Prognosencheck 2005
Michael Kunkel
Michael Kunkel
2005 wurden ca. 110 Prognosetexte von 27 namentlich bekannten Auguren ausgewertet – dazu kommen noch etwa 20 Prognosetexte von kommerziellen Astrologieseiten, die nicht namentlich signiert sind. Die Zahl ist wie in jedem Jahr nur ungefähr zu nennen, da sich hinter manchen Prognosetexten mehrere, nicht immer exakt trennbare Einzelprognosen verbergen. Die Prognosen stammen überwiegend aus dem Internet (etwa die Hälfte), aus Zeitungen und Zeitschriften und aus Büchern (z. B. „Nostradamus 2005“ von Manfred Dimde).
Einige Prognosen sind klar und deutlich formuliert und damit gut auswertbar, z. B. die beiden folgenden:
Windsor – Prinz Philipp, Prognose: Tod, Zeitpunkt: um den 05. oder 07.07.2005 herum (Monika Transier auf www.monika-transier.de)
Cannabis wird bis 2007 legalisiert (Patricia Bahrani, Quickborner Tagelatt, 2.8.2005)
Die überwiegende Mehrzahl der Prognosen ist jedoch eher schwammig und mehrdeutig formuliert. Bestimmte Autoren sind geradezu berühmt für ihren verklausulierten Stil, der Nostradamus mit seinen kryptischen Prophezeiungen vor Neid erblassen ließe. Beispiele hierfür:
Im GEB-Jahr-2005 wird Dezember wohl aus der Rolle fallen- Vorweihnachtsstress wird es wohl nicht geben – dafür viel Bemühen um Familienkontakte- die jene Suchen, die Angst haben vor der allgemeinen Tätigkeitswelle in ihrem Umfeld, die jene suchen, die zu den Tätigen gehören, und sich nach Mitstreitern umsehen.[…]
Astrologisch gesehen endet das GEB-Jahr-2005 mit einem Single-out- und mit Verständigungsbewegungen der Menschen in Spanien, im Iran, in Ungarn und allgemein in der Islamischen Welt. (Edeltraud Lukas Möller auf www.astrologia-esoterica.it)
Uranus’ Rückläufigkeit (15.6. – 16.11.) betrifft das Unabhängigkeitsstreben der Völker, neue Technologien Stromversorgung, Luft- und Raumfahrt. Hier kann es zu Verzögerungen und unerwarteten Zwischenfällen kommen. (Martin Banger auf www.rainbow-spirit-festival.de)
Viele Prognosen, die im Laufe des Jahres aufgestellt wurden, beschäftigten sich mit der Bundestagswahl. Zum Jahresbeginn war diese Prognose – im Gegensatz zu den Vorjahren – kaum zu finden; so entging den Auguren ein durchaus überraschender Treffer. Nachdem die Neuwahlen angekündigt waren, wurden alle nur erdenklichen politischen Konstellationen vorausgesagt (mehr dazu in der Pressemeldung auf S. 2).
Andere Schwerpunkte ließen sich nicht beobachten. Nimmt man die Prognosen als Indikator, so scheint die Terrorgefahr abzunehmen: Im Gegensatz zu den letzten Jahren gab es kaum noch entsprechende Prognosen. Dafür wurden von mehreren Astrologen und Wahrsagern Volksaufstände und „öffentliche Unruhen“ für eine ganze Reihe von Ländern vorausgesagt.
Über zwei Klassiker, Naturkatastrophen und Anschläge auf US-Präsidenten, waren auch in diesem Jahr wieder einige Mutmaßungen zu lesen. Insgesamt war aber festzustellen, dass sich die Prognostiker in diesem Jahr stark zurückhielten oder nur sehr allgemeine Texte veröffentlichten.
Folgende Treffer können vermerkt werden:
1. Die große Koalition wurde vorausgesehen (von mehreren Astrologen) – ebenso wie so ziemlich jede andere politische Konstellation. Da es beim Thema Bundestagswahl nur eine verhältnismäßig kleine Menge von möglichen Ergebnissen gibt, ist es jedoch nicht überraschend, dass der eine oder andere bei der Prognose der zukünftigen Koalition richtig liegt. Zieht man außerdem in Betracht, dass manche Prognose erst wenige Tage vor der Bundestagswahl entstand, dann sind diese Treffer kein überzeugender Beleg für eine prophetische Gabe.
