Ein Skeptiker blickt in die Abgründe der Vergangenheit
Edzard Ernst über seine Mutter, einen SS-General in der Familie und die drohende Rückkehr des Faschismus heute
Ein Gespräch zwischen Edzard Ernst und Nikil Mukerji
Edzard Ernst über seine Mutter, einen SS-General in der Familie und die drohende Rückkehr des Faschismus heute
Ein Gespräch zwischen Edzard Ernst und Nikil Mukerji
Edzard Ernst
Ein Fräulein aus gutem Hause
Im Schatten des Dritten Reichs
JMB-Verlag 2026, 79 Seiten, ISBN 978-3-95945-027-0
Nikil: Edzard, in der Einleitung zu Deinem neuen Buch schreibst Du, wie Du Dich entschieden hast, Ein Fräulein aus gutem Hause zu schreiben. Kannst Du noch einmal schildern, wie Du Dich entschlossen hast, dieses sehr persönliche Buch zu schreiben – und nicht, wie in Deinen früheren Arbeiten zur NS-Medizin, ein wissenschaftliches?
Edzard: Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, mich von Deutschland und damit auch von meiner eigenen Familie zu entfernen. Meine Mutter habe ich geliebt und verehrt, aber kurz nach ihrem Tod zog ich nach Wien und vier Jahre später nach England, wo ich dann auch die britische Staatsbürgerschaft annahm. Ich empfand dann immer weniger Bindung an Deutschland, was sicher auch damit zu tun hatte, dass sich ein Teil meiner Forschung mit dem Dritten Reich beschäftigte.
Aber dann kam der Brexit, der mir total gegen den Strich ging. Ich musste feststellen, dass ich meine deutsche Staatsbürgerschaft verloren hatte und beantragte sie erneut – wie sich herausstellte, ein langwieriger Prozess. Das war für mich nicht primär ein Bekenntnis zum Deutschtum, sondern der Ausdruck dafür, dass ich mich durch und durch als Europäer fühlte.
Mit entscheidend war auch, dass mir meine Mutter ein Memoire hinterlassen hatte, das mir vor etwa zwei Jahren wieder in die Hände fiel. Als ich es erneut lass, wurde mir bewusst, dass ihre Geschichte weitreichende Bedeutung haben könnte, besonders angesichts des Auflebens rechten Gedankengutes in Deutschland und auch andernorts.
Danach zögerte ich viele Monate lang; mir war klar, dass es nicht leicht sein würde, ein Buch über die eigene Familie zu publizieren. Schließlich stellte ich meine Bedenken hinten an und begann zu schreiben.
Nikil: Du nennst im Schlusskapitel ausdrücklich die weltweite Rückkehr faschistischen Gedankenguts als Motiv. Welchen Beitrag kann hier die Geschichte einer zunächst skeptischen, dann angepassten, schließlich ernüchterten jungen Frau leisten, um heute zu warnen? Du bist ein Mann der Wissenschaft, der die Aussagekraft von Erzählungen und Einzelfällen immer angezweifelt hat. Warum also eine Familiengeschichte statt einer wissenschaftlichen Analyse?
Edzard: Der Lebensweg meiner Mutter, ihre Entwicklung, Gedanken und Taten sollen zeigen, wie leicht es selbst für einen durch und durch guten Menschen sein kann, in den Sog faschistoider Ideen hineingezogen zu werden und mit dem jeweiligen Umfeld mitzumachen. Sie zeigen zugleich, wie dann ein Phänomen – Psychologen nennen es willentliche Unwissenheit – in Kraft tritt. Dieser Schutzmechanismus ermöglichte es Millionen Deutschen, belastende Informationen aktiv zu meiden, um sich vor Scham, Schuld und der Infragestellung der eigenen Haltung zu schützen. Es geht dabei nicht einfach um Unwissenheit, sondern vielmehr um ein aktives Nichtwissen-Wollen.
Als Mann der Wissenschaft kenne ich dieses Phänomen und daher weiß ich auch nur zu gut, dass wissenschaftliche Analysen an ihre Grenzen stoßen können. Denn nichts überzeugt hautnaher als das tatsächlich Erlebte.
