allem individuelle und kollektive Fehlentscheidungen, ein möglicher Vertrauensverlust in die Medien, individuelle Rufschädigungen, die Gefahr der Antagonisierung von Bevölkerungsgruppen sowie ein potentieller Schaden für unser demokratisches System.

3. Im dritten und letzten Schritt werde ich fragen, welche Lösungswege sich anbieten. Ich werde einige davon skizzieren, die den verschiedenen involvierten Parteien zur Verfügung stehen. Das sind insbesondere Gesetzgeber/Regierung/Rechtssystem, Social-Media-Unternehmen, NGOs (etwa GWUP, Mimikama, Correctiv, etc.), Suchmaschinen-Anbieter und Nutzer. Gleichzeitig werde ich auf die ethischen Probleme eingehen, die die einzelnen Strategien aufwerfen. Diese stellen sich vor allem hinsichtlich des individuellen Rechts auf Meinungsäußerungsfreiheit und des Problems der Zensur.

Wie erkennt man Pseudowissenschaften? An ihren Argumenten! (2017)

Die moderne Medizin ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie wichtig die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft ist. Wer wissenschaftlich erforschte Arzneimittel verwendet, der maximiert seine Chance auf Heilung. Wer sich dagegen auf pseudowissenschaftliche Medizin verlässt, der verschenkt diese Chance oder schadet sich sogar. Die Frage, wie man Pseudowissenschaften erkennt, ist also nicht nur von wissenschaftsphilosophischem Interesse. Sie ist eine enorm wichtige, lebenspraktische Frage. Die Debatte der vergangenen Jahrzehnte zeigt allerdings, wie schwer es ist, sie präzise, grundlegend und philosophisch haltbar zu beantworten. Heute ist weitgehend anerkannt, dass es eine Vielzahl von Vergleichsdimensionen gibt, die für die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft eine Rolle spielen. Martin Mahner nennt die folgenden: „statements, problems, methods, theories, practices, historical sequences of theories and/or practices (i.e., research programs in the sense of Lakatos), and fields of knowledge.“ Interessanterweise ist in dieser (ansonsten sehr hilfreichen) Liste ein Aspekt nicht explizit genannt: die Art und Weise, wie in den Pseudowissenschaften argumentiert wird. Meines Erachtens eignet sich dieser Aspekt besonders gut für die Unterscheidung zwischen Wissenschaften und Pseudowissenschaften. Denn Pseudowissenschaften verstoßen i. d. R. eklatant gegen fundamentale Grundsätze, die jeder vernünftige Mensch beim Argumentieren beachten sollte. In meinem Vortrag möchte ich diese Grundsätze (in einer für Laien verständlichen Form) vorstellen und anhand von Beispielen zeigen, wie sie uns helfen können, Pseudowissenschaften zu erkennen.

 

Ann-Kathrin Hoffmann
Ann-Kathrin Hoffmann, Studium der Erziehungs-, Sozial- und Geschichtswissenschaften in Berlin, Flensburg und derzeit Bochum. Wissenschaftliche Online-Tutorin am Lehrgebiet allgemeine Bildungswissenschaft der FernUniversität Hagen, Forschungsschwerpunkte: Reformpädagogik mit Schwerpunkt Waldorfpädagogik, (Anti-)Intellektualität, Hochschule und Gewerkschaften mit Schwerpunkt studentische Beschäftigte.

Zur Kritik anthroposophischer Lebens- und Wissensformen während der Corona-Pandemie

»Erziehung zur Freiheit« im Sinne Rudolf Steiners ist das Leitmotiv der Waldorfpädagogik, welches gleich dem ersten Statement des Bundes der Freien Waldorfschulen nach Pandemiebeginn im Mai 2020 vorangestellt wurde. Die so betonte Haltung, dass es sich bei Waldorfschulen um rein pädagogische Einrichtungen handle, geriet im Verlauf der Pandemie allerdings ins Wanken, nachdem Eltern und Lehrkräfte von Waldorfschulen mit ihrer Kritik an Hygiene- und Impfmaßnahmen für Schlagzeilen sorgten und die Verbindungen zwischen Anthroposophie, Verschwörungstheorien und rechtem Milieu diskutiert wurden. Der Vortrag beleuchtet diese Veränderung in der öffentlichen Wahrnehmung und eruiert, wieso gerade während der Corona-Pandemie anthroposophische Lebens- und Wissensformen zum Gegenstand breiter Kritik werden konnten.

