Die Affäre Wilkomirsiki (Skeptiker 3/2002)
Harald Merckelbach
Harald Merckelbach
Der Spätsommer des Jahres 1995 muss für Binjamin Wilkomirski eine einzige lange Gipfelerfahrung gewesen sein. Der deutsche Qualitätsverlag Suhrkamp hatte „Bruchstücke” veröffentlicht, ein Buch, in dem Wilkomirski beschreibt, wie er als Kind zwei deutsche Konzentrationslager überlebte. Das Werk erregte sofort nach Erscheinen großes Aufsehen beim Publikum und bei den Rezensenten. Ausländische Verlage rissen sich um die Rechte, und innerhalb kürzester Zeit war „Bruchstücke” in neun verschiedenen Sprachen erschienen. Damit war Wilkomirskis Siegeszug jedoch noch nicht beendet: Neben einem Preis der Stadt Zürich wurde dem ehemaligen Klarinettenlehrer auch der renommierte Prix Mémoire de la Shoah verliehen.
Wilkomirski trat in israelischen Dokumentarfilmen als jugendliches Opfer des Holocaust auf und beteiligte sich an Wohltätigkeitsempfängen des Holocaust Memorial Museum in Washington. Von prominenten Experten wurde er mit Lobpreisungen überhäuft, so etwa von Daniel Goldhagen, dem Autor des Standardwerks „Hitlers willige Vollstrecker” (1996), der Wilkomirskis Buch „ein kleines Meisterwerk” nannte. Andere Rezensenten verglichen es gar mit dem Tagebuch der Anne Frank – womit sich auch ein Teil der Faszination erklärt, die Wilkomirski auf das Publikum ausübte: Während Anne Frank dem Holocaust zum Opfer gefallen war, kam hier ein Überlebender zu Wort. Trotz der grauenhaften Szenen, die er beschrieb, hatte sein Buch in gewissem Sinne doch ein Happy End: Wilkomirski konnte seine Geschichte noch selbst erzählen. Und wie er es konnte!
Im Anfangskapitel von „Bruchstücke” schreibt Wilkomirski: „Meine frühen Kindheitserinnerungen gründen in erster Linie auf den exakten Bildern meines fotografischen Gedächtnisses” (Wilkomirski 1995). Er sei kein Dichter oder Schriftsteller. „Ich kann nur versuchen, mit Worten das Erlebte, das Gesehene so exakt wie möglich abzuzeichnen.” Der Leser bereitet sich also auf eine ungeschminkte Zeugenaussage vor. Und tatsächlich: Was folgt, ist ein Bericht über die Flucht aus dem Vorkriegs-Riga, über den Aufenthalt in den Kinderbaracken von Majdanek und Birkenau und das Leben bei herzlosen Stiefeltern in der Schweiz der 1950er-Jahre.
Wilkomirski schildert seine Erfahrungen in knappen, häufig in der Gegenwartsform gehaltenen Sätzen. Die grauenhafte Botschaft seines Werks bildet dabei einen starken Kontrast zu dem fast kindlichen Erzählstil – ein ideales Buch zum Vorlesen. Bei seinen Auftritten war es übrigens nie Wilkomirski selbst, der aus dem Buch vorlas: Er begnügte sich damit, auf seiner Klarinette eine jüdische Melodie zu spielen, das eigentliche Vorlesen wurde dann von einem Schauspieler besorgt.
Und dann waren da noch die vielen Interviews, die Wilkomirski den Journalisten gab. In einem davon wurde er gefragt, wie es ihm gelungen sei, jahrelang als braver Schweizer Bürger durchs Leben zu gehen. Wilkomirski: „Ich versuchte, ein guter Schauspieler zu werden und so exakt wie möglich zu imitieren, sodass niemand etwas von meiner wahren Identität bemerken würde” (SonntagsZeitung, 18.05.1997).
