King Kong kommt nicht!
Pinguin-Invasion bleibt ebenfalls aus. Und auch 2025 sahen die Wahrsager die wichtigsten Ereignisse des Jahres nicht kommen.
Pinguin-Invasion bleibt ebenfalls aus. Und auch 2025 sahen die Wahrsager die wichtigsten Ereignisse des Jahres nicht kommen.
Seit mehr als zwanzig Jahren führt die GWUP systematische Prognosenchecks durch – mit konstantem Ergebnis. „Die Vorhersagen von Wahrsagern und Astrologen liefern auch 2025 keinen ernstzunehmenden Hinweis auf hellseherische Fähigkeiten“, sagt Mukerji.
Für den aktuellen Check wurden 2.099 Prognosen aus 52 Quellen ausgewertet – von klassischen Wahrsagern, Astrologen und spirituellen Beratern bis zu Boulevard- oder Onlinemedien sowie Social-Media-Formaten auf YouTube, TikTok und Instagram. Die Prognosen wurden zwischen dem 27. September 2024 und dem 11. November 2025 erhoben und mit einem fünfstufigen Schema einzeln bewertet.
Das Ergebnis: 552 Vorhersagen (26,3 %) waren so vage, dass sie nicht sinnvoll überprüft werden konnten. 1.107 Prognosen (52,7 %) waren klar falsch. Unter den übrigen fanden sich vor allem Teiltreffer und erwartbare Entwicklungen, etwa die Fortschreibung bestehender Trends. Überraschende, präzise Volltreffer blieben auch diesmal die Ausnahme.
Über alle bewertbaren Prognosen ergab sich mit 253 Treffern bei 2.099 Vorhersagen eine Trefferquote von 12,1 % – unter einem großzügigen Trefferbegriff. Damit hat das Prognosenteam erstmals eine eigene „Saunders Number“ berechnet – in Anlehnung an das „Great Australian Psychic Prediction Project“ (GAPPP) des australischen Skeptikers Richard Saunders mit 3.800 Prognosen und einer Trefferquote von 11 %. „Mit 12 % liegen wir nah an diesem Wert“, ordnet Mukerji ein. „Von einer außergewöhnlichen Trefferquote, die auf paranormale Fähigkeiten schließen ließe, sind wir weit entfernt.“ Zudem waren die Treffer überwiegend erwartbar. „Strenggenommen“, so Mukerji, könne man „nur 2,2 % als echte Treffer werten.“
Neben der Trefferquote interessierte sich das Team dafür, ob die wichtigsten Ereignisse des Jahres vorhergesagt wurden. Zur Bestimmung dieser „Top-Events“ wurde erstmals ein KI-gestütztes Verfahren eingesetzt. Ausgehend von der Wikipedia-Seite zum Jahr 2025 wurden alle Ereigniseinträge in eine Tabelle überführt und von drei großen Sprachmodellen – ChatGPT, Gemini und Perplexity – unabhängig analysiert.
Für jedes Ereignis vergaben die Modelle zwei Kennzahlen: einen H-Score für die geschätzte historische Bedeutung und einen C-Score für die kollektive Aufmerksamkeit (z. B. Medienresonanz, Wikipedia-Aktivität). Aus diesen Werten wurden Meta-Scores gebildet, auf deren Basis eine Top-10-Liste der historisch wichtigsten Ereignisse 2025 entstand.
Alle 2.099 Prognosen wurden im Volltext daraufhin geprüft, ob sie eines dieser Top-10-Ereignisse hinreichend konkret angekündigt haben. Das Ergebnis: Für zentrale Ereignisse wie das Klimagutachten des Internationalen Gerichtshofs (IGH), die Hungersnot-Erklärung für Gaza-Stadt oder die Bestätigung des wärmsten Jahres 2024 fanden sich keine spezifischen Vorhersagen. Die militärische Eskalation rund um den Iran taucht nur in Form vager Formulierungen wie „großer Krieg im Nahen Osten“ oder „wachsende Spannungen zwischen Iran, Israel und den USA“ auf, ohne konkrete Orte, Daten oder Waffensysteme.