2. Der Numerologe Arndt Aschenbeck hatte im Spiegel den 1:0 Sieg von Schalke gegen Bayern im Frühjahr vorausgesagt – allerdings war dieses 1:0 nur in der Überschrift so klar formuliert. Im folgenden Interview wollte er auch ein 1:1 nicht ausschließen und legte sich am Ende nur darauf fest, dass Bayern nicht gewinnen werde:
Mein konkreter Tipp ist ein 1:0 für Schalke. Auch ein 1:1 wäre denkbar, aber die Zahlen sprechen auf jeden Fall nicht für einen Sieg des FC Bayern
(zitiert im „Spiegel“ vom 11.3.2005)
Hier gilt dasselbe wie bei den Prognosen zur Bundestagswahl: Die üblichen Ergebnisse bei einer Fusballpartie sind übersichtlich. Das 1:0 war also richtig. Um uns die Numerologe als verlässliche Tipphilfe beim Fußball schmackhaft zu machen, müsste Herr Aschenbeck aber eine längere Serie von Treffern erzielen, und ob er weitere Prognosen erstellt hat, ist nicht bekannt.
3. Unter den Staaten, für die Rosalinde Haller für das Jahr 2005 „öffentliche Unruhen“ oder ähnliches vorhergesagt hatte, befand sich auch Frankreich. Ein Treffer? Ja, aber dieselbe Autorin hatte in den letzten Jahren reihenweise Fehlprognosen abgegeben. Auch bei Vorhersagen nach dem Schrotschussprinzip ist einmal ein Treffer zu erwarten. Hinzu kommt, dass diese Prognose geographisch denkbar weit gestreut und zeitlich nicht festgelegt war:
Frankreich: Die Volksseele grollt. Gärende Zustände. Demonstrationen.
Südamerika: Argentinien, Chile, Columbien und Nachbarstaaten. (Brasilien nicht so stark betroffen) Wirtschaftliche Probleme, Umbrüche, unruhige Zeiten, materielle Brüche. Der Volkszorn regt sich.
Hongkong: Unsicherheit und Unruhe, Umstellungen. Es “gärt.”
Indonesien: Wirtschaftlich unzufrieden, Menschen wehren sich
(https://web.utanet.at/rosaliny/hellsehen/prophezeiungen_2005.htm)
Im Grunde hatte Frau Haller also vorhergesagt, dass es irgendwann im Jahre 2005 in Frankreich, Südamerika, Hongkong oder Indonesien auf die ein oder andere Art „gären“ würde – ist das Eintreffen einer solchen Vorhersage spektakulär?
Außer den allgemeinen Vorhersagen wie etwa zu Naturkatastrophen sind Vorhersagen zu bestimmten Personen und Ereignissen bei der Seherzunft beliebt – hiermit ist die Aufmerksamkeit der Boulevardpresse gesichert. Von erfolgreichen Vorhersagen kann allerdings kaum die Rede sein.
Papst Johannes Paul II. starb am 2. April 2005. Sein Tod war in den letzten Jahren zwar kaum noch Thema der Auguren, die Nachricht über seine schwere Krankheit rief aber auch wieder Astrologen auf den Plan. Während sich die meisten pietätvoll zurückhielten und lediglich astrologische Analysen seiner Persönlichkeit diskutierten, hatte der Astrologe Martin Schmid Ende Februar den Tod des Papstes für Frühsommer bzw. Ende April oder Anfang Mai vorausgesagt. Zu diesem Zeitpunkt war Johannes Paul II. zum wiederholten Mal in eine Klinik eingewiesen worden und konnte bereits nicht mehr sprechen. Für eine Prognose zur weiteren gesundheitlichen Entwicklung waren also keine seherischen Gaben notwendig.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die betreffende Vorhersage zunächst mit korrektem Datum auf der Homepage von Martin Schmid stand:

Nach dem Tod des Papstes wertet Schmid seine Vorhersage als Treffer:

Allerdings hat sich das Datum seiner Originalvorhersage zu einem früheren Zeitpunkt verschoben. Das ist, als träfe man eine Zielscheibe mit Pfeil und Bogen aus kurzer Distanz und ginge für das Foto („Treffer!)“ 100 Meter zurück. Für uns also: Nicht beeindruckend.
Nimmt man die vielen Prognosen zum Papst aus den letzten 25 Jahren, dann zeigen sie das Scheitern der Prognosezunft deutlich. Nach dem Attentat auf Johannes Paul II. im Jahre 1981 gehörten Prognosen vom Tod des Papstes (oder zumindest einem Attentat auf ihn) jahrelang zum Standardrepertoire vieler Seher.