Im Sommer 1998 nahm das Medieninteresse am Fall Wilkomirski eine unerwartete Wende. Der Schriftsteller Daniel Ganzfried behauptete in der Schweizer Weltwoche (27.08.1998), dass Wilkomirski die Konzentrationslager von Majdanek und Birkenau nicht als Insasse, sondern lediglich als Tourist kennen gelernt habe (Ganzfried 1998). Ganzfried war zu diesem Schluss gekommen, nachdem er in Schweizer Archiven entdeckt hatte, dass Wilkomirski um 1946 nicht – wie in seinem Buch behauptet – in Polen gewesen war, sondern als Bruno Dössekker in der Umgebung von Zürich gelebt hatte. Binjamin Wilkomirski hieß eigentlich Bruno Grosjean und war 1941 als uneheliches Kind einer gewissen Yvonne Grosjean zur Welt gekommen. Da die unverheiratete Mutter nicht in der Lage war, selbst für ihren Sohn zu sorgen, landete er nach einer Reihe von Zwischenaufenthalten in Pflegefamilien und Heimen schließlich bei dem kinderlosen Ärzteehepaar Dössekker, dessen Namen er 1947 annahm. Ganzfried zeichnete Wilkomirski als einen mediengeilen Maniker und warf Verlagen wie Rezensenten gleichermaßen vor, sie hätten seine Geschichte kritiklos akzeptiert.
Ganzfrieds Entdeckung schlug ein wie eine Bombe. Revisionistische Historiker ergriffen die Gelegenheit, laut zu verkünden, dass der Fall Wilkomirski wieder einmal zeige, wie unglaubwürdig die Berichte von Holocaust-Opfern seien.1 Doch es gab auch seriöse Journalisten, die Ganzfrieds Behauptungen sorgfältig überprüften. Das beste Beispiel hierfür ist die Reportage von Philip Gourevitch in The New Yorker (Gourevitch 1999). Gourevitch hatte ausführlich mit Ganzfried, aber auch mit Wilkomirski selbst und den Menschen aus seiner Umgebung gesprochen. Das Ergebnis war niederschmetternd: So hatte eine alte Schulfreundin Wilkomirski vor allem als einen verwöhnten Jungen und Lügenbold in Erinnerung. Sein Busenfreund Elitsur Bernstein erzählte, dass er 1979 Klarinettenunterricht bei Wilkomirski gehabt hatte. Damals habe sich dieser in einer tiefen persönlichen Krise befunden und über Alpträume und allerlei körperliche Leiden geklagt. Der Psychotherapeut Bernstein interpretierte Wilkomirskis Symptome als einen Ausdruck so genannter „Körpererinnerungen”, d. h. primitiver und dadurch schwer zugänglicher Erinnerungen an ein Trauma. Er riet Wilkomirski, seine Alpträume niederzuschreiben, und als für die beiden Freunde erst einmal feststand, dass die unangenehmen Träume ihre Wurzeln im Holocaust hatten, besuchten sie gemeinsam eine Reihe von Konzentrationslagern.
Nach diesen Befunden war für den amerikanischen Journalisten Mark Pendergrast der Fall klar: Wilkomirski war durch Pseudoerinnerungen aus dem Takt geraten, falsche Erinnerungen, an die er selbst aufrichtig glaubte, die ihm letztlich aber von Bernstein und dessen Therapeutenkollegen nur eingeredet worden waren (Pendergrast 1999).
Ist Wilkomirski einfach nur ein Lügner, wie Ganzfried behauptet, oder ist er eine labile Existenz, die unter dem Einfluss einer aus dem Ruder gelaufenen Psychotherapie Fantasie und Wirklichkeit durcheinander warf, wie Pendergrast meint? Für Wilkomirski selbst sind dies sinnlose Fragen: Er hält bis zum heutigen Tag daran fest, dass er aus Riga stammt, die KZs überlebt hat und die Schweizer Behörden ihn irgendwann über die Geburtspapiere Bruno Grosjeans legalisiert haben; der wahre Bruno Grosjean sei nach Amerika ausgewandert. Im übrigen stehe es jedermann frei, sein Buch als Fiktion zu lesen – so der Autor.
