Prof. Dr. Herwig Baier ist seit 2011 Direktor am Max-Planck-Instituts fĂŒr biologische Intelligenz in Martinsried bei MĂŒnchen und Honorarprofessor an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t. Der studierte Biologe promovierte am Max-Planck-Institut fĂŒr Entwicklungsbiologie in TĂŒbingen. Anschließend forschte er als Postdoktorand an der University of California, San Diego. Von 1998 bis 2012 war er Professor fĂŒr Neurowissenschaften an der University of California, San Francisco (UCSF). Das ĂŒbergeordnete Ziel von Herwig Baiers Forschung ist es, zu verstehen, wie genetische Information den Bau neuronaler Schaltkreise organisiert und wie diese Schaltkreise wiederum Verhalten steuern. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Nervensystem von Zebrafischen. Studien an diesem Tiermodell haben unter anderem auch fundamentale Mechanismen psychiatrischer Erkrankungen wie Depression und Autismus aufgeklĂ€rt. In jĂŒngster Zeit konzentrierte sich Herwig Baiers Forschung auf die Evolution und Ontogenese von Wahrnehmung, Kognition, sozialem Verhalten und Bewegungskontrolle.

Ursache und (Neben-)Wirkung — ein skeptischer Blick auf “Common Knowledge” in der psychiatrischen Forschung und in ihrer Außendarstellung

Die Ursachen von chronischen Krankheiten sind oft schwierig festzustellen. Das gilt im besonderen Maße fĂŒr psychiatrische Erkrankungen, da 1) diese mit „unsichtbaren“, hochkomplexen VerĂ€nderungen des Gehirns einhergehen, 2) die gĂ€ngigen therapeutischen Interventionen (falls ĂŒberhaupt verfĂŒgbar) auf Ă€hnlich ungeklĂ€rten Mechanismen beruhen wie die Symptome selbst und 3) eine solide Diagnose sich meist erst in einem fortgeschrittenen Lebensalter stellen lĂ€sst, also nachdem der Patient bereits vielen UmwelteinflĂŒssen ausgesetzt war, die allesamt im Prinzip als Auslöser der Erkrankung in Frage kommen. Daher begegnen wir in der populĂ€ren Berichterstattung –aber auch in der Fachliteratur (!)– immer wieder der Verwechslung von Korrelation und Kausation. In meinem Vortrag werde ich kurz auf die Struktur dieses weitverbreiteten logischen Denkfehlers eingehen und dann ein Beispiel aus meiner eigenen Forschung geben, welches geholfen hat, einen solchen Fehlschluss aufzudecken. Ich werde dann meine eigene Forschung verlassen und drei „pseudokausale“ VerknĂŒpfungen aus der öffentlichen Diskussion erlĂ€utern, die mir aufgefallen sind: Den Zusammenhang zwischen Cannabis-Konsum und Schizophrenie, zwischen Geschlechtsdysphorie/Geschlechtsinkongruenz und erhöhter SuizidalitĂ€t und zwischen Social-Media-Nutzung und der mentalen Gesundheit von Teenagern. Diese sehr unterschiedlichen, immer auch ideologisch gefĂ€rbten Themen haben gemeinsam, dass sie hochkontrovers diskutiert werden. Vom Ausgang dieser Debatten hĂ€ngen nicht nur die Wahl medizinischer Behandlungen (oft mit dramatischen Folgen fĂŒr die Gesundheit der Betroffenen), sondern zunehmend auch politische und gesetzgeberische Entscheidungen ab. Diese Gemengelage erfordert ein erhöhtes Maß an Skepsis und den unbestechlichen Blick der RationalitĂ€t, und mein Vortrag auf der SkepKon 2026 soll dazu beitragen.