Hier sollte ich vielleicht einräumen, dass mein Buch zwar eine Familiengeschichte erzählt, dass es aber gleichzeitig von zahllosen historischen und zum Teil kaum bekannten Details berichtet. Die persönliche Story sollte dabei den roten Faden liefern, anhand dessen viele Aspekte der deutschen Geschichte kritisch aufgerollt werden.
Willentliche Unwissenheit meint nicht bloß einen Mangel an Wissen, sondern das aktive Meiden leicht verfügbarer Informationen, wenn diese moralisch unangenehm werden könnten. Eine Metaanalyse von Linh Vu et al. (2023) zeigt, dass viele Menschen belastende Informationen gezielt nicht wissen wollen: In den ausgewerteten Experimenten vermieden rund 40 Prozent der Teilnehmer solche Informationen; zugleich sank unter willentlicher Unwissenheit die Bereitschaft zu altruistischem Verhalten deutlich. Die Autoren deuten dies als vereinbar mit excuse-seeking, also dem Ausweichen vor Einsichten, die das eigene moralische Selbstbild belasten könnten.
Nikil: Der Titel nennt Deine Mutter nicht beim Namen, sondern beschreibt sie als Typus: Ein Fräulein aus gutem Hause. Damit rückst Du Erika in eine Reihe mit Millionen anderer Deutscher ihrer Generation. War es für Dich leichter oder schwerer, über sie zu schreiben, nachdem Du diese Perspektive eingenommen hattest?
Edzard: Der Buchtitel stand bereits fest, lange bevor ich auch nur die erste Zeile geschrieben hatte. Es war mir wichtig, von Anfang an klarzustellen, dass die Akteure dieses Dramas ganz normale Menschen waren und dass somit die Vorkommnisse nichts Außergewöhnliches sind. Dergleichen hat sich in Deutschland in der einen oder anderen Weise tausendfach zugetragen. Ich hoffe, dass dies die Bedeutung meines Buchs nicht schmälert, sondern erhöht.
Nikil: Dein Großvater Hugo „Tillie“ Tillwichs war ein bekennender Pazifist, der sich selbst als Schuldirektor weigerte, der NSDAP beizutreten. Erika wuchs also mit einer klar antinationalsozialistischen Prägung auf. Wie erklärst Du, dass sie sich dennoch – zumindest zeitweise – von ihren Onkeln Hans und Erich überzeugen ließ, „Deutschland sei auf dem richtigen Weg“?
Edzard: Ich glaube, dass ihr Tillie eine gesunde Basis mitgegeben hat, auf die sie ja auch später zurückgreifen konnte. Aber daneben gab es externe Einflüsse, die zumindest zeitweise mächtiger waren; und die kamen wohl nicht nur von den beiden Onkeln. Schließlich befand sich ganz Deutschland in einem Art Hitler-Wahn. Wie kann sich da eine junge, unerfahrene Frau dem allen völlig entziehen?
Nikil: Dein Großonkel Hans Jüttner ist die rätselhafteste Figur Deines Buches: Er war ein hochrangiger SS-Funktionär. In Deinem Buch findet sich ein Foto, auf dem er Hitler die Hand schüttelt. Zugleich war er in der Erinnerung Deiner Mutter “ein grundehrlicher und anständiger Mensch” und “ein sehr lieber Onkel und Großonkel”. Du hast ihn persönlich gekannt. Was hast Du in ihm gesehen? Wie hat sich Dein Blick auf ihn verändert? Gibt es konkrete Begegnungen, Szenen, Gespräche, die Dir heute anders erscheinen als damals?
Edzard: Im Buch finden sich auch Fotos von ihm und mir. Da sieht man, dass ich damals nur ein kleiner Knirps war. Meine Erinnerung an ihn ist dennoch recht deutlich. Aus der Sicht des Knirpses war er ein gütiger, alter Onkel, genau wie meine Mutter ihn beschreibt. Dass sich hinter diesem Bild so viel Abgründiges verbarg, ist mir heute im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich.
Nikil: Deine Mutter hat sich bis zuletzt geweigert, an Hans’ Unschuld zu zweifeln. Du schreibst, sie habe „ein Leben lang an das Gute im Menschen geglaubt“. Wie bewertet man diesen Charakterzug? Ist das etwas, das Du als Sohn verstehst und als Mensch akzeptieren kannst, oder handelt es sich dabei um moralisches Versagen?