Der bekannten Zürcher Literaturagentur Liepmann, die „Bruchstücke” an Suhrkamp und weitere Verlage vermittelt hatte, wurde die Sache schließlich zu bunt und sie beauftragte den Historiker Stefan Mächler, den Fall gründlich zu untersuchen. Mächler machte sich an die Arbeit, sprach mit Klassenkameraden, ehemaligen Lehrern, Freunden sowie Psychotherapeuten Wilkomirskis und wühlte sich durch meterdicke Archivbestände. Das Ergebnis war der 367-seitige Band „Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie” (Mächler 2000). Mächler bestätigt darin die Ergebnisse seiner Vorgänger Ganzfried und Gourevitch und kann sogar noch weiteres Belastungsmaterial präsentieren.
So erfuhr Mächler von ehemaligen Freunden Wilkomirskis, dass dieser sich erst spät für den Holocaust zu interessieren begonnen habe, wobei offenbar ein Dokumentarfilm über die Aufseher des KZs Majdanek sowie Jerzy Kosinskis Roman „Der bemalte Vogel” eine Schlüsselrolle gespielt hatten. Doch schon vor dieser Zeit hatte er bei seinen Freunden mit Lügengeschichten über eine angebliche tödliche Krankheit jegliche Glaubwürdigkeit verloren. Ferner entdeckte Mächler, dass Wilkomirski noch im Jahre 1981 erfolgreich versucht hatte, Anspruch auf das Erbe seiner inzwischen verstorbenen Mutter Yvonne Grosjean zu erheben. Bei genauer Betrachtung zeigte es sich außerdem, dass eine Reihe von Details aus „Bruchstücke” nicht mit den historischen Fakten korrespondiert. Wilkomirski behauptet etwa, dass er und seine Familie an einem bestimmten, schneeverhangenen Wintertag des Jahres 1941 mit dem Schiff aus Riga geflüchtet seien. Das wird jedoch von Experten für sehr unwahrscheinlich gehalten. An dem von Wilkomirski bezeichneten Tag schien die Sonne, und außerdem war die Rigaer Bucht zu dieser Zeit hermetisch abgeriegelt. Und so gibt es Dutzende von Details in Wilkomirskis Geschichte, die für Historiker nicht nachvollziehbar sind.
Mächler gelang es auch aufzuklären, wie Wilkomirski zu seinem Namen kam. Im Jahre 1972 besuchte Bruno Dössekker, wie er zu diesem Zeitpunkt noch hieß, gemeinsam mit polnischen Freunden ein Konzert der Geigerin Wanda Wilkomirska. Seine Freunde machten ihn darauf aufmerksam, dass Bruno ihr verblüffend ähnlich sehe – ein Erlebnis, das den Grundstock für die späteren Fantasien Brunos bildete.
Die wohl ernüchterndsten Passagen in Mächlers Buch behandeln die Begegnungen zwischen Wilkomirski und Laura Grabowski. Nach einer kurzen Karriere als Autorin von Büchern über Satanismus und rituellen Missbrauch begann Grabowski sich Ende der 90er-Jahre als Holocaust-Opfer zu Wort zu melden.2 In dieser Eigenschaft machte sie während eines Wohltätigkeitsempfangs die Bekanntschaft Wilkomirskis. Grabowski fiel Wilkomirski in die Arme, weil sie ihn aus Birkenau zu kennen glaubte („Er ist mein Benji!”). Auch Wilkomirski erkannte Grabowski, doch das Wiedersehen erwies sich im Nachhinein als äußerst peinlich, da Grabowski der Lüge überführt werden konnte: Sie hatte 1941 in Tacoma, im US-Bundesstaat Washington, das Licht der Welt erblickt.
