Zur Illustration ist ein Extrembeispiel hilfreich: Homöopathika in höheren Potenzen enthalten keinen Wirkstoff mehr. Dennoch werden sie in klinischen Studien nach denselben Standards geprüft, wie pharmakologisch wirksame Substanzen. Solche Präparate ohne Wirkstoff werden also, sofern sie das Label „Homöopathikum“ tragen und eine Wirkung für sich reklamieren, in klinischen Studien als Verum getestet. Als Placebo-Kontrolle dienen dann ebenfalls Präparate ohne Wirkstoff, weil man weiß, dass sie nicht wirken. Ein Präparat ohne Wirkstoff in derselben Studie einmal als potenzielle Arznei und einmal als Placebo anzusehen, trägt für mich schizophrene Züge. Und es hat auch ganz praktische Implikationen: Angenommen, jemand hat womöglich Verum und Placebo vertauscht – niemand könnte sie wieder korrekt zuordnen, da sie stofflich ja identisch sind.
Mit dem Ausblenden von Hintergrundwissen negiert die EbM auch das Gefälle zwischen der Fehleranfälligkeit selbst der besten klinischen Studien und der Robustheit anderer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie geht davon aus, dass klinische Studien sogar Naturgesetze, etwa dass ein nicht mehr vorhandener Wirkstoff auch nicht wirken kann, infrage stellen können. Das ist irrational und vermessen.
Es gibt in der KAM natürlich nicht nur solche Extremfälle wie die Homöopathie. Bei vielen Maßnahmen schließt das Hintergrundwissen eine Wirksamkeit nicht gänzlich aus, macht sie aber unwahrscheinlich. Das gilt etwa dann, wenn Substanzen zwar in pharmakologisch relevanten Dosen, aber ohne plausiblen Wirkmechanismus eingesetzt werden, oder eine echte stoffliche oder mechanische Interaktion stattfindet, aber auf der Grundlage höchstspekulativer Annahmen. Bei der Akupunktur beispielsweise findet durch das Stechen mit Nadeln eine echte Interaktion statt, deren spezifische Wirkung jedoch auf anatomisch nicht nachweisbaren Bahnen beruht. Das Hintergrundwissen macht die Annahme, dass Akupunktur spezifisch wirken könnte, deshalb unwahrscheinlich.
Auch in Fällen wie er Akupunktur kann Hintergrundwissen dazu beitragen, die Ergebnisse klinischer Studien angemessen zu interpretieren. Man könnte dann beispielsweise einen besonders großen Effekt und/oder ein besonders robustes Ergebnis zu fordern.