Am klarsten waren noch die Prognosen zum Vatikan: Die US-Hellseherin Judy Hevenly kündigte das Ende der Amtszeit von Papst Franziskus und die Wahl eines jüngeren Nachfolgers an, sprach aber von einem Rücktritt („Pope Francis is set to resign in Italy because of his age and health problems.“) und nicht vom Tod des Pontifex. Mehrere Seher sprechen allgemein von einem Papstwechsel 2025. Weder der Name “Robert Francis Prevost” noch der Zeitpunkt des Konklaves oder der spätere Papstname “Leo XIV.” wurden genannt. Eine ergänzende KI-gestützte Webrecherche mit ChatGPT, Gemini und Perplexity außerhalb des eigenen Datensatzes änderte dieses Bild nicht. Auch andere Prognostiker hatten die großen Linien des Weltgeschehens nicht auf dem Schirm.
Skeptiker weisen seit langem darauf hin, dass vage Prognosen aus logischen Gründen eine höhere Trefferchance haben als präzise Aussagen. Denn je unschärfer formuliert wird, desto leichter lässt sich im Nachhinein irgendein Ereignis als Bestätigung deuten. Diesen Zusammenhang hat das GWUP-Team nun erstmals auch empirisch belegt.
Für eine Teilstichprobe von 699 Prognosen wurde kodiert, wie spezifisch sie formuliert waren – also wie viele der W-Fragen (Was? Wer? Wo? Wie?) beantwortet wurden. Das Ergebnis: Je mehr Details eine Prognose festlegt, desto seltener trifft sie zu. Allgemeine Aussagen wie „es kommt zu schweren Unwettern“ lassen sich fast immer mit irgendeinem Ereignis verbinden. Details wie Datum, Ort oder betroffene Personen erhöhen dagegen die Fehlerchance. In den Daten zeigt sich ein klarer, statistisch signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Spezifizität und Trefferquote, der diesen Grundsatz belegt.
„Das ist ein wichtiges Ergebnis“, betont Mukerji. „Es wirkt nicht so, als würden Hellseher Ereignisse vor ihrem geistigen Auge sehen und dann beschreiben, was sie ‚gesehen‘ haben. Vielmehr sieht es nach Raten aus – und zusätzliche Details drücken die Trefferquote. Wer wirklich zukünftige Ereignisse sähe, müsste die Spezifika aber souverän benennen können.“
Auffällig ist auch, dass kurzfristige Vorhersagen besser abschneiden als solche mit längerem Zeithorizont. Dies deckt sich mit einem Grundsatz der wissenschaftlichen Prognostik: Je weiter ein Ereignis in der Zukunft liegt, desto größer die Unsicherheit. Bei esoterischen und hellseherischen Prognosen scheint der Zeitrahmen ebenfalls eine entscheidende Rolle zu spielen. Dies deutet an, dass die überprüften Prognostiker im Grunde das Gleiche tun, wie ihre wissenschaftlichen Kollegen – nur deutlich schlechter.
Unter den fleißigsten Prognostikern sticht mit 1.400 Vorhersagen erneut die Kanadierin Nikki Pezaro hervor. Doch nur ein kleiner Teil war neu, vieles wurde aus Vorjahren „recyclt“. Pezaro illustriert Strategien, die für professionelle Prognostiker typisch sind: eine Unmenge an Vorhersagen, vage Formulierungen („Skiunfall rund um die Trump-Familie“), viele Prognosen mit hoher Basiswahrscheinlichkeit (Krankenhausaufenthalte und Krebserkrankungen bei älteren Royals, Hurrikans in Florida) sowie zahlreiche sehr seltene Szenarien, von denen einige zwangsläufig eintreten und für „Wow-Effekte“ sorgen.