Mächlers Werk ist gründlich recherchiert und in seiner Schlussfolgerung eindeutig: Wilkomirski ist kein Holocaust-Opfer. Dennoch bleibt Mächlers Analyse in psychologischer Hinsicht etwas oberflächlich. So hat der Autor wenig Blick für die „soziale Thermik”, in die Wilkomirski geraten war: Ein mittelmäßiger, depressiver Musiker mit einem ausgesprochenen Interesse für den Holocaust läuft per Zufall einem Psychotherapeuten über den Weg und wird von ihm ermuntert, seine Alpträume zu Papier zu bringen, da sie auf ein schwer zugängliches Trauma hindeuten. Gemeinsam besuchen sie Konzentrationslager, und allmählich wachsen sich die Notizen zu einem Buch aus, das Experten für authentisch halten. In psychologischen Kategorien lässt sich dies folgendermaßen formulieren: Es gibt eine Wirkung (Depression), für die von einem Experten eine plausible Ursache (Trauma) angeboten wird, und durch Besuche der Quelle des Traumas erhält die Ursache schließlich Relief (Holocaust). Wenn dieses Relief jedoch erst einmal zu einem öffentlichen Dokument geworden ist, gibt es keinen Weg mehr zurück. In einem solchen Szenario trägt jede einzelne Zutat zur Entstehung von Pseudoerinnerungen bei.
Schauen wir uns dieses Szenario etwas genauer an. Das tief verwurzelte Bedürfnis des Menschen, sich nach Misserfolgen und Rückschlägen auf die Suche nach großen Ursachen in der eigenen Biografie zu machen, ist gut dokumentiert und kann – sicher, wenn ein so genannter Experte daran beteiligt ist – in der hartnäckigen Überzeugung münden, man müsse eine unglückliche Kindheit gehabt haben (Dawes 1994). Durch das Aufsuchen der Orte, an denen sich diese unglückliche Kindheit zugetragen haben soll, kann sich eine solche Überzeugung zu einer lebendigen Erinnerung entwickeln. Illustrativ hierfür sind die Fallstudien des britischen Rechtspsychologen Gudjonsson (1996) über unschuldig Verdächtigte, die ein falsches Geständnis ablegen. Bei diesen Geständnissen spielte ein Besuch des Tatorts häufig eine Schlüsselrolle. Das Niederschreiben und Veröffentlichen der Pseudoerinnerungen manövriert den Betroffenen schließlich in eine Situation, in der er sich – falls es noch Zweifel geben sollte – nicht mehr von diesen Erinnerungen distanzieren kann. Die sozialpsychologische Literatur zeigt, dass Menschen die unwiderstehliche Neigung haben, auf andere einen konsistenten Eindruck zu machen (Spanos 1996). Und das ist auch der Grund, weshalb das Schreiben über das, was früher geschehen sein könnte (der Fachausdruck heißt journalling) eine ziemlich riskante Form der Psychotherapie ist (Horselenberg et al. 2000). Kurz und gut: Wilkomirski wurde in psychologischer Hinsicht ein äußerst giftiger Cocktail serviert.
Nicht jeder, der sich in das oben skizzierte Szenarios verstrickt, wird jedoch zu einem Wilkomirski werden. Denn hierzu bedarf es eines bestimmten Persönlichkeitstyps. Wer Näheres darüber erfahren will, tut gut daran, sich die Fälle näher anzuschauen, die dem Wilkomirskis stark ähneln. Und genau hier verbirgt sich ein zweites Manko von Mächlers Buch, denn es erweckt zu Unrecht den Eindruck, dass der Fall Wilkomirski ziemlich einzigartig sei. Psychologen wissen es besser: Im Genre der erfundenen Holocaust-Erlebnisse findet sich beispielsweise der unappetitliche Fall der schwedischen Schriftstellerin Barbro Karlen, die glaubt, dass sie die Reinkamation Anne Franks sei (Basler Zeitung, 22.11.2000). Auch Karlen gelangte nach einer tiefen persönlichen Krise zu dieser Einsicht, auch sie schrieb ein Buch (Karlen 1997) über ihre Pseudoerinnerungen, und auch sie steht vor vollen Sälen, um ihre Geschichte unters Volk zu bringen. Oder man nehme den Fall des Niederländers Friedrich Weinreb, der über seine Widerstandstaten während der deutschen Besatzung der Niederlande fantasierte (Grüter 1997).
