NS-Pseudomedizin und ihre langfristigen Folgen
Teil 2: Die Täter und ihr langer Schatten
Michael Scholz, Edzard Ernst
Teil 2: Die Täter und ihr langer Schatten
Michael Scholz, Edzard Ernst
Nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches folgte die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen, wobei auch die Ärzteschaft ins Visier der Gerichtsbarkeit geriet. Der Nürnberger Ärzteprozess begann unter der Bezeichnung Vereinigte Staaten vs. Karl Brandt et al. am 9. Dezember 1946. Die alternativmedizinischen Ärzte und Funktionäre, die ebenfalls schwere Schuld auf sich geladen hatten, wurden hier sowie auch in späteren Prozessen weitgehend übersehen. So konnten sie ihre mit NS-Ideologie durchsetzte Alternativmedizin (AM) weiter propagieren.
Stellvertretend sollen hier ein Arzt aus der DDR, zwei aus der Bundesrepublik und einer aus Österreich im Detail vorgestellt werden. Sie sind während des Dritten Reiches schuldig geworden und konnten trotzdem nach 1945 ihren Berufsweg fortsetzen. Für die beiden bundesdeutschen Alternativmediziner wurde die Verleihung der „Hufeland-Medaille“ des „Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin“ als Grundlage gewählt, da diese eine Auszeichnung für Ärzte ist, die sich besonders um die Alternativmedizin verdient gemacht hatten. Träger dieser Medaille nehmen in der AM-Szene eine herausgehobene Position ein.
Rudolf Kießwetter aus Burg (heute Sachsen-Anhalt) war Mitarbeiter an den Menschenversuchen im Konzentrationslager Dachau, bei denen untersucht werden sollte, ob pseudomedizinische Präparate (Schüßler-Salze) Sulfonamide ersetzen könnten (siehe Teil 1 dieses Artikels, Skeptiker 3/2025).
Im Jahr 1920 begann Rudolf Kießwetter ein Medizinstudium, welches er 1929 mit der Approbation als „biochemischer“ Arzt (also nach der Lehre von Wilhelm Heinrich Schüßler) abschloss. In der Folge gelang es ihm, schnell eine Position im homöopathischen Umfeld zu etablieren. Besonders bekannt wurde er durch sein Werk „Biochemie – Eine natürliche Heilmethode“, in dem er die Hypothese aufstellte, dass Infektionskrankheiten mit dem Schüßler-Präparat „ferrum phosphoricum“ behandelt werden könnten. Ab 1942 versuchte er, diese These mit Unterstützung von Heinrich Himmler an KZ-Insassen im Konzentrationslager Dachau zu überprüfen. 1939 trat Kießwetter der NSDAP bei, wodurch er im nationalsozialistischen Apparat eine herausgehobene Stellung erlangte. Der Eintritt in die Partei erwies sich als entscheidend für Kießwetters Karriere, da er ihm Zugang zu Ressourcen verschaffte, die eine solche Untersuchung am Menschen erst ermöglichten.
Der Rücktritt des bis dahin verantwortlichen Karl Hann von Weyhern im Sommer 1942 eröffnete ihm schließlich die Möglichkeit, dessen Position zu übernehmen. Kießwetter setzte sich dafür ein, dass die Experimente positive Ergebnisse liefern sollten. Trotz der Expertise eines „biochemischen“ Arztes erzielten jedoch alle Testreihen negative Resultate. Diese negativen Ergebnisse hielten weder Kießwetter noch Himmler davon ab, die Experimente fortzusetzen. Häftlinge beschrieben ihn [Kießwetter] spöttisch als „kleines nervöses Männchen“. Er injizierte vorrangig inhaftierten polnischen Priestern Eiter in den Oberschenkel und behandelte sie anschließend mit den Schüßler-Salzen Kalium phosphoricum D6, Ferrum phosphoricum D6 und D12, Silicea D6, Natrium phosphoricum D6, Magnesium phosphoricum D6 und Calcium phosphoricum D6. Der österreichische Häftling Rudolf Kalmar erinnerte sich, die unter großen Schmerzen leidenden Probanden seien „Träger schwer eiternder Wunden“ gewesen, die man „mit allen möglichen buntfarbigen Pillen aus irgendeinem homöopathischen Laboratorium“ abgefüllt habe. Auch das Auftreten der Ärzte blieb ihm in Erinnerung: „Sie stapften gelegentlich gestiefelt und gespornt durch die Krankensäle, um dort herumzubrüllen, weil zu spät ‚Achtung!‘ gerufen worden war oder weil sich einer der Patienten nicht vorschriftmäßig [sic!] im Bett aufgerichtet hatte. Wenn sie gerade besoffen waren, unterblieb die Visite überhaupt.“
56 Versuchspersonen starben während der Studien, 30 weitere erlagen später den Folgen der biochemischen Experimente. Mehrere Personen konnten durch das beherzte Eingreifen eines Krankenpflegers gerettet werden, der Sulfonamide an anderer Stelle entwendet und den Priestern injiziert hatte (Mildenberger 2016).