Bei den Naturkatastrophen wurden wie immer im Nachhinein Treffer in allgemeine Prognosen hineindefiniert. Da aber die Prognosen außer vagen räumlichen Zuordnungen („in Asien“) keinerlei nähere Daten enthielten und es außerdem auf der Welt täglich Erdbeben gibt, sind solche Prognosen auch durch reines Raten erreichbar. Ganz aktuell gab es beispielsweise am 13. Dezember 2005 auf den Fiji-Inseln ein heftiges Beben der Stärke 6,2 – und das war nur eines von weltweit 28 registrierten Erdbeben an diesem Tag. Wenn ich umgekehrt voraussage
…die Erde wird beben … zwischen dem 14. und 20. Dezember 2005 … in Griechenland oder der Türkei…
(denken Sie sich bitte einige schwammige Formulierungen hinzu, Astrologen und Wahrsager würden selten so konkret formulieren), werde ich höchstwahrscheinlich einen Treffer erzielen, denn allein am 13. Dezember gab es in dieser Region 16 Erdbeben unterschiedlicher Stärke. Dieses Beispiel illustriert wieder einmal zwei goldene Regeln für erfolgreiche Prophezeiungen:
In den Vorjahren war der „Regierungswechsel“ eine Standardprognose. Für 2005 wiesen die Vorher-Seher höchstens mal darauf hin, dass sich Angela Merkel zur Kanzlerkandidatin qualifizieren könnte. Das Novum der deutschen Politik – eine Kanzlerin – schien hingegen nur sehr kleine Schatten auf Tarot-Karten und astrologische Charts geworfen zu haben.
Generell kann man sagen, dass die Astrologen und Wahrsager zwar im Nachhinein immer wieder behaupten, dass sie das eine oder andere Ereignis vorausgesagt hätten, schaut man sich die Originalprognosen genau an, dann sieht es jedoch ganz anders aus und bisweilen sind solche „Trefferselbstzuschreibungen“ eher makaber und zynisch.
Besondere Erwähnung verdient z.B. die folgende Vorhersage:
Wahrsager: “”Kim Jong Il wird sich in Condoleezza Rice verlieben
Hongkong (AFP) – Sollten sich die Vorhersagen der wichtigsten Feng-Shui-Meister in Hongkong als richtig erweisen, steht der neuen US-Außenministerin Condoleezza Rice ein turbulentes Jahr bevor: Laut den Top-Wahrsagern der Stadt wird sich der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Il im kommenden chinesischen Jahr des Hahns in die 50-Jährige verlieben. […] Rice werde Kim ermuntern, sein Land für Touristen zu öffnen und den Besuchern den Bau einer Atombombe zu erklären. Selbst den weltweit gesuchten Terrorchef Osama bin Laden werde das Traumpaar aufspüren.
(von yahoo.de)
Oder Edeltraud Lukas Möller und ihre Prognose zu Angela Merkel:
Jedenfalls: Die Bundestagswahl-2005 kann die CDU mit Frau Merkel-Kanzlerkandidatin höchstens dann gewinnen, wenn sie im November-2005 stattfindet.
Ja, ja, nichts scheint heute, am 07.06.05, unwahrscheinlicher, als eine CDU-Niederlage bei der kommenden Bundestagswahl – zumal alle Medienstrategen der Überzeugung sind, dass die SPD gar nicht wiedergewählt werden will. Um Himmelswillen! Wir können also davon ausgehen, astrologisch gesehen, dass – da die CDU praktisch die Bundestagswahl gewinnen muss … Wahlen im September-2005 oder Oktober-2005 jemand anderem aus CDU-CSU-Kreisen als der Frau Merkel den Posten eines Bundeskanzlers bescheren werden…. Bei Wahlen im November-2005 sieht das anders aus: […]
Und später noch mal:
Bei Wahlen im September-2005 kann Angela Merkel den Kanzlerposten nicht ergattern“
(von www.lukasmoeller.com)
Inzwischen behauptet Frau Möller übrigens, sie habe alles richtig vorausgesagt und andere Astrologen deuten den eigentlich erstaunlich eindeutigen Text nun um. Tatsächlich wurde sie ja im November zur Kanzlerin gewählt – vom Bundestag.
Zur dritten für uns bemerkenswerten Prophezeiung zitieren wir aus einer Meldung des „Spiegel“ vom 20.Oktober 2005:
Enttäuschung in Indien
Astrologe sagt eigenen Tod voraus – und lebt
[…]
Bhopal – Hunderte Schaulustige hatten sich in dem kleinen Ort südlich der Stadt Bhopal versammelt, um zu sehen, ob Kunjilal Malviyas Ankündigung tatsächlich wahr würde. Der 75-Jährige sollte heute Nachmittag nach eigener Vorhersage eines natürlichen Todes sterben. Polizeiangaben zufolge war er aber noch Stunden später wohlauf.
Bei anderen Prophezeiungen habe der Mann angeblich bislang nie falsch gelegen. Familienmitglieder versuchten sich in Erklärungen: Dieses Mal habe die Voraussage nicht in Erfüllung gehen können, weil viele der Zuschauer für sein Leben gebetet hätten. Für einen Selbstmord fehlte Malviya wiederum die Gelegenheit – die Polizei ließ sein Haus überwachen, in das er sich vor dem angekündigten Todeszeitpunkt zwischen 15 und 17 Uhr Ortszeit zum Meditieren zurückgezogen hatte.“

30 Jahre dem UFO-Phänomen auf der Spur