Edzard: Eine interessante Frage. Es gab Zeiten, in denen mich das eher irritiert hat. Nun ist meine Mutter seit vielen Jahren nicht mehr unter uns. Ich wünschte, ich könnte mich jetzt einmal mit ihr darüber unterhalten. Da das nicht möglich ist, sehe ich heute ihren Charakterzug sehr viel positiver. Um ehrlich zu sein, bewundere ich ihre Fähigkeit, an das Gute im Menschen zu glauben, und wünschte, ich hätte mehr davon geerbt.
Nikil: Im Buch schilderst Du eine eindringliche Szene: Marga, die sterbende Frau von Hans, warnt Erika 1943 vor dem Nationalsozialismus und fragt sinngemäß, ob sie zusehen wolle, wie Hans „aufgehängt oder totgeschossen“ werde. Das war eine sehr klare Warnung aus dem engsten Umfeld. Hat Deine Mutter diese Episode später noch einmal aufgegriffen – oder musste das Vergessen dieser Warnung gerade Teil der Schutzkonstruktion sein?
Edzard: Erika hat oft von Marga gesprochen und sie sicherlich sehr verehrt. Ich nehme an, Magras Worte waren für sie ein Wendepunkt, um das NS-Regime von nun an kritischer zu sehen. Nach dem Krieg, als sich unsere Familie selbst vormachen musste, dass Hans unschuldig war, passte Margas Warnung nicht mehr ganz ins Konzept. Erika zitiert sie dennoch in ihrem Memoire. Für mich zeigt dies lediglich, dass das Konzept eines unschuldigen Generals der Waffen-SS in sich nicht schlüssig sein kann.
Nikil: Dein Großonkel Hans wurde am 4. März 1948 im Rahmen seines Entnazifizierungsverfahrens zunächst als Hauptschuldiger eingestuft und zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Später wurde er freigesprochen. Kannst Du die Ereignisse rekonstruieren? Wie kam es zum Schuldspruch? Wie zum Freispruch? Und was sagt die heutige Geschichtsforschung zu alledem?
Edzard: Nein, im Berufungsverfahren von 1949 wurde er nicht freigesprochen, sondern zu 4 Jahren Haft verurteilt. Die wurden ihm als abgegolten angerechnet und er kam zu diesem Zeitpunkt auf freien Fuß.
Aus heutiger Sicht der Historiker waren selbst die initialen 10 Jahre zu milde. Er war zwar nur ein Schreibtischtäter, aber ein sehr entscheidender. Die noch deutlich mildere Strafe im Berufungsverfahren, entsprach wohl dem damaligen Zeitgeist und hat sich in hunderten ähnlichen Fällen wiederholt. Man wollte offensichtlich den Eindruck einer deutschen Kollektivschuld verringern und zudem selbst NS-Täter wieder in den Arbeitsmarkt integrieren. Viele von ihnen hatten, so die damalige Meinung, erhebliche Talente, und es war in Deutschland eine Art Arbeitswut ausgebrochen, die einerseits das Wirtschaftswunder hervorrief und es andererseits ermöglichte, von der beschämenden Vergangenheit abzulenken.
Hannah Arendt prägte 1963 in ihrem Bericht über den Eichmann-Prozess den Begriff der „Banalität des Bösen“: Eichmann sei kein fanatischer Sadist, sondern ein unscheinbarer Bürokrat gewesen, dessen Teilnahme am Massenmord weniger auf ideologischem Extremismus als auf Gedankenlosigkeit, Pflichtethos und Karriereorientierung beruhte. Der aus dieser Debatte erwachsene Begriff des Schreibtischtäters bezeichnet Funktionäre, die Verbrechen organisieren, verwalten und logistisch ermöglichen, ohne selbst zur Waffe zu greifen – und die ihre Verantwortung durch Verweis auf administrative Zuständigkeit zu entwerten suchen. Hans Jüttner ist ein Beispiel dieses Typus.
Nikil: Wie lange hast Du gebraucht, um Dich von der Familienerzählung zu lösen – und wann fiel Dir auf, dass Deine Mutter an einem Bild hing, das nicht zu halten war?
Edzard: Ich bin mir nicht sicher, dass ich mich völlig davon gelöst habe oder jemals lösen werde.