Als auch die nächste Testreihe nicht zum gewünschten Erfolg führte, wurde Himmler schließlich klar, dass seine „biochemischen“ Konzepte gescheitert waren. Dennoch entschied man sich, die „biochemischen“ Präparate nun im Vergleich zu den in der Kriegsindustrie eingesetzten Sulfonamiden zu testen. Auch nach Abschluss dieser Tests und der Bestätigung, dass die biochemischen Mittel keine Wirksamkeit zeigten, beharrte Kießwetter in einer verklärten Stellungnahme auf der ursprünglichen Annahme, dass „ferrum phosphoricum“ eine heilende Wirkung besitze.
Nach der Beendigung der Versuche wurde er 1943 zur Wehrmacht eingezogen, bald aber wieder entlassen und nach Burg in Sachsen-Anhalt versetzt, um die dortige medizinische Versorgung sicherzustellen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Kießwetter und sein Assistent Heinrich Schütz von der Münchener Staatsanwaltschaft angeklagt. Kießwetter wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, konnte diese Strafe jedoch durch Denunziation von Mitbeteiligten umgehen, und sein Verfahren wurde eingestellt. Er setzte sodann seine ärztliche Tätigkeit in Burg (Sachsen-Anhalt) fort. Die Gründe dafür, dass er seine Approbation in der DDR behalten konnte, dürften wohl im damals bestehenden Ärztemangel begründet sein. Weiterhin unbehelligt durch juristische Verfolgung lebte und arbeitete er bis zu seinem Tod 1992 (Kaufholz 2025).
Alfred Brauchle wurde am 22. März 1898 in Schopfheim (Baden) geboren und promovierte 1924 zum Dr. med. Im Jahr 1929 übernahm er die Leitung des Prießnitz-Krankenhauses in Mahlow, das vom Deutschen Naturheilbund betrieben wurde und als erstes Lehrkrankenhaus für Naturheilkunde fungierte. 1934 wechselte er als Leiter der Naturheilabteilung an das Rudolf-Heß-Krankenhaus in Dresden, wo er gleichzeitig als Dozent an der medizinischen Akademie für ärztliche Fortbildung tätig war. Das Rudolf-Heß-Krankenhaus war ein Modellprojekt für die „nationalsozialistische Medizin“ und die „Neue Deutsche Heilkunde“. Brauchle trug während seiner dortigen Tätigkeit zur Anpassung der Naturheilkunde an die nationalsozialistische Diktatur bei, bis die Abteilung 1943 aufgelöst wurde. Am 1. Mai 1933 trat Brauchle der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.407.189).
Er war eines der Gründungsmitglieder der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“, deren Ziel, wie er am 25. Mai 1935 definierte, die Erziehung zu einem gesunden, naturnahen Leben sei. In diesem Zusammenhang propagierte er, dass die Behandlung stets präventiven Charakter haben müsse und auf die Abwehrkräfte sowie die Selbstregulation des Körpers abziele. Zur Förderung dieser Ziele wurde am 1. Juni 1935 in Alt-Rhese die „Reichsschule der Deutschen Ärzteschaft“ eröffnet. 1939 habilitierte Brauchle, und 1942 ernannte ihn Adolf Hitler zum Professor.
