Doch wenig später brach die Panther-Panik von neuem aus: Zuerst im niederbayerischen Landkreis Landau/Isar, dann in Parsberg in der Oberpfalz. Zwei Angler behaupteten, am Ufer der Laaber streune eine große schwarze Katze herum. Im bayerischen Deggendorf wollten im Frühjahr 1993 ebenfalls zahlreiche Menschen einen Panther gesehen haben. Viermal ordnete die Polizei Treibjagden an. Alle waren vergeblich. Im vergangenen Sommer spürten die Behörden einem Panther bei Bad Camberg in Hessen nach. „Panther fressen keine Hessen“, amüsierten sich die örtlichen Medien über die ergebnislose Aktion.
Natürlich reißen hin und wieder tatsächlich exotische Tiere aus Gehegen oder zoologischen Gärten aus. Doch in der Regel werden solche realen Geschöpfe schnell entdeckt, von Tierfängern oder der Polizei gestellt und getötet oder eingefangen. Jüngstes Beispiel: Der Tiger „Sahib“, der im Dezember 2000 beim Zirkus Sarrasani ausbüxte und einen Tag lang quer durch Wiesbaden flüchtete – ehe er mit einem Betäubungsgewehr außer Gefecht gesetzt werden konnte. Reichlich Stoff für ein Stück à la „Menschen, Tiere, Sensationen im Großstadtdschungel“ lieferten auch Brillenkaiman „Sammy“ und Känguru „Manni“, das 1998 dem Zoo von Bad Pyrmont den Rücken kehrte und am Ende von einem Zug überfahren wurde.
Bemerkenswert: Auch während „Mannis“ kurzer Exkursion gab es zahlreiche Phantom-Sichtungen. Mal wurde der graue Hüpfer beim Rübenfrühstück in Hameln beobachtet – und gleichzeitig 160 Kilometer weiter nördlich in einem Maisfeld bei Stade. Diese Tatsache weist womöglich auch einen neuen Weg zur Erhellung der Panther-Epidemie in Deutschland. Beziehungsweise zu jenen katzenähnlichen Wesen, die von Skeptikern als „fliegende Untertassen der Tierwelt“ bezeichnet werden.
Ein Panther jagender Polizist aus dem Dorf Fürth im Kreis Bergstraße lässt sich vorsichtig ein, dass „nicht alles, was zuverlässige Zeugen sehen“, Realität sein müsse. Wahrnehmungspsychologen haben längst herausgefunden, dass unser Gehirn eine Art „Glaubensmaschine“ ist – die uns hilft, Dinge vorzufinden, von denen wir glauben, dass wir sie vorfinden werden. Selbst wenn es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt. „Irgendwo da draußen“, folgert Mythen-Fachmann Magin, „im dunklen Wald, packt manchen die Angst vor der Begegnung mit einer Natur, die noch nicht vollkommen unterworfen erscheint, vor einer Wildnis, in der viele ohne die Errungenschaften der Zivilisation nicht überleben könnten. Und hin und wieder faucht diese feindliche Natur aus dem Gebüsch, wie sie schon vor 500 Jahren unsere Vorfahren bedroht hat. Wo sie Werwölfe sahen, sehen wir heute exotische Raubkatzen. Ein Stück der in Zoos gebändigten Natur, das uns wieder entglitten ist.“
Dieser Artikel erschien im “Skeptiker”, Ausgabe 2/2001.