Nikil: Dein Großonkel Hans Jüttner ist die rätselhafteste Figur Deines Buches: Er war ein hochrangiger SS-Funktionär. In Deinem Buch findet sich ein Foto, auf dem er Hitler die Hand schüttelt. Zugleich war er in der Erinnerung Deiner Mutter “ein grundehrlicher und anständiger Mensch” und “ein sehr lieber Onkel und Großonkel”. Du hast ihn persönlich gekannt. Was hast Du in ihm gesehen? Wie hat sich Dein Blick auf ihn verändert? Gibt es konkrete Begegnungen, Szenen, Gespräche, die Dir heute anders erscheinen als damals?
Edzard: Im Buch finden sich auch Fotos von ihm und mir. Da sieht man, dass ich damals nur ein kleiner Knirps war. Meine Erinnerung an ihn ist dennoch recht deutlich. Aus der Sicht des Knirpses war er ein gütiger, alter Onkel, genau wie meine Mutter ihn beschreibt. Dass sich hinter diesem Bild so viel Abgründiges verbarg, ist mir heute im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich.
Nikil: Deine Mutter hat sich bis zuletzt geweigert, an Hans’ Unschuld zu zweifeln. Du schreibst, sie habe „ein Leben lang an das Gute im Menschen geglaubt“. Wie bewertet man diesen Charakterzug? Ist das etwas, das Du als Sohn verstehst und als Mensch akzeptieren kannst, oder handelt es sich dabei um moralisches Versagen?
Edzard: Eine interessante Frage. Es gab Zeiten, in denen mich das eher irritiert hat. Nun ist meine Mutter seit vielen Jahren nicht mehr unter uns. Ich wünschte, ich könnte mich jetzt einmal mit ihr darüber unterhalten. Da das nicht möglich ist, sehe ich heute ihren Charakterzug sehr viel positiver. Um ehrlich zu sein, bewundere ich ihre Fähigkeit, an das Gute im Menschen zu glauben, und wünschte, ich hätte mehr davon geerbt.
Nikil: Im Buch schilderst Du eine eindringliche Szene: Marga, die sterbende Frau von Hans, warnt Erika 1943 vor dem Nationalsozialismus und fragt sinngemäß, ob sie zusehen wolle, wie Hans „aufgehängt oder totgeschossen“ werde. Das war eine sehr klare Warnung aus dem engsten Umfeld. Hat Deine Mutter diese Episode später noch einmal aufgegriffen – oder musste das Vergessen dieser Warnung gerade Teil der Schutzkonstruktion sein?
Edzard: Erika hat oft von Marga gesprochen und sie sicherlich sehr verehrt. Ich nehme an, Magras Worte waren für sie ein Wendepunkt, um das NS-Regime von nun an kritischer zu sehen. Nach dem Krieg, als sich unsere Familie selbst vormachen musste, dass Hans unschuldig war, passte Margas Warnung nicht mehr ganz ins Konzept. Erika zitiert sie dennoch in ihrem Memoire. Für mich zeigt dies lediglich, dass das Konzept eines unschuldigen Generals der Waffen-SS in sich nicht schlüssig sein kann.