Nikil: Auf Hans’ Begräbnis hielt der NSDAP-Funktionär Karl Cerff unter Böllerschüssen eine Grabrede. Du schreibst, den Angehörigen „lief ein kalter Schauer über den Rücken“. Was ging damals in Dir vor? Was wusstest Du damals über den Grabredner?
Edzard: Soweit ich mich erinnere, waren meine Mutter und Großmutter ziemlich entsetzt. Ich war damals so um die 16 Jahre alt; mir erschien das alles etwas peinlich und recht bizarr. Wer die aus meiner damaligen Sicht eher lächerlichen Typen waren, die da stramm standen, wusste ich natürlich nicht, konnte aber ahnen, dass es Figuren waren, mit denen ich nichts zu tun haben wollte.
Nikil: Hans fungierte im Eichmann-Prozess als Zeuge der Anklage. Wie kam es dazu? Welche Rolle spielte seine Aussage? Und wie hast Du die damals im Fernsehen übertragenen Ereignisse miterlebt?
Edzard: Das ist eine etwas komplizierte Angelegenheit. Hans hatte kurz vor Kriegsende einen Transport von KZ-Häftlingen, die zur Zwangsarbeit verurteilt waren, zurückgeschickt. Danach hat er sich über die verheerenden Zustände offiziell beschwert, und es wurde ihm schriftlich mitgeteilt, dass dies nicht seine, sondern allein Eichmanns Zuständigkeit sei. Für den Prozess waren diese Aussage und ihr schriftlicher Beleg überaus bedeutend, da es Eichmanns Verteidigung widerlegte, er habe nur auf Befehl gehandelt. Es kann sogar bezweifelt werden, dass Eichmann ohne diese Dokumente zum Tode zu verurteilen gewesen wäre.
In diesem Zusammenhang ist interessant, dass Hans‘ angebliche moralische Entrüstung über den Transport seine ureigene Interpretation war, die ihm nach dem Krieg dann auch prompt eine milde Haftstrafe einbrachte. Heute sieht man das etwas anders und meint, dass seine Zurückweisung des Transportes eine kriegswichtige Entscheidung war, denn diese Todesmärsche verstopften unnötig die Straßen und behinderten die sich auf dem Rückzug befindende Wehrmacht.
Als ich damals den Eichmann-Prozess im Fernsehen sah, habe ich ehrlich gesagt wenig von alledem begriffen. Der bleibende Eindruck ist lediglich, wie nervös die ganze Familie die Sendungen verfolgte.
Nikil: Das Sanatoriumsgebäude in Bad Neuenahr, das Deine Eltern nach dem Krieg übernahmen, war das ehemalige „Sanatorium Dr. Rosenberg“ – arisiert, später formal zurückübertragen, dann gekauft. Dein Leben als Kind spielte sich dort ab – an einem Ort, der Juden gehörte, die von den Nazis ermordet wurden. Wann hast Du verstanden, was das für ein Ort ist?
Edzard: Den Rosenbergs gelang glücklicherweise die Flucht nach London und sie wurden keine Nazi-Opfer. Welche Vergangenheit das Haus hatte, war uns Kindern damals natürlich nicht bewusst.
Nikil: Bad Tölz beschreibst Du als „Wallfahrtsort für Alt-Nazis“. Deine Mutter baute dort ihr Lebenswerk auf, mit Nazi-Onkel Hans als stillem Teilhaber und einer versteckten HIAG-Filiale unter dem Dach des Familienunternehmens. Mit welchem Gefühl denkst Du heute an diesen Ort zurück?
Edzard: Der Gedanke an Hans und seine alten Kameraden verärgert und beschämt mich gleichermaßen. Hans hatte uns alle – und vielleicht sogar sich selbst – davon überzeugt, dass er schuldlos war, dass die Waffen-SS ein Teil der ganz normalen Wehrmacht gewesen und niemals an irgendwelchen Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war. Dass das nicht stimmte, liegt heute auf der Hand.
An meine Jugend in Tölz denke ich mit vielen positiven Gefühlen zurück. Schließlich habe ich dort Abitur gemacht und meine „Sturm-und-Drang“-Phase mit viel Musik und Gaudi durchlebt. Dass es da vor Alt-Nazis nur so wimmelte, hat uns gelegentlich amüsiert, aber unter die Haut ging uns das damals nicht.