Mächler hätte auch viel von der Lektüre des Standardwerks von Burkett und Withley (1998) über die Vietnam-Veteranen lernen können. Diese Autoren widmen ihre Aufmerksamkeit insbesondere dem Phänomen der bogus vets, der Pseudoveteranen: Menschen, die behaupten, infolge ihrer Fronterfahrung in Vietnam unter einem posttraumatischen Stress-Syndrom zu leiden, tatsächlich aber niemals dort gewesen sind. Es handelt sich um Schwindler, „die ihre Lügen so oft erzählt haben, dass ihre Geschichten für sie zur Realität werden”. Nach einer ausführlichen Beschreibung der verschiedenen Spielarten des Pseudoveteranentums wissen Burkett und Whitley eine Eigenschaft zu benennen, die typisch für solche bogus vets zu sein scheint: „Viele sind gut darin, Menschen zu manipulieren, ausgezeichnete Geschichtenerzähler, die nicht auf den Mund gefallen sind. Sie leben oft mit Eltern oder mit Frauen zusammen, die ihre Geschichten ganz und gar akzeptieren.”
Was all die Karlens, Weinrebs, Pseudoveteranen und Wilkomirskis miteinander verbindet, ist eine Eigenschaft, die in der psychologischen Literatur als fantasy proneness, als Fantasie-Neigung, bezeichnet wird. Der Begriff stammt ursprünglich von den amerikanischen Psychologen Wilson und Barber (1983). In Tiefeninterviews hatten sie Personen befragt, die eine zwanghafte Neigung aufwiesen, völlig in ihren Tagträumen und Fantasien aufzugehen. Dabei entdeckten Wilson und Barber, dass solche Personen Virtuosen im Rollenspiel sind. Es handelt sich um einen Menschentyp, der etwa während einer Busfahrt den Mitreisenden weismacht, aus Alaska zu kommen, und dabei mitreißend über das Leben der Eskimos zu erzählen weiß. Für Schauspielschulen und Filmakademien mag dieses Talent eine Empfehlung sein, doch sobald solche Fantasten vor Gericht oder in der Öffentlichkeit zu einer Zeugenaussage aufgefordert werden, sind die Komplikationen nicht abzusehen.
Die alten Schulfreunde Wilkomirskis, mit denen Mächler sprach, bestätigten, dass Wilkomirski schon von klein auf ein begnadeter Geschichtenerzähler war. So sagte einer von ihnen, er habe über eine blühende Fantasie verfügt, die ihn sympathisch gemacht, allerdings auch zu vielen Erzählungen verleitet habe, die nicht mit der Realität vereinbar waren (Mächler 2000). Das eingangs wiedergegebene Zitat Wilkomirskis, wonach er versucht habe, ein guter Schauspieler zu sein, zeigt, dass er selbst zumindest ein rudimentäres Bewusstsein seiner Neigung zum Rollenspiel besitzt. Ist Wilkomirski deshalb ein Lügner oder glaubt er an seine eigenen Erfindungen? Wahrscheinlich ist er beides: Fantasten fangen als Lügner an, und indem sie andere überzeugen, überzeugen sie sich schließlich selbst. Dieser Schlussfolgerung nähert sich auch Mächler, wenn er bemerkt: „Videoaufnahmen und Augenzeugenberichte von Wilkomirskis Auftritten erwecken den Eindruck, sein öffentliches Erzählen würde ihn euphorisieren” (Mächler 2000).
Und nun zum letzten und ernstesten Vorwurf, der sich gegen Mächler erheben lässt. Bei der Beantwortung der Frage, wie es mit Wilkomirski so weit hatte kommen können, geht Mächler davon aus, dass Wilkomirski in seinen ersten Lebensjahren tatsächlich einem Trauma ausgesetzt war – der Aufenthalt in Kinderheimen und bei rohen Pflegeeltern sollte dafür gesorgt haben. Die amorphen und nonverbalen Erinnerungen an diese Zeit habe er später zu einer Holocaust-Geschichte transformiert, so Mächler. Dass „Bruchstücke” einen authentischen Eindruck auf das Publikum mache, rühre von der Tatsache her, dass hier ein traumatisierter Autor am Werk sei. Mächler scheint also anzunehmen, dass jugendliche Traumaopfer fragmentierte, jedoch an sich fotografische Erinnerungen an ihr Trauma bewahren und solche Erinnerungen später in psychiatrischen Symptomen eine Wiederauferstehung feiern.
