Die neue Bedrohung der Wissenschaft
Amardeo Sarma
Amardeo Sarma
Dieser Trend zeigt sich sogar auf höchster Ebene. Der Leitartikel Decolonize Scientific Institutions, Don’t Just Diversify Them (2025) im bedeutenden Wissenschaftsjournal Nature erkennt legitime Ungleichheiten an, impliziert zugleich jedoch, dass indigene oder spirituelle Weltanschauungen epistemisch mit der modernen Wissenschaft gleichberechtigt behandelt werden sollten. Diese Forderung verwischt die Grenze zwischen der Achtung des kulturellen Erbes und den bewährten Prinzipien der Wissenschaft (Sarma 2025a). Wissenschaft ist kein westliches Glaubensdogma, sondern unter anderem eine offene und universelle Grundhaltung. Auch wenn ihre rasante Entwicklung in der Moderne durch die Aufklärung beschleunigt wurde, wissen wir doch, dass vergleichbare intellektuelle Errungenschaften neben der europäischen Renaissance auch in der arabischen Optik, im indischen Materialismus und im konfuzianischen Pragmatismus zu finden sind. Das Grundprinzip der Wissenschaft besteht darin, Überzeugungen anhand objektiver Erfahrungen zu überprüfen und sich nicht zu scheuen, Autoritäten und Traditionen in Frage zu stellen. Wissenschaft und Moderne haben diese Prinzipien zu einem transparenten, selbstkorrigierenden System ausgebaut, das allen offensteht, unabhängig von Kultur oder Glaubensbekenntnis. Wie der nigerianische Philosoph Olúfẹ́mi Táíwò (2022) schreibt, beraubt die Darstellung der Wissenschaft als „westlich“ nicht-westliche Zivilisationen ihres rechtmäßigen Platzes in den kollektiven Errungenschaften der Menschheit. „Afrikanern die Universalität rationalen Wissens zu verweigern“, schreibt er, „bedeutet, ihnen ihre Handlungsfähigkeit zu verweigern.“ Táíwòs Warnung wird vom südafrikanischen Wissenschaftler Jonathan Jansen aufgegriffen, der feststellt, dass eine falsch angewandte Dekolonisierung „Biologie durch Glauben und Untersuchung durch Identität ersetzt“.
Indiens derzeitige Bildungswende verdeutlicht die Folgen dieser Verwirrung bis in angesehene wissenschaftliche Institutionen hinein. Die indische University Grants Commission (UGC) hat die Aufnahme „alter indischer Wissenssysteme“ in die Lehrpläne für Bachelor- und Masterstudiengänge in Physik und Biologie verpflichtend vorgeschrieben und damit die geozentrische Astronomie und die ayurvedische Metaphysik wiederbelebt, als handele es sich um empirische Wissenschaften. Wie in Sarma (2025b) dokumentiert, gehen diese Programme über die bloße Würdigung dieses kulturellen Erbes hinaus – sie ersetzen Skepsis durch heilige Schriften. Diese Glaubenssysteme mit der Wissenschaft zu vermischen, bedeutet, die Unterscheidung zwischen vernunftbegründetem Wissen und durch Ehrfurcht gestütztem Glauben zu verwischen. Die indische Biologin und Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda hat nachgezeichnet, wie der ideologische Relativismus, importiert aus dem postmodernen Denken, mit hinduistischem Nationalismus verschmilzt und eine reaktionäre Moderne hervorbringt: die Verwendung wissenschaftlicher Sprache zur Legitimation religiöser Kosmologien. In Werken wie Prophets Facing Backward (2004) und Science in Saffron (2016) zeigt sie, wie ayurvedische und vedische Konzepte auf nicht überprüfbare, und damit unwiderlegbare, Kategorien zurückgreifen. Während die Wissenschaft durch stetige Korrektur voranschreitet, überdauern die neuen Denkmuster durch Autorität. Es sei daran erinnert, dass Indien den universellen Geist rationaler Forschung stärker vertreten hat als fast jede andere Nachkriegsnation. Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister des Landes, machte die wissenschaftliche Haltung zu einem grundlegenden Ideal des nationalen Fortschritts. In The Discovery of India (1946) schrieb Nehru: „Was wir brauchen, ist die wissenschaftliche Herangehensweise – die abenteuerliche und doch kritische Haltung der Wissenschaft, die Weigerung, etwas ohne Prüfung und Versuch zu akzeptieren, die Fähigkeit, frühere Schlussfolgerungen angesichts neuer Beweise zu ändern.“ Für Nehru war wissenschaftliches Denken keine Verwestlichung, sondern eine Befreiung. Jahrzehnte später wurde in der indischen Verfassung als grundlegende Bürgerpflicht festgeschrieben, „wissenschaftliches Denken, Humanismus und den Geist der Forschung und Reform zu entwickeln“ (Artikel 51A(h)). Nehru sah dieses Ethos als Erbe Indiens in seinen eigenen rationalen Traditionen – vom buddhistischen Skeptizismus bis hin zum Materialismus der Charvaka-Schule. Es ist eine Tragödie, dass gerade die Nation, die kritisches Hinterfragen als Bürgertugend verankert hat, nun mit ihrem Gegenteil liebäugelt.