Claudia Preis

Dr. Claudia Preis ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet für eine große internationale Versicherung. Seit Jahrzehnten Mitglieder der GWUP und seit 6 Jahren im Vorstand, beschäftigt sie sich mit skeptischen Themen aus dem geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Umfeld und stürzt sich mit Begeisterung in Social-Media-Diskussionen zu selbigen. Des Weiteren kann man sie in populärwissenschaftlichen Fernseh- und Onlineformaten sehen.

Kulturelle Aneignung – Austausch oder Ausbeutung?

Der Begriff der kulturellen Aneignung als Etikett oder Vorwurf ist in den letzten Jahren in Medien und Diskussionen immer präsenter geworden. Er beschreibt zunächst einen Diffusionsprozess kultureller Elemente aus eigenen in ursprünglich fremde Kontexte. Mit der wertenden Aufladung dieser Prozesse innerhalb einer (kapitalistischen) Verwertungslogik gewinnt er Kritik- aber auch Aggressionspotential.

Ist der Begriff in der Alltagssprache als pseudowissenschaftlich zu werten oder leistet er tatsächlich trennscharf einen Beitrag zur Aufklärungsarbeit? Sollte er skeptisch betrachtet verworfen oder anerkannt werden? Ist „kulturelle Aneignung“ an sich zu Recht zu kritisieren oder ein in sich unsinnig essentialistisches, identitäres und Homogenität postulierendes Konstrukt?

Der Vortrag nähert sich Begriff und Diskussion dieses Phänomens mit Beispielen aus dem Alltagsleben und Grundlagen aus der Kulturwissenschaft.

 

Axel Ebert
[Foto: Thomas Wozak]

Axel Ebert ist Psychologe, seit über 25 Jahren Trainer, Vortragender, Kommunikations-Berater und Co-Autor von „Bullshit Busters“ über 21 aktuelle Irrtümer und Mythen.

KI im Diskurs: Fakten, Emotionen und Werte mit künstlicher Intelligenz abbilden und entwirren

Was können Werkzeuge wie die Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) und das Wertequadrat in heiklen Diskussionen leisten? Und wie kann die KI dabei helfen?

Auch reflektierte Menschen neigen dazu, in ihren Urteilen Fakten, Werte, unbewusste Vorannahmen und Emotionen zu vermischen. Die Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) bietet einen strukturierten Ansatz, um Entscheidungskriterien transparent zu modellieren. Ergänzend hilft das Wertequadrat nach Schulz von Thun dabei, die Perspektiven verschiedener Standpunkte ausgewogen zu erfassen und darzustellen.

Künstliche Intelligenz kann bei diesem Prozess bemerkenswerte Unterstützung leisten – etwa durch frei zugängliche Online-Werkzeuge wie ChatGPT, Claude oder perplexity.ai. Am Beispiel aktueller Debatten, wie der Gender-Thematik, beleuchtet der Vortrag die Möglichkeiten und Grenzen KI-gestützter Modellierung für einen rationalen Diskurs.

Zwar behält das Sprichwort “A fool with a tool is still a fool” seine Gültigkeit, da man sich auf KI-generierte Schlussfolgerungen (noch) nicht blind verlassen kann. Dennoch: Gezielt eingesetzt kann Künstliche Intelligenz die Problemmodellierung wertvoll unterstützen. In diesem Sinne freue ich mich, wenn nach dem Vortrag jemand feststellt: “A fool with a tool who’s willing to learn, can make a better turn”.

 

Gendersprache – eine nüchterne Einordnung (2023)

Die Polarisierung rund ums Gendern ist prototypisch für aktuelle Gesellschaftsdiskussionen im Spannungsfeld von gewünschter Inklusion und medialer “Erregungsbewirtschaftung”. Für einen klaren Blick auf das Thema hilft es zwei Sachverhalte zu trennen: Welche Effekte kann gendern haben? Wie wollen wir als Gesellschaft mit solchen Entwicklungen umgehen?