Nikil: 1962 kam es zum Beinahe-Eklat: Die Versicherungsträger drohten, keine Patienten mehr zu schicken, weil Hans in Eurem Haus eine HIAG-Filiale betrieb. Deine Mutter löste die Partnerschaft auf und bezahlte ihn unter hohen Kreditkosten aus. War das für sie primär eine betriebswirtschaftliche Entscheidung – oder auch ein Moment, in dem sie etwas über Hans zur Kenntnis genommen hat, das sie sonst zu verdrängen suchte?
Edzard: Die Versicherungsträger wussten sicher nichts von Hans’ HIAG-Aktivitäten. Hans war von einem Patienten erkannt worden, und das war meines Wissens der einzige Grund für die Drohung. Erikas Entscheidung, die Partnerschaft dann aufzulösen, war wohl nicht allzu schwer, denn sie hatte gar keine andere Wahl. Als Unternehmerin hat sie da bestimmt alles andere hintenangestellt.
Nikil: Als Arzt und Wissenschaftler arbeitest Du seit Jahrzehnten evidenzbasiert und mit systematischer Skepsis. Dieses Buch scheint mir einen komplett anderen Ansatz zu verfolgen: Empathie für die eigene Mutter und zugleich Unnachgiebigkeit in der Sache. Ich kann mir vorstellen, dass das eine menschliche Zerreißprobe war. Die skeptische Community kennt Dich vor allem als herausragenden Wissenschaftler. Was lernt sie aus Deinem neuen Buch über den Menschen Edzard Ernst?
Edzard: Ja, Zerreißprobe ist eine gute Charakterisierung! Die skeptische Community sollte wissen, dass Klischees selten einen Menschen voll erfassen.
Nikil: Du zitierst Deine Mutter wiederholt aus ihrem Memoire – gerade bei den schlimmsten Episoden. „Sittliche Empörung nützte nichts.“ Diese Lakonie steht für sich. Hast Du versucht, den Ton Deiner Mutter zu übersetzen oder ihn bewusst neben Deine Ausführungen zu stellen?
Edzard: Ja, ich habe mich bemüht, sie in entscheidenden Momenten selbst zur Sprache kommen zu lassen. Daher habe ich sie auch stets wörtlich zitiert. Ich finde das genannte Zitat spiegelt ihre Hilflosigkeit angesichts der Ungeheuerlichkeiten des Dritten Reichs recht gut wider. Erika war damals eine junge Mutter, ihr Mann war als Arzt an der Front und sie hatte eine enorme Verantwortung allein zu tragen. Ihre Ratlosigkeit und Verlorenheit müssen unvorstellbar gewesen sein. Später als erfolgreiche, selbstbewusste Unternehmerin hätte sie vielleicht eingegriffen – wer weiß?
Nikil: Du warst jahrzehntelang der prominenteste Kritiker der Alternativmedizin. In den letzten Jahren veröffentlichst Du vor allem Bücher zur NS-Medizin – zu Hitlers Ärztinnen (Ernst 2025), zu österreichischen Medizinern (2026b), nun diese Familiengeschichte. Empfindest Du diesen Themenwechsel hin zu einer persönlichen Familiengeschichte als Bruch oder als Konsequenz? Gibt es hier eine versteckte Linie, die Du selbst zwischen Homöopathie-Kritik und NS-Medizin ziehen würdest?
Edzard: Vielleicht gibt es die tatsächlich: Der gemeinsame Nenner könnte die Aufrichtigkeit oder mein Streben nach Objektivität sein. Was wahr ist muss auch wahr bleiben und – falls wichtig genug – auch laut gesagt werden. Wie schon erwähnt, ich habe lange gezögert, ob dies auch so weit gehen darf, die eigene Familie kritisch zu beleuchten und das Produkt dann auch noch zu publizieren. Das Buch zeigt, wie meine Entscheidung dann ausfiel.
Nikil: Im Schlusskapitel schreibst du: „Wenn heute in den USA Menschen eingesperrt und misshandelt werden, nur weil sie wie Ausländer aussehen, (…) dann ist das Faschismus.“ Das ist eine ungewöhnlich deutliche Ansage. Welche Sorgen treiben Dich um, wenn Du an die heutige Lage denkst?