Diese Entwicklung findet nicht nur in Indien statt. Weltweit verwenden Universitäten und wissenschaftliche Einrichtungen eine Sprache, die Unterschiede zwischen empirischem und nicht-empirischem Wissen verwischt und ideologischem Denken in die Hände spielt. In Neuseeland haben Bemühungen, das indigene Wissenssystem Mātauranga Māori als Wissenschaft anzuerkennen, Forscher in eine öffentliche Kontroverse verwickelt (siehe dazu auch Skeptiker 3/25, S. 146–149 und Clements 2021). In Kanada und den Vereinigten Staaten bezeichnen akademische Vereinigungen evidenzbasiertes Denken mittlerweile nicht mehr als universelle Haltung, sondern als eine, die „dominante“, kulturelle Perspektive. In Teilen Afrikas und Lateinamerikas gleiten Bewegungen für wissenschaftliche Teilhabe gelegentlich von der Inklusion in den Relativismus ab und behandeln wissenschaftliche Kritik als koloniale Praxis statt als Gegenmaßnahme. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass gut gemeinte Initiativen zur „Dekolonisierung der globalen Gesundheit“ wissenschaftliche Methoden schwächen, indem sie traditionelle Praktiken fordern, deren Sicherheit und Wirksamkeit nach wie vor unbewiesen sind. Selbst große Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) setzen sich für eine stärkere Integration von Systemen wie der traditionellen chinesischen Medizin und Ayurveda in die nationale Gesundheitsversorgung ein und behandeln diese in einigen offiziellen politischen Verlautbarungen gleichwertig mit der evidenzbasierten Medizin. Während die WHO in ihren Erklärungen in der Regel zu wissenschaftlicher Forschung und Bewertung aufruft, haben Kritiker darauf hingewiesen, dass die Einbeziehung traditioneller Diagnosen in internationale Gesundheitsstandards die Gefahr birgt, Therapien ohne solide klinische Studienunterstützung zu legitimieren und die Grenze zwischen evidenzbasierter Praxis und kultureller Anpassung zu verwischen. Wissenschaftliche Übersichtsarbeiten warnen davor, dass durch die Politisierung der Erkenntnistheorie die Autorität externer Experten auf lokale Eliten übergehen konnte, wobei die Wissenschaft durch Bürokratie oder strenge experimentelle Standards durch Tradition ersetzt würden.
Indigene Wissenssysteme haben durch langjährige lokale Erfahrungen wertvolles empirisches Know-how hervorgebracht – etwa landwirtschaftliche Praktiken, pharmakologische Erkenntnisse und Techniken der ökologischen Anpassung. Ihr epistemischer Kern bleibt jedoch von den selbstkorrigierenden Mechanismen der Wissenschaft weitgehend unberührt. Ihre theoretischen Kategorien – etwa im Ayurveda oder in den geozentrischen Kosmologien der hinduistischen Astronomie – berufen sich auf spirituelle Wesenheiten, die nicht unabhängig beobachtet oder getestet werden können. In solchen Systemen entspringt Autorität aus Abstammung und Schriften, nicht aus Experimenten. Das Zitieren von überlieferten Texten wie der Charaka Samhita gilt als Beweis; eine empirische Widerlegung ist strukturell ausgeschlossen. Dies ist keine Frage des kulturellen Kontexts, sondern der epistemischen Architektur. Die Wissenschaft schreitet durch Versuche und Revisionen voran; indigene Kosmologien bewahren sich durch den Verweis auf moralische oder spirituelle Wahrheiten. Durch Versuch und Irrtum haben traditionelle Gesellschaften praktische Erfolge erzielt. Die Vorwegnahme einzelner wissenschaftlicher Methoden ermöglichte es Kulturen weltweit, Ereignisse wie Sonnenfinsternisse zu berechnen. Die moderne Wissenschaft unterscheidet sich hiervon jedoch in ihrer Bereitschaft, selbst lang gehegte Ideen zu verwerfen, wenn sie Gegenbeweisen ausgesetzt werden. Dies gilt auch dann, wenn auf diese Weise traditionelle Überzeugungen von Autoritäten und Gelehrten infrage gestellt werden. Diese radikale Offenheit für Revisionen ist der ethische Kern der Rationalität der Aufklärung und der Beschleunigung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wissenschaft ist kein Wettstreit um zivilisatorischen Stolz, sondern eine universelle Haltung, um Behauptungen anhand der Realität zu überprüfen. Untersuchungen von Dan Kahan und Kollegen (2012, 2013) zeigen, dass die Leugnung von Beweisen oft nicht aus Unwissenheit entsteht, sondern in kultureller Identität wurzelt: Menschen mit ausgeprägten wissenschaftlichen Kenntnissen oder kognitiven Fähigkeiten sind oft besser darin, Informationen so zu interpretieren, dass sie ihre Gruppenzugehörigkeit schützen – ein Phänomen, das als „identitätsschützende Kognition“ bekannt ist.
