Till Randolf Amelung (M.A.) ist Publizist mit Schwerpunkt auf geschlechterpolitischen Themen. ZunĂ€chst Studium der Geschlechterforschung und Geschichtswissenschaft an der Georg-August-UniversitĂ€t Göttingen, danach Arbeiten zu geschlechtersensibler Gesundheitsversorgung sowie Diversity und Gleichstellung. Texte v.a. im Blog der Initiative Queer Nations e.V., der Jungle World und in SammelbĂ€nden, wie dem Jahrbuch SexualitĂ€ten. Ab Jahrbuch SexualitĂ€ten 2026 auch Mitherausgeber. Autor von „Transaktivismus gegen Radikalfeminismus. Gedanken zu einer Front im digitalen Kulturkampf“ (2022) und Herausgeber von “Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik“ (2020). Im Erscheinen: “Geschlecht – eine Debatte und ihr Ausnahme*Zustand (2026)”. Persönliche Website: https://tillamelung.de

TranssexualitÀt bei Kindern: Wie der gender-affirmative Ansatz in den USA scheiterte

Am 18. Juni 2025 schockierte in den USA eine Entscheidung des höchsten Gerichts des Landes Transaktivisten und ihre VerbĂŒndeten. Der Supreme Court stellte fest, dass ein 2023 im US-Bundesstaat Tennessee erlassenes Gesetz zum Verbot gender-affirmativer medizinischer Eingriffe bei MinderjĂ€hrigen nicht gegen die Verfassung verstĂ¶ĂŸt. Seit 2021 haben 27 Bundesstaaten solche Restriktionen erlassen. US-PrĂ€sident Donald Trump hat zu Beginn seiner zweiten Amtszeit im Januar 2025 ein Dekret mit dem Titel „Protecting Children From Chemical And Surgical Mutilation“ erlassen. Damit wurde die bundesstaatliche UnterstĂŒtzung fĂŒr gender-affirmative Behandlungen von MinderjĂ€hrigen beendet – also die Gabe von PubertĂ€tsblockern, Geschlechtshormonen sowie chirurgische Eingriffe bei Personen unter 19 Jahren. Kaum ein anderes Thema polarisiert so sehr, wie der Komplex um Transgender/TransidentitĂ€t/TranssexualitĂ€t, abgekĂŒrzt als „Trans“. Besonders hitzig werden Auseinandersetzungen um Fragen, wie man am besten mit MinderjĂ€hrigen mit Geschlechtsdysphorie – der aktuelle medizinische Begriff fĂŒr ein tiefgreifendes Unwohlsein mit dem biologischen Geschlecht – umgehen sollte. In den USA hat dieses Streitthema dazu beigetragen, Donald Trump eine zweite Amtszeit im Weißen Haus zu ermöglichen. Diese Auseinandersetzungen geschehen vor dem Hintergrund, dass innerhalb der letzten 20 Jahre ein Paradigmenwechsel vollzogen wurde. Wurde Trans zunĂ€chst in medizinischen DiagnostikhandbĂŒchern unter „Transsexualismus“ und „Störungen der GeschlechtsidentitĂ€t“ gefasst, hat sich das VerstĂ€ndnis von einer psychischen Störung hin zu einer gesunden Variante in der Vielfalt des menschlichen Seins gewandelt. Sofern medizinische Eingriffe (z.B. Hormontherapie und Operationen) nachgefragt werden, soll der Zugang zu diesen im Idealfall nicht durch eine Diagnostik, sondern durch Konsensfindung ermöglicht werden. Dieser Ansatz wird auch als „gender-affirmativ“ bezeichnet.

Doch inzwischen haben einige europĂ€ische LĂ€nder (Schweden, Großbritannien, Finnland) bei MinderjĂ€hrigen eine Kehrtwende eingeleitet und priorisieren eine psychotherapeutische Betreuung gerade bei dieser Gruppe wieder. Zuvor hatte sich ĂŒber den gender-affirmativen Ansatz ein möglichst frĂŒhzeitiger Einsatz von Medikamenten verbreitet, die bei MinderjĂ€hrigen die unerwĂŒnschte PubertĂ€tsentwicklung hemmen sollen – sogenannte PubertĂ€tsblocker. Maßgeblich fĂŒr die RĂŒcknahme waren Untersuchungen der Evidenzbasis fĂŒr den gender-affirmativen Ansatz inklusive PubertĂ€tsblockern, die diesem Ansatz wesentliche LĂŒcken bescheinigten und damit ungeklĂ€rte Risiken fĂŒr die Gesundheit.

Gerade die USA galten in der Transfrage lange Zeit als besonders fortschrittlich. Doch gerade der angemessene Umgang mit Transitionen von Kindern und Jugendlichen ist zu einem polarisierenden Thema im gesellschaftspolitischen Kulturkampf zwischen Republikanern und Demokraten geworden. Inmitten der Kontroverse steht ein Behandlungskonzept, welches aufgrund seiner schwachen medizinischen Evidenz umstritten ist. Auch viele WĂ€hler der Demokraten lehnen frĂŒhe geschlechtsangleichende Behandlungen bei MinderjĂ€hrigen deutlich ab. Doch der Kulturkampf behindert eine konstruktive Aufarbeitung – zum Schaden der Betroffenen. Der Vortrag will anhand markanter Punkte die Kontroverse in den USA nachzeichnen und vertritt die These, dass die Polarisierung auch Folge von Fehlern des queeren Transaktivismus ist.