Anmerkung der Redaktion: Die folgenden Antworten sind redaktionelle Zusammenfassungen, die auf dem Interview und Stewart-Williams’ Buch A Billion Years of Sex Differences beruhen.
Behauptet die Evolutionspsychologie, menschliches Verhalten sei biologisch festgelegt?
Nein. Ein evolutionärer Ursprung bedeutet nicht, dass ein Merkmal unveränderlich ist. Gene können die Entwicklung in bestimmte Richtungen lenken, sind aber nicht die einzigen Einflussfaktoren. Lernen, Kultur, Anreize und Institutionen spielen ebenfalls eine Rolle. Die Aussage lautet nicht, dass Biologie allein unser Schicksal bestimmt. Die Aussage lautet vielmehr, dass Biologie ein Teil der kausalen Erklärung ist.
Entschuldigt die Erklärung eines Verhaltens dieses Verhalten?
Nein. Erklärung und Rechtfertigung sind zwei verschiedene Dinge. Die Evolutionspsychologie kann helfen zu erklären, warum es beispielsweise Geschlechterunterschiede bei Aggression, Eifersucht, Sexualverhalten oder Fürsorgeverhalten gibt. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein bestimmtes Verhalten oder ein bestimmter Geschlechterunterschied moralisch wünschenswert wäre. „Natürlich“ bedeutet nicht automatisch „gut“. Warum sollte es das auch?
Sind die meisten psychologischen Geschlechterunterschiede sehr groß?
Nein. Zumindest beim Menschen handelt es sich bei den meisten psychologischen Geschlechterunterschieden um statistische Unterschiede mit erheblicher Überlappung. Männer und Frauen können sich im Durchschnitt unterscheiden, aber viele Frauen erzielen höhere Werte als viele Männer bei sogenannten typisch männlichen Merkmalen, und viele Männer erzielen höhere Werte als viele Frauen bei sogenannten typisch weiblichen Merkmalen. Durchschnittsunterschiede sind keine Regeln für Individuen.
Was ist ein „unscharfer“ Geschlechterunterschied?
Ein unscharfer oder statistischer Geschlechterunterschied ist ein Unterschied in den Gruppenmittelwerten, keine klare Trennung zwischen Männern und Frauen. Ein Geschlecht kann beispielsweise einen höheren Durchschnittswert aufweisen, obwohl sich die Verteilungen beider Gruppen stark überschneiden. Die meisten menschlichen Geschlechterunterschiede gehören in diese Kategorie und folgen nicht dem einfachen Muster „Männer sind so, Frauen sind so“.
Welche Arten von Geschlechterunterschieden behandelt das Buch?
Das Buch behandelt körperliche, entwicklungsbezogene und psychologische Unterschiede sowie Unterschiede im Verhalten. Dazu gehören unter anderem Unterschiede in Körpergröße und Muskelkraft, dem Zeitpunkt der Pubertät, der Lebenserwartung, sexueller Orientierung, Interesse an unverbindlichem Sex, Partnerpräferenzen, Aggression, Risikobereitschaft, Kinderbetreuung, sach- versus menschenbezogenen Interessen, räumlichen und verbalen Fähigkeiten, kindlichem Spielverhalten und Spielzeugpräferenzen sowie ADHS, Autismus, Substanzmissbrauch, Depressionen, Angststörungen und Essstörungen.
Sind evolutionspsychologische Hypothesen unfalsifizierbar?
Nein. Dies ist ein weit verbreitetes Missverständnis. Evolutionspsychologische Hypothesen sind falsifizierbar, und viele von ihnen wurden tatsächlich widerlegt – darunter auch einige von Stewart-Williams’ eigenen Hypothesen.
Was ist ein Beispiel für eine widerlegte evolutionspsychologische Hypothese?
Ein im Interview diskutiertes Beispiel ist E. O. Wilsons Verwandtenselektionshypothese zur homosexuellen Orientierung. Die Idee war, dass Menschen mit homosexueller Orientierung die Fortpflanzung ihrer Verwandten fördern und dadurch indirekt die Gene weitergeben, die zu ihrer Orientierung beitragen. Die Hypothese wurde empirisch untersucht, und die Forschung spricht heute dagegen, dass sie homosexuelle Orientierung beim Menschen erklärt.
Was ist mit der Ovulations-Shift- oder Dual-Mating-Hypothese?
Die Ovulations-Shift- oder Dual-Mating-Hypothese besagt, dass Frauen zeitweise Investitionen und Fürsorge von einem bestimmten Männertyp suchen, während sie bei einem anderen Typ nach genetisch vorteilhaften Eigenschaften Ausschau halten, wobei sich die Präferenzen rund um den Eisprung verändern sollen. Stewart-Williams bezeichnete die Hypothese im Interview als interessant und betonte, dass die Debatte nicht vollständig abgeschlossen sei. Gleichzeitig erklärte er, dass ihn die Argumente der Kritiker inzwischen deutlich stärker überzeugen als die Evidenz zugunsten der Hypothese.
Erklärt Sozialisation Geschlechterunterschiede?
Sie erklärt einen Teil davon, aber nicht alles. Sozialisation, Stereotype und kulturelle Einflüsse spielen zweifellos eine Rolle. Sie reichen jedoch nicht als vollständige Erklärung aus. Gegen reine Umwelt-Erklärungen sprechen unter anderem die Tatsache, dass manche Unterschiede sehr früh in der Entwicklung oder mit Beginn der Pubertät auftreten, kulturübergreifend beobachtet werden, mit pränatalen Hormonen zusammenhängen, Parallelen in anderen Arten aufweisen oder in geschlechteregalitäreren Gesellschaften eher größer als kleiner sind.
