Axel Ebert

[Foto: Thomas Wozak]
Axel Ebert ist Psychologe, seit ĂŒber 25 Jahren Trainer, Vortragender, Kommunikations-Berater und Co-Autor von âBullshit Bustersâ ĂŒber 21 aktuelle IrrtĂŒmer und Mythen.
KI im Diskurs: Fakten, Emotionen und Werte mit kĂŒnstlicher Intelligenz abbilden und entwirren
Was können Werkzeuge wie die Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) und das Wertequadrat in heiklen Diskussionen leisten? Und wie kann die KI dabei helfen?
Auch reflektierte Menschen neigen dazu, in ihren Urteilen Fakten, Werte, unbewusste Vorannahmen und Emotionen zu vermischen. Die Multi-Criteria Decision Analysis (MCDA) bietet einen strukturierten Ansatz, um Entscheidungskriterien transparent zu modellieren. ErgÀnzend hilft das Wertequadrat nach Schulz von Thun dabei, die Perspektiven verschiedener Standpunkte ausgewogen zu erfassen und darzustellen.
KĂŒnstliche Intelligenz kann bei diesem Prozess bemerkenswerte UnterstĂŒtzung leisten â etwa durch frei zugĂ€ngliche Online-Werkzeuge wie ChatGPT, Claude oder perplexity.ai. Am Beispiel aktueller Debatten, wie der Gender-Thematik, beleuchtet der Vortrag die Möglichkeiten und Grenzen KI-gestĂŒtzter Modellierung fĂŒr einen rationalen Diskurs.
Zwar behĂ€lt das Sprichwort “A fool with a tool is still a fool” seine GĂŒltigkeit, da man sich auf KI-generierte Schlussfolgerungen (noch) nicht blind verlassen kann. Dennoch: Gezielt eingesetzt kann KĂŒnstliche Intelligenz die Problemmodellierung wertvoll unterstĂŒtzen. In diesem Sinne freue ich mich, wenn nach dem Vortrag jemand feststellt: “A fool with a tool who’s willing to learn, can make a better turn”.
Gendersprache – eine nĂŒchterne Einordnung (2023)
Die Polarisierung rund ums Gendern ist prototypisch fĂŒr aktuelle Gesellschaftsdiskussionen im Spannungsfeld von gewĂŒnschter Inklusion und medialer “Erregungsbewirtschaftung”. FĂŒr einen klaren Blick auf das Thema hilft es zwei Sachverhalte zu trennen: Welche Effekte kann gendern haben? Wie wollen wir als Gesellschaft mit solchen Entwicklungen umgehen?
Antworten auf die Frage, was Gendern bringt, werden oft mit Pro- und Kontra-Studien ĂŒber die aktuelle Wirkung des Genderns versehen – so, als gelte es ĂŒber die Wirkungsweise eines Medikamentes zu entscheiden. Die Sozialontologie und John Searles Sprechakttheorie ermöglichen einen erhellenden Blick auf solche beobachterrelativen Sprach-PhĂ€nomene. Mit konkreten Textbeispielen wird dabei das Potenzial unterschiedlicher Gendermöglichkeiten gezeigt.
Doch die Frage nach einem sinnvollen Gesellschaftsdiskurs zeigt, wie schwierig dies im meinungsverminten Umfeld ist. Schnelle Lagerbildung, stereotype Feindbilder und die mediale Eskalationsdynamik geben wenig Spielraum fĂŒr differenzierte Entwicklung. Der Vortrag ist ein PlĂ€doyer fĂŒr eine gesellschaftliche Entwicklungslust mit wohlwollenden InterpretationsspielrĂ€umen – auf allen Seiten.
Wissen Sie dann nach dem Vortrag, ob Gendern cool oder blöd ist? Vielleicht nicht. Aber am Beispiel des Genderns wird gezeigt, welches konfliktlösende Potenzial der pragmatisch-analytische Blick auf ein PhÀnomen haben kann, welche Rolle empirische Forschung in der politischen Willensbildung spielen sollte und mit welchem Mindset konstruktive Entwicklungen möglich sind.
Warum halten sich Pseudo-ErklÀrungen so hartnÀckig? Von Cargo-Kulten, verallgemeinerten Placebos und dem RationalitÀts-Quotienten (2019)
Unrealistische Wissenschafts-Analogien, wie z.B. das postulierte Quantenfeld in der systemischen Aufstellung, lassen sich als Cargo-Kult darstellen, als naive Simulation. Doch so bildstark die Cargo-Kult-Analogie auch ist, sie erklĂ€rt nicht, warum sich viele Pseudotheorien so lange halten. MĂŒssten wirkungslose Theorien nicht rasch verschwinden?
Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht, dass die emotionale NĂŒtzlichkeitswahrnehmung zentral fĂŒr den Erfolg von Pseudo-ErklĂ€rungen ist. Der angstlindernde Regentanz des frĂŒhzeitlichen Schamanen bot die hoffnungsstiftende Kontrollillusion (Consulting 1.0), die die GlĂ€ubigen ausharren lieĂ, bis es endlich regnete. Zwar lösten vor ca. 5.000 Jahren BewĂ€sserungssysteme das DĂŒrreproblem besser (Consulting 2.0). Doch gegenĂŒber dem Wasserbau-Ingenieur, der ânurâ das nĂŒchterne Problem löste, beeindruckte der Schamane mit der weiter reichenden, emotionalen ErklĂ€rung ĂŒber die VerĂ€rgerung der Götter.
Solche Effekte glaubensbasierter Handlungen wurden bereits 1979 vom Anthropologen L. Tiger als âverallgemeinertes Placeboâ beschrieben. Die psychologische Forschung der letzten Jahrzehnte hat eindrucksvoll gezeigt, wie unser Gehirn dieses Placebo-Denken begĂŒnstigt â mit serienmĂ€Ăig eingebauten Verzerrungen wie overconfidence-, hindsight-, belief- und self-righteous-bias. Dieser Hang zu gefĂŒhlten Wahrheiten (Truthiness) ist Teil unseres Menschheitserfolgs â aber auch unserer Tragik: verallgemeinerte Nocebos wie aggressive Nationalismen, angsterhaltende Glaubenssysteme, Wissenschaftsignoranz und andere RealitĂ€tsverzerrungen.
Sind wir Menschen nicht intelligent genug, um Truthiness zu enttarnen? Keith E. Stanovich sieht das anders. Er entwickelte mit dem RQ (RationalitĂ€ts-Quotienten) ein vielversprechendes Konzept: Kritisches Denken ist nicht direkt an Intelligenz gebunden und kann erlernt werden. Schnelle Intention und langsames analytisches Denken â beides hat SchwĂ€chen, denen wir gezielt aus dem Weg gehen können, und StĂ€rken, die wir gezielt einsetzen können. Beispiele dazu im Vortrag.