Edzard: Ja, die Sorge um Deutschland hat mir den Entschluss, das Buch zu schreiben, etwas erleichtert. Was dann gleichzeitig und für mich unerwartet in den USA alles ablief, hat meine Arbeit an dem Buch enorm beflügelt und – zumindest aus meiner Sicht – bestätigt, dass ich richtig gehandelt habe.
Nikil: In einem zentralen Kapitel Deines Buches beziehst Du Dich implizit auf die bekannte These der „Unfähigkeit zu trauern“ – die kollektive Verdrängungsleistung der Nachkriegsdeutschen, die Flucht in Arbeitswut und Wirtschaftswunder. Siehst Du dieses Muster heute wiederkehren – etwa im Umgang mit AfD-Wahlerfolgen, dem Schulterzucken gegenüber „Remigrations“-Rhetorik oder den Anschlägen auf jüdische Einrichtungen?
Edzard: Wir sind wohl alle mit der Fähigkeit ausgestattet, einer unangenehmen Wahrheit aus dem Weg zu gehen. Zu diesem Zweck sind wir mit einer ganzen Reihe von Mechanismen ausgestattet, die je nach Situation einzeln oder gemeinsam aktiv werden können. Unerquickliche Erinnerungen werden unbewusst aus dem Bewusstsein verdrängt. Lästige Tatsachen werden innerlich nicht anerkannt, obwohl sie objektiv bestehen. Eigene unliebsame Impulse werden anderen zugeschrieben, um sie nicht als die eigenen erleben zu müssen. Innere Konflikte werden in sozial akzeptierbare Bahnen gelenkt.
Alexander und Margarete Mitscherlich beschrieben 1967 die These, dass die Deutschen nach 1945 unfähig gewesen seien, die NS-Verbrechen und den Verlust Hitlers als Identifikationsfigur psychisch zu betrauern. Stattdessen habe sich die Nachkriegsgesellschaft in kollektive Abwehrmechanismen geflüchtet: Derealisation, Affektisolierung, Flucht in die Arbeit des Wiederaufbaus. Das Wirtschaftswunder habe so einen narzisstischen Selbstschutz ermöglicht, der echte Schuldbewältigung langfristig verhindert habe. Während willful ignorance die individuelle Vermeidungsleistung bezeichnet, beschreibt die „Unfähigkeit zu trauern“ die gesellschaftliche Verdrängung, in der solche Vermeidungen kollektiv eingeübt und normalisiert werden.
Nikil: Du arbeitest gerade – wie könnte es auch anders sein!? – an einem weiteren Buch. Diesmal wird es um die modernen Erscheinungsformen Hitlers Ideologie gehen. Vor dem Hintergrund Deiner Familiengeschichte ist es mehr als verständlich, dass Dir dieses Thema ein persönliches Anliegen ist. Was willst Du mit dem neuen Buch erreichen?
Edzard: Stimmt, aber zuvor wird noch in diesem Jahr mein Buch mit dem Titel „The Leopard Lily Project“ bei Springer erscheinen. Dabei handelt es sich um die noch nie in Gänze beschriebene Story wie Himmler erwog, mit einem pflanzlichen Mittel Millionen Menschen in den von den Nazis besetzten Ostgebieten unfruchtbar zu machen, damit sie einerseits als Sklavenarbeiter ausgenützt werden konnten, andererseits binnen einer Generation aussterben würden.
Das von dir genannte Projekt steht noch ganz am Anfang; es wird eine englischsprachige Analyse sein, die untersucht, inwieweit wir heute wieder einmal dabei sind, furchterregende Ideologien zu normalisieren. Das passiert derzeit langsam und fast unbemerkt. Im Fall meiner Mutter verschwand auf einmal ihr Breslauer Hausarzt Dr. Kurt Hauptmann auf Nimmerwiedersehen. Heute sehen wir alarmierende Parallelen: In den USA gibt es Berichte über Bundesagenten, die Menschen ohne klare Rechtsgrundlage und Transparenz festsetzen. In England häufen sich Anschläge auf jüdische Einrichtungen. In Deutschland sprechen AfD-Politiker von Remigration.
Wir gucken uns das im Fernsehen an, runzeln vielleicht die Stirn ein wenig, aber finden das langsam schon fast wieder normal. Mein Buch will diese Zusammenhänge aufdecken in der Hoffnung, dass der ein oder andere vielleicht doch wachgerüttelt wird.

Interview: „Wir können darüber nicht einfach lügen“