Antworten auf die Frage, was Gendern bringt, werden oft mit Pro- und Kontra-Studien über die aktuelle Wirkung des Genderns versehen – so, als gelte es über die Wirkungsweise eines Medikamentes zu entscheiden. Die Sozialontologie und John Searles Sprechakttheorie ermöglichen einen erhellenden Blick auf solche beobachterrelativen Sprach-Phänomene. Mit konkreten Textbeispielen wird dabei das Potenzial unterschiedlicher Gendermöglichkeiten gezeigt.

Doch die Frage nach einem sinnvollen Gesellschaftsdiskurs zeigt, wie schwierig dies im meinungsverminten Umfeld ist. Schnelle Lagerbildung, stereotype Feindbilder und die mediale Eskalationsdynamik geben wenig Spielraum für differenzierte Entwicklung. Der Vortrag ist ein Plädoyer für eine gesellschaftliche Entwicklungslust mit wohlwollenden Interpretationsspielräumen – auf allen Seiten.

Wissen Sie dann nach dem Vortrag, ob Gendern cool oder blöd ist? Vielleicht nicht. Aber am Beispiel des Genderns wird gezeigt, welches konfliktlösende Potenzial der pragmatisch-analytische Blick auf ein Phänomen haben kann, welche Rolle empirische Forschung in der politischen Willensbildung spielen sollte und mit welchem Mindset konstruktive Entwicklungen möglich sind.

 

Warum halten sich Pseudo-Erklärungen so hartnäckig? Von Cargo-Kulten, verallgemeinerten Placebos und dem Rationalitäts-Quotienten (2019)

Unrealistische Wissenschafts-Analogien, wie z.B. das postulierte Quantenfeld in der systemischen Aufstellung, lassen sich als Cargo-Kult darstellen, als naive Simulation. Doch so bildstark die Cargo-Kult-Analogie auch ist, sie erklärt nicht, warum sich viele Pseudotheorien so lange halten. Müssten wirkungslose Theorien nicht rasch verschwinden?

Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass die emotionale Nützlichkeitswahrnehmung zentral für den Erfolg von Pseudo-Erklärungen ist. Der angstlindernde Regentanz des frühzeitlichen Schamanen bot die hoffnungsstiftende Kontrollillusion (Consulting 1.0), die die Gläubigen ausharren ließ, bis es endlich regnete. Zwar lösten vor ca. 5.000 Jahren Bewässerungssysteme das Dürreproblem besser (Consulting 2.0). Doch gegenüber dem Wasserbau-Ingenieur, der „nur“ das nüchterne Problem löste, beeindruckte der Schamane mit der weiter reichenden, emotionalen Erklärung über die Verärgerung der Götter.

Solche Effekte glaubensbasierter Handlungen wurden bereits 1979 vom Anthropologen L. Tiger als „verallgemeinertes Placebo“ beschrieben. Die psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat eindrucksvoll gezeigt, wie unser Gehirn dieses Placebo-Denken begünstigt – mit serienmäßig eingebauten Verzerrungen wie overconfidence-, hindsight-, belief- und self-righteous-bias. Dieser Hang zu gefühlten Wahrheiten (Truthiness) ist Teil unseres Menschheitserfolgs – aber auch unserer Tragik: verallgemeinerte Nocebos wie aggressive Nationalismen, angsterhaltende Glaubenssysteme, Wissenschaftsignoranz und andere Realitätsverzerrungen.

Sind wir Menschen nicht intelligent genug, um Truthiness zu enttarnen? Keith E. Stanovich sieht das anders. Er entwickelte mit dem RQ (Rationalitäts-Quotienten) ein vielversprechendes Konzept: Kritisches Denken ist nicht direkt an Intelligenz gebunden und kann erlernt werden. Schnelle Intention und langsames analytisches Denken – beides hat Schwächen, denen wir gezielt aus dem Weg gehen können, und Stärken, die wir gezielt einsetzen können. Beispiele dazu im Vortrag.