Mit den Worten von Kahan: „Personen mit hohem wissenschaftlichem Verständnis verfügen über eine besondere Fähigkeit, Beweise so zu interpretieren, dass sie zu ideologisch passenden Schlussfolgerungen führen.“ Deshalb besteht die Aufgabe der Wissenschaft nicht darin, sich durch die Einführung konkurrierender, identitätsorientierter Weltanschauungen zu „dekolonisieren“, sondern darin, ihre universellen Untersuchungsstandards zu verteidigen – die gemeinsamen Normen der Evidenz, der Falsifizierbarkeit und der Offenheit für Korrekturen, die uns davor bewahren, in ideologischen Sackgassen aller Art gefangen zu bleiben. Die Wissenschaft hat durch ihre Umsetzung in Technologie weit mehr erreicht als nur die Erweiterung unseres Wissens; sie hat die Lebensbedingungen der Menschen verändert. Die Lebenserwartung hat sich verdoppelt, Krankheiten wurden ausgerottet, die Alphabetisierung und der Wohlstand sind sprunghaft gestiegen. Wie der schwedische Gesundheitsforscher Hans Rosling dankbar über die Veränderungen durch die erste Waschmaschine im Haushalt seiner Mutter schrieb: „Danke, Industrialisierung. Danke, Stahlwerk. Danke, Kraftwerk. Und danke, chemische Industrie, die uns Zeit zum Lesen von Büchern gegeben hat.“ Dies sind die Früchte von Experiment und Zusammenarbeit – nicht von Offenbarungen oder Dogmen. Die Wissenschaft als westliches Konstrukt misszuverstehen, bedeutet, ihre größte Stärke zu verkennen: ihre Universalität. Angesichts der Tatsache, dass bald zehn Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern werden, wäre es leichtsinnig, all das aufzugeben, was diesen Fortschritt ermöglicht hat. Die Aufklärung war niemals engstirnig – sie war die Entdeckung der eigenen Vernunftfähigkeit durch die Menschheit.
Während wissenschaftliche Einrichtungen und Journale bisher das Recht auf Hinterfragung verteidigten, zögern heute viele. Die Angst, kulturell unsensibel zu wirken, schreckt vor legitimer Kritik an Behauptungen ab, die auf Offenbarungen oder schlechter Metaphysik beruhen. Doch Skepsis war noch nie mit Respekt unvereinbar. Eine Haltung, die zur Widerlegung einlädt, ist nicht feindselig, sondern bescheiden. Die Wissenschaft besteht darauf, dass Wissen korrigierbar ist, nicht darauf, dass Kultur ausgelöscht wird. Der amerikanische Skeptiker und Astrophysiker Carl Sagan bezeichnete die Wissenschaft als „eine Kerze in der Dunkelheit“. Heute flackert diese Kerze, nicht nur aufgrund populären Aberglaubens, sondern auch innerhalb der Akademien, die sie eigentlich bewahren sollten. Die Verteidigung der wissenschaftlichen Grundhaltung bedeutet heute, wieder zu bekräftigen, was Nehru verstanden hat: dass Vernunft die gemeinsame Sprache der Menschheit ist. Sie löscht die Vielfalt nicht aus, sondern vereint unterschiedliche Geister im Streben nach einer Wahrheit, die jeder Überprüfung standhält. Eine wirklich globale Wissenschaft kann nicht entstehen, indem man die Wahrheit je nach Kultur in verschiedene Schubladen aufteilt; sie entsteht, wenn uns trotz aller Unterschiede Evidenz und Beweise verbinden. Afrikanische und indische Stimmen erinnern uns daran, dass die Ablehnung der universellen Vernunft die ehemals Kolonisierten nicht befreit, sondern sie in intellektueller Abhängigkeit gefangen hält. Der Weg nach vorne besteht nicht darin, die Wissenschaft durch alternative „Erkenntniswege“ zu ersetzen, sondern ihre Reichweite mit Demut, Transparenz und Inklusion auszudehnen. Skeptiker und Wissenschaftler müssen daher klar sagen: Der neue Relativismus ist kein Korrektiv für imperiale Arroganz, sondern eine Abkehr von Forschung und Wissenschaft selbst. Zu schweigen bedeutet, Nehrus Traum von einer Gesellschaft aufzugeben, die von kritischer, sich selbst korrigierender Vernunft geleitet wird. Die wissenschaftliche Grundhaltung ist nicht westlich. Sie ist die Haltung eines freien Geistes, der seine eigenen Überzeugungen auf die Probe stellt, Revisionen und Widerlegungen mit der notwendigen Evidenz begrüßt und glaubt, dass unser Bild von der Welt, so vorläufig es auch sein mag, der Realität so genau wie möglich entsprechen muss.
Artikel in spanischer Übersetzung in der Zeitschrift Pensar: La retirada global del temperamento cientivico.
Artikel in niederländischer Sprache: De wereldwijde teloorgangvan de wetenschappelijke houding.
Abbildung: Michael Scholz