| »Die Wahrheit ist, dass Traumaopfer sehr viel zäher und widerstandsfähiger sind und ihre späteren Schilderungen eigener Erlebnisse eher beschreibend als fotografisch sind.« |
Die Wahrheit ist, dass Traumaopfer sehr viel zäher und widerstandsfähiger sind als Mächler vermutet (siehe hierzu Masten 2001) und ihre späteren Schilderungen eigener Erlebnisse eher beschreibend als fotografisch sind (siehe Merckelbach et al. 2002). Warum nimmt Mächler überhaupt an, dass Wilkomirski eine traumatische Vorgeschichte haben muss? Doch vor allem, weil Wilkomirski eine gescheiterte Existenz war. Hier tappt Mächler in dieselbe Falle, in die schon Wilkomirski geriet: Eine ins Auge fallende Wirkung (Erfolglosigkeit) muss auch eine große Ursache (Trauma) haben. Wie das oben erwähnte Zitat aus seinem Buch über „die exakten Bilder meines fotografischen Gedächtnisses” erkennen lässt, gründete Wilkomirski seine Suche nach dieser Ursache auf die Vorstellung, dass Trauma-Erinnerungen fragmentarisch und fotografisch sind. Unter dem Geleitschutz dieses fragwürdigen Ausgangspunkts – den sich auch Mächler zu Eigen macht – bekamen die Alpträume schließlich das Format eines Holocausts.
Die Tatsache, dass eine solche Geschichte authentisch wirkt, hat – abgesehen vom dramaturgischen Talent eines Wilkomirski – mit dem truth bias, der Neigung des Leserpublikums zur Gutgläubigkeit, zu tun. Denn wer eine Geschichte richtig begreifen will, muss zunächst einmal davon ausgehen, dass sie stimmt (Gilbert, Tafarodi und Malone 1993). Eine Geschichte begreifen bedeutet, sie erst einmal für wahr zu halten, und trotz großer Anstrengungen kann selbst Mächler sich dem nicht völlig entziehen.
Mächler macht Fehler, wenn es um die psychologische Demontage Wilkomirskis geht. Andererseits ist auch von Seiten der Psychologen und Psychiater etwas Bescheidenheit angebracht: Das Duo Wilkomirski/Bernstein gehörte schließlich zu den Dauergästen auf ihren Kongressen. Dort hielten die beiden Vorträge darüber, wie Traumaopfer aus fragmentierten Erinnerungen wieder eine komplette Autobiographie zusammensetzen können, wenn ihnen dabei ein Therapeut zur Seite steht, der sie mit historischem Material füttert. Das Duo behauptete, Dutzende von Holocaust-Opfern auf diese Weise behandelt zu haben, und zwar mit großem Erfolg.3 Mächler zeigt in seinem Buch, dass die von Wilkomirski und Bernstein präsentierten Fallbeschreibungen gefälscht und die therapeutischen Erfolge erlogen waren. Doch was noch schlimmer ist: Auf den vielen Kongressen, die das Duo besuchte, kam von keinem der zuhörenden Psychotherapeuten der naheliegende Einwand, dass Wilkomirskis eigener Fall im Widerspruch zum gut dokumentierten Prinzip der kindlichen Amnesie steht. Wilkomirski beschreibt in den buntesten Farben und Bildern, wie er als Zweijähriger aus Riga floh, aber Menschen haben nun einmal keine Erinnerungen – nicht einmal fragmentierte – an ihre ersten Lebensjahre (siehe Howe und Courage 1997). Wenn also Psychologen und Psychiatern solche handwerklichen Fehler unterlaufen, sollte man vorsichtig sein, einen Historiker wie Mächler für psychologische Fehlinterpretationen zu kritisieren. Denn immerhin hat er uns eine spannende und lesenswerte Rekonstruktion des Falles Wilkomirski geliefert, die die Forschung über Pseudoerinnerungen um eine interessante Variante bereichert.
Erstmals erschienen in: Skepter 15 (2), 2002, S. 34-37. Deutsche Übersetzung erschien in: Skeptiker 3/2002, Übersetzung: Gerd Busse

Pyramidenbau und Pseudoarchäologie