Was ist das Gender-Equality-Paradox?
Das Gender-Equality-Paradox beschreibt den Befund, dass viele Geschlechterunterschiede in wohlhabenderen, individualistischeren und egalitäreren Gesellschaften größer statt kleiner ausfallen. Stewart-Williams betrachtet dies als Herausforderung für einfache Erklärungen, die Geschlechterunterschiede ausschließlich auf Patriarchat oder traditionelle Geschlechterrollen zurückführen.
Sind Stereotype immer falsch?
Nein. In Anlehnung an Lee Jussim argumentiert Stewart-Williams, dass Stereotype teilweise reale Unterschiede widerspiegeln können. Das bedeutet nicht, dass sie immer zutreffend, harmlos oder moralisch unproblematisch sind. Sie können Unterschiede übertreiben oder unterschätzen, sich teilweise selbst erfüllen oder zu unfairer Behandlung von Individuen beitragen. Allein die Tatsache, dass eine Annahme ein Stereotyp ist, beweist jedoch nicht, dass sie falsch ist.
Kann die Anerkennung durchschnittlicher Unterschiede Stereotypisierung verringern?
Möglicherweise. Nikil Mukerji wies im Interview darauf hin, dass die Benennung statistischer Durchschnittsunterschiede Menschen nicht zwangsläufig dazu bringt, diesen Mustern zu folgen. In manchen Fällen könnte sogar das Gegenteil eintreten: Wer eine durchschnittliche Tendenz kennt, entscheidet sich bewusst dagegen, ihr zu entsprechen. Stewart-Williams hielt dies für plausibel. Die verantwortungsvolle Position besteht darin, Durchschnittsunterschiede anzuerkennen und zugleich Individualität zu betonen.
Wie kann die Leugnung von Geschlechterunterschieden der psychischen Gesundheitsversorung schaden?
Wenn Geschlechterunterschiede bei psychischen Störungen ignoriert werden, können Symptome beim jeweils weniger betroffenen Geschlecht leichter übersehen werden. Beispiele aus dem Interview und dem Buch sind ADHS und Autismus, die bei Mädchen oft anders in Erscheinung treten als bei Jungen und deshalb häufiger unerkannt bleiben. Umgekehrt kann Depression bei Männern leichter übersehen werden, weil sie sich häufiger durch Wut, Aggression oder Substanzmissbrauch äußert als durch das klassische Symptombild.
Welche Folgen kann die Vernachlässigung von Geschlechtsunterschieden für die Politik haben?
Wenn durchschnittliche Unterschiede in Interessen ignoriert werden, können berufliche Geschlechterunterschiede fälschlicherweise vollständig auf Diskriminierung zurückgeführt werden. Stewart-Williams argumentiert, dass dies zu Fehldiagnosen gesellschaftlicher Probleme, ineffektiven Maßnahmen, Ressentiments und möglicherweise auch zu unangemessenen politischen Zwangsmaßnahmen führen kann. Diskriminierung existiert, ist aber selten die einzige Ursache.
Können gleichstellungspolitische Fördermaßnahmen unerwünschte Nebenwirkungen haben?
Stewart-Williams argumentiert, dass dies möglich ist. Wenn Stellen für ein Geschlecht reserviert werden oder weniger qualifizierte Bewerber ausgewählt werden, um eine numerische Gleichverteilung zu erreichen, könne dies Diskriminierung umkehren statt beseitigen. Außerdem könne es Zweifel an der Kompetenz der Geförderten hervorrufen und Gefühle des Hochstaplersyndroms verstärken. Dies wird als mögliches Risiko bestimmter Maßnahmen dargestellt, nicht als Argument gegen jede Form von Förderpolitik.
Was bedeutet „Geschlecht“ aus biologischer Sicht?
Stewart-Williams verwendet die in der Biologie etablierte Gametendefinition des Geschlechts. Weibliche Organismen sind auf die Produktion großer Keimzellen (Eizellen) ausgerichtet, männliche Organismen auf die Produktion kleiner Keimzellen (Spermien). Chromosomen, Genitalien, Hormone und sekundäre Geschlechtsmerkmale stehen zwar mit dem Geschlecht in Zusammenhang, definieren es aber nicht.
Warum steht Stewart-Williams dem Begriff „Gender“ skeptisch gegenüber?
Weil der Begriff zu viele unterschiedliche Bedeutungen besitzt. Mal bezeichnet er biologisches Geschlecht, mal Männlichkeit oder Weiblichkeit, soziale Rollen, Stereotype, Geschlechtsidentität, Persönlichkeitsprofile oder angeblich rein sozial verursachte Unterschiede. Stewart-Williams argumentiert, dass diese Mehrdeutigkeit den Begriff für wissenschaftliche Zwecke weniger nützlich macht. Wenn man Geschlecht meint, sollte man von Geschlecht sprechen. Wenn man Persönlichkeit meint, sollte man von Persönlichkeit sprechen. Wenn man soziale Rollen meint, sollte man von sozialen Rollen sprechen.
Was ist die verantwortungsvolle Position zu Geschlechterunterschieden?
Die verantwortungsvolle Position liegt weder in der Untertreibung noch in der Übertreibung von Geschlechterunterschieden. Stewart-Williams plädiert dafür, die Evidenz sorgfältig und wahrheitsgemäß darzustellen: Durchschnittsunterschiede dort anzuerkennen, wo die Daten sie stützen, die große Überlappung zwischen den Geschlechtern hervorzuheben, den naturalistischen Fehlschluss zurückzuweisen, statistische Durchschnittswerte nicht als Handlungsanweisungen zu missverstehen und jedem Individuum faire Chancen einzuräumen.