Nach der Schließung der Dresdner Naturheilklinik 1943 arbeitete Brauchle von 1943 bis 1946 als Chefarzt in der „Schwarzwaldklinik“ im Sanatorium Glotterbad bei Freiburg im Breisgau. Obwohl Brauchle eine zentrale Rolle bei der Integration der Naturheilkunde in die nationalsozialistische Ideologie spielte, wurde er im Zuge eines Entnazifizierungsverfahrens lediglich als Mitläufer eingestuft, ohne dass Sühneauflagen gegen ihn verhängt wurden. Er zog sich vorübergehend aus der ärztlichen Praxis zurück und war von 1946 bis 1949 als Landwirt und Ponyzüchter tätig. 1949 kehrte er jedoch in den medizinischen Bereich zurück und wurde Chefarzt des Parksanatoriums Schönau im Schwarzwald, wo er bis 1960 tätig war. Ab 1951 bekleidete er das Amt des Vorsitzenden des „Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren und Regulationsmedizin“, eine Position, die ihm 1958 die Verleihung der Hufeland-Medaille für besondere Verdienste einbrachte. Alfred Brauchle verstarb 1964.
Brauchle setzte sich vehement für eine Gesundheitsideologie ein, die stark von völkischen und rassistischen Konzepten geprägt war. Er vertrat die Ansicht, dass Naturheilkunde nicht nur dem physischen Wohl des Einzelnen diene, sondern auch zur Stärkung des „arischen Volkes“ beitrage. In Übereinstimmung mit der nationalsozialistischen Ideologie, die den Körper und die „Rasse“ als wesentliche Bestandteile der Volksgesundheit betrachtete, propagierte er einen Körperkult, der gesunde Ernährung, Bewegung und naturheilkundliche Behandlungen miteinander verband. Dies sollte die körperliche „Überlegenheit“ der „arischen Rasse“ sichern und wurde als Grundlage für das „gesunde Volk“ verstanden.
Brauchle lehnte die moderne „Schulmedizin“ als „entartet“ ab und favorisierte stattdessen Heilmethoden, die „im Einklang mit der Natur“ standen. Er förderte die Pflanzenheilkunde, die Ernährungstherapie und energetische Heilverfahren, die er als natürliche Wege zur Förderung der „Volksgesundheit“ verstand. Diese Haltung passte zu der nationalsozialistischen Ablehnung moderner Wissenschaften, die als „undeutsch“ und „jüdisch“ galten, sowie zu der Betonung von „arischen“ Traditionen und Werten.
Durch seine Aktivitäten und seine ideologische Ausrichtung war Brauchle aktiv an der Förderung von Gesundheitszentren beteiligt, die naturheilkundliche Methoden anwendeten. Diese wurden in einem politischen Kontext betrieben, in dem das NS-Regime versuchte, einen „Volkskörper“ zu formen, der frei von als „entartet“ geltenden Einflüssen war. Neben seiner ärztlichen Tätigkeit war Brauchle auch politisch aktiv. Als Mitglied der NSDAP und in Zusammenarbeit mit verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen, die sich mit Gesundheit, Rassenhygiene und Erziehung beschäftigten, trugen seine naturheilkundlichen Konzepte zur Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie im Gesundheitswesen bei.
Die Verbindung von Naturheilkunde und Rassenhygiene wurde von den Nationalsozialisten als eine Möglichkeit angesehen, die „Volksgesundheit“ im Einklang mit rassistischen Vorstellungen von „Gesundheit“ und „Reinheit“ zu fördern. Brauchle sah in der Naturheilkunde einen Beitrag zur Erhaltung und Stärkung der „arischen Rasse“, und seine Ideen flossen in staatlich geförderte Programme ein, die die nationalsozialistische Rassenpolitik unterstützten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Sturz des NS-Regimes blieben viele der naturheilkundlichen Praktiken, die während des Nationalsozialismus populär geworden waren, in der westdeutschen Gesellschaft verbreitet. Auch wenn viele dieser Praktiken nicht mehr explizit mit dem Nationalsozialismus in Verbindung gebracht wurden, setzten Brauchle und andere Vertreter der Bewegung ihre Tätigkeit fort. Ihre Ideen und Konzepte hatten langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung alternativer Gesundheitsbewegungen in Deutschland, die in den folgenden Jahrzehnten eine gewisse Popularität erlangten. Alfred Brauchle war eine prägende Figur in der Entwicklung der Naturheilkunde im Kontext des Nationalsozialismus. Durch seine Arbeit und seine ideologische Ausrichtung trug er zur Verbreitung nationalsozialistischer Gesundheits- und Rassenideologien bei. Seine Vorstellungen von einem gesunden, „reinen“ Körper, der mit der Natur im Einklang steht, sowie seine Ablehnung der „modernen Schulmedizin“ passten in das nationalsozialistische Weltbild von Körper und Volksgesundheit. Trotz der Verbindungen zu rassistischen und völkischen Ideen überdauerte sein Einfluss die Zeit des Nationalsozialismus und hinterließ Spuren in der Entwicklung alternativer Gesundheitsbewegungen in der Nachkriegszeit (Klee 2003).