Einzelne Aussagen sind bemerkenswert – etwa die Prognose „surfer killed by swordfish“, die Pezaro 2024 aufstellte und die sich tatsächlich mit einem realen, extrem seltenen Fall verbinden lässt. „Solche Beispiele sind interessant, verlieren im Kontext von über tausend anderen Prognosen aber ihren Glanz“, so Sevincer. „Wer oft würfelt, bekommt irgendwann auch einen Sechserpasch.“
Für Heiterkeit sorgte erneut eine „Hitliste des Absurden“. Dort rangieren die Top-10 der skurrilsten Vorhersagen: Ein Gorilla wie King Kong wird auf einer einsamen Insel entdeckt, Zeitreisen werden Realität, ein Tyrannosaurus Rex wird geklont, eine donutförmige Wolke – vielleicht ein UFO – ist weltweit zu sehen, Außerirdische werden Kriegspartei in einem 3. Weltkrieg und Jesus kehrt zurück. „Solche Weissagungen dienen vermutlich vor allem der Medienpräsenz – nach dem Motto: Es gibt keine schlechte PR“, sagt Mukerji. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Urheber das selbst glauben. Aber es bewirkt offenbar, was es soll: wir reden darüber!“
Eine repräsentative Kantar-Umfrage im Auftrag der GWUP ergab noch 2021, dass 27,8 % der Menschen in Deutschland an hellseherische Fähigkeiten glauben. Diese Diskrepanz zwischen Daten und Überzeugungen lasse sich gut mit bekannten psychischen Mechanismen erklären, erklärt Psychologe Sevincer. Menschen erinnern sich besonders an spektakuläre Treffer und blenden zahlreiche Fehlprognosen aus. Dramatische Ereignisse bleiben emotional haften und lassen zugehörige Vorhersagen im Rückblick erstaunlich präzise erscheinen. Vage Formulierungen, wie aus Horoskopen bekannt, wirken oft passend, obwohl sie auf viele Personen und Situationen zutreffen.
„Die Illusion der Treffsicherheit entsteht im Kopf, nicht in den Sternen“, resümiert Sevincer. „Wer nur auf die wenigen scheinbaren Treffer schaut und den großen Rest ignoriert, überschätzt zwangsläufig die Fähigkeiten von Wahrsagern.“
In Arbeiten von Sevincers Kollegen Philip Tetlock von der University of Pennsylvania konnte gezeigt werden, dass Vorhersagen von „Superforecastern“ wirklich funktionieren können, wenn sie systematisch relevante Informationen sammeln, sie laufend aktualisiert werden und man die eigene Trefferquote im Blick behält. Deswegen weisen Sevincer und Mukerji darauf hin, dass die Forschung zu evidenzbasierten Prognosemethoden stetig weiterwächst.
Hinzu kommen neue KI-gestützte Now-Casting-Modelle. „Der gemeinsame Nenner all dieser Ansätze ist Transparenz, die Berücksichtigung von Feedback und stetige Selbstverbesserung“, betont Mukerji. „Man kann im Nachhinein messen, wie gut Prognosen waren, Modelle verbessern und Fehler offenlegen. Genau das fehlt bei hellseherischen Vorhersagen vollständig.“
Die GWUP wird auch 2026 die Jahresprognosen selbsternannter Seher systematisch doku-mentieren und mit der Realität vergleichen. „Es ist menschlich, sich nach Sicherheit zu seh-nen“, sagt Mukerji. „Aber die Vorstellung, unsere Zukunft an Horoskope und Hellseher zu delegieren, halte ich für bizarr. Wir sollten sie selbst in die Hand nehmen – mit harten Daten, klaren wissenschaftlichen Kriterien und der ehrlichen Sprache der Wahrscheinlichkeit.“
Adobe Stock – Casimiro„Konzentrieren Sie sich wie ein Laser auf die Leistung!“