Karl Kötschau wurde am 19. Januar 1892 in Apolda geboren. Er absolvierte ein Medizinstudium in Berlin, Freiburg und Kiel und promovierte 1921. Ab 1923 begann er seine Facharztausbildung für Innere Medizin an der Medizinischen Universitätsklinik Jena. Bereits zu Beginn der 1920er Jahre setzte sich Kötschau intensiv mit der Homöopathie auseinander und arbeitete für einige Monate am homöopathischen Krankenhaus in Stuttgart. Ab Herbst 1927 war er Assistent an der 1. Medizinischen Klinik der Charité in Berlin unter der Leitung von Wilhelm His.
Ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie ein anschließendes Privatdozentenstudium ermöglichten ihm Forschungsaufenthalte am Homöopathischen Krankenhaus in Stuttgart sowie am Pharmakologischen und Radiologischen Institut der Universität Berlin. Im Rahmen dieser Tätigkeiten beschäftigte er sich mit der „wissenschaftlichen Begründung der Homöopathie“. Zum 1. April 1932 trat Kötschau der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 1.068.407) und wurde zudem Mitglied der SA sowie des NS-Ärztebundes. 1933 übernahm er kurzfristig die Funktion des Ortsgruppenleiters von Beelitz, wo er in den örtlichen Heilstätten tätig war. Im selben Jahr habilitierte er sich und übernahm die Leitung der Inneren Abteilung des Krankenhauses Berlin-Reinickendorf.
Im Jahr 1934 erhielt Kötschau den Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Jena, nachdem sein Vorgänger Emil Klein aufgrund seiner jüdischen Abstammung aus dem Amt entlassen worden war. Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand in der Umbenennung des Lehrstuhls in „Ordinariat für Biologische Medizin“. Seine Antrittsvorlesung mit dem Titel „Die nationalsozialistische Idee in der Biologischen Medizin“ verdeutlichte bereits die ideologische Ausrichtung seiner wissenschaftlichen Tätigkeit.
In seiner Rede vom 2. Juni 1934 postulierte Kötschau: „Der heroische Mensch des Nationalsozialismus und der biologisch vollwertige Rassenmensch, das ist ein und derselbe.“ Seine zahlreichen Publikationen, die 1936 in dem Sammelband „Zum Nationalsozialistischen Umbruch in der Medizin“ erschienen, belegen seine rassenhygienische und sozialdarwinistische Haltung. Kötschaus Konzepte der Alternativmedizin waren eng mit der nationalsozialistischen Ideologie verknüpft. Er argumentierte, dass „artfremde“ Heilmethoden – womit er insbesondere moderne pharmazeutische und chirurgische Verfahren meinte – dem „arischen Körper“ schadeten. Stattdessen propagierte er eine Rückbesinnung auf „germanische Heilweisen“, die er mit der völkischen Bewegung in Verbindung brachte.
Seine medizinischen Theorien standen zudem in engem Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Rassenpolitik. So befürwortete er Maßnahmen zur „Reinhaltung der arischen Rasse“ und forderte die Entfernung von Personen, die nicht in das Konzept eines „gesunden Volkskörpers“ passten – entweder durch Zwangssterilisation oder durch Tötung, was bei den Nazis beschönigend „Euthanasie“ genannt wurde.
Am 25. Mai 1935 ernannte ihn der Reichsärzteführer Gerhard Wagner zum Leiter der neu gegründeten „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“. 1937 profitierte Kötschau erneut von der Arisierung des Medizinsektors, als er die Chefarztstelle der I. Medizinischen Klinik in Nürnberg übernahm. Sein Vorgänger, Karl Bingold, war aufgrund seiner Ehe mit einer Jüdin aus dem Amt gedrängt worden. Nach der Übernahme wurde die Einrichtung in „II. Klinik für Innere Krankheiten und Naturheilverfahren“ umbenannt. Die Berufung Kötschaus erfolgte auf Empfehlung des Gauleiters Julius Streicher. Zeitgleich wurde er zum Gauhauptstellenleiter des „Hauptamtes für Volksgesundheit der NSDAP“ in Franken sowie zum Stadtobermedizinalrat in Nürnberg ernannt.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geriet Kötschau in amerikanische Gefangenschaft und wurde in ein Internierungslager für NSDAP-Mitglieder überführt, wo er bis 1948 verblieb. Trotz seiner ideologischen Verstrickungen konnte Kötschau nach seiner Entlassung seine medizinische Karriere weitgehend unbehelligt fortsetzen. 1951 trat er dem „Zentralverband der Ärzte für Naturheilverfahren“ bei und übernahm 1956 die Leitung eines Sanatoriums in Bad Harzburg. Zudem wurde er Dozent an der „Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft“. Darüber hinaus war er Mitglied des „wissenschaftlichen Beirates“ der rechtsextremen „Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung“. 1958 wurde ihm die Hufeland-Medaille des Zentralverbandes der Ärzte für Naturheilverfahren verliehen.
In der Nachkriegszeit präsentierte sich Kötschau als reiner Naturheilkundler, dessen Interesse ausschließlich einer ganzheitlichen Medizin gegolten habe. Seine zentrale Rolle in der NS-Rassenmedizin und Euthanasiepolitik wurde nicht kritisch hinterfragt. Wie zahlreiche andere Mediziner des Dritten Reiches profitierte er von der Amnestiepolitik der westdeutschen Behörden, die nur eine geringe Anzahl von Medizinern für ihre Beteiligung an NS-Verbrechen zur Rechenschaft zogen. Kötschau passte seine Argumentation lediglich terminologisch an die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen an: So wurde die „Biologische Medizin“ zur „Ganzheitsmedizin“. Viele seiner rassenhygienischen Argumentationsmuster fanden in abgeschwächter Form weiterhin Verwendung, beispielsweise in der Betonung einer „arteigenen Medizin“ oder in einer kritischen Haltung gegenüber „chemischen“ Medikamenten und Impfungen. Zudem engagierte sich Kötschau in der Nachkriegszeit für die Anerkennung alternativer Heilmethoden in der gesetzlichen Krankenversicherung.
Karl Kötschau war nicht nur einer der führenden Vertreter der Naturheilkunde im Nationalsozialismus, sondern zugleich ein überzeugter Rassenhygieniker, der die Konzepte der „arteigenen Medizin“ mit der NS-Ideologie verband. Er beteiligte sich aktiv an der Diskriminierung jüdischer Ärzte und legitimierte die nationalsozialistische Euthanasiepolitik mit seinen medizinischen Theorien. Nach 1945 konnte er trotz seiner ideologischen Prägung erneut eine bedeutende Rolle im Bereich der Alternativmedizin in der Bundesrepublik Deutschland einnehmen. Eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Rolle im Nationalsozialismus setzte erst in jüngerer Zeit ein. Sein Fall illustriert eindrücklich, in welchem Maße nationalsozialistische Mediziner nach 1945 wieder Einfluss gewinnen konnten – oft, ohne sich für ihre Vergangenheit verantworten zu müssen (Kötschau 1936, Klee 2003).
Alfred Pischinger wurde in Urfahr bei Linz geboren. Er diente im 1. Weltkrieg und studierte sodann Medizin in Graz, wo er 1923 auch promovierte. 1924 habilitierte er sich an der Universität Graz für Histologie und Embryologie und avancierte 1933 zum Titularprofessor, 1937 zum außerordentlichen Universitätsprofessor und 1941 zum Ordinarius. Von 1936 bis 1945 fungierte er als Vorstand des Instituts für Histologie und Embryologie in Graz. Im September 1938, also kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland, brüstete sich Pischinger in einem Ansuchen: „Ich habe mich seit 1933 in der Parteileitung als Leiter der Fachschaft ‚Wissenschaft‘ des NS-Kulturbundes betätigt, als solcher Schulungen abgehalten und Schulungsbriefe (Rassenhygiene) verfasst. Als Obmann des Assistentenvereins der Hochschulen sorgte ich für die nationalsozialistische Leitung des Vereins …“ (Scheiblechner 2002).
Pischinger wurde 1933 NSDAP-Mitglied, trat 1938 in die SA ein und fungierte als Sachverständiger für Rassenhygiene und Richter am Erbgesundheitsgericht in Graz. Zudem war er förderndes Mitglied der SS, Mitglied in der SA, im Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbund (NSDDB) und der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) sowie Präsident des Gauehrengerichts. Auch diente er als SA-Sanitätsobersturmführer. Als überzeugter Anhänger der NS-Rassenhygiene brüstete er sich sogar damit, sein eigenes hirngeschädigtes Kind getötet zu haben (Weindling 2021).
Pischinger war Teil einer Arbeitsgruppe an der Universität Graz, die ab 1939 unter der Leitung des Gynäkologen Karl Ehrhardt an den Körpern von schwangeren Frauen und ihren Föten experimentierte, ohne deren Einverständnis eingeholt zu haben. Die Forscher gehörten zu jenen, die sich aktiv an der vollständigen Ausbeutung und physischen Vernichtung der vom NS-Regime als Feinde betrachteten Menschen beteiligten (Hildebrandt, Czarnowski 2017). Sie führten Schwangerschaftsabbrüche durch, um an den so erhaltenen Föten Experimente durchführen zu können.
Nach dem Krieg wurde Pischinger von der Grazer Universität entlassen und verbrachte eineinhalb Jahre in britischen Lagern. 1947 musste er sich dann auch vor dem Volksgericht für seine frühe SS-Mitgliedschaft verantworten. Anschließend arbeitete er als niedergelassener Arzt. 1958 wurde er zum Leiter des Histologischen Embryologischen Instituts an der Universität Wien berufen.
Pischinger wurde auch international bekannt durch seine Arbeiten zur angeblichen „Grundregulation“ aller Körperfunktionen, die eine (pseudo-)wissenschaftliche Fundierung alternativer Ansätze der Medizin darstellten (Pischinger, Heine 2010). Hierfür erhielt er 1967 die „Hufeland-Medaille des Zentralverbands der Ärzte für Naturheilverfahren“ (Klee 2003). Ferner hat die „Österreichische Gesellschaft für Akupunktur“ mehrere Jahre einen wissenschaftlichen Preis in seinem Namen ausgelobt. Seine NS-Vergangenheit und seine Versuche an zwangsweise abgetriebenen Föten waren zu diesem Zeitpunkt längst aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Alfred Pischinger starb am 7. Juli 1983 in Wien.
Die hier vorgestellten Beispiele sind nur einige von vielen, und die Liste könnte lange fortgesetzt werden. Dies zeigt nicht nur, dass es eine ganz besondere Beziehung der sogenannten „Alternativmedizin“ und ihrer Funktionäre zum nationalsozialistischen Regime gab, sondern auch, dass sich die alternativmedizinischen Ärzte auf zwei Ebenen schuldig gemacht hatten. Einmal als ganz konkrete Täter bei barbarischen Versuchen an wehrlosen Menschen und in gleichem Maß als ideologische Täter, die den Geist der nationalsozialistischen Medizin verinnerlicht hatten, diesen verbreiteten und so festigten, weit über den Untergang des Dritten Reiches hinaus.
Nehmen wir etwa Karl Kötschau, dessen Bücher, zum Teil nach einer oberflächlichen Bereinigung, größtenteils unverändert auch nach 1945 erschienen. Zu nennen ist hier vor allem sein Machwerk „Kämpferische Vorsorge statt karitativer Fürsorge“, das 1954 unter dem Titel „Vorsorge oder Fürsorge?“ wieder erschien. Dazu kommt, dass Kötschau ab 1951 Dozent an der „Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft“ war, auch hier eine Position, wo er sein Gedankengut verbreiten konnte. Natürlich blieb er auch weiterhin Funktionär und Lobbyist für die AM, wofür er 1958 mit der Hufeland-Medaille geehrt wurde.
Unsere Übersicht zeigt, dass das Interesse an der AM keineswegs ein neues Phänomen darstellt. Im Dritten Reich wurde sie intensiv gefördert, beforscht und zur ideologisch angepassten Heilkunde erklärt. Mit dem Ende des „Tausendjährigen Reichs“ riss diese Entwicklung nicht abrupt ab, sondern die NS-Ideologie lebte in den Lehren von Brauchle, Kötschau et al. sowie in der Existenz des Heilpraktiker-Berufs weiter.
Wikimedia Commons – Internationales Ärztliches Bulletin. Zentralorgan der Internationalen Vereinigung Sozialistischer Ärzte, September 1935, II. Jahrgang, Nr